{"id":11409,"date":"2005-10-26T14:53:09","date_gmt":"2005-10-26T14:53:09","guid":{"rendered":".\/?p=11409"},"modified":"2005-10-26T14:53:09","modified_gmt":"2005-10-26T14:53:09","slug":"11409","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/10\/11409\/","title":{"rendered":"Tarifflucht beendet"},"content":{"rendered":"<p><img style=\"width: 75px; height: 99px;\" alt=\"klinik\" src=\"\/media\/2005\/klinik_bw.jpg\" align=\"left\">Zehn Tage Streik an den Unikliniken in Baden W&uuml;rttemberg<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nEinen Haustarifvertrag weit unter dem neuen Tarifvertrag des &ouml;ffentlichen Dienstes (Tv&ouml;D), das wollten die Vorst&auml;nde der Unikliniken in Baden W&uuml;rttemberg mit ihrer Tarifflucht durchsetzen. Am Ende des Streiks steht ein Abschluss &uuml;ber dem Tv&ouml;D. Damit best&auml;tigt sich: Wer k&auml;mpft, kann etwas erreichen. F&uuml;r die anderen L&auml;nderbesch&auml;ftigten kann es jetzt nur hei&szlig;en: Urabstimmung und Streik f&uuml;r ein Ergebnis oberhalb des Tv&ouml;D.<\/p>\n<p>    Die Auseinandersetzungen um einen Tarifvertrag f&uuml;r die Unikliniken sind Teil der Auseinandersetzung bei den L&auml;ndern. Nur, dass die Klinikvorst&auml;nde noch einen Schritt weiter gegangen sind. Nachdem das Urlaubsgeld gestrichen, das Weihnachtsgeld gek&uuml;rzt und die Arbeitszeit unbezahlt auf 41 Stunden erh&ouml;ht worden war, traten die baden-w&uuml;rttembergischen Unikliniken zum 31. Januar 2005 ganz aus dem &ouml;ffentlichen Arbeitgeberverband aus. Per Haustarifvertrag wollten sie f&uuml;r die 25.000 Besch&auml;ftigten eine Absenkung der Geh&auml;lter um 15 bis 20 Prozent und die 41-Stunden-Woche f&uuml;r alle.<br \/>    Klinikmanager und Landesregierung gingen davon aus, dass die Unikliniken eine Vorreiterrolle spielen k&ouml;nnten in Sachen Tarifabsenkungen. Sie setzten auf den niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad, auf den selbstlosen Einsatz der Pflegekr&auml;fte f&uuml;r die PatientInnen und auf die einsch&uuml;chternde Wirkung von Massenarbeitslosigkeit. Damit hatten sie sich gr&uuml;ndlich verkalkuliert.<\/p>\n<p>    <span style=\"font-weight: bold;\">Gemeinsamer Kampf im &ouml;ffentlichen Dienst blieb aus<\/span><\/p>\n<p>    Bereits im Sommer 2004 beteiligten sich mehr als 6.000 KollegInnen an Warnstreiks. Die AktivistInnen und Personalr&auml;te hofften damals auf einen gemeinsamen Streik mit den Besch&auml;ftigten von Bund, L&auml;ndern und Kommunen im Herbst f&uuml;r einen gemeinsamen neuen Tarifvertrag im &ouml;ffentlichen Dienst. Doch ver.di organisierte diesen Kampf nicht, sondern schloss mit dem Bund und den Kommunen einen Tarifvertrag (Tv&ouml;D) ab, der eine Verschlechterung gegen&uuml;ber dem BAT und weitere Reallohnverluste bedeutet.<br \/>    Die Klinikvorst&auml;nde hatten inzwischen den Versuch unternommen, f&uuml;r jede Uniklinik einen eigenen Haustarifvertrag auszuhandeln. Sie scheiterten damit an der gewerkschaftlichen Solidarit&auml;t. Nach f&uuml;nf Verhandlungen weigerten sich die Arbeitgeber Mitte September, &uuml;ber die Forderungen von ver.di weiterzuverhandeln. Inzwi-schen hatten die &Auml;rzte mit mehreren bundesweiten Streiks und einer 30-Prozent-Forderung f&uuml;r Schlagzeilen gesorgt und die Arbeitgeber in Sachen Tarifverbesserungen f&uuml;r &Auml;rzte an den Verhandlungstisch gezwungen. Der &Auml;rztestreik sorgte bei den Pflegekr&auml;ften und ArbeiterInnen f&uuml;r das Gef&uuml;hl: &#x84;Wenn die streiken k&ouml;nnen, k&ouml;nnen wir das auch.&#x93;<\/p>\n<p>    <span style=\"font-weight: bold;\">Streik<\/span><\/p>\n<p>    92,5 Prozent der ver.di-Mitglieder an den Unikliniken stimmten Anfang Oktober f&uuml;r Streik. Angesichts eines Organisationsgrades von um die 20 Prozent glaubten die Arbeitgeber, dass der Streik keine Wirkung habe. Sie dachten, sie br&auml;uchten noch nicht mal eine Notdientsvereinbarung, weil sich ohnehin nur wenig Besch&auml;ftigte am Streik beteiligen.<br \/>    Doch bereits der erste Streiktag war ein Paukenschlag. Von den 25.000 Besch&auml;ftigten traten 5.000 in den Streik. Ganze Schichten erschienen nicht zum Dienst. Die Streikleitungen mussten Besch&auml;ftigte zur&uuml;ckhalten, damit es &uuml;berhaupt eine Notdienst-Besetzung gab. Auch Azubis und Nichtorganisierte beteiligten sich.<br \/>    Trotz der Auseinandersetzung zwischen Marburger Bund und ver.di zeigten sich die meisten &Auml;rzte in den Kliniken solidarisch. Die Streikmoral wurde unterst&uuml;tzt von der Solidarit&auml;t der PatientInnen, von Belegschaften anderer Krankenh&auml;user und der umliegenden Betriebe sowie aus der gesamten Bev&ouml;lkerung. Die enorm hohe Streikbeteiligung, die Streikunterst&uuml;tzung von au&szlig;en, ein finanzieller Verlust von einer Million Euro pro Standort und Tag brachte die arroganten Klinikvorst&auml;nde innerhalb von Tagen kleinlaut zur&uuml;ck an den Verhandlungstisch.<\/p>\n<p>    <span style=\"font-weight: bold;\">Ergebnis<\/span><\/p>\n<p>    Mit dem Abschluss wurde die 41-Stunden-Woche f&uuml;r die Angestellten und ArbeiterInnen und die K&uuml;rzungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld zur&uuml;ckgeschlagen. F&uuml;r &uuml;ber 55j&auml;hrige wurde die Arbeitszeit auf 38 Stunden verk&uuml;rzt. Die unter 40j&auml;hrigen m&uuml;ssen allerdings 39 Stunden arbeiten. F&uuml;r Azubis und Besch&auml;ftigte zwischen 40 und 55 gilt weiter die 38,5-Stunden-Woche.<br \/>    Von den geforderten 600 Euro im Jahr wurde nur eine Einmalzahlung von 390 Euro f&uuml;r 2005 und je 300 Euro Einmalzahlung f&uuml;r 2006 und 2007 durchgesetzt. De facto gilt der BAT bis 2007 fast unver&auml;ndert weiter. Das hei&szlig;t, der Tarifabschluss liegt &uuml;ber dem Tv&ouml;D. Von vornherein wurde bei dem Tarifkampf die &Uuml;bernahme des Tv&ouml;D nicht zum Ziel erkl&auml;rt. Zu viel Kritik hatte es aus den ver.di-Betriebsgruppen der Unikliniken am Tv&ouml;D gegeben.<br \/>    Mit einem l&auml;ngeren Streik und erst recht mit einer Ausdehnung des Streiks auf alle Landesbesch&auml;ftigten h&auml;tte die Arbeitszeitverl&auml;ngerung f&uuml;r die unter 40j&auml;hrigen verhindert und die volle Durchsetzung einer tabellenwirksamen Erh&ouml;hung der Monatsgeh&auml;lter um die geforderten 50 Euro durchgesetzt werden k&ouml;nnen. Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Streik notwendig ist, um was zu erreichen und dass selbst in Krankenh&auml;usern mit niedrigem Organisationsgrad erfolgreich gestreikt werden kann. Auf dieser Erfahrung k&ouml;nnen die Klinikbesch&auml;ftigten aufbauen. Und alle Kolleginnen und Kollegen sollten den Streik an den Unikliniken nutzen gegen Funktion&auml;re, die ihnen einreden wollen, ver.di w&auml;re nicht streikf&auml;hig. Der Streik hat auch best&auml;tigt, dass nur mit einem entschlossenen Kampf Mitglieder f&uuml;r die Gewerkschaften gewonnen werden k&ouml;nnen. W&auml;hrend der Warnstreiks im Jahr 2004 traten 1.000 Besch&auml;ftigte der Unikliniken in ver.di ein und w&auml;hrend des zehnt&auml;gigen Streiks nochmal 1.000.<br \/>    <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\"> von Ursel Beck, Stuttgart<\/span> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img style=\"width: 75px; height: 99px;\" alt=\"klinik\"\nsrc=\"\/media\/2005\/klinik_bw.jpg\" align=\"left\">Zehn<br \/>\nTage Streik an den Unikliniken in Baden W&uuml;rttemberg<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[176],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11409"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11409"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11409\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11409"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11409"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11409"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}