{"id":11390,"date":"2005-09-28T10:59:13","date_gmt":"2005-09-28T10:59:13","guid":{"rendered":".\/?p=11390"},"modified":"2005-09-28T10:59:13","modified_gmt":"2005-09-28T10:59:13","slug":"11390","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/09\/11390\/","title":{"rendered":"Lebensmittelmarken, leben wie im Hundezwinger und Ein-Euro-Jobs"},"content":{"rendered":"<p>Die PDS im Praxistest<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>Das Cafe Sibylle in der Friedrichshainer Karl-Marx-Allee am Abend des 31. August: Der Unternehmerverband Friedrichshain-Kreuzberg hat zum Stammtisch eingeladen, unter den geladenen G&auml;sten ist auch die Bezirksb&uuml;rgermeisterin und Direktkandidatin des Bezirkes Cornelia Reinauer von der PDS. Die Politikerin wird freundlich empfangen und f&uuml;hlt sich sichtlich wohl, in blumigen Worten wird sie an diesem Abend f&uuml;r die PDS als Bewahrerin der sozialen Gerechtigkeit werben.<\/p>\n<p>Doch der Praxistest f&auml;llt nicht nur f&uuml;r die Berliner Landes-PDS, die zusammen mit der SPD den Senat bildet, negativ aus, sondern auch f&uuml;r Cornelia Reinauer. Nicht nur, das sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bei der Umsetzung der Hartz-IV-Zumutungen nicht von anderen Bezirken unterscheidet, in vielen F&auml;llen f&auml;llt gerade dieser Bezirks besonders negativ auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Friedrichshain-Kreuzberg<\/p>\n<p>Nach Angaben des Hauptpersonalrats des Landes Berlin, Uwe Januszweski, zeichnet sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dadurch aus, dass dort be-sonders massiv Stellen der unteren Lohngruppen gestrichen werden und sich der Verdacht aufdr&auml;ngt, dass gerade in diesem Bezirk die weggestrichenen regul&auml;ren Arbeitskr&auml;fte durch Ein-Euro-Jobber ersetzt werden sollen. Im Gartenbauamt werden Ein-Euro-Jobber zur Verrichtung von T&auml;tigkeiten eingesetzt, die zuvor von regul&auml;ren, tariflich bezahlten KollegInnen erledigt wurden. Von Qualifizierung und der Perspektive auf eine R&uuml;ckkehr in tarifbezahlte Arbeit merken die Betroffenen nichts &#8211; und das, obwohl genau dies das angebliche Ziel dieser Ma&szlig;nahmen sein soll. Sie f&uuml;hlen sich als das, was sie objektiv sind: Billigkr&auml;fte, die zwangsweise eingesetzt werden, um die weggestrichenen Arbeitspl&auml;tze zu ersetzen. Ein Betroffener berichtet, dass er von den 180 Euro, die er monatlich zus&auml;tzlich bekommt, alleine 40 bis 45 Euro f&uuml;r die Fahrtkosten zum &#x84;Arbeitsplatz&#x93; aufbringen mu&szlig;.<\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Lebensmittelmarken als Disziplinierungsma&szlig;nahme<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich gehen in der Hauptstadt die Job-Center immer rabiater gegen Hartz-IV-Betroffene vor. In zehn von zw&ouml;lf Bezirken greifen die Job-Center zu einer &#x84;Strafma&szlig;nahme&#x93;, wenn Betroffene sich etwa weigern, einen &#x84;Ein-Euro-Job&#x93; anzunehmen.<\/p>\n<p>Die von den Job-Centern ausgegebenen Bons k&ouml;nnen in gr&ouml;&szlig;eren Lebensmittelketten eingel&ouml;st werden. Ausnahme: In Tempelhof-Sch&ouml;neberg werden die Betroffenen zur &#x84;Naturalverpflegungsstelle des Sozialamtes&#x93; geschickt &#8211; dort gibt es freilich weder Frischwaren noch Hygieneartikel.<\/p>\n<p>Die Lebensmittelkarten-Praxis wird auch in PDS-regierten Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg umgesetzt, was den eh schon vorhandenen Unmut der Betroffenen weiter verst&auml;rkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Leben wie im Hundezwinger?<\/p>\n<p>Aber auch das Wohnen kann f&uuml;r Hartz-IV-Betroffene im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zum Alptraum werden. Davon kann Thomas I. (Name ge&auml;ndert) ein Trauer-Lied singen. Der erwerbslose Schlosser wollte gerade umziehen. Grund: Seine Lebensgef&auml;hrtin wird zu ihm ziehen. Das zust&auml;ndige Job-Centler lehnte aber die &Uuml;bernahme der Umzugskosten mit dem Bescheid vom 4. August ab. Begr&uuml;ndung: &#x84;Der Zuzug der Lebensgef&auml;hrtin in den vorhandenen Wohnraum ist zumutbar.&#x93; Zieht man von den 30 Quadratmetern Bad, K&uuml;che und Flur ab, werden f&uuml;r die beiden Erwachsenen jeweils nur knapp neun Quadratmeter realer Wohnraum bleiben &#8211; ein durchschnittlicher Zwinger f&uuml;r einen gr&ouml;&szlig;eren Hund ist gr&ouml;&szlig;er.<\/p>\n<p>Cornelia Reinauer, die st&ouml;rt sich augenscheinlich an alledem wenig. Im Gegenteil, in einem Interview mit dem ARD-Magazin FAKT ger&auml;t sie hinsichtlich der Berliner Senatspolitik und der Rolle ihrer Partei fast schon ins Schw&auml;rmen, wenn sie meint, dass die PDS, gerade was jetzt die Umsetzung von Hartz IV anbelangt, ein deutliches Profil zeigt. &#x84;Wir werden nicht zulassen, dass wir Arbeitspl&auml;tze abbauen und da Ein-Euro-Jobs anbieten. Und das muss auch kontrolliert werden.&#x93; Die Realit&auml;t sieht anders aus. In Berlin, und auch in Friedrichshain-Kreuzberg.<\/p>\n<p>Aber nicht nur in Berlin ist die PDS durch die Umsetzung von Hartz IV in eine erneute Glaubw&uuml;rdigkeitskrise geraten. Wie der MDR-Videotext bereits am 12. Juni meldete, ergab eine Umfrage des Th&uuml;ringen Journal, dass alle hauptamtlichen PDS-B&uuml;rgermeister des Freistaates Ein-Euro-Jobber einsetzen. Auf den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis angesprochen, meinte der B&uuml;rgermeister von Werther, Hummitzsch, laut MDR, dass die &#x84;reine Lehre&#x93; in der &#x84;Realit&auml;t an ihre Grenzen&#x93; st&ouml;&szlig;e.<\/p>\n<p style=\"font-style: italic;\">von J&ouml;rg Fischer, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die PDS im Praxistest<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[175],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11390"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11390"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11390\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}