{"id":11378,"date":"2005-09-09T13:51:00","date_gmt":"2005-09-09T13:51:00","guid":{"rendered":".\/?p=11378"},"modified":"2005-09-09T13:51:00","modified_gmt":"2005-09-09T13:51:00","slug":"11378","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/09\/11378\/","title":{"rendered":"Telepathie oder Top-down?"},"content":{"rendered":"<p>  Zum 100-Tage-Programm von Gysi und Lafontaine<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Am 7. September stellten Gysi und Lafontaine in K&#246;ln ihr &quot;Programm f&#252;r   die ersten 100 Tage der linken Fraktion im Deutschen Bundestag&quot; vor.   Stop! Warum jetzt? Die Mitglieder der Bundestagsfraktion sind noch nicht   mal gew&#228;hlt, da sollen sie schon wissen, welche Initiativen sie in den   ersten 100 Tagen starten wollen. Telepathie? Oder dreistes Top-down?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Auch bei vorherigen Wahlen ver&#246;ffentlichte der PDS-Parteivorstand   bereits vor den Wahlen ein 100-Tage-Programm, was jedesmal auf Unmut in   einem Teil der PDS-Mitgliedschaft stie&#223;. Jetzt ist die Lage jedoch noch   brisanter. Da wird ein 100-Tage-Programm ver&#246;ffentlicht &#8211; f&#252;r die   zuk&#252;nftigen Abgeordneten von Linkspartei\/PDS und WASG.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Keine Kritik durch WASG-Bundesvorstand<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Das gesamte 100-Tage-Programm ist keine &#220;berraschung, wenn man das   Wahlprogramm der Linkspartei\/PDS kennt. Es &#228;hnelt ihm sehr stark. Neu   ist nur, dass sich nun auch die WASG-Abgeordneten diesen Inhalten   verpflichtet f&#252;hlen sollen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Auf der WASG-Website erscheinen das 100-Tage-Programm unter dem Titel   &quot;Ver&#228;nderung braucht uns &#8211; Die ersten Vorhaben der Linkspartei im   Bundestag.&quot; Damit macht sich die WASG das 100-Tage-Programm zu eigen.   Kein Wort der Kritik an Form und Inhalt des Programms. Das demokratisch   auf dem WASG-Parteitag beschlossene WASG-Wahlmanifest scheint vergessen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  WASG-Abgeordnete in Zukunft gegen ein bi&#223;chen Hartz IV?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Wenn sich in den n&#228;chsten Tagen und Wochen kein Widerstand an der Basis   der WASG und unter den zuk&#252;nftigen Abgeordneten der WASG regt, stehen   sie bald nicht mehr f&#252;r die vollst&#228;ndige R&#252;cknahme von Hartz IV, sondern   nur noch f&#252;r die Anhebung des Arbeitslosengeldes II auf 420 Euro in Ost   und West!<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Ihre l&#228;ngerfristige Alternative ist dann &quot;die Umwandlung der   Ein-Euro-Jobs in regul&#228;re Jobs durch Einsatz der Mittel des ALG II, der   Kosten f&#252;r Unterkunft und der sogenannten Mehraufwandsentsch&#228;digung&quot;   (aus: 100-Tage-Programm). Das hei&#223;t &#252;bersetzt: Langfristig k&#228;mpfen   unsere Abgeordneten daf&#252;r, dass die ALG-II-Empf&#228;ngerInnen   sozialversicherungs-pflichtige Jobs bekommen. Das ist dann aber auch   alles. ALG-II-Empf&#228;ngerInnen verdienen weiter zwangsweise einen Euro pro   Stunde und bekommen weiterhin 345 beziehungsweise 331 Euro (oder gar 420   Euro?) ALG II plus Miete.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Das WASG-Wahlmanifest fordert dagegen die Abschaffung von ALG II und die   Wiedereinf&#252;hrung der Arbeitslosenhilfe.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Realpolitik von Linkspartei\/PDS<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Das 100-Tage-Programm spiegelt in diesem Sinne leider die Realpolitik   der Linkspartei\/PDS wider. Sie leitet ihre Forderungen nicht von den   Bed&#252;rfnissen der Menschen ab, sondern von dem, was sie realpolitisch   sinnvoll findet.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Aber: Auch die Anhebung des ALG II auf 420 Euro wird die Linkspartei\/PDS   im Bundestag bei den jetzigen und zu erwartenden Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen   ohne massiven gesellschaftlichen Druck nicht durchsetzen k&#246;nnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Entscheidend f&#252;r Verbesserungen und die R&#252;cknahme von Hartz IV ist der   Proteste und Widerstand auf der Stra&#223;e und in den Betrieben. Die Aufgabe   einer linken Bundestagsfraktion im Parlament w&#228;re in erster Linie, ein   Sprachrohr f&#252;r die au&#223;erparlamentarischen K&#228;mpfe und Forderungen zu   sein. Sie sollte abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen Mut machen,   ihre Forderungen laut vertreten und Teil dieser Bewegung selbst sein.   Die Linkspartei\/PDS scheint dagegen in der Logik des Establishments   angekommen zu sein.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Interessant ist auch, was im 100-Tage-Programm nicht drin steht: Das   Programm schweigt beispielsweise zur Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze &#8211;   einem zentralen Thema der WASG und der Masse der Erwerbslosen in   Deutschland. So wird die wichtige WASG-Forderung nach einem   Zukunftsinvestitionsprogramm zur Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen nicht   erw&#228;hnt. Im WASG-Wahlmanifest hei&#223;t es dagegen: &quot;Wir sind f&#252;r ein   umfangreiches und l&#228;ngerfristig angelegtes &#246;ffentliche   Zukunfts-Investitionsprogramm. Gegen die Arbeitslosigkeit brauchen wir   deutliche Arbeitszeitverk&#252;rzungen.&quot;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mindestlohn auch f&#252;r Arbeitgeber attraktiv?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Lange hatten Linkspartei\/PDS, Lafontaine und WASG &#252;ber die H&#246;he des   Mindestlohns gestritten. W&#228;hrend die Linkspartei 1400 Euro forderte (die   WASG fordert 1500 Euro) schlug Lafontaine eine Senkung des Mindestlohns   auf 1000 Euro vor. Der Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf   (Linkspartei\/PDS) setzte noch einen drauf und forderte 980 Euro.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Nach langem Medienrummel profilierte sich die Linkspartei\/PDS links und   beschloss auf ihrem Bundesparteitag die Forderung von 1400 Euro.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Im 100 Tage-Programm wird nun &quot;die Einf&#252;hrung eines gesetzlichen   Mindestlohns&quot; gefordert, ohne dass ein genauer Betrag genannt wird. Es   kommt noch besser. So wird im 100-Tage-Programm ausgef&#252;hrt, dass Arbeit   &quot;existenzsichernd und zugleich f&#252;r Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer   wir Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber attraktiv sein&quot; soll.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Solche WASG- (und Linkspartei\/PDS-) Mitglieder, die bisher eine   Vorstellung davon hatten, dass in der kapitalistischen Gesellschaft   unterschiedliche Interessen zwischen abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten einserseits   und Kapitalbesitzenden andererseits bestehen, kommen aus dem Staunen   nicht mehr heraus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Konkretisierung wird prompt hinter her geschoben: &quot;Gegebenenfalls   werden wir Unterst&#252;tzungen begehren, damit auch kleinere Unternehmen   Mindestl&#246;hne zahlen k&#246;nnen.&quot; Durch Subventionen? Durch Kombil&#246;hne, die   das Lohngef&#252;ge insgesamt unter Druck setzen?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Auch in diesem Punkt deckt sich die Sto&#223;richtung des 100-Tage-Programms   mit dem Programm der Linkspartei\/PDS. Deutlich wird, dass die   Linkspartei\/PDS eher eine linke Mittelstandspolitik als eine k&#228;mperische   Politik im Interesse von Lohnabh&#228;ngigen und Erwerbslosen betreibt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Wer ausbildet, wird unterst&#252;tzt?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Dies wird auch an der Forderung zur Einf&#252;hrung einer   Ausbildungsplatzabgabe im 100-Tage-Programm deutlich. Richtigerweise   greifen die Autoren die bekannte Forderung auf: &quot;Wer nicht ausbildet,   muss zahlen&quot;. Doch anstatt dieses Geld f&#252;r die Schaffung von neuen   Ausbildungspl&#228;tzen (zum Beispiel im &#246;ffentlichen Dienst) einzusetzen,   sollen dem 100-Tage-Programm zufolge ausbildende Betriebe unterst&#252;tzt   werden. Diese Forderung wird auch nicht besser, weil sie von den   Gewerkschaften mitgetragen wird.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  F&#252;r den Schulbereich fordert das 100-Tage-Programm &quot;eine Initiative zur   Sicherung gleicher Qualit&#228;tsstandards f&#252;r Schulbildung in ganz   Deutschland.&quot; Was soll das genau bedeuten? Ist damit gemeint, dass die   Linkspartei\/PDS unter anderem das Zentralabitur in Deutschland einf&#252;hren   will?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Raus aus Afghanistan &#8211; und sonst?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mindestens nachdenklich sollte einen auch die Forderung nach dem R&#252;ckzug   der deutschen Truppen aus Afghanistan stimmen. Die Forderung ist   richtig. Aber warum nur aus Afghanistan? Was ist mit den deutschen   Truppen in Kosova, Makedonien, am Horn von Akfrika und so weiter. Werden   die akzeptiert? Zumindest dr&#228;ngt sich die Frage auf.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Was ist zu tun?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Bundesvorstand der WASG muss dem 100-Tage-Programm seine   Unterst&#252;tzung entziehen und es &#246;ffentlich ablehnen. Das Wahlmanifest ist   die Grundlage, auf der die WASG in den Wahlkampf gezogen ist. Die   zuk&#252;nftigen WASG-Abgeordneten sind den programmatischen Grundlagen   dieses Wahlmanifestes verpflichtet &#8211; das gilt auch f&#252;r Oskar Lafontaine. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Statt der Unterst&#252;tzung des 100-Tage-Programms muss der   WASG-Bundesvorstand eigene Vorschl&#228;ge f&#252;r erste Initiativen der   Bundestagsfraktion nach der Wahl entwickeln. Wie zum Beispiel die   gesetzliche Einf&#252;hrung eines Mindestlohns von 1500 Euro. Oder die   R&#252;cknahme von Hartz IV. Nur wenn die WASG diese Positionen, f&#252;r die sie   sich gegr&#252;ndet und starken Zulauf bekommen hat, auch lautstark im   Bundestag vertritt, kann sie einen Beitrag dazu leisten, die   au&#223;erparlamentarische Bewegung zu st&#228;rken und sich das Vertrauen vieler   tausend Mitglieder, AktivistInnen und hunderttausender W&#228;hlerInnen zu   sichern.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Diese Antr&#228;ge k&#246;nnte die WASG mit einer bundesweiten Kampagne gegen   Hartz IV und f&#252;r die Einf&#252;hrung eines gesetzlichen Mindestohns   verbinden, um deutlich zu machen, dass der Druck auf der Stra&#223;e und in   Betrieben entscheidend f&#252;r Ver&#228;nderungen im Parlament ist. Eine gute   Pr&#228;senz der WASG beim n&#228;chsten bundesweiten Treffen der Initiative zur   Vernetzung der Gewerkschaftslinken am ersten Oktoberwochenende und bei   der au&#223;erparlamentarischen Oppositionskonferenz am 19.\/20. November   w&#228;ren wichtige Schritte, um den Widerstand mit voran zu treiben. Und sie   k&#246;nnte beweisen, dass sie auch nach der Wahl zu ihren Positionen steht,   f&#252;r die sie bei der Wahl angetreten ist.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Gegen eine schnelle Fusion<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Existenz des 100-Tage-Programms zeigt auf ein Neues, dass sich die   WASG auf keine Eilfusion mit der Linkspartei\/PDS einlassen darf.   Inhaltliche Mindestbedingungen wie zum Beispiel die Ablehnung jeglichen   Sozialkahlschlags, Privatisierungsma&#223;nahmen und Stellenstreichungen   m&#252;ssen Voraussetzung f&#252;r Gespr&#228;che mit der Linkspartei\/PDS sein. Die   WASG muss zudem die Beendigung der Regierungsbeteiligung der   Linkspartei\/PDS in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern einfordern. Im   WASG-Wahlmanifest steht dazu: &quot;Eine Regierungsbeteiligung ist nur   denkbar, wenn dies zu einem grundlegenden Politikwechsel auf der Basis   unseres Gr&#252;ndungsprogramms f&#252;hrt. Wir werden uns nicht an einer   Regierung beteiligen, die Sozialabbau betreibt oder sie tolerieren.&quot;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Eine Fusion der heutigen Linkspartei\/PDS mit der WASG w&#228;re keine   Neuformierung der Linken. Entscheidend ist, dass AktivistInnen aus   Gewerkschaften, Betrieben, sozialen Bewegungen und Initiativen in den   Prozess mit einbezogen werden &#8211; zur Schaffung einer k&#228;mpferischen   Interessensvertretung von abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  von Lucy Redler, Mitglied des WASG-L&#228;nderrats<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zum 100-Tage-Programm von Gysi und Lafontaine\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[27,30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11378"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11378"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11378\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}