{"id":11371,"date":"2005-09-05T17:38:48","date_gmt":"2005-09-05T17:38:48","guid":{"rendered":".\/?p=11371"},"modified":"2005-09-05T17:38:48","modified_gmt":"2005-09-05T17:38:48","slug":"11371","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/09\/11371\/","title":{"rendered":"China: &quot;Chou fu xinli&quot; f&#252;hrt zu spontanen Massenprotesten"},"content":{"rendered":"<p>  Das Land steht vor einer sozialen Explosion<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  W&#252;tende Menschenansammlungen, brennende Polizeiautos, Demonstrationen   und Arbeitsk&#228;mpfe: Soziale Unruhen in China nehmen zu. Die Proteste   richten sich gegen bittere Armut, Umweltzerst&#246;rung, Bereicherung und   Korruption.<br \/>Das Land, das in einer Handelsblatt-Umfrage unter   europ&#228;ischen Managern die Schulnote Eins bekam, wirtschaftet unter   fr&#252;hkapitalistischen Bedingungen. Chinesische ArbeiterInnen sind oft   billiger als Maschinen. Kinderarbeit ist weit verbreitet.<br \/>Die   Marktreformen haben dazu gef&#252;hrt, dass 45 Millionen staatliche   Arbeitspl&#228;tze vernichtet worden sind. Das Sozialsystem, die &quot;eiserne   Reissch&#252;ssel&quot; wurde abgeschafft. Der Krankenhausaufenthalt war umsonst,   auch die Ausbildung der Kinder. Gleichzeitig haben die &quot;Reformen&quot; T&#252;r   und Tor ge&#246;ffnet f&#252;r eine schamlose Bereicherung einer kleinen   Minderheit. Viele lokale Parteibonzen haben sich ehemalige   Staatsbetriebe angeeignet.<\/p>\n<p><span><b>Landarmut<\/b><\/span><\/p>\n<p>Auf   dem Land gibt es erbitterten Widerstand gegen den Verkauf von Grund und   Boden und gegen ungerechte Steuern. Die Stadtverwaltungen schrecken   nicht davor zur&#252;ck, notfalls die Ernten mit Polizeigewalt zu vernichten,   um das Land den neuen Besitzern auszuh&#228;ndigen. Bauern schlie&#223;en sich   immer wieder zusammen und bewachen Tag und Nacht ihre Felder. In   Shengyou in der Provinz Hebei wurden sechs Bauern get&#246;tet und hundert   weitere schwer verletzt. Der Protest wurde durch den Versuch der   Kommunalverwaltung ausgel&#246;st, Land f&#252;r den staatlichen   Kraftwerksbetreiber Guohua Dingzhou zu enteignen.<br \/>Ein Arzt beschreibt   die Lage so: &quot;Die Zunahme des Bruttosozialprodukts in China basiert   darauf, dass 800 Millionen Bauern keine Garantie f&#252;r ein minimales   Leben, keine Rente, ja sogar keine Krankenversicherung haben! Der Kreis,   in dem ich lebe, ist nicht der &#228;rmste in China; aber jeden Tag kann ich,   der ich ein Arzt bin, Kranke sehen, die wegen der hohen Kosten auf einen   Arztbesuch verzichten. Jedes Mal beim Fr&#252;hlingsfest oder in der Zeit, in   der das Schulsemester beginnt, oder in der man Steuern zahlen muss,   nimmt die Zahl derjenigen rapide zu, die Gift nehmen. Es gibt   verschiedene Gr&#252;nde daf&#252;r, im allgemeinen sagen sie mit dieser Handlung   aber: &quot;Wir sind zu arm!&quot;&quot;<br \/>140 Millionen Wanderarbeiter   kommen aus den &#228;rmsten Gegenden in die St&#228;dte, um dort nach Arbeit zu   suchen. Entrechtet, hausen sie in Baracken in den Vororten. Sie arbeiten   mehr als zw&#246;lf Stunden am Tag. Sie verdienen j&#228;hrlich im Schnitt 9.236   Yuan (920 Euro). Millionen von ihnen bekommen nicht mal das ausgezahlt.<\/p>\n<p><span><b>Zunahme   von Arbeitsk&#228;mpfen<\/b><\/span><\/p>\n<p>Arbeiter wehren sich gegen   Hungerl&#246;hne oder menschenunw&#252;rdige Arbeitsbedingungen. In einem der   wirtschaftlich wichtigsten Gebiete in China, dem Pearl-River-Delta   (n&#246;rdlich von Hongkong in der Provinz Guangdong) hat es in den letzten   f&#252;nf Jahren in der H&#228;lfte aller Fabriken Streiks gegeben. Im April haben   10.000 ArbeiterInnen f&#252;r eine unabh&#228;ngige Gewerkschaft innerhalb der   Fabrik Uniden Electronics gestreikt.<br \/>Im Juni kam es in der Stadt   Xinchang in der Provinz Zhejiang zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen   die Polizei und &#246;rtliche Regierungsbeh&#246;rden, an der sich 15.000 Menschen   beteiligten. Anlass war ein Unfall in einer chemischen Fabrik, die mit   giftigen Stoffen arbeitet. Ein Arbeiter wurde get&#246;tet, viele verletzt   und das Flusswasser in der ganzen Umgebung verseucht. Die AnwohnerInnen,   die mit der Bitte um Entsch&#228;digung und der Frage nach kostenfreier   medizinischer Versorgung an die Fabrikleitung herantraten, wurden vom   Werksschutz zusammengeschlagen. Die Emp&#246;rung in der Stadt schwoll so   schnell an, dass den Autorit&#228;ten vor Ort nichts anderes &#252;brig blieb, als   die Fabrik zu schlie&#223;en.<br \/>Zu den gr&#246;&#223;ten Opfern des chinesischen   &quot;Wirtschaftswunders&quot; geh&#246;ren die Bergarbeiter. Nach offiziellen Angaben   sind in den letzten zw&#246;lf Monaten 6.000 Bergarbeiter umgekommen. Viele   Minen sind im Besitz lokaler Parteibonzen, die falsche   Sicherheitszertifikate ausstellen und Unf&#228;lle vertuschen. Ihre Arroganz   hat auch hier zu Unruhen gef&#252;hrt. Angeh&#246;rige von Bergbauopfern, denen   Informationen verweigert wurden, st&#252;rmten lokale Verwaltungsgeb&#228;ude und   verpr&#252;gelten Regierungsvertreter.<\/p>\n<p><span><b>Perspektiven f&#252;r   den Widerstand<\/b><\/span><\/p>\n<p>Die wachsende Radikalisierung in der   Bev&#246;lkerung ist nicht zu &#252;bersehen. Massenproteste sind kometenhaft   angestiegen &#8211; auf offiziell 74.000 im letzten Jahr, im Gegensatz zu   10.000 im letzten Jahrzehnt. In allen Gro&#223;st&#228;dten kommt es im Schnitt   auf drei bis vier Demos pro Woche.<br \/>Es gibt einige Beispiele, bei   denen aus Verkehrsunf&#228;llen Massenunruhen entstanden sind, weil es sich   bei den Beteiligten auf der einen Seite um einen Angeh&#246;rigen der   Oberschicht und auf der anderen Seite um einen Angeh&#246;rigen der &#228;rmsten   Schichten handelte. Der Protest entl&#228;dt sich oft gegen Polizei und   &#246;rtliche Verwaltungsbeh&#246;rden. In einigen Gegenden f&#252;hrten soziale   Spannungen tragischerweise auch zu Ausschreitungen gegen nationale   Minderheiten.<br \/>Die Regierung will nun eine Spezialeinheit gegen   soziale Unruhen aufbauen. Sie soll mehrere tausend Mann stark sein und   mit Panzerfahrzeugen, Tr&#228;nengas und Schlagst&#246;cken ausger&#252;stet werden. In   Shanghai und Peking sollen jeweils 600 Elite-Polizisten im Dauereinsatz   sein.<br \/>Bisher sind die Massenproteste auf regionaler Ebene begrenzt   geblieben. Die chinesische Regierung macht sich jedoch Sorgen, dass ein   Tropfen das Fass zum &#220;berlaufen bringen kann. Seit dem Massaker 1989 auf   dem Platz des Himmlischen Friedens hat es keine landesweite   Protestbewegung mehr gegeben.<br \/>Die ersten Proteste, die von ihrer   Ausweitung her einen nationalen Charakter annahmen, waren die   antijapanischen Proteste im Fr&#252;hjahr diesen Jahres. Doch sie waren kein   Protest gegen die Regierung. Im Gegenteil, die nationalistische und   chauvinistische Ausrichtung kam der Regierung entgegen. Erst als sie   ihnen au&#223;er Kontrolle zu geraten schien, schritt die Regierung ein.   Streiks in der japanischen Elekronikfirma Taiyo Yuden in Dongguan gegen   niedrige L&#246;hne wurde von der Polizei beendet. Die Streiks h&#228;tten sich   auf andere Betriebe mit &#228;hnlichen Bedingungen ausweiten k&#246;nnen und nicht   mehr Japan als Hauptgegner sehen, sondern jegliche Bosse egal welcher   Herkunft bek&#228;mpfen k&#246;nnen.<br \/>In China wird von einer neuen   Massenpsychologie gesprochen, der sogenannten &quot;chou fu xinli&quot;   (feindliche Haltung gegen&#252;ber Reichen). Dies bildet die Basis f&#252;r eine   Radikalisierung unter gro&#223;en Teilen der Bev&#246;lkerung. Die Entwicklung der   chinesischen Opposition ist von gro&#223;er Bedeutung f&#252;r die internationale   Arbeiterbewegung. Immerhin umfasst die Industriearbeiterklasse in China   350 Millionen Arbeiter, mehr als in Europa und den USA zusammen.<br \/><i><br \/><span>von   Kim Opgenoorth, K&#246;ln<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das Land steht vor einer sozialen Explosion\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[174],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11371"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11371"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11371\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}