{"id":11358,"date":"2005-08-16T16:06:29","date_gmt":"2005-08-16T16:06:29","guid":{"rendered":".\/?p=11358"},"modified":"2005-08-16T16:06:29","modified_gmt":"2005-08-16T16:06:29","slug":"11358","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/08\/11358\/","title":{"rendered":"&quot;Soziale Explosion steht bevor&quot;"},"content":{"rendered":"<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2005\/laurence.jpg\" alt=\"laurence\" style=\"width: 83px; height: 95px\">  <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Interview mit Laurence Coates, Mitglied des CWI, &#252;ber die Situation in   China<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <span><b>Warum hat das Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI)   gerade in dieser Zeit die Website &quot;Chinaworker.org&quot; ins Leben gerufen? <\/b><\/span><\/p>\n<p>  Wir sind der Meinung, dass in China soziale Explosionen bevorstehen &#8211;   und zwar vielleicht sogar kurzfristig. Es gibt zahlreiche Proteste, zum   einen in den St&#228;dten durch ArbeiterInnen und entlassene Besch&#228;ftigte und   auch durch die WanderarbeiterInnen, die am st&#228;rksten unterdr&#252;ckte   Schicht der Gesellschaft. Aber auch auf dem Land g&#228;rt es &#8211; Proteste   gegen korrupte Funktion&#228;re, gegen neue Steuern, die von den lokalen   Regierungen der Bauernschaft aufgeb&#252;rdet werden sind t&#228;gliche   Erscheinungen. Es ist sehr wichtig, dass MarxistInnen diese Ereignisse   studieren und sich bewusst sind, welche zentrale Bedeutung China f&quot;r die   Welt hat. Des weiteren wollen wir diese Website nutzen, um   Solidarit&#228;tskampagnen f&#252;r AktivistInnen in China durchzuf&#252;hren, die   Repressionen erleiden. Das haben wir zum Beispiel f&#252;r Yao Fuxin und Xiao   Yunliang gemacht, die wegen ihrer Beteiligung an Protesten 2002   inhaftiert und im Gef&#228;ngnis misshandelt wurden. Nat&#252;rlich wollen wir   durch die Website auch mit chinesisch-sprachigen SozialistInnen und   radikalisierten Jugendlichen in Kontakt kommen.<\/p>\n<p>  <span><b>Welche Auswirkungen haben die dramatischen Ver&#228;nderungen, die   in den letzten Jahren in China vor sich gegangen sind, f&#252;r die   ArbeiterInnen und die Bauernschaft?<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Obwohl es schon eine Vielzahl von radikalen und kritischen Websites aus   China gibt, die uns Informationen dar&#252;ber liefern, was sich in China   abspielt, sind wir weitgehend von den Medien abh&#228;ngig, um Informationen   zu beziehen. Pers&#246;nliche Kontake zu ChinesInnen und TaiwanesInnen sind   eine weitere Quelle von Informationen.<\/p>\n<p>  Ein Beispiel: Der Pearl-River-Delta ist eines der wirtschaftlich   wichtigsten Gebiete Chinas. Es liegt n&#246;rdlich von Hong Kong in der   Provinz Guangdong. Dort waren in den letzten f&#252;nf Jahren die H&#228;lfte der   Fabriken von Streiks betroffen. In Peking reagiert die Staatsmacht sehr   nerv&#246;s auf Proteste. Der Platz des Himmlischen Friedens wird von   zahlreichen ZivilpolizistInnen bewacht, die jederzeit bereit sind,   einzugreifen. In den &#252;brigen Gro&#223;st&#228;dten gibt es allerdings in den   meisten Wochen etwa drei oder vier Demonstrationen. Beteiligt sind   unterschiedliche Gruppen: Arbeitslose, entlassene ehemalige Besch&#228;ftige   von Staatsbetrieben, WanderarbeiterInnen die ausstehende L&#246;hne haben   wollen. Letzteres ist ein wichtiges Thema. Die chinesische Regierung   gibt selbst eine nach Provinzen aufgeteilte Liste heraus, die Auskunft   &#252;ber ausstehende L&#246;hne gibt. Die Regierung macht sich gro&#223;e Sorgen und   &#252;bt Druck auf die lokalen Funktion&#228;re aus, die L&#246;hne zu zahlen. Die   lokalen Regierungen haben aber kein Geld, um dieser Forderung   nachzukommen, behaupten sie zumindest. Mittlerweile belaufen sich die   ungezahlten L&#246;hne auf 40 Milliarden Dollar. LehrerInnen sind besonders   stark betroffen. Es gibt eine massive Krise im chinesischen   Bildungssystem, das ja ein staatliches und kostenloses ist. Vor allem   auf dem Land ist das Bildungssystem zusammengebrochen. Schulen und   LehrerInnen fehlen und es gibt kein Geld, um die vorhandenen LehrerInnen   zu bezahlen. Die Menschen auf dem Land k&#246;nnen es sich nicht mehr   leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie sie zum Arbeiten   brauchen. Das ist auch eine Folge der sogenannten &quot;Reformen&quot; von Deng   Xiaoping &#8211; die Kommunen wurden zerschlagen, so dass jetzt jeder   Bauernhof ein eigenst&#228;ndiger Familienbetrieb ist, wovon viele unrentabel   sind. Die chinesische Agrarpolitik f&#252;hrte von einem Problem zum   n&#228;chsten: das Regime von Mao war bei der Kollektivierung zu schnell zu   weit gegangen, weil die industrielle Technik, die notwendig w&#228;re, um   dies zu unterst&#252;tzen, noch nicht vorhanden war. Und dann kamen eben   diese Reformen, die im Grunde genommen eine Konterrevolution auf dem   Land bedeuteten &#8211; da wurden Kommunen zerschlagen, die vielfach   wirtschaftlich absolut &#252;berlebensf&#228;hig und rentabel waren.<\/p>\n<p>  <span><b>Um diesen Punkt der Konterreformen und Ver&#228;nderungen der   letzten Jahre in China aufzugreifen &#8211; die Ereignisse sind in China ganz   anders verlaufen als bei der kapitalistischen Restauration in Osteuropa.   Was sind die Gr&quot;nde daf&#252;r und die weiteren Perspektiven f&#252;r die   politische Entwicklung in China selbst? <\/b><\/span><\/p>\n<p>  Wir m&#252;ssen uns im klaren dar&#252;ber sein, dass wir es hier mit einem   Prozess der Konterrevolution zu tun haben. Das chinesische Regime hat   eine Menge Bewunderer in der Welt. Da sind ehemalige stalinistische und   maoistische Parteien, aber auch keynesianische &#214;konomen wie Joseph   Stiglitz oder Paul Krugman sind Anh&#228;nger des chinesischen Regimes. Wir   dagegen glauben nicht, dass das chinesische Regime oder der Kapitalismus   in China in irgend einer Weise eine fortschrittliche Rolle spielen.<\/p>\n<p>  Sie haben eine Situation der Superausbeutung geschaffen, alleine die   Lage der 140 Millionen WanderarbeiterInnen die aus den &#228;rmsten   l&#228;ndlichen Gegenden Chinas kommen, um in den St&#228;dten zu arbeiten, ist   eine Anklage gegen das chinesische Regime. F&#252;r sie ist es normal, 12   oder 13 Stunden am Tag zu arbeiten und unter dem ohnehin schon niedrigen   Mindestlohn von ca. 60 Dollar im Monat bezahlt zu werden. Auch   Kinderarbeit ist, allen Dementis zum Trotz, in den Fabriken weit   verbreitet. Das sind Bedingungen wie im Europa des 19. Jahrhunderts oder   im China der zwanziger und drei&#223;iger Jahre. Es hat sich also, frei nach   Karl Marx, der ganze M&#252;ll nochmal wiederholt.<\/p>\n<p>  Der entscheidene Unterschied ist allerdings, dass es kein   Auseinanderbrechen Chinas gegeben hat, weil das ehemals stalinistische   Regime, das meiner Meinung nach inzwischen ein offen kapitalistische   Regime ist, das Modell der s&#252;dostasiastischen L&#228;nder kopiert hat, also   kapitalistische Entwicklung mit einer starken staatskapitalistischen   Komponente. Mit staatskapitalistisch meine ich nicht, dass es ein neues   System oder eine neue Gesellschaftsform ist. Es sind die selben   staatskapitalistischen Ma&#223;nahmen, die wir schon in anderen L&#228;ndern   erlebt haben, also mit verstaatlichten Industriesektoren da wo es den   Interessen der Bourgeosie entspricht &#8211; in China spielt sich das alles in   einem sehr gr&#246;&#223;eren Ma&#223;stab ab. Die Auswirkung davon ist, dass es ihnen   gelungen ist auf spekatul&#228;r andere Weise, als es etwa der russische   Kapitalismus gemacht hat, eine moderne Infrastruktur aufzubauen &#8211;   moderne Stra&#223;en, Seeh&#228;fen, Flugh&#228;fen, Elektrizittsversorung. In Russland   hat die sich herausbildende Kapitalistenklasse von den Neoliberalen und   vom IWF den unsinnigen Rat erhalten, eine Art &quot;Schocktherapie&quot;   durchzuf&#252;hren und zuzulassen, dass alles zusammenbricht. Das chinesische   Regime geht diesen Prozess mit mehr Weitblick an, f&#252;hrt nach und nach   Ma&#223;nahmen ein, die in diese Richtung gehen.<\/p>\n<p>  Aber man muss auch sagen, dass sie ziemlich viel Gl&#252;ck gehabt haben. Die   politische Revolution in China entwickelte sich 1989. Die Bewegung auf   dem Platz des Himmlischen Friedens hatte nicht nur Merkmale einer   politischen Revolution, also Forderungen nach demokratischen Rechten,   gegen Korrupution und Einparteienherrschaft der B&#252;rokratie. Es gab auch   erste Ans&#228;tze eines antikapitalistischen Bewusstseins. Eines der   Hauptthemen 1989 waren die S&#246;hne und T&#246;chter der Spitzenb&#252;rokraten, die   sich als Gro&#223;unternehmerInnen etablierten. Zu diesem Zeitpunkt waren die   sogennanten Reformen weiter fortgeschritten als in den anderen   stalinistischen L&#228;ndern &#8211; es gab bereits ausl&#228;ndischen Firmen, die in   China t&#228;tig waren, und eine Schicht der herrschenden B&#252;rokratie begann,   sich dem Kapitalismus zuzuwenden.<\/p>\n<p>  Diese Bewegung auf dem Platz des Himmlischen Frieden konnte sich nicht   entwickeln. Sie wurde bekanntlich mit gro&#223;er Brutalit&#228;t unterdr&#252;ckt. Es   wurden 7000 DemonstrantInnen massakriert. Es ist nicht allen bekannt,   dass die Mehrzahl der Get&#246;teten ArbeiterInnen und nicht Studierende   waren. Aber an den K&#228;mpfen in den letzten Tagen der Proteste am 3. und   4. Juni waren zumeist ArbeiterInnen beteiligt und diese waren in erster   Linie auch die Verhafteten und Get&#246;teten.<\/p>\n<p>  Das alles geschah wohlgemerkt vor dem Fall der Berliner Mauer, es   geschah vor der Bewegung gegen den Stalinismus in Osteuropa. Und deshalb   konnte das chinesische Regime den Zusammenbruch des Stalinsmus in   Osteuropa in relativer Sicherheit verfolgen, denn es war selbst nicht   mehr direkt betroffen. Aufgrund dieses ma&#223;losen Gewalteinsatzes auf dem   Platz des Himmlischen Friedens wurde die Bewegung in China im Keim   erstickt. Es folgte eine Periode ohne Opposition, die Menschen wurden   durch Einsch&#252;chterung zur Anpassung gezwungen. Wie das CWI Anfang der   1990er Jahre geschrieben hat, bedeutete dies nicht, dass das chinesische   Regime zur alten zentralisierten Planung zur&#252;ckkehren w&#252;rde, sondern   nach einer kurzen Phase der Reflektion und Konsolidierung, bewegte es   sich noch schneller in Richtung Markt&#246;ffnung, der Einf&#252;hrung   kapitalistische &quot;Reformen&quot; und Privatisierungen.<\/p>\n<p>  <span><b>Wie kann Eure Website unterst&#252;tzt werden?<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Wir begr&#252;ssen alle Beitr&#228;ge und Artikel, die generell die Ansicht des   CWI teilen, dass in China gerade ein reaktion&#228;rer Prozess stattfindet,   den es zu bek&#228;mpfen gilt. Wir stehen f&#252;r Widerstand gegen   Privatisierungen und gegen die kapitalistischen &quot;Reformen&quot;, die gerade   durchgef&#252;hrt werden. Wir freuen uns immer &#252;ber neue Beitr&#228;ge und   Artikel. Im Moment haben wir Artikel, die die &#246;konomische Entwicklung   Chinas analysieren, die internationalen Beziehungen des Landes, vor   allem die wachsende Rivalit&#228;t mit dem US-Imperialismus oder auch die   Versuche einiger europ&#228;ischer Regierungen, zwischen China und den USA zu   balancieren und China als Gegengewicht zur Dominanz der USA zu benutzen.<\/p>\n<p>  Aber die Situation in China selbst ist das wichtigste Schwerpunktthema.   So berichteten wir k&#252;rzlich &#252;ber gro&#223;e Proteste gegen   Umweltverschmutzung und &#252;ber Widerstand von B&#228;uerInnen gegen den Verkauf   von Land an Bauunternehmen. Ein wichtiger Fortschritt ist, dass wir &#252;ber   chinesische und taiwanesische Kontakte und Sympathisanten nun anfangen,   Material auf Mandarin zu produzieren. Das wird sich hoffentlich so   weiter entwickeln. Wir wollen in Zukunft noch mehr Artikel auf Mandarin   ver&#246;ffentlichen f&#252;r die chinesischsprachigen Menschen, die diese Website   verfolgen<\/p>\n<\/p>\n<p>  <i><span>Das Interview f&#252;hrte Sean McGinley<br \/><\/span><\/i><\/p>\n<p>  <a href=\"http:\/\/www.chinaworker.org\/cgi-bin\/index.cgi\">zur website   chinaworker.org<\/a><i><span><br \/><\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<\/p>\n<p>\n      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2005\/laurence.jpg\" alt=\"laurence\" style=\"width: 83px; height: 95px\"><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">\n      Interview mit Laurence Coates, Mitglied des CWI, &#252;ber die Situation in<br \/>\n      China\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11358"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11358"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11358\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11358"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}