{"id":11351,"date":"2005-08-13T12:26:17","date_gmt":"2005-08-13T12:26:17","guid":{"rendered":".\/?p=11351"},"modified":"2005-08-13T12:26:17","modified_gmt":"2005-08-13T12:26:17","slug":"11351","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/08\/11351\/","title":{"rendered":"London nach den Anschl&auml;gen"},"content":{"rendered":"<p><img style=\"width: 84px; height: 103px;\" alt=\"zena\" src=\"\/media\/2005\/zena.jpg\" align=\"left\">Interview mit Zena Awad, Mitglied der Socialist Party, Schwesterorganisation der SAV in England und Wales.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<b>Was war die umittelbare Reaktion auf die Bombenanschl&auml;ge vom 7.7. 2005?<\/b> <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Schon seit dem 11. September ist in Gro&szlig;brittanien immer wieder vor der Gefahr terroristischer Anschl&auml;ge gewarnt worden. Blair hat diese Angst auch gesch&uuml;rt, um die Beteiligung am Irak-Krieg zu rechtfertigen und dabei bewusst &uuml;bertrieben. Nach den Anschl&auml;ge herrschte unter der Londoner Bev&ouml;lkerung ein Gef&uuml;hl von Schock. Die vier Bomben, drei in der U-Bahn und eine im Bus, trafen Besch&auml;ftigte aller Nationalit&auml;ten, die aus den Vororten zur Arbeit fuhren, auch Moslems. Die Anschl&auml;ge richteten sich nicht gegen die reiche Innenstadt, sondern vor allem gegen Menschen aus den typischen Arbeiterstadtteilen. Der zweite Schock war, dass die Attent&auml;ter in England geboren waren. Die Leute hatten Angst vor Al Qaida gehabt und mit m&ouml;glichen Attent&auml;tern aus dem Ausland gerechnet. Die Leute haben sich die Fragen gestellt: Wird das wieder passieren? Und was bringt einen jungen Briten dazu, so etwas zu tun?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><b>Wie reagierte die Blair-Regierung auf die Anschl&auml;ge?<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Blair hat genau diese Fragen nicht beantwortet. In seiner ersten Ansprache hat er gesagt: die Anschl&auml;ge haben nichts mit dem Irak zu tun, sondern mit einer feindlichen Ideologie, dem islamischen Terrorismus. Schlie&szlig;lich habe der 11. September vor dem Irak-Krieg stattgefunden. Der 7.7. sei ein Angriff auf den britischen Lebensstil und ein Kampf der Barbarei gegen die Zivilisation. Damit versucht die Regierung der wachsenden Antikriegsstimmung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zwei Tage nach dieser Ansprache ver&ouml;ffentlichte allerdings der Guardian eine Umfrage in der 66 Prozent auf die Frage &#x92;Glaubst Du die Anschl&auml;ge stehen in einem Zusammenhang mit dem Irak?&#x91; mit &#x92;ja&#x91; antworteten. Gleichzeitig gibt es in London ein starkes Gef&uuml;hl der Zusammengeh&ouml;rigkeit durch das Gef&uuml;hl, dass jeder der eine U-Bahn besteigt ein m&ouml;gliches Ziel f&uuml;r Anschl&auml;ge ist. Aber anders als nach anderen Anschl&auml;gen ist die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Blair nur leicht gestiegen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><b>Haben die Anschl&auml;ge und die Rethorik der Blair-Regierung zu einer Zunahme rassistischer &Uuml;bergriffe gef&uuml;hrt?<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Es gab in der Bev&ouml;lkerung keine rassistische Welle wie in New York nach den Anschl&auml;gen vom 11. September. Aber es gibt eine Zunahme von Rassismus f&uuml;r die ganz klar die Regierung verantwortlich ist, die den Islam zum S&uuml;ndenbock erkl&auml;rt. In einem n&ouml;rdlichen Au&szlig;enbezirk von London gab es mehrere rassistische Angriffe und &Uuml;berfalle bei denen auch ein junger Moslem get&ouml;tet wurde. Wir, die Socialist Party, sind direkt nach den Anschl&auml;gen mit einer Unterschriftenliste &#x92; Nein zum Terrorismus, nein zum Krieg, nein zum Rassismus&#x91; auf die Stra&szlig;e gegangen. In den ersten Tagen war die Stimmung auf den Stra&szlig;en sehr ruhig und gedr&uuml;ckt. Zwei Wochen sp&auml;ter, vor den zweiten Anschl&auml;gen, haben wir dann eine sehr gute Reaktion auf unsere Unterschriftenliste und Infotische bekommen. Die Leute waren froh, dass jemand etwas macht und wir waren die einzigen. Die Mehrheit der Leute ist gegen den Krieg und viele machen Blair f&uuml;r die Anschl&auml;ge verantwortlich.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><b>Was passierte nach den zweiten Anschl&auml;gen?<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Am 21. Juli, auf den Tag genau zwei Wochen nach den ersten Anschl&auml;gen, wurden vier weitere Bomben gez&uuml;ndet, die aber nicht explodierten. Drei davon waren in der U-Bahn und eine in einem Bus platziert, genau nach dem Muster des ersten Anschlags. An diesem Tag wurde der ganze &ouml;ffentliche Nahverkehr dicht gemacht und die Arbeiter weigerten sich die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Gewerkschaft RMT (Rail Maritime Transport) stellte Forderungen f&uuml;r mehr Sicherheitsma&szlig;nahmen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten und der Passagiere und trat f&uuml;r das Recht ein, das ganze Transportsystem still zu legen. Die Regierung dachte mehr an den finanziellen Verlust und forderte die Besch&auml;ftigten auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Auch die K&uuml;rzungen bei der Feuerwehr in den letzten Monaten stellen ein Sicherheitsrisiko f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung dar. Nachdem Feuerwachen geschlossen wurden, braucht die Feuerwehr l&auml;nger um zu ihrem Einsatzort zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><b>Nach den Anschl&auml;gen wurde ein junger Brasilianer durch die Polizei erschossen&#8230;<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Noch am Tag der zweiten Anschl&auml;ge fanden &uuml;berall in der Stadt Razzien von bewaffneten Polizisten statt. Vor allem junge, asiatische M&auml;nner wurden st&auml;ndig von der Polizei kontrolliert und durchsucht. Als bekannt wurde dass alle vier Attent&auml;ter aus Afrika stammen sollen, begannen Politiker und Medien sofort eine Diskussion &uuml;ber Immigranten. Ein Vorschlag war, straff&auml;llige Immigranten &uuml;berhaupt nicht mehr ins Land zu lassen. Einige Zeitungen ver&ouml;ffentlichten die detaillierten Angaben &uuml;ber Staatszusch&uuml;sse, die einer der Beschuldigten erhalten hatte. Am Tag nach den zweiten Anschl&auml;gen wurde ein junger brasilianischer Arbeiter von Polizisten erschossen. Die erste Meldung lautete: er habe einen verd&auml;chtigen Wintermantel getragen, sich den Anweisungen der Polizei widersetzt, sei losgerannt und &uuml;ber die U-Bahnabsperrung gesprungen. Auf dem Bahnsteig schossen ihm die Beamten sieben Mal in den Kopf und einmal in die Schulter. Als die ersten Berichte von Augenzeugen auftauchten, wurde bekannt, dass er ganz normal ein Ticket gel&ouml;st hatte, nicht gewarnt wurde und von den Polizisten zu Boden gedr&uuml;ckt wurde als sie ihn erschossen. Zudem trug er eine leichte Sommerjacke, nicht mal einen Rucksack und war auch kein Moslem. Hinter dieser Erschie&szlig;ung steht die &#x92;shoot to kill policy&#x91; (schie&szlig;e um zu t&ouml;ten) mit der die Polizei angehalten ist, zu schie&szlig;en sobald sie einen Verd&auml;chtigen sieht. Diese wird noch viele unschuldige Opfer kosten. Diese Taktik wurde bereits in den 70ern gegen die IRA (Irisch Republikanische Armee) eingesetzt und auch damals starben viele Unschuldige, ohne dass der Terrorismus gestoppt worden w&auml;re. Die Brasilianische Gemeinschaft organisierte eine Demonstration gegen diesen Mord, auf der auch Mitglieder der Socialist Party gesprochen haben. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><b>Was ist von den neuen neuen Antiterrorgesetzen zu halten?<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Eine andere sogenannte Antiterrorma&szlig;nahme ist, dass Universit&auml;tsleitungen das Recht bekommen &#x92;politischen Extremismus&#x91; vom Campus zu verbannen. Der Hintergund ist, dass einer der Bomber einen Chemieabschluss an der Uni gemacht hatte und Universit&auml;ten jetzt als N&auml;hrboden f&uuml;r den Terrorismus dargestellt weden. Dieses Verbot politischer Aktivit&auml;t trifft genauso linke AktivistInnen und AntikriegsaktivistInnen. Die Studierendengruppe Socialist Students ist dagegen aktiv. Auch auf Festivals und anderen &ouml;ffentlichen Ereignissen werden im Namen der Sicherheit Infotische und Flugbl&auml;tter verboten. Das ist l&auml;ngerfristig ein Angriff auf die ganze Linke, in Zukunft auch auf K&auml;mpfe von Besch&auml;ftigten und das Recht sich zu organisieren. Die Terroristen werden von der Regierung als &#x92;Innerer Feind&#x91; bezeichnet, das ist genau die Formulierung die Thatcher in den 80ern gegen die streikenden Bergarbeiter verwendete. Das unterstreicht wohin die Reise gehen soll: unter dem Deckmantel der Terrorbek&auml;mpfung werden Gesetze erlassen, die dann gegen Proteste und Streiks von KollegInnen genutzt werden k&ouml;nnen. Nach den Anschl&auml;gen sollen jetzt in England auch Personalausweise (ID-Cards) eingef&uuml;hrt werden, was die Regierung schon lange wollte, aber sich bisher nicht getraut hatte. Diese ID-Cards werden benutzt werden um den Zugang zu Staatsleistungen zu beschr&auml;nken. Zum Beispiel kann heute noch jeder das staatliche Gesundheitswesen (NHS) nutzen ohne sich auszuweisen. In Zukunft werden Menschen ohne Ausweis, zum Beispiel ImmigrantInnen diese Leistungen nicht mehr in Anspruch nehmen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Wir treten ein f&uuml;r den gemeinsamen Kampf aller Besch&auml;ftigten und fordern die Gewerkschaften auf, diese Angriffe aufzugreifen was sie bisher nicht getan haben. Auch die Stop-the-War-Coalition hat erst jetzt, unter Druck, eine Demo f&uuml;r September geplant. Das ist zu sp&auml;t. In den Gewerkschaften bringen wir Antr&auml;ge ein und k&auml;mpfen f&uuml;r eine sofortige Demonstration. Nein zu den Angriffen auf demokratische Rechte, Nein zu Terrorismus, Nein zu Krieg und Nein zu Rassismus! <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-style: italic;\">Interview: Tinette Schnatterer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img style=\"width: 84px; height: 103px;\" alt=\"zena\"\nsrc=\"\/media\/2005\/zena.jpg\" align=\"left\">Interview<br \/>\nmit Zena Awad, Mitglied der Socialist Party, Schwesterorganisation der<br \/>\nSAV in England und Wales.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[249],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11351"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11351\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}