{"id":11346,"date":"2005-07-26T22:14:30","date_gmt":"2005-07-26T22:14:30","guid":{"rendered":".\/?p=11346"},"modified":"2005-07-26T22:14:30","modified_gmt":"2005-07-26T22:14:30","slug":"11346","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/07\/11346\/","title":{"rendered":"&#x92;Das Radikalste ist das Kapital!&#x91;"},"content":{"rendered":"<p>Vom 21. bis 24. Juli 2005 fand in Erfurt das 1. Deutsche Sozialforum (DSF) unter dem Motto &#x92;F&uuml;r Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Natur&#x91; statt, an dem etwa 3.500 Menschen aus Deutschland, aber auch aus anderen Teilen der Welt teilnahmen.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDas 1. Deutsche Sozialforum fand einerseits vor dem Hintergrund der Formierung der Wahlalternative &#x96; Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und der Bildung eines Linksb&uuml;ndnisses zur Bundestagswahl aus WASG und Linkspartei.PDS, aber andererseits auch zum Zeitpunkt einer Flaute bei sozialen Protesten und Bewegungen in der Bundesrepublik statt. Das f&uuml;hrte u. a. zu der geringeren Teilnahme an dem Treffen (erwartet wurden 5.000 TeilnehmerInnen), aber die zum Abschluss des Sozialforums stattgefundene Demonstration mit etwa 1.500 TeilnehmerInnen zeigte auch, dass es Defizite bei der Mobilisierung der Erfurter Bev&ouml;lkerung gegeben hatte. So &auml;u&szlig;erten ErfurterInnen bei Diskussionen am Rande der Demonstration, dass sie gerne daran teilgenommen h&auml;tten, wenn sie davon gewusst h&auml;tten. <\/p>\n<p> Auf etwa 250 Veranstaltungen diskutierten linke GewerkschafterInnen, GlobalisierungskritikerInnen, Friedensbewegte, Angeh&ouml;rige von B&uuml;ndnissen gegen Sozialabbau, AntikapitalistInnen und SozialistInnen &uuml;ber &Ouml;kologie und &Ouml;konomie, &uuml;ber Alternativen zum Kapitalismus und die heutige Weltwirtschaftspolitik, &uuml;ber Mindestlohn und Grundeinkommen, &uuml;ber die Besatzung in Irak und Pal&auml;stina sowie &uuml;ber die Situation prek&auml;r Besch&auml;ftigter und die Montagsdemonstrationen. Breit diskutiert wurden auch die EU-Verfassung und die aktuelle Krise der EU. Immer wieder wurde bei Veranstaltungen auch &uuml;ber das Verh&auml;ltnis der Sozialbewegung zur neuen Linkspartei gesprochen. Dabei &auml;&szlig;erten viele Anwesende ihre Skepsis, ob sich nicht jede Partei umgehend den Sachzw&auml;ngen beugen m&uuml;sste, sobald sie im Parlarment vertreten sei. Andere TeilnehmerInnen wiederum begr&uuml;&szlig;ten grunds&auml;tzlich das B&uuml;ndnis aus WASG und Linkspartei.PDS zu den Bundestagswahlen. Vorbehalte gab es gerade auch wegen den &auml;u&szlig;erungen von Lafontaine zu &#x92;Fremdarbeitern&#x91;. So gab es u. a. gro&szlig;en Beifall f&uuml;r die Kritik von Hagen Kopp vom Netzwerk &#x91;Kein Mensch ist illegal&#x91;, der auf die Rolle Oskar Lafontaines Ende der 1980er Jahre hinwies, als dieser die Abschaffung des Asylrechts gefordert hatte. <\/p>\n<p> Wie gro&szlig; das Interesse unter den TeilnehmerInen des Sozialforums an dem neuen Linksb&uuml;ndnis war zeigte auch der vollbesetzte Saal bei der Veranstaltung mit Christine Buchholz (Bundesvorstandsmitglied der WASG und Mitglied bei Linksruck), Katja Kipping (stellvertretende Bundesvorsitzende der Linkspartei.PDS), Ralf Kr&auml;mer (WASG Berlin), Peter Wahl (Mitglied des Koordinierungskreises von Attac), Christoph Spehr (Sozialwissenschaftler) u. a. In der Diskussion auf dieser Veranstaltung &auml;u&szlig;erte Sabine Leidig (Attac) ihre Bef&uuml;rchtung, dass die soziale Bewegung im Prozess der Formierung der Linkspartei vergessen werden k&ouml;nnte. Eine andere Teilnehmerin, Angela Klein, wies darauf hin, dass es bei dem Prozess um mehr als nur um den Aufbau einer neuen Linkspartei ginge. Es ginge auch um die Neuformierung der Arbeiterbewegung, z. B. auf der gewerkschaftlichen Ebene. Ralf Kr&auml;mer erg&auml;nzte vom Podium, die Arbeiterklasse m&uuml;sste wieder ins politische Gesch&auml;ft einsteigen. Katja Kipping wiederum verwies darauf, dass das eigentlich Interessante an dem Linksb&uuml;ndnis sei, dass sich derzeit das politische Koordinatensystem in der Bundesrepublik verschieben w&uuml;rde. Die PDS br&auml;chte Erfahrungen aus dem Osten mit dem &#x92;realexistierenden Sozialismus&#x91; mit. Auf die besondere Situation im Osten wie die Strukturschw&auml;che und Massenarbeitslosigkeit br&auml;uchte man neue Antworten, z. B. zu Mindestlohn und zu Alternativen zur Vollbesch&auml;ftigung. Auf kritische Fragen aus dem Publikum hin verteidigte sie indirekt die Regierungsbeteiligung der PDS in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, indem sie meinte, die Regierungsbeteiligung h&auml;tte ja auch was Gutes gebracht und pers&ouml;nlich w&auml;re sie auch gegen Einiges, wie z. B. die Einf&uuml;hrung von Studienkonten-Modellen. <\/p>\n<p> Immer wieder wurde auf Veranstaltungen auch die Frage aufgeworfen, welche Alternativen es zum herrschenden Kapitalismus g&auml;be. So meinte Peter Wahl (Attac) auf der Veranstaltung &#x92;Sozialforum in Deutschland &#x96; Wie weiter?&#x91;, dass die Frage nach einer Systemalternative in der Luft l&auml;ge. Christoph Spehr wiederum merkte in der Veranstaltung zur Linkspartei an, dass es das Neue w&auml;re, das auch wieder der demokratische Sozialismus auf die Tagesordnung k&auml;me. Auch die Autorin Daniela Dahn sprach sich auf der Veranstaltung &#x92;Arbeitswelt und Menschenw&uuml;rde&#x91; f&uuml;r Perspektiven aus, die &uuml;ber den heutigen Kapitalismus hinaus weisen. Die Wirtschaft sei nicht daf&uuml;r verantwortlich, Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, sondern Profite zu machen, erl&auml;uterte sie. Deshalb k&ouml;nne es auch keine systemimmanenten L&ouml;sungen geben; das hei&szlig;t, die Arbeitslosigkeit k&ouml;nne im Kapitalismus nicht dauerhaft abgeschafft werden. Sie sprach sich daf&uuml;r aus, durch Arbeitszeitverk&uuml;rzung und die R&uuml;ckverstaatlichung bestimmter Betriebe Arbeitspl&auml;tze zu erhalten beziehungsweise neu zu schaffen. &#x92;Ist das Planwirtschaft?&#x91; fragte sie in den Zuschauersaal, der mit Hunderten von Menschen gef&uuml;llt war. Ihre Antwort war, dass die Herrschenden doch heute auch planen w&uuml;rden. Die entscheidende Frage sei deshalb, nach welchem Plan alles l&auml;uft: Nach ihrem oder unserem. &#x92;Ist das radikal?&#x91; fragte sie wieder in die Menge und antwortete selber unter tosendem Applaus: &#x92;Ich sage: Das Radikalste ist das Kapital.&#x91; Wer jedoch dachte, dass sich Daniela Dahn f&uuml;r eine sozialistische Gesellschaft einsetzen w&uuml;rde, wurde entt&auml;uscht, als sie zum Schluss zwar eine andere Wirtschaftsordnung einforderte, dann aber betonte, dass dies eine gemischte Wirtschaft sein sollte. Wie sie forderten an dem Wochenende viele PodiumsrednerInnen eine Ablehnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, ohne jedoch eine Idee einer gesellschaftlichen Alternative jenseits der Profitwirtschaft konkreter zur Diskussion zu stellen. <\/p>\n<p> W&auml;hrend man die Rede von Daniela Dahn trotz einiger Widerspr&uuml;chlichkeiten als ein Highlight des DSF betrachten k&ouml;nnte, sprach auf derselben Veranstaltung ein anderer, noch bekannterer Redner, der stark polarisierte, obwohl er wenig sagte: Frank Bsirske (Gewerkschaftsvorsitzender von ver.di). Er sprach sehr allgemein &uuml;ber die Notwendigkeit des Erhalts von Fl&auml;chentarifvertr&auml;gen und der Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns. Da sich jedoch ein Teil des Publikums sehr wohl bewusst war, dass die Gewerkschaftsspitzen in den letzten Tarifrunden selbst &uuml;ffnungsklauseln und im Falle des Tarifvertrags im &ouml;ffentlichen Dienst der Einf&uuml;hrung einer neuen Niedriglohngruppe zugestimmt hatten, gab es auch Unmut im Saal. Der Hochschullehrer Peter Grottian bekam f&uuml;r seinen Diskussionsbeitrag viel Applaus (und ein paar Buh-Rufe), als er Bsirske aufforderte, klarere inhaltliche Positionen zu beziehen und sich st&auml;rker an gemeinsamen Protest- und Streikformen zu beteiligen. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Versammlung sozialer Bewegungen <\/span><\/p>\n<p> Auf der letzten gemeinsamen Veranstaltung, der &#x92;Versammlung sozialer Bewegungen&#x91;, verfassten die etwa 1.000 Anwesenden eine Abschlusserkl&auml;rung, in der f&uuml;r den Herbst zu massiven Aktionen gegen den Sozialkahlschlag aufgerufen wird. Unter anderem wird am 5. September ein weiterer Aktionstag gegen die &#x91;Hartz IV&#x91;-Gesetze und am 21. November eine Aktions- und Strategiekonferenz der sozialen Bewegungen stattfinden. Desweiteren wurde zur Teilnahme an dem n&auml;chsten deutschen Sozialforum im Herbst 2007, dem n&auml;chsten Europ&auml;ischen Sozialforum im Fr&uuml;hjahr 2006 in Athen, dem dezentral stattfindenden Weltsozialforum Ende Januar 2006 in Caracas (Venezuela), in Karatschi (Pakistan) und in Bamko (Mali) aufgefordert. Au&szlig;erdem wurde mit der Mobilisierung zu Protesten beim G-8-Gipfel im Fr&uuml;hsommer 2006 in Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) begonnen. Die Proteste unter dem Motto &#x92;Gegen die Ausgrenzung der Arbeitslosen, f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen, f&uuml;r ein soziales Europa!&#x91; gegen den EU-Gipfel im Juni 2006 in Wien sollen unterst&uuml;tzt werden. Weiter hei&szlig;t es in der Abschlu&szlig;erkl&auml;rung der sozialen Bewegungen, die Verhinderung des neoliberalen Umbaus unserer Gesellschaft h&auml;nge entscheidend von den Protesten vor und nach den Bundestagswahlen ab. &#x91;Wer auch immer regieren wird und weiteren Sozialabbau betreibt, er mu&szlig; mit unserem massiven Widerstand rechnen.&#x91; <\/p>\n<p> <span style=\"font-style: italic;\">von Ronald Luther (Berlin), Teilnehmer am Deutschen Sozialforum<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 21. bis 24. Juli 2005 fand in Erfurt das 1. Deutsche Sozialforum (DSF) unter dem Motto &#x92;F&uuml;r Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Natur&#x91; statt, an dem etwa 3.500 Menschen aus Deutschland, aber auch aus anderen Teilen der Welt teilnahmen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11346"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11346"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11346\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}