{"id":11331,"date":"2005-07-19T09:33:27","date_gmt":"2005-07-19T09:33:27","guid":{"rendered":".\/?p=11331"},"modified":"2005-07-19T09:33:27","modified_gmt":"2005-07-19T09:33:27","slug":"11331","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/07\/11331\/","title":{"rendered":"Bolivien nach dem Aufstand"},"content":{"rendered":"<p>Massen fordern Verstaatlichung des Energiesektors<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nNach monatelangen Protesten, Streiks und Blockaden in nahezu allen Provinzen Boliviens ist Pr&auml;sident Carlos Mesa am 6. Juni zur&uuml;ckgetreten. &#8222;Dieses Land ist unregierbar&#8220; kommentierte er die Situation Boliviens und &uuml;bergab das Amt an den obersten Richter, Eduardo Rodr&iacute;guez, ab. Als f&uuml;nfter Pr&auml;sident in f&uuml;nf Jahren gibt man auch ihm nicht viel Hoffnung, die Krisenherde Boliviens in den Griff zu bekommen. Es geht um viel, nicht nur f&uuml;r die bolivianische Bev&ouml;lkerung: Die Forderungen, das Erdgas zu verstaatlichen, l&auml;sst Unternehmer aufschreien und das Bush-Regime nerv&ouml;s werden. Die Spaltung innerhalb der bolivianischen Bev&ouml;lkerung verhindert bis jetzt jedoch eine gemeinsame Linie von Koka-Bauern, Ind&iacute;genas des Hochlandes, Minenarbeitern, LehrerInnen und anderen.<br \/>   Carlos Mesa wollte schon im M&auml;rz das Handtuch werfen. Im Oktober 2003 l&ouml;ste er den korrupten Minenbesitzer und Milliard&auml;r Sanchez de Lozada ab, der von den sozialen Bewegungen regelrecht aus dem Land verjagt wurde. Das milit&auml;rische Eingreifen Lozadas in die Proteste gegen die Erdgasexporte nach Chile und in die USA kostete damals &uuml;ber 60 Menschen das Leben. Mesa, parteiloser Historiker und TV-Moderator, galt dann als &#8222;neutrale&#8220; Kraft und versprach eine gewaltfreie L&ouml;sung der Konflikte. 800 Proteste fanden zu seiner Amtszeit statt, von Generalstreiks &uuml;ber der Blockade von 80 Prozent aller Stra&szlig;en bis hin zu Parlamentsbesetzungen.<\/p>\n<p>   <span style=\"font-weight: bold;\">Politische und soziale Instabilit&auml;t<\/span><\/p>\n<p>   Gebeutelt von der Kolonialisierung Spaniens im 16. Jahrhundert zieht sich die Unterdr&uuml;ckung der Bev&ouml;lkerung bis heute fort. 200 Staatstreiche erlebte das Land seit seiner Unabh&auml;ngigkeit 1825. Zumeist brutale Milit&auml;rregierungen, die daf&uuml;r sorgten, dass die unterdr&uuml;ckten Massen (vor allem die 65 Prozent indigene Bev&ouml;lkerung) sich ruhig verhielten. Nach wie vor liegt die politische und &ouml;konomische Macht in den H&auml;nden einer kleinen, wohlhabenden Minderheit (prim&auml;r Wei&szlig;e und Mestizen).<br \/>   Gleichzeitig ist das Andenland eines der &auml;rmsten des Kontinents. Reich an nat&uuml;rlichen Ressourcen (Silber, Gold, Zinn, Zink), gelten Erd&ouml;l und Erdgas als das Gold der Moderne. Seit den neunziger Jahren wurden &uuml;ber vier Milliarden Dollar im Erdgassektor an Auslandsinvestitionen get&auml;tigt. Wem dieser Reichtum jedoch zu Gute kommt, ist allein daran zu sehen, dass &uuml;ber 70 Prozent der BolivianerInnen gar keinen Gasanschluss haben und &uuml;ber 50 Prozent von zwei Euro am Tag leben m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>   <span style=\"font-weight: bold;\">Massenproteste gegen Gro&szlig;konzerne<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>   Im Zuge von Neoliberalismus, Wasserprivatisierung, Arbeitslosigkeit und Lohnk&uuml;rzungen kam es in den letzten Monaten zu immer massiveren Protesten. Zentral wurde die Forderung nach der Verstaatlichung des Energiesektors. W&auml;hrend multinationale Firmen wie Repsol, Shell und British Gas der Regierung mit Klagen, der Internationale W&auml;hrungsfonds (IWF) mit der K&uuml;rzung des Geldflusses nach Bolivien drohen, versuchte Mesa im Mai das neue Erdgasgesetz, das f&uuml;r Abschreibungen 32 Prozent Sondersteuern als m&ouml;glich ansah, zu verabschieden.<br \/>   Evo Morales, F&uuml;hrer der Koka-Bauern und derzeit mit seiner MAS (Bewegung zum Sozialismus) einflussreichste Oppositionskraft, unterst&uuml;tzte Mesa anfangs. Bald musste er sich aber dem Druck der Massen beugen, seine moderate Forderung nach einem Steuersatz  von 50 Prozent verwerfen und die Forderung nach Verstaatlichung unterst&uuml;tzen. Er will 2007 Pr&auml;sident werden.<br \/>   Andere Kr&auml;fte wie die Gewerkschaft COB und die Lehrergewerkschaft verlangten au&szlig;erdem die Aufl&ouml;sung des Parlamentes, eine verfassungsgebende Nationalversammlung und sofortige Neuwahlen.<br \/>   Die Skepsis etablierten Institutionen gegen&uuml;ber ist auch an der Zunahme von neuen Strukturen wie Stadtteilkomitees erkennbar, wie sie gerade in El Alto, der &auml;rmeren Nachbarstadt von La Paz, entstanden.<\/p>\n<p>   <span style=\"font-weight: bold;\">Vor einem B&uuml;rgerkrieg?<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>   In seiner R&uuml;cktrittserkl&auml;rung warnte Mesa vor einem bevorstehenden B&uuml;rgerkrieg und der Zersplitterung des Landes. Aber mit faulen Kompromissen haben die benachteiligten BolivianerInnen Jahrzehnte lang ihre Erfahrungen gesammelt und haben die Nase voll. In der Tat wird es aber die schwierigste Aufgabe der Zukunft sein, die Kr&auml;fte der unterdr&uuml;ckten Massen zu einen. Vor allem die sich verst&auml;rkenden Autonomiebestrebungen der reicheren Provinzen im S&uuml;dosten Boliviens gegen&uuml;ber dem armen Nordwesten zeigen diese Gefahr auf.<br \/>   Es existieren Elemente einer Doppelmacht. In El Alto, aber auch La Paz werden Strom- und Lebensmittelversorgung zum Teil von unten organisiert. Die &ouml;rtlichen Komitees m&uuml;ssen auf allen Ebenen vernetzt werden. Entscheidend ist der Aufbau einer Arbeiterpartei mit sozialistischem Programm, das Spaltungstendenzen &uuml;berwinden kann und f&uuml;r eine Arbeiter- und Bauernregierung und die Verstaatlichung der Banken und Konzerne unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung mobilisiert. Um sich vor einem Putsch zu sch&uuml;tzen, m&uuml;sste an Soldaten appelliert werden mit den Befehlshabern zu brechen und Soldatenkomitees zu bilden. Eine solche revolution&auml;re Bewegung Boliviens m&uuml;sste einen internationalen Appell starten und auf die Ausdehnung in andere L&auml;nder Lateinamerikas setzen.<\/p>\n<p>   <span style=\"font-style: italic;\">von Marlene Hentschel, Berlin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Massen fordern Verstaatlichung des Energiesektors<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[173],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11331"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11331"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11331\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}