{"id":11330,"date":"2005-07-24T09:31:51","date_gmt":"2005-07-24T09:31:51","guid":{"rendered":".\/?p=11330"},"modified":"2005-07-24T09:31:51","modified_gmt":"2005-07-24T09:31:51","slug":"11330","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/07\/11330\/","title":{"rendered":"Iran nach den Wahlen &#8211; zur&#252;ck in die Vergangenheit?"},"content":{"rendered":"<p>  Ahmadinedschad, ein konservativer Islamist, ist neuer Pr&#228;sident<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Der islamistische Hardliner Ahmadinedschad hat sich bei der Stichwahl   zum iranischen Pr&#228;sidenten im Juni mit knapp 62 Prozent der abgegebenen   Stimmen gegen seinen Rivalen Rafsandschani durchgesetzt. Damit schl&#228;gt   der Iran ein neues Kapitel sozialer Konflikte auf.<br \/>Es w&#228;re zu   vereinfacht, den Wahlerfolg Ahmadinedschads, seit 2003 B&#252;rgermeister   Teherans, nur auf die Unzufriedenheit der verarmten Massen zu   reduzieren. Sicher hat dieser geschickt soziale Rhetorik angewendet, um   die wachsende Unzufriedenheit f&#252;r sich zu nutzen. So versprach er den   Schutz des staatlichen &#214;lsektors vor einer Pl&#252;nderung durch westliche   Konzerne und eine Reichensteuer zur Finanzierung sozialer Projekte.<br \/>Aber   seine Wahl ist Ausdruck eines tiefsitzenden Konflikts innerhalb der   herrschenden Elite des Landes. Im Iran schwillt seit Jahren dieser   Konflikt an. Auf der einen Seite repr&#228;sentiert Rafsandschani den Teil   der iranischen Kapitalisten, der f&#252;r eine weitere &#214;ffnung des Marktes   eintritt. Darum setzten die meisten westlichen Konzern- und   Regierungschefs auf ihn (allerdings nicht Bush, weil dieser auf eine   st&#228;rkere Konfrontation aus ist). Auf der anderen Seite steht   Ahmadinedschad f&#252;r die meist kleineren Kapitalisten und kleinen H&#228;ndler   und ihre Angst, unter dem Druck der gro&#223;en multinationalen Konzerne   zerrieben zu werden. Sowohl Ahmadinedschad wie auch Rafsandschani sind   lediglich Repr&#228;sentanten zweier Fl&#252;gel der herrschenden Schicht des Iran.<br \/><b><br \/><span>Reformer   am Ende<\/span><\/b><\/p>\n<p>Im ersten Wahlgang konnte der als Reformer   geltende Mustafa Moin nur knapp 14 Prozent aller Stimmen f&#252;r sich   gewinnen. Das ist eine Ohrfeige f&#252;r Chatami, der urspr&#252;nglich f&#252;r   soziale und demokratische Erneuerung angetreten war und so 1997 mit 70   Prozent der Stimmen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt wurde. Gro&#223;e Teile der   iranischen Arbeiterschaft und der Jugend setzten ihre Hoffnungen in die   Reformer. Acht Jahre sp&#228;ter sind die Illusionen l&#228;ngst von der Realit&#228;t   eingeholt.<br \/>Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 bis 35 Prozent. Unter   der Jugend ist fast jeder Zweite ohne Arbeit. Mindestens 40 Prozent der   IranerInnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Das Pro-Kopf-Einkommen ist   heute um ein Drittel niedriger als im Jahre 1978. Selbstmorde,   Drogenmissbrauch und Prostitution nehmen zu. Die &#214;l-Einnahmen haben sich   seit 1999 verdreifacht. Jedoch profitiert nur die reiche Minderheit   davon. Die gro&#223;e Mehrheit ist mit zunehmender wirtschaftlicher   Unsicherheit und einer Inflation von beinahe 20 Prozent konfrontiert.   Diese Entwicklungen haben sich seit Chatamis Amtsantritt durch seine   Politik der Liberalisierung und Privatisierung beschleunigt.<br \/>Aber   auch die versprochenen pers&#246;nlichen und kulturellen Freiheiten blieben   aus. Es gab lediglich ein paar Lockerungen bestimmter Kleiderordnungen.   Da Chatami kein Interesse hatte, sich mit den m&#228;chtigen klerikalen   F&#252;hrern anzulegen, lie&#223; er zu, dass reformorientierte Zeitungen   verboten, oder sogar seine engsten Vertrauten verhaftet wurden. Als es   wiederholt zu Protesten der Jugend kam, lieferte Chatami sie ans Messer.   So verloren die Reformer die Unterst&#252;tzung der Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p><span><b>Neue   Etappe sozialer Konflikte<\/b><\/span><\/p>\n<p>Trotzdem hatte die   Chatami-&#196;ra einen wichtigen Effekt. Dadurch dass Chatami &#8211; wenn auch   immer abgeschw&#228;chter &#8211; sich f&#252;r soziale und demokratische Erneuerung   aussprach und sich damit gegen den radikalen Klerus stellte, wuchs das   Selbstbewusstsein der IranerInnen. Es ist weniger der Realpolitik der   Reformer zu verdanken, als dem Willen der Jugend nach Freiheit und   Solidarit&#228;t, dass &#246;ffentliche Kritik, wenn auch begrenzt, m&#246;glich ist   und wieder Feste gefeiert werden k&#246;nnen. Beides ist offiziell verboten.<br \/>In   den letzten Jahren waren die Radikalislamisten um den   &#8217;Revolutionsf&#252;hrer&quot; Chamenei immer wieder gezwungen, R&#252;ckzieher zu   machen. Das f&#252;hrte jedesmal zu einer St&#228;rkung des Selbstbewusstseins der   Massen. Mit dem Hardliner Ahmadinedschad als Pr&#228;sident werden sie   versuchen, durch st&#228;rkere Repressionen, durch massive Einschr&#228;nkung der   gewonnenen Freiheiten ihre Position zu festigen. Ahmadinedschad ist der   Kopf der militanten Organisation Bassij und bekannt f&#252;r seine   Erfahrungen im Bereich Folter und Terror.<br \/>Allerdings bewegen sich die   Hardliner auf d&#252;nnem Eis. Nur die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung nahm an den   Wahlen teil. Darunter viele, die auf die soziale Rhetorik von   Ahmadinedschad hereingefallen sind. Wahrscheinlich, dass der neue   Pr&#228;sident den Sozialabbau der letzten Jahre fortsetzt. Entscheidend ist   aber, dass die iranische Arbeiterklasse und die Jugend ihr einmal   gewonnenes Selbstbewusstsein nicht kampflos aufgeben werden. Damit ist   der Iran in eine neue Phase eingetreten. Schon eine Provokation der   Machthaber kann schnell zu massiver Gegenwehr f&#252;hren und die Situation   eskalieren lassen. Gr&#246;&#223;ere soziale Bewegungen und neue Aufst&#228;nde stehen   bevor.<br \/>Nach der &#196;ra der Reformer ist die Frage nach Alternativen zu   Islamismus und Imperialismus wieder sehr konkret geworden. Die   Illusionen in eine schrittweise Ver&#228;nderung des Iran sind ersch&#252;ttert.   Die Frage nach Systemalternativen und Sozialismus hat eine neue   Aktualit&#228;t erreicht.<\/p>\n<p><span><i>von Toufan Azadi, K&#246;ln<\/i><\/span><i><br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ahmadinedschad, ein konservativer Islamist, ist neuer Pr&#228;sident\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38,40],"tags":[173],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11330"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11330\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}