{"id":11319,"date":"2005-07-04T09:44:35","date_gmt":"2005-07-04T09:44:35","guid":{"rendered":".\/?p=11319"},"modified":"2005-07-04T09:44:35","modified_gmt":"2005-07-04T09:44:35","slug":"11319","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/07\/11319\/","title":{"rendered":"Uniklinik Leipzig: Privatisierung vorerst abgewendet"},"content":{"rendered":"<p>Personalrat mobilisert &uuml;ber 500 Besch&auml;ftigte. KollegInnen zeigen Kampfbereitschaft gegen Privatisierung und weitere Tarifabsenkungen.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Es muss endlich Schluss sein mit der permanenten Verunsicherung der Kollegen!&#8221;<\/span> forderte Sebastian Will, der Personalratsvorsitzende der Leipziger Uniklinik, auf der Personalversammlung am 30. Juni. Tosender Applaus erschallte im Saal, als er seine Rede beendete mit einer Ermahnung an den bei den KollegInnen verhassten Dr. Keller, den &#8220;&Ouml;konomischen Vorstand&#8221; der Uniklinik: <span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass die &uuml;berwiegende Mehrheit der Besch&auml;ftigten und der Personalrat ALLES, aber auch ALLES in ihrer Macht stehende tun werden, um einen Verkauf zu verhindern!&#8221;<\/span> <br \/>  Zum zweiten mal innerhalb weniger Monate hatte der Personalrat die KollegInnen zu einer au&szlig;erordentlichen Personalversammlung mobilisiert, um gegen die drohende Privatisierung vorzugehen. Und trotz Schichtdienst und obwohl die KollegInnen wie schon im Februar nicht offiziell durch den Vorstand &uuml;ber die Versammlung informiert wurden kamen &uuml;ber 500 der 2900 KollegInnen. Ein deutliches Signal der Kampfbereitschaft und der Unzufriedenheit. <br \/>  Seit &uuml;ber 10 Jahren wird auf die Privatisierung hingearbeitet. Ein Projekt, das bisher immer am Widerstand der Besch&auml;ftigten scheiterte. Es gelang den Bossen jedoch, die Rechtsform der Uniklinik zu &auml;ndern (heute: &#8220;Anstalt &ouml;ffentlichen Rechts&#8221;), ein erster Schritt zur Privatisierung. Au&szlig;erdem wurde der Tarif des &Ouml;ffentlichen Dienstes (BAT) aufgebrochen. Bis heute wurden f&uuml;nf Tarifstufen geschaffen, also eine fast allgemeine Absenkung der L&ouml;hne. Mit jedem neu Eingestellten steigt der Anteil der Besch&auml;ftigten, die au&szlig;ertariflich bezahlt werden. <br \/>  Der Hass auf Dr. Keller r&uuml;hrt auch daher, dass er diesen Prozess vorangetrieben hat. Nicht zuletzt hat er &#8211; wie Will auf der Versammlung erw&auml;hnte &#8211; vor kurzem auf einer &#8220;Fachtagung&#8221; einen Vortrag gehalten &uuml;ber &#8220;Die Welt der Uniklinika &#8211; ohne BAT&#8221;! Eine offene Drohung an die Besch&auml;ftigten, dass weitere Absenkungen folgen werden. <br \/>  Keller malte auf der Versammlung ein Horrorszenario, um die Besch&auml;ftigten einzusch&uuml;chtern: Bis 2010 werde die Uniklinik wegen neuer Gesetze 90 Millionen Miese machen und bis 2020 werde es in Deutschland eh nur noch 20 Uniklinika geben (Zwischenruf: &#8220;Reine Spekulation!&#8221;). Au&szlig;erdem machen die Personalkosten ja 60 Prozent der Kosten aus, so dass die KollegInnen mal lieber sch&ouml;n verzichten sollten. Schlie&szlig;lich gebe es ja eine Staatsverschuldung von 1,4 Billionen Euro. Deshalb: <span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Wer sich hier so polemisierend hinstellt, der verkennt die Realit&auml;t!&#8221;<\/span> Und: <span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Sie haben ja erlebt vor 15 Jahren wie die Diskussion sich darstellt!&#8221;<\/span> Offensichtlich ein Hinweis darauf, dass die &#8220;Marktgesetze&#8221;, denen wir uns heute stellen m&uuml;ssten, eben alternativlos sind&#8230; <br \/>  Keller hatte am 25. Mai v&ouml;llig &uuml;berraschend eine Pressemitteilung heraus gegeben, dass nur eine Privatisierung der Uniklinik das drohende Defizit verhindern k&ouml;nne. Danach versuchte er sogar, den Personalrat einzusch&uuml;chtern, indem er gegen&uuml;ber Will behauptete, er habe im Auftrag des s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Milbradt gehandelt &#8211; was dieser dann dementierte! <br \/>  Keller hatte jedoch bereits eine klare Zeiteinteilung vorgenommen: Bis Mitte Juli Abschluss der politischen Meinungsbildung, Privatisierung zum 1. Juli 2006! Und die entsprechende Internetadresse f&uuml;r die erhoffte &#8220;Unisanitas AG&#8221; hatte er sich auch schon reserviert! Personalrat Will griff in seiner Rede auch scharf an, dass Keller seine Untergebenen angewiesen hatte, bei den Besch&auml;ftigten f&uuml;r eine Privatisierung zu werben. Dies k&ouml;nne als St&ouml;rung des Betriebsfriedens ausgelegt werden. <br \/>  Derzeit rudern alle politisch Verantwortlichen zur&uuml;ck. Keiner will angeblich die Privatisierung, alle beschwichtigen, Bundestagswahlen stehen ins Haus&#8230; Der Minenhund Keller hat seine Schuldigkeit getan. Da der Aufsichtsrat der Uniklinik seinen Vertrag sowieso beendet hat, wollte er diesen Vorsto&szlig; wohl erst recht noch ein weiteres Mal wagen. <br \/>  Unabh&auml;ngig von der Frechheit, Dreistigkeit und Eigentm&auml;chtigkeit Kellers stellt sich f&uuml;r die Besch&auml;ftigten die Frage, wie die Privatisierung dauerhaft abgewehrt werden kann. Und: Wie k&ouml;nnen im Gesundheitswesen nach all den Verschlechterungen der letzten Jahre endlich menschenw&uuml;rdige Zust&auml;nde geschaffen werden? <br \/>  Diverse Professoren und &#8220;hohe&#8221; Pers&ouml;nlichkeiten betonten auf der Versammlung immer wieder, dass der &#8220;Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt&#8221; dramatische Folgen habe. 500 Krankenh&auml;user w&uuml;rden in den n&auml;chsten Jahren vom Markt verschwinden und die Uniklinik m&uuml;sse da irgendwie mithalten. Manche bef&uuml;rworteten eine &#8220;Alternative&#8221; zur Privatisierung: Die Uniklinik sei doch selbst stark genug und k&ouml;nne sich auch ohne private Investoren auf dem Markt halten. <br \/>  Eine unr&uuml;hmliche Rolle spielte in dieser Diskussion auch das Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft ver.di, Pieper, der extra nach Leipzig gekommen war, um den Besch&auml;ftigten zu erkl&auml;ren, dass man ja eine Umstrukturierung des Gesundheitswesens nur mit &#8220;motivierten Mitarbeitern&#8221; hinkriege, und dass man die KollegInnen da &#8220;mitnehmen&#8221; m&uuml;sse! <br \/>  Er bot dem Vorstand an, den neuen &#8220;Tarifvertrag des &Ouml;ffentlichen Dienstes&#8221; (TV&ouml;D) anzunehmen, den ver.di bereits mit Bund und Kommunen abgeschlossen hat. Der TV&ouml;D beinhaltet unter anderem eine neue Niedriglohngruppe, Leistungslohn und M&ouml;glichkeiten zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Au&szlig;erdem bot Pieper dem Vorstand an, &uuml;ber eine &#8220;Mitarbeiterkapitalbeteiligung&#8221; zu verhandeln. Wenn die KollegInnen sich mit einem Teil ihres Lohnes am Kapitalstock der Uniklinik beteiligen w&uuml;rden, dann sei das eine <span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Perspektive, um an die n&ouml;tigen Mittel zu kommen&#8221;<\/span>! <br \/>  Diese Ausf&uuml;hrungen des ver.di-Spitzenfunktion&auml;rs zeigen mal wieder, wie bitter n&ouml;tig eine k&auml;mpferische Opposition in den Gewerkschaften ist. W&auml;hrend sich AktivistInnen an der Basis abrackern, um neue Mitglieder f&uuml;r die Gewerkschaft zu gewinnen, um Widerstand gegen weitere Verschlechterungen leisten zu k&ouml;nnen, verteilt die F&uuml;hrung solche Nackenschl&auml;ge: Es geht nach ihrer Ansicht nicht mehr darum, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Besch&auml;ftigten prinzipiell zu verteidigen und zu verbessern, sondern darum die Besch&auml;ftigten &#8220;mitzunehmen&#8221; bei der marktwirtschaftlichen Umstrukturierung des Gesundheitswesens und der Leipziger Uniklinik. <br \/>  Personalrat Will hat in seiner Rede klar gemacht: <span style=\"font-style: italic;\">&#8220;Wir sind kein Privateigentum, das man verscherbeln kann! Wir schaffen die Werte, die andere verkaufen wollen!&#8221;<\/span> Das ist die Richtung, die die Gewerkschaften einschlagen m&uuml;ssen, um wieder erfolgreich Arbeitnehmerinteressen zu vertreten. Der derzeitige Personalrat hat mit seiner klaren Haltung gegen Privatisierung und Lohnraub bewiesen, dass man die Gewerkschaften auch wirklich aufbauen kann: der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der Uniklinik hat sich von 10 auf 30 Prozent erh&ouml;ht! <br \/>  Es ist auch wieder dringend n&ouml;tig, politische Antworten zu geben auf die Misere der &ouml;ffentlichen Kassen, die ja immer wieder herhalten muss, um Privatisierungen und Sozialk&uuml;rzungen zu rechtfertigen. Klar ist: Die &ouml;ffentlichen Kassen wurden geleert, um den Konzernen weitere Steuergeschenke zu machen. Eine Krankenschwester zahlt heute mehr Steuern als Daimler-Chrysler. Auch dagegen muss sich der Widerstand der Besch&auml;ftigten und der Gewerkschaften richten! Wir m&uuml;ssen uns das Geld zur&uuml;ckholen f&uuml;r Arbeit, Soziales, Bildung und Umwelt, f&uuml;r sinnvolle Arbeitspl&auml;tze! <br \/>  Die dramatisch zunehmende Kommerzialisierung des Gesundheitswesens muss entschieden bek&auml;mpft werden. Mit dem Fallpauschalengesetz hat die Bundesregierung diesen Prozess weiter angeheizt. Gesundheit wird immer weniger unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit und der Heilung betrachtet. Nur noch der Profit z&auml;hlt. <br \/>  Gesundheitskonzerne wie die R&ouml;hn AG brechen sich mit der Gesundheit einen neuen Markt auf, der den Unternehmen bisher nicht zur profitablen Verwertung zur Verf&uuml;gung stand. Die etablierten Parteien helfen ihnen dabei. Besch&auml;ftigte und PatientInnen leiden darunter. So w&uuml;rde eine Privatisierung f&uuml;r die Leipziger KollegInnen neue Arbeitsvertr&auml;ge und damit eine weitere Absenkung der L&ouml;hne bedeuten. <br \/>  Doch das gleiche l&auml;uft auch in anderen Bereichen des &Ouml;ffentlichen Dienstes. So wird in Leipzig diskutiert, weitere kommunale Betriebe, wie zum Beispiel die Stadtreinigung oder das St. Georg-Krankenhaus zu privatisieren. Ein gemeinsamer Widerstand von Besch&auml;ftigten und NutzerInnen k&ouml;nnte die Verkaufspl&auml;ne verhindern und auch Besch&auml;ftigte der Privatindustrie ermutigen, gegen weitere Verschlechterungen vorzugehen. <br \/>  Au&szlig;erdem schwelt immer noch der Konflikt um einen Tarifvertrag f&uuml;r die Landesbesch&auml;ftigten. Die KollegInnen der Unikliniken sind ein wichtiger Teil dieser Besch&auml;ftigten. Wenn ver.di sie endlich zusammen mit den KollegInnen aus anderen Landesbetrieben entschlossen f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne mobilisieren w&uuml;rde, dann k&ouml;nnte eine Schlagkraft entwickelt werden, die auch gegen die zunehmenden Bestrebungen zur Privatisierung eingesetzt werden k&ouml;nnte. <br \/>  SAV-Mitglieder haben nach der Personalversammlung Flugbl&auml;tter verteilt zur WASG-Veranstaltung &#8220;Privatisierungen stoppen!&#8221; Es kommt jetzt darauf an, eine politische Alternative zu den Parteien der Zweiklassen-Medizin, der Privatisierung und des Sozialkahlschlags aufzubauen. Die Veranstaltung findet statt am Donnerstag, den 7. Juli, um 19 Uhr im Kulturbundhaus, Elsterstra&szlig;e 35, im Saal in der 1. Etage. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Christoph W&auml;lz, Leipzig<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Personalrat mobilisert &uuml;ber 500 Besch&auml;ftigte. 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