{"id":11301,"date":"2005-06-24T20:54:27","date_gmt":"2005-06-24T20:54:27","guid":{"rendered":".\/?p=11301"},"modified":"2005-06-24T20:54:27","modified_gmt":"2005-06-24T20:54:27","slug":"11301","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/06\/11301\/","title":{"rendered":"Was sind Hedgefonds und was treiben sie?"},"content":{"rendered":"<p>Hedgefonds sind kein raffgieriger Fremdk&ouml;rper sondern Ausdruck des allgemeinen Niedergangs des Kapitalismus<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIm Mai st&uuml;rzte der Hedgefonds TCI (The Children&#x92;s Investment Fund) den Vorstandschef Seifert und den Aufsichtsratsvorsitzenden Breuer der Deutschen B&ouml;rse AG. Im NRW-Wahlkampf versuchte M&uuml;ntefering, den Kapitalismus vor Kritik abzuschirmen, indem er einzelne ausl&auml;ndische Hedgefonds und andere &#x84;Heuschrecken&#x93; zum S&uuml;ndenbock machte (was absurderweise &#x84;Kapitalismus-Kritik&#x93; genannt wurde). Was sind diese merkw&uuml;rdigen Hedgefonds wirklich?<br \/>  Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Spekulation, der platzenden Spekulationsseifenblasen und der Skandale. 1715 gab es den &#x84;S&uuml;dseeschwindel&#x93; (nach dem Vorbild der &#x84;Ostindischen Kompanie&#x93; war eine &#x84;S&uuml;dseegesellschaft&#x93; gegr&uuml;ndet worden, aber komischerweise gab es in der S&uuml;dsee weniger Reichtum auszupl&uuml;ndern als bei indischen Gro&szlig;moguln), 1873 brach im deutschen Gr&uuml;nderkrach auch das Strousberg-Eisenbahnimperium zusammen.<br \/>  Trotzdem hat auch die Spekulation ihre Konjunkturen. Als vor drei&szlig;ig Jahren das System der festen Wechselkurse zusammenbrach, Devisenkurse und Rohstoffpreise Achterbahn fuhren, erfanden Industrieunternehmen Mittel, um sich durch &#x84;Gegengesch&auml;fte&#x93; vor unfreiwilliger Spekulation zu sch&uuml;tzen. Bildlich gesprochen: Man wirft eine M&uuml;nze und wettet zugleich, dass man beim M&uuml;nzewerfen verliert. Auf die Weise hat man immer einmal gewonnen und einmal verloren, entweder beim M&uuml;nzewerfen oder beim Wetten, so dass es sich gegenseitig ausgleicht.<br \/>  Zugleich f&uuml;hrten die Wirtschaftskrisen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre zu einem Einbruch der Profite. Industriekonzerne wie Daimler (&#x84;eine Gro&szlig;bank, die nebenher Autos produziert&#x93;) oder Siemens erzielten mehr Gewinn mit Geldgesch&auml;ften als mit Industrieprodukten. Die Mittel gegen unfreiwillige Spekulation lie&szlig;en sich da genauso gut f&uuml;r freiwillige Spekulation verwenden, um durch Spekulationsgewinne mangelnde Industrieprofite auszugleichen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Eine Erfolgsstory?<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Der erste Hedgefonds wurde 1949 von Alfred Winslow Jones gegr&uuml;ndet. In den siebziger Jahren gab es einige Hundert. Sie machten &uuml;berdurchschnittliche Profite durch riskante Anlagestrategien. Sie spekulierten auf fallende Kurse, indem sie Wertpapiere liehen, verkauften, nach einer Weile &#x96; wenn es klappte, zu einem niedrigeren Kurs &#x96; zur&uuml;ckkauften und ihrem Eigent&uuml;mer zur&uuml;ckgaben. Da sie juristisch keine Firmen waren, sondern private Clubs von Superreichen (Mindesteinlage meist ein bis zwei Millionen Dollar), unterlagen sie keinen Regulierungen. Inzwischen wurden in den USA Regulierungen eingef&uuml;hrt, anderswo werden sie diskutiert, aber man kann ja in Steueroasen ausweichen&#8230; Sie verwendeten neben den Einlagen ihrer Investoren auch umfangreiche Kredite. Bei Erfolgen gab das h&ouml;here Profite, bei Misserfolgen auch riesige Verluste. Aber wenn es ganz schlimm kam, wie 1998 bei der Pleite von LTCM (Long Term Capital Management), sprang der Staat &#x96; in diesem Fall die US-Notenbank &#x96; ein, getreu dem Motto &#x84;Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren&#x93;.<br \/>  Die Hedgefonds-Manager strichen hohe Geb&uuml;hren ein und wurden stinkreich. In den letzten Jahren n&auml;herten sich die Profite der Hedgefonds aber denen anderer Anlagefonds an. Die Zahl der Hedgefonds und damit die Konkurrenz unter ihnen nahm zu und verringerte die Profite, andere Fonds &uuml;bernahmen die Hedgefonds-Methoden oder legten ihr Geld einfach in Hedgefonds an &#x96; mit der Folge, dass zum Beispiel Pensionsfonds (und damit die Altersrenten von Millionen Menschen weltweit) von hochriskanten B&ouml;rsenoperationen abh&auml;ngen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Stagnation oder Wirtschaftskrach?<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Die neunziger Jahre waren eine Kette von Spekulationskrisen. 1992 brach das Europ&auml;ische W&auml;hrungssystem zusammen, zwei Jahre sp&auml;ter folgte die &#x84;Tequila-Krise&#x93; in Mexiko. 1997-99 gab es einen Fl&auml;chenbrand von W&auml;hrungszusammenbr&uuml;chen: Es begann mit dem thail&auml;ndischen Baht, breitete sich in S&uuml;dostasien aus, griff auf Lateinamerika &uuml;ber, st&uuml;rzte dann den russischen Rubel in den Keller und riss dabei den LTCM-Hedgefonds mit. US-Notenbank-Chef Greenspan rechtfertigte sein Eingreifen damit, dass es sonst einen Supergau der Finanzm&auml;rkte gegeben h&auml;tte. 2001 platzte die dot.com-Seifenblase und zog die Aktienb&ouml;rsen mit nach unten. Durch massive Zinssenkungen in den USA und das Pumpen von Geld in die Wirtschaft wurden die Finanzm&auml;rkte stabilisiert. Die gewaltige Kapitalvernichtung verringerte die Spekulation vor&uuml;bergehend, aber in den letzten Jahren nahm sie wieder zu. Das ist typisch f&uuml;r die Endphase eines Aufschwungs, bevor die Wirtschaft in die Krise kippt.<br \/>  Die beiden Lokomotiven der Weltwirtschaft, die USA und China, haben zunehmende Probleme. Die Frage ist nicht, ob der Aufschwung weitergeht, sondern ob ihm eine kleinere Krise oder ein tiefer Wirtschaftskrach folgt. Die Regierungen und Notenbanken werden wie Ende der neunziger Jahre alle Hebel in Bewegung setzen, um einen Supergau des Finanzsystems zu verhindern. Aber werden sie es schaffen? Eine Folge der Entwicklung von Hedgefonds und von neuen Finanzinstrumenten wie Derivaten ist, dass die verschiedenen M&auml;rkte (Aktien, Devisen oder Rohstoffe) viel enger verbunden sind. Eine Folge kann sein, dass bei einer Krise nicht nur ein Kartenhaus zusammenbricht, sondern mehrere.<br \/>  Nach dem Sturz von Seifert und Breuer von der Deutschen B&ouml;rse wurde spekuliert, dass das traditionelle Netzwerk von Konzernen und Banken in Deutschland zunehmend zerst&ouml;rt wird. Diesen Trend gibt es, aber bei einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise kann das Pendel leicht zur&uuml;ck schwingen zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft (zum Beispiel R&uuml;stungsauftr&auml;ge oder Prestigeprojekte), Protektionismus (insbesondere auf der Ebene von Wirtschaftsbl&ouml;cken) und Handelskriegen.<br \/>  Der Kapitalismus bietet uns nur noch die Wahl zwischen der Pest von Deregulierung, Privatisierung, Ausschlachtung von aufgekauften Firmen, Produktionsverlagerung in Billiglohnl&auml;nder oder der Cholera von Aufr&uuml;stung, Protektionismus und Handelskriegen (oder einer Kombination von beidem) &#x96; und in jedem Fall Umverteilung von unten nach oben.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Wolfram Klein, Weil der Stadt<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hedgefonds sind kein raffgieriger Fremdk&ouml;rper sondern Ausdruck des allgemeinen Niedergangs des Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[172],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11301"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11301"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11301\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}