{"id":11298,"date":"2005-06-20T20:46:11","date_gmt":"2005-06-20T20:46:11","guid":{"rendered":".\/?p=11298"},"modified":"2005-06-20T20:46:11","modified_gmt":"2005-06-20T20:46:11","slug":"11298","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/06\/11298\/","title":{"rendered":"Polen vor 25 Jahren: Aufstieg und Fall einer Gewerkschaft"},"content":{"rendered":"<p>Zehn Millionen ArbeiterInnen organisierten sich in der Gewerkschaft Solidarnosc<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAls am 14. August 1980 auf der Gdansker Lenin-Werft die Kranf&uuml;hrerin Anna Walentynowicz wegen ihres Einsatzes f&uuml;r bessere Arbeitsbedingungen, gleiche Bezahlung f&uuml;r Frauen und M&auml;nner und freie Gewerkschaften entlassen wurde, legten 17.000 Werftarbeiter die Arbeit nieder und besetzten die Werft. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der &#x84;Strajk&#x93;; innerhalb von drei Tagen griff er auf das ganze Land &uuml;ber.<br \/>  Dieser Streik kam keineswegs aus dem Nichts. Gerade unter der Arbeiterschaft g&auml;rte es. Immer wieder hatte die Regierung die Arbeitsnormen erh&ouml;ht und gleichzeitig die Preise f&uuml;r Lebensmittel raufgesetzt.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Stalinismus<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  In Polen bestand das gleiche Regime wie im gesamten Ostblock. Eine Schicht von Partei- und Staatsfunktion&auml;ren herrschte &uuml;ber einer verstaatlichten Wirtschaft. Trotz angeblicher &#x84;Entstalinisierung&#x93; nach dem Tode des sowjetischen Diktators Stalin existierten in den Satelliten-Staaten wie Polen oder der DDR weiter dieselben Machtstrukturen. Eine privilegierte B&uuml;rokratie thronte &uuml;ber der verstaatlichten Wirtschaft und niemand kontrollierte sie. Die DDR war f&uuml;r diese Funktion&auml;rsschicht &#x96; in Worten &#x96; ein &#x84;Arbeiter- und Bauernstaat&#x93;, Polen eine &#x84;Volksdemokratie&#x93;&#8230; Doch wehe, wenn &#x84;die Arbeiter&#x93; oder &#x84;das Volk&#x93; mal gegen die herrschende Funktion&auml;rsschicht aufbegehrten. Dann wurde mit Polizei und Panzern dem Volk und im speziellen den ArbeiterInnen aufs Haupt geschlagen. So zum Beispiel 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen und 1970 in Polen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Das &#x84;&uuml;berbetriebliche Streikkomitee&#x93;<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Schon einen Monat vor der August-Erhebung gab es eine erfolgreiche Streikwelle gegen Preiserh&ouml;hungen. Damit wurde das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen gest&auml;rkt. Gleichzeitig kam in verschiedenen Gro&szlig;betrieben die Forderung nach einer koordinierenden Organisation, einer nicht vom Staat kontrollierten Gewerkschaft, auf.<br \/>  Als nun am 14. August auf der Lenin-Werft gestreikt wurde, bildete sich ein Streikkomitee. Der Elektriker Lech Walesa wurde zu einem der Sprecher ernannt. Da dieser Streik auf die ganze Stadt &uuml;bergriff, wurde aus der Streikleitung ein &#x84;&uuml;berbetriebliches Streikkomitee&#x93;.<br \/>  Bereits drei Tage sp&auml;ter, am 17. August, war dieses &#x84;&uuml;berbetriebliche Streikkomitee&#x93; aus Gdansk das Sprachrohr der &uuml;berall im Lande streikenden Belegschaften. Das Streikkomitee formulierte seine &#x84;21 Forderungen von Gdansk&#x93;, worin sie die Abschaffung der Parteiprivilegien, die Freilassung der politischen Gefangenen, Pressefreiheit, Streikrecht, freie Gewerkschaften und offene Diskussionen &uuml;ber die Wirtschaftskrise forderten.<br \/>  Die landesweite Streikwelle hatte mit dem Streikkomitee aus Gdansk pl&ouml;tzlich eine landesweite Koordination. Lech Walesa &#x96; und die Streikleitung der Lenin-Werft &#x96; wurden pl&ouml;tzlich zur F&uuml;hrung der gesamten polnischen Arbeiterschaft. Noch im August folgten Streiks im ganzen Land. Das &#x84;&uuml;berbetriebliche Streikkomitee&#x93; wurde beauftragt, die Forderungen der Arbeiterschaft der Regierung gegen&uuml;ber zu vertreten.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Regierung unter Druck<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Mit dieser koordinierten Aktion der Mehrheit der polnischen Arbeiterschaft konnte die Regierung sich nicht messen. Ein Einsatz von Armee und Polizei h&auml;tte zu diesem Zeitpunkt eher ihren eigenen Sturz nach sich gezogen. Der sp&auml;tere Putschist, General Jaruzelski, warnte deshalb im August 1980 die Regierung Gierek vor dem Einsatz der Armee.<br \/>  Um zu &uuml;berleben, musste die Regierung nachgeben. Der stellvertretende Ministerpr&auml;sident Jagielski musste am 31. August 1980 die &#x84;Vereinbarung von Gdansk&#x93; unterschreiben. Darin gew&auml;hrte die Regierung das Recht auf unabh&auml;ngige Gewerkschaften mit Streikrecht und Zugang zu den Massenmedien. Das war die Geburtsstunde der Solidarnosc. Innerhalb weniger Wochen wurde die Solidarnosc zum Zentrum der Bewegung. Davon angespornt, entstand auch unter der Bauernschaft eine &#x84;Bauern-Solidarnosc&#x93;. Und auch Student-Innen und Intellektuelle gr&uuml;nden ihre Solidarnosc. Im November 1980 traten von den 16 Millionen Besch&auml;ftigten rund zehn Millionen der neuen Gewerkschaft bei. Und auch die herrschende Partei, die PVAP, verlor &uuml;ber eine Million Mitglieder an Solidarnosc.<br \/>  Unter diesem Eindruck beschloss sogar der Zentralrat der offiziellen Gewerkschaft, CRZZ, seine Selbstaufl&ouml;sung. Am 5. September trat die Regierung unter Gierek zur&uuml;ck. Nun war die Krise f&uuml;r alle offensichtlich. Ein Machtvakuum tat sich auf.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Doppelherrschaft<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Das ganze Land wendete sich der Solidarnosc zu. Walesa und Co. suchten die Verhandlung mit der Regierung. Dadurch wurde die Aktivit&auml;t der Massen auf erm&uuml;dende Verhandlungsrunden an &#x84;Runden Tischen&#x93; und Fernseh-Debatten gelenkt. Fast eineinhalb Jahre zog sich das hin.<br \/>  Hier eine neue Macht &#x96; mit &uuml;ber zehn Millionen organisierten ArbeiterInnen, die faktisch die Kontrolle &uuml;ber die Produktion aus&uuml;bten &#x96; und da eine verhasste Regierung, die kaum eine St&uuml;tze in der Gesellschaft hatte.<br \/>  Wenn die Solidarnosc-F&uuml;hrung um Walesa zu diesem Zeitpunkt gewollt h&auml;tte &#x96; ein entschlossener Generalstreik h&auml;tte die Regierung zu Fall gebracht. Doch Walesa sah sich immer wieder als &#x84;Feuerwehrmann&#x93;, der den Brand zu l&ouml;schen versuchte. Die Solidarnosc-F&uuml;hrer beschwichtigten die Arbeiter, &#x84;um die Verhandlungen nicht zu gef&auml;hrden&#x93;.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Milit&auml;rputsch<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Die Unentschlossenheit der F&uuml;hrung gab der Regierung &#x96; und besonders den Hardlinern im Milit&auml;rapparat um General Jaruselzki &#x96; Zeit. Das Milit&auml;r zog Kampfverb&auml;nde zusammen, legte Lebensmitteldepots an. Die Anzeichen mehrten sich, dass die Regierung &#x84;was plant&#x93; &#x96; doch die Solidarnosc-F&uuml;hrung unternahm nichts. Im Gegenteil, sie verhandelte weiter. Die Preise stiegen unaufh&ouml;rlich, die L&ouml;hne kamen nicht hinterher, das stundenlange Schlangestehen vor den Gesch&auml;ften und oben-drein eine F&uuml;hrung, die immer noch verhandelte &#x96; das alles l&auml;hmte.<br \/>  Anfang Dezember wurde eine besetzte Feuerwehrhochschule in Warschau ger&auml;umt. Die Basis von Solidarnosc sah die Gefahr eines Schlages der Regierung und forderte die Arbeiterbewaffnung. Walesa stimmte dem zu &#x96; doch anstatt sofort zu reagieren, wurde der Termin f&uuml;r einen Generalstreik f&uuml;r eine Woche sp&auml;ter angesetzt. Schlimmer noch, obwohl offensichtlich wurde, dass die Regierung wieder Mut gefasst hatte, ging die F&uuml;hrung von Solidarnosc weiterhin zu den Verhandlungen.<br \/>  Am 13. Dezember 1981 war es dann so-weit. Am Abend entmachtete der milit&auml;rische Apparat die Regierung und verh&auml;ngte das Kriegsrecht. Blitzschnell schlug das Milit&auml;r zu: &Uuml;berall wurden noch in der Nacht zum 14. Dezember Solidarnosc-F&uuml;hrer, ArbeiteraktivistInnen und Intellektuelle verhaftet. Die B&uuml;ros der Gewerkschaft wurden besetzt und Unterlagen sowie Kassen beschlagnahmt. Jede gewerkschaftliche T&auml;tigkeit wurde unter Strafe gestellt. Auf den Stra&szlig;en errichteten Milit&auml;r und Polizei Stra&szlig;ensperren, Betriebe wurden unter Milit&auml;rverwaltung gestellt. Wer Streikaufrufen folgte, konnte wegen &#x84;Arbeitverweigerung&#x93; bis zu f&uuml;nf Jahre eingesperrt werden&#8230;<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Lech Walesa<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  In einem ARTE-Interview vom 15. Mai 2005 berichtete Walesa &uuml;ber sein Konzept vor 25 Jahren als Vorsitzender der Solidarnosc und seine Ziele als Regierungschef von 1989 bis 95.<br \/>  <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Als ich das Konzept erwogen hatte, waren das drei Kapitel: Mein erstes Kapitel war, ein Monopol aufzubauen. Wir wollten so viel Leute wie m&ouml;glich haben. (&#8230;) Der Sieg &uuml;ber den Kommunismus beendete das erste Kapitel.<\/span><br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Dann kam das zweite Kapitel, das nicht besonders sch&ouml;n war: Das Monopol wieder aufgliedern. Es sollte sich wieder aufl&ouml;sen in Parteien, Gewerkschaften oder andere Organisationen. Davor hatte ich eigentlich Angst, aber wir mussten uns aufteilen, um den Kapitalismus aufzubauen. Der Kommunismus war besiegt, den dritten Weg gab es nicht und vor mir riesige Massen an Proletariern. Die Betriebe sollten aufgel&ouml;st, die Menschen entlassen werden. Aber wie sollte ich damit fertig werden? Ich hatte solche Angst vor diesem neuen Kapitel, denn diejenigen, die mich auf den Schultern getragen haben, h&auml;tten mich mit Steinen beworfen. Dadurch, dass die Leute zerstritten waren, haben wir die Betriebe doch schlie&szlig;en k&ouml;nnen. W&auml;ren sie nicht zerstritten gewesen, h&auml;tten wir das nicht geschafft. Das war das zweite Kapitel, das aus Streit und Teilung bestand.<\/span><br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Ich wei&szlig; nicht, ob ich es gut gemacht habe. Aber ich wei&szlig;, dass ich diese Operation pr&auml;zise gemacht habe.&#x93;<\/span> (www.arte-tv)<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Tradition wieder aufnehmen<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Walesas &#x84;drittes Kapitel&#x93; hei&szlig;t: &#x84;Wir organisieren uns jetzt&#x93;. <br \/>  Das ist wirklich n&ouml;tig &#x96; aber anders als dieser Zyniker sich das denkt!<br \/>  Denn die Folgen der Einf&uuml;hrung des Kapitalismus in Polen haben unter der Arbeiterklasse gro&szlig;e Wut entstehen lassen. Waren fr&uuml;her auf der Gdansker Werft &uuml;ber 17.000 besch&auml;ftigt, so sind es heute nicht mal mehr 5.000. Die arbeitenden Menschen Polens kamen mit dem Zusammenbruch des Stalinismus vor 15 Jahren vom Regen in die Traufe. Bewies der Milit&auml;rputsch vom Dezember 1981, dass die Arbeiter-Innen in diesen &#x84;Arbeiterstaaten&#x93; nichts zu melden hatten, so beweist der Kapitalismus heute, dass sie nichts zu sagen haben und auf die Stra&szlig;e geworfen werden&#8230; <br \/>  Heute gilt es, sich der Traditionen von 1980\/81 zu besinnen und f&uuml;r eine wirkliche Arbeiterdemokratie zu k&auml;mpfen.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Ren&eacute; Henze, Rostock<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Millionen ArbeiterInnen organisierten sich in der Gewerkschaft Solidarnosc<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[172],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11298"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11298"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11298\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}