{"id":11263,"date":"2005-05-15T11:41:32","date_gmt":"2005-05-15T11:41:32","guid":{"rendered":".\/?p=11263"},"modified":"2005-05-15T11:41:32","modified_gmt":"2005-05-15T11:41:32","slug":"11263","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/05\/11263\/","title":{"rendered":"Zur Entwicklung des Trotzkismus"},"content":{"rendered":"<p>  Zu Manuel Kellners Buch &quot;Trotzkismus. Einf&#252;hrung in seine Grundlagen &#8212;   Fragen nach seiner Zukunft&quot;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<!-- too long \"tooLong-sid1263\" --><\/p>\n<p>  Kellners Buch gliedert sich in sechs Teile und einen Anhang. Der erste   Teil beschreibt &quot;Trotzki als politische Pers&#246;nlichkeit&quot;, Der zweite   analysiert &quot;Trotzkistische Grundpositionen&quot;. Die folgenden Teile   behandeln die Entwicklung des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg   (einschlie&#223;lich einem Exkurs zu Ernest Mandel) und &quot;Trotzkismus heute,   m&#246;gliche Rolle in der Zukunft&quot;. Der Anhang enth&#228;lt unter anderem   Selbstdarstellungen von vier in Deutschland t&#228;tigen trotzkistischen   Internationalen, einschlie&#223;lich einer Darstellung des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale (CWI), der internationalen Organisation, der die   SAV angeschlossen ist, durch Sascha Stanicic.<br \/>Das Buch enth&#228;lt &#252;ber   weite Strecken richtige Darstellungen, insbesondere von Trotzkis Leben   und T&#228;tigkeit und seinen Ansichten. Diese Rezension wird sich naturgem&#228;&#223;   auf die Fragen konzentrieren, bei denen der Rezensent mit dem Verfasser   nicht &#252;bereinstimmt.<\/p>\n<p><span><b>Trotzkismus oder Trotzkismen? <\/b><\/span><b><br \/><\/b><br \/>Das   beginnt mit der Frage, was Trotzkismus eigentlich ist. Hier vertritt   Kellner zwei mit einander unvereinbare Positionen. Auf der einen Seite   betont er: <span><i>&quot;Was &quot;Trotzkismus&quot; genannt wird, ist keine exotische   Spezialit&#228;t mehr oder weniger geheimb&#252;ndlerischer Anh&#228;ngerInnen obskurer   Lehren. &quot;Trotzkismus&quot; wurzelt tief in der &#220;berlieferung der   sozialistischen Bewegung, im politischen Denken und Treiben von Marx und   Engels, in der jungen kommunistischen Weltbewegung, bevor sie von Stalin   &#252;berw&#228;ltigt wurde.&quot;<\/i><\/span> Der Trotzkismus war <span><i>&quot;keine   abseitige Nebenstr&#246;mung des Kommunismus&quot;<\/i><\/span>, sondern <span><i>&quot;umgekehrt   die staatsoffiziellen Versionen des Marxismus Verballhornungen des   authentischen marxistischen Sozialismus.&quot;<\/i><\/span> (S. 8) <span><i>&quot;Es   handelt sich nicht um eine exotische Spielart des Kommunismus, sondern   um eine Fortf&#252;hrung der klassischen marxistisch-sozialistischen   Positionsbildung und um die Fortsetzung der Bestrebungen der   Kommunistischen Internationale der ersten Jahre.&quot;<\/i><\/span> (S.   128) Diese richtige These wird im zweiten Teil f&#252;r wichtige Einzelfragen   wie &quot;&#220;bergangsforderungen&quot;, permanente Revolution, Einheitsfront,   Internationalismus belegt. Damit stimmt er v&#246;llig mit Trotzki selbst   &#252;berein, der zum Beispiel schrieb: <span><i>&quot;L&#228;sst man historisch   &#220;berholtes beiseite, so k&#246;nnen wir unsere Arbeit f&#252;r die IV.   Internationale mit vollem Recht unter das Zeichen der &quot;Drei L&quot; stellen,   nicht nur das von Lenin, sondern auch unter das von Luxemburg und [Karl]   Liebknecht.&quot;<\/i><\/span> (Rosa Luxemburg und die IV. Internationale,   24. Juni 1935, in: Leo Trotzki, Schriften &#252;ber Deutschland, Band 2,   Frankfurt am Main 1971, S. 686-89, hier S. 689)<br \/>Welchen Sinn macht es   dann aber zu sagen, dass man <span><i>&quot;&#252;ber den &quot;Trotzkismus&quot; hinaus&quot;<\/i><\/span>   (S. 7) m&#252;sse? Nat&#252;rlich m&#252;ssen wir die marxistische Methode auf neue   Ph&#228;nomene anwenden. F&#252;r MarxistInnen gibt es nie heilige Schriften, die   ewige Wahrheiten enthalten. Im Kapitalismus sind seit Trotzkis Tod neue   Ph&#228;nomene aufgetaucht, die Trotzki nicht vorhergesehen hat und nicht   vorhersehen konnte. Aber erstens sind die Grundwiderspr&#252;che des   Kapitalismus gleich geblieben. Und wenn b&#252;rgerliche &#214;konomen   gelegentlich erstaunt feststellen, wie aktuell das Kommunistische   Manifest ist, dann haben sie ausnahmsweise Recht. Und f&#252;r Trotzkis um   ein paar Jahrzehnte j&#252;ngere Schriften gilt das noch mehr. Daher mutet es   auch seltsam an, dass Kellner Trotzkis Leben weitgehend in der   Gegenwartsform schildert, obwohl es zweifellos Vergangenheit ist,   w&#228;hrend er seine Ideen, die zum gro&#223;en Teil noch quicklebendig sind, in   der Vergangenheitsform darstellt.<br \/>Zweitens ist das Problem des   Trotzkismus nicht, dass trotzkistische Str&#246;mungen Ideen vertreten, die   nicht mehr richtig sind, sondern dass die meisten Str&#246;mungen, die sich   auf Trotzki berufen, der Herausforderung, die marxistische Methode auf   neue Ph&#228;nomene anzuwenden, nach Trotzkis Tod nicht gewachsen waren. Sie   haben erst Trotzkis Aussagen zu heiligen Schriften umfunktioniert und   sich an Zitate geklammert. Einzelne von ihnen machen das heute noch.   Andere sind nach ein paar Jahren in das entgegengesetzte Extrem gefallen   und haben sich politischen Modestr&#246;mungen angepasst. Dazu geh&#246;rt auch   die internationale Organisation, der Kellner angeh&#246;rt. Welchen Sinn   macht es, von verschiedenen &quot;Trotzkismen&quot; zu reden, wenn man zugibt,   dass deren Kompassnadel <span><i>&quot;manchmal in recht verschiedene   Himmelsrichtungen&quot;<\/i><\/span> zeigt (S. 132). Der Sinn und Zweck   eines Kompasses ist es, dass seine Nadel nach Norden zeigt. Eine   Kompassnadel, die in eine falsche Richtung zeigt und eine falsche   Sicherheit vorgaukelt, schadet mehr, als gar keine Kompassnadel zu   haben. Wenn die Kompassnadeln verschiedener &quot;trotzkistischer&quot;   Organisationen in verschiedene Richtungen zeigen, m&#252;ssen wir mit   Argumenten und den Erfahrungen im Klassenkampf kl&#228;ren, welche Str&#246;mung   recht hat, statt den Mantel der Harmonie dar&#252;ber zu breiten. Zur   marxistischen Dialektik geh&#246;rt auch, dass wir alle Ph&#228;nomene danach   betrachten, in welche Richtung sie sich entwickeln. Wenn Organisationen,   die aus einer trotzkistischen Tradition kommen, sich wegen einem   falschen Kompass in eine falsche Richtung bewegen, dann hilft die   Etikettierung als &quot;trotzkistisch&quot; nicht f&#252;r die Bewertung des Charakters   dieser Organisationen. Deshalb scheint mir, dass weder &quot;Stallgeruch&quot;   noch die Selbstbezeichnung &quot;Trotzkist&quot; ausreicht, sondern die Frage   entscheidend ist, ob eine Organisation in der aktuellen Politik zwischen   den Klippen von Opportunismus und Sektierertum den richtigen   revolution&#228;ren Kurs h&#228;lt. Nat&#252;rlich k&#246;nnen wir da zu verschiedenen   Urteilen kommen, welche Organisationen das Etikett &quot;trotzkistisch&quot;   verdienen und die Frage sollte mit Argumenten ausgetragen werden, nicht   mit Beschimpfungen.<br \/>Kellner begeht obendrein noch folgende   Inkonsequenz: Er sagt, dass seine Internationale nur noch <span><i>&quot;eine   von mehreren international organisierten Str&#246;mungen [ist], die sich in   der einen oder anderen Weise auf die trotzkistische Tradition beriefen&quot;<\/i><\/span>   (S. 110) ist. Trotzdem verwendet er ihre Selbstbezeichnung, die Vierte   Internationale zu sein. In dieser Rezension werde ich, wie innerhalb des   CWI &#252;blich, vom &quot;Vereinigten Sekretariat&quot; reden, wenn ich diese   Organisation meine.<\/p>\n<p><span><b>Was f&#252;r eine Organisation brauchen   wir? <\/b><\/span><\/p>\n<p>Eine Hauptdifferenz zwischen uns besteht in der   Frage des Charakters der revolution&#228;ren Organisation. Die Dritte und   Vierte Internationale hatten den Anspruch, <span><i>&quot;Weltpartei der   sozialistischen Revolution&quot;<\/i><\/span> (S. 78) zu sein. Kellner   betont daran zu Recht den internationalen Charakter. Der   Partei-Charakter verschwimmt bei ihm aber sehr.<br \/>Er schreibt richtig,   dass Trotzki in den letzten Jahren seines Lebens f&#252;r den Aufbau <span><i>&quot;revolution&#228;rer   Parteien und einer revolution&#228;ren Internationale&quot;<\/i><\/span>   (S. 32) k&#228;mpfte und zitiert Trotzkis &#196;u&#223;erungen, dass dies <span><i>&quot;die   bedeutendste Leistung meines Lebens darstellt, wichtiger als meine   T&#228;tigkeit im Jahre 1917, wichtiger als die Arbeit in der Zeit des   B&#252;rgerkrieges usw.&quot;<\/i><\/span> (zitiert S. 33) Kellner   schreibt aber, dass dem <span><i>&quot;sicherlich nicht viele&quot;<\/i><\/span>   zustimmen w&#252;rden. Wenn er damit sagen will, dass es heute unter den   sechs Milliarden Menschen <span><i>&quot;sicherlich nicht viele&quot;<\/i><\/span>   TrotzkistInnen gibt, hat er leider Recht. Wenn er meint, dass auch viele   TrotzkistInnen dem nicht zustimmen w&#252;rden, geht er mit dem Etikett   trotzkistisch zu freigiebig um.<br \/>Sp&#228;ter schreibt er: <span><i>&quot;Eine   recht enge Auffassung von internationaler Disziplin geh&#246;rte zum Erbe der   Kommunistischen Internationale, die den f&#246;derativen Charakter der II.   Internationale f&#252;r deren Zusammenbruch zu Beginn des Ersten Weltkriegs   mitverantwortlich gemacht hatte. Sp&#228;ter sollte die IV. Internationale   ihren Sektionen wesentlich mehr Autonomie zubilligen.&quot;<\/i><\/span>   (S. 94) Das ist nur teilweise richtig. Richtig ist, dass die   Kommunistische Internationale (Komintern) keine F&#246;deration nationaler   Parteien wie die II. Internationale sein wollte, sondern eine   Weltpartei. Wenn man liest (z.B. in Trotzkis Sammelband &quot;F&#252;nf Jahre   Komintern&quot;), wie geduldig Trotzki jahrelang versuchte, f&#252;hrende   Mitglieder der franz&#246;sische Sektion (f&#252;r deren Betreuung er innerhalb   der Komintern zust&#228;ndig war) durch Argumente und immer wieder Argumente   von den Beschl&#252;ssen der Weltkongresse zu &#252;berzeugen, dann ist klar, dass   es neben F&#246;deralismus und stalinistischem b&#252;rokratischem Zentralismus   noch eine dritte M&#246;glichkeit bestand: ein internationaler Zentralismus,   der auf demokratischer Diskussion, demokratischen Beschl&#252;ssen und   &#220;berzeugungsarbeit von der Richtigkeit dieser Beschl&#252;sse beruht statt   auf b&#252;rokratischem Kommando, finanzieller Abh&#228;ngigkeit, Cliquen und   Intrigen. Richtig ist leider, dass Sinowjew als Vorsitzender der   Komintern schon fr&#252;h mit b&#252;rokratischen Man&#246;vern in die einzelnen   Sektionen hinein&quot;regierte&quot; und damit den Stalinismus vorantrieb. Richtig   ist auch, dass f&#252;hrende Mitglieder von Trotzkis IV. Internationale aus   den stalinisierten Kommunistischen Parteien kamen und von deren Methoden   beeinflusst waren. Das galt aber nicht nur f&#252;r das Verh&#228;ltnis zwischen   der Internationale und ihren Sektionen, sondern auch zwischen den   nationalen F&#252;hrungen und den einzelnen Gruppen. Trotzki emp&#246;rte sich   schon 1931: <span><i>&quot;Manche oppositionellen Gruppen oder Gr&#252;ppchen   stellen eine Karikatur auf die offizielle Partei dar. Sie besitzen alle   deren Laster, manchmal in &#252;bertriebener Form, haben aber nicht deren   Vorz&#252;ge, die schon allein durch das Vorhandensein eines zahlreichen   Arbeiterbestandes bedingt sind.&quot;<\/i><\/span> (Die Krise der   Deutschen Linksopposition, in: Internationales Bulletin der   Kommunistischen Linksopposition, Nr. 6, April 1931, Deutsche Ausgabe, S.   1, leichter zug&#228;nglich auf englisch in: Writings of Leon Trotsky   1930-31. New York 1973, S. 147-170, hier S. 147) Er habe<span><i> &quot;in   den letzten zwei Jahren solche Methoden beobachtet, die absolut nichts   gemein haben mit dem Regime einer proletarischen revolution&#228;ren   Organisation. Mehr als einmal fragte ich mich mit Staunen: H&#228;lt man etwa   solche Methode f&#252;r Methoden der bolschewistischen Erziehung? Wie dulden   intelligente deutsche Arbeiter Illoyalit&#228;t und Eigenm&#228;chtigkeit in ihrer   Organisation?&quot;<\/i><\/span> (S. 4 bzw. 152) <span><i>&quot;Man darf nicht   vergessen, dass, wenn wir Zentralisten sind, so nicht anders als   demokratische Zentralisten, wobei wir den Zentralismus f&#252;r die   revolution&#228;re Sache brauchen und nicht im Namen des &quot;Prestiges&quot; der   Obrigkeit. Wer die Geschichte der bolschewistischen Partei kennt, der   wei&#223;, welche breite Autonomie die Lokalorganisationen stets genossen:   sie gaben eigene Zeitungen heraus, in denen sie, wenn sie es f&#252;r n&#246;tig   fanden, offen und scharf die Handlungen des Zentralkomitees   kritisierten. H&#228;tte im Falle prinzipieller Meinungsverschiedenheiten das   Zentralkomitee versucht, die Lokalorganisationen auseinander zu jagen,   sie der Literatur, des Feuers und Wassers, zu berauben, bevor die Partei   sich ausgesprochen hatte, ein solches Zentralkomitee h&#228;tte sich selbst   unm&#246;glich gemacht. Selbstverst&#228;ndlich, sobald es n&#246;tig war, wusste das   bolschewistische Zentralkomitee zu befehlen. Aber man ordnete sich ihm   nur deshalb unter, weil man die absolute Loyalit&#228;t des ZK jedem   Parteimitglied gegen&#252;ber kannte, die st&#228;ndige Bereitschaft der F&#252;hrung,   dem Gerichte der Partei jegliche ernsthafte Meinungsverschiedenheit zu   &#252;berantworten. Und schlie&#223;lich, was das Wichtigste ist, das   Zentralkomitee besa&#223; eine ungeheure theoretische und politische   Autorit&#228;t, die es allm&#228;hlich im Laufe einer Reihe von Jahren erworben   hatte, nicht durch Kommando, nicht durch Niederschreien, nicht durch   Zerschlagungen, sondern durch richtige F&#252;hrung, &#252;berpr&#252;ft durch die Tat   in gro&#223;en Ereignissen und K&#228;mpfen.&quot;<\/i><\/span> (S. 7 bzw.   155)<br \/>Tats&#228;chlich hat die Vierte Internationale und einige ihrer   Sektionen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen b&#252;rokratischen   Zentralismus praktiziert. Das Internationale Sekretariat unter Michel   Pablo baute Oppositionsgr&#252;ppchen gegen die demokratisch gew&#228;hlten   F&#252;hrungen der Sektionen auf (Healy in England in den Vierzigern, Cochran   und Clarke in den USA Anfang der f&#252;nfziger Jahre etc.) und versuchte den   F&#252;hrungen der Sektionen bestimmte Taktiken aufzuzwingen. Diese Man&#246;ver   waren der Hauptgrund f&#252;r die Spaltung in Internationales Sekretariat und   Internationales Komitee 1953. Denn die politischen Differenzen waren   gering. 1963 schlossen sie sich wieder zum Vereinigten Sekretariat   zusammen, der Str&#246;mung, der auch Kellner angeh&#246;rt, wobei kleinere   Gruppen au&#223;erhalb blieben.<br \/>Inzwischen billigt das Vereinigte   Sekretariat seinen Sektionen wie Kellner richtig sagt, <span><i>&quot;wesentlich   mehr Autonomie zu&quot;<\/i><\/span>. Das hei&#223;t, es ist in das   entgegengesetzte Extrem gefallen, praktisch zum F&#246;deralismus der 2.   Internationale zur&#252;ckgekehrt, der damals ein nicht unwesentlicher Faktor   f&#252;r die Unterst&#252;tzung der meisten ihrer Sektionen 1914 f&#252;r die   jeweiligen Regierungen im Weltkrieg war.<br \/>Am deutlichsten wurde das   beim Vereinigten Sekretariat in den letzten Jahren in Bezug auf   Brasilien sichtbar, wo ihre Sektion (Democracia Socialista, DS) sich an   Lulas Regierung beteiligt. Als 1899 der franz&#246;sische Sozialist Millerand   in eine b&#252;rgerliche Regierung eintrat, gab es in der Zweiten   Internationale eine heftige internationale Diskussion in der Presse, in   Versammlungen, auf Parteitagen und internationalen Kongressen (die   Artikel, die Rosa Luxemburg damals schrieb, sind heute noch lesenswert   und haben die DS-Rechtfertigungen f&#252;r ihre Regierungsbeteiligung in   Brasilien ebenso im voraus widerlegt wie zum Beispiel die deutschen   PDS-Rechtfertigungen f&#252;r deren Regierungsbeteiligungen in Berlin und   Mecklenburg-Vorpommern). Im Vereinigten Sekretariat wurde die Frage   monatelang als &quot;brasilianische Angelegenheit&quot; abgetan. Im Fr&#252;hjahr 2004   schrieben sie in ihrer Zeitschrift &quot;Inprekorr&quot; &#252;ber ein Treffen ihres   Internationalen Komitees Ende Februar 2004 zu Brasilien: <span><i>&quot;Diese   Regierung wurde in dem internationalen Bericht als &quot;einer der besten   Sch&#252;ler&quot; des IWF bezeichnet, sie habe &quot;sich der Logik der liberalen   Gegenreform angepasst&quot;.&quot;<\/i><\/span> Aber statt klar den   Austritt der DS aus Regierung und PT (Arbeiterpartei) zu fordern, haben   sie <span><i>&quot;beschlossen, eine internationale Diskussion &#252;ber die Lage   in Brasilien zu er&#246;ffnen und hierf&#252;r ein internes Bulletin einzurichten.&quot;<\/i><\/span>   Ein Jahr sp&#228;ter waren sie immerhin so weit, Posten in der Lula-Regierung   f&#252;r im Widerspruch <span><i>&quot;zum Aufbau einer mit ihren   programmatischen Positionen &#252;bereinstimmenden Perspektive&quot;<\/i><\/span>   zu finden. Dass DS-Abgeordnete im Parlament gegen neoliberale Ma&#223;nahmen   der Lula-Regierung stimmen sollen, forderten sie immer noch nicht. Da   sie die Mitgliedschaft in der PT nicht beenden wollen, h&#228;tten sie damit   auch ein Problem. Denn die PT hat die Abgeordneten (u.a. Heloisa Helena   von der DS), die gegen solche Ma&#223;nahmen gestimmt haben, ausgeschlossen.<br \/>Kellner   selbst hatte die Erwartung, dass mit dem Rechtsrutsch von Lulas   Arbeiterpartei (PT) <span><i>&quot;der DS wie der Linken insgesamt ein   wiederum neuer Anlauf nicht erspart bleiben&quot;<\/i><\/span> werde.   Inzwischen gibt es diesen neuen Anlauf mit der Gr&#252;ndung von P-SOL   (Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit), die eine der wichtigsten   Fortschritte f&#252;r Brasilien und ganz Lateinamerika in der letzten Zeit   ist. Die sehr popul&#228;re Heloisa Helena hat bei der Gr&#252;ndung dieser Partei   eine wichtige Rolle gespielt. Um sie herum hat sich eine &quot;&#246;ffentliche   Fraktion&quot; der DS mit Namen Liberdade Vermelha (Rote Freiheit) gebildet &#8212;   aber die DS-F&#252;hrung sitzt weiter in der PT und der Regierung. Liberdade   Vermelha warf ihr vor: <span><i>&quot;In Wirklichkeit hat also die   Leitungsmehrheit der DS keinen Kampf um den Kurs der PT und der   Regierung gef&#252;hrt, wie er auf unsrer Siebten Konferenz [November 2003]   beschlossen worden war. Statt einen klaren Kampf gegen die Positionen   des &quot;Mehrheitslagers&quot; der PT zu f&#252;hren wie dies in den Resolutionen der   Konferenz definiert worden war, wird die Zusammenarbeit mit der   Gesamtheit der PT-F&#252;hrung und somit mit dem &quot;Mehrheitslager&quot; gepflegt.&quot;<\/i><\/span>   (zitiert in Inprekorr 392\/93) So macht schlie&#223;lich nicht nur jede   Sektion, was sie will, sondern Fraktionen der gleichen Sektion machen   ihre eigene Politik. Das &quot;Internationale Komitee&quot; des Vereinigten   Sekretariats vom Februar 2005 hat diesen Zustand zur Kenntnis genommen   und bekr&#228;ftigt, dass alle Teile Mitglieder der Internationale mit   gleichen Rechten sind. In dieser Resolution rechtfertigten sie, dass sie   an die Regierungsbeteiligung nicht dogmatisch herangegangen waren,   sondern die Besonderheiten des Landes und die Geschichte der PT   ber&#252;cksichtigt h&#228;tten. Dass Regierungsb&#252;ndnisse mit kapitalistischen   Parteien katastrophale Folgen haben, ist kein Dogma, sondern die   internationale Erfahrung von &#252;ber 100 Jahren Arbeiterbewegung, an der   nirgendwo auf der Welt nationale Besonderheiten etwas ge&#228;ndert h&#228;tten.   Diese &quot;Besonderheiten&quot; haben sich regelm&#228;&#223;ig als opportunistische   Ausrede erwiesen. Statt jahrelang die Verletzung von Grundprinzipien des   Marxismus zu tolerieren oder zum Gegenstand einer ergebnisoffenen   Diskussion zu machen, w&#228;re es die Aufgabe einer revolution&#228;ren   Internationale gewesen, die DS von Anfang an vor einer   Regierungsbeteiligung zu warnen und der Opposition in ihr den R&#252;cken zu   st&#228;rken.<br \/>Kellner schildert die Internationalisierung von   Protesten (z.B. Antikriegsdemonstrationen vom 15. 2. 2003) und   Organisationsformen (z.B. Weltsozialforen) und sieht darin zu Recht eine   Entwicklung, die uns entgegenkommt. Er macht aber, ebenso wie das   Vereinigte Sekretariat, den Fehler seinerseits dieser Bewegung und ihren   Schw&#228;chen zu weit entgegenzukommen. Er hofft, <span><i>&quot;dass sich   antikapitalistisch gesonnene Kr&#228;fte zusammentun, um neue politische   Formationen aufzubauen, die von vornherein pluralistisch zusammengesetzt   sind. Ziel w&#228;re dabei der Aufbau von Parteien und der Aufbau einer   &quot;Internationale&quot;, die dem Projekt einer Gesellschaft jenseits des   Kapitalismus zu Gunsten einer weltweiten und universal emanzipativen   Entwicklung neue Glaubw&#252;rdigkeit verleihen&quot;<\/i><\/span> (S.   150) Wenn eine revolution&#228;re Internationale an so einer &quot;Internationale&quot;   mitarbeitet und versucht, dort gr&#246;&#223;ere Kr&#228;fte von den revolution&#228;ren   Lehren aus den vielen Niederlagen des 20. Jahrhunderts zu &#252;berzeugen,   w&#228;re das eine gute Sache. Denn Kellner hat recht, wenn er schreibt: <span><i>&quot;Es   ist nicht vorstellbar, von ein paar Dutzend oder hundert Mitgliedern   durch Gewinnung Einzelner zu handlungsf&#228;higen Parteien zu kommen&quot;<\/i><\/span>.   (S. 149) Wenn sich aber eine revolution&#228;re Internationale in so einer   pluralistischen Internationale aufl&#246;sen w&#252;rde, w&#228;re das ein gewaltiger   R&#252;ckschritt. Kellners Formulierung und die seit Jahrzehnten vom   Vereinigten Sekretariat betriebene Politik l&#228;sst aber bef&#252;rchten, dass   letzteres gemeint ist.<br \/><b><br \/><span>Der Beginn der Fehlentwicklung <\/span><\/b><\/p>\n<p>Da   Kellner nicht versteht, dass die Organisation, der er angeh&#246;rt, seit   Jahrzehnten in wichtigen Fragen eine falsche Politik betreibt, versteht   er nat&#252;rlich auch nicht, wo diese Fehlentwicklung begann. Deshalb werden   entscheidende Entwicklungen (Seite 80f.) in wenigen S&#228;tzen abgetan. Er   zitiert, dass Trotzki kurz vor seinem Tod schrieb: <span><i>&quot;Man muss   sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte von Krieg, Aufst&#228;nden,   kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und neuen   Aufst&#228;nden gefasst machen. Eine junge revolution&#228;re Partei muss sich an   dieser Perspektive orientieren.&quot;<\/i><\/span> Trotzdem h&#228;tte<span><i>   &quot;eine Reihe von trotzkistischen &quot;Kadern&#8217; mit bestimmten Fristen   gerechnet&quot;<\/i><\/span>. Tats&#228;chlich gab es Mitte der vierziger Jahre   nicht eine lockere Diskussion zwischen trotzkistischen Kadern, sondern   heftige Fraktionsk&#228;mpfe, vor allem in den USA, Frankreich und   Gro&#223;britannien. In einem der ersten Texte in dieser Auseinandersetzung   hob Felix Morrow in den USA haargenau diese von Kellner wiedergegebenen   Zitate hervor und forderte, dass die Politik der Internationale davon   ausgehen m&#252;sse. Sein Text wurde der Mitgliedschaft monatelang   vorenthalten und erst ver&#246;ffentlicht, als eine Konkurrenzorganisation   ihn zugespielt bekam und verbreitete. In der amerikanischen SWP wurde   die Minderheit um Morrow und Goldman nach allen Regeln der Kunst   niedergeb&#252;gelt. Joseph Hansen schrieb zum Beispiel 1944 einen Text gegen   sie, in der er anders als Kellner heute keineswegs die Notwendigkeit   betonte, den Marxismus weiter zu entwickeln, sondern im Gegenteil   &quot;unabh&#228;ngiges Denken&quot; als ersten Schritt weg vom Marxismus verteufelte.   Er schreckte in seinem Eifer nicht einmal davor zur&#252;ck, auch den   beschr&#228;nkten B&#252;rokraten Stalin zum <span><i>&quot;unabh&#228;ngigen   Denker&quot;<\/i><\/span> zu erkl&#228;ren. (Two Conceptions of our tasks,   Internal Bulletin, VI. Jahrgang, Heft 6, Oktober 1944, S. 17-30, hier   22f.) Hansen blieb noch &#252;ber vier Jahrzehnte lang einer der f&#252;hrenden   Theoretiker und Polemiker von Kellners &quot;Vierter Internationale&quot;. Zu   welchen Absurdit&#228;ten die Weigerung f&#252;hrte, die Realit&#228;t anzuerkennen,   zeigte sich bald. SWP-Chef Cannon hielt eine Rede zum 38. Jahrestag der   Russischen Revolution im November 1945. Trotzki hatte geschrieben, dass   das Schicksal des Stalinismus im Zweiten Weltkrieg entschieden werde   (durch Restauration des Kapitalismus oder Sturz der B&#252;rokratie durch   eine Arbeiterrevolution). Cannon erkl&#228;rte das Fortbestehen der   Sowjetunion jetzt einfach damit, dass er bestritt, dass der Zweite   Weltkrieg zu Ende war! Als Morrow im Parteivorstand beantragte, die Rede   zu kritisieren, wurde das bei einer (Morrows) Gegenstimme nieder   gestimmt. Da die Mehrheit Cannon inhaltlich nicht verteidigen wollte,   beschuldigte sie Morrow, bei seinem Antrag fraktionelle Hintergedanken   zu hegen. (Internal Bulletin, VII. Jahrgang, Nr. 11, November 1945)<br \/>Die   falsche Position konnte sich in der amerikanischen SWP durchsetzen, weil   die riesige Streikwelle 1945-46 scheinbar f&#252;r sie sprach. Es gab einen   gro&#223;en Mitgliederzustrom. F&#252;r die neuen und unerfahrenen Mitglieder   waren die rosigen Perspektiven der Parteif&#252;hrung verst&#228;ndlicherweise   attraktiver als das differenziertere und realistischere Bild der   Opposition. Der oft (und auch von Kellner) als Argument f&#252;r die   politischen Fehler damals angef&#252;hrte Aderlass des Trotzkismus durch die   Verfolgungen der Nazis trafen nat&#252;rlich f&#252;r die USA nicht zu. Das kann   nur erkl&#228;ren, warum sich die europ&#228;ischen Sektionen die falsche   Perspektive der SWP aufdr&#228;ngen lie&#223;en.<br \/><b><br \/><span>Vom   platten Optimismus zur Suche nach Abk&#252;rzungen <\/span><\/b><\/p>\n<p>Der   platte Optimismus der F&#252;hrung der SWP und der Vierten Internationale   geriet immer mehr in Widerspruch zur Realit&#228;t. Je gr&#246;&#223;er die Kluft   wurde, desto verlockender wurde eine (scheinbare) Abk&#252;rzung. Als sie   sich mit dem Bruch zwischen Tito in Jugoslawien und Stalin 1948 zu   bieten schien, gab es f&#252;r die F&#252;hrung der Internationale kein Halten   mehr. Nachdem sie sich jahrelang an Formulierungen Trotzkis geklammert   hatten (und auch die optimistisch zurechtgebogen hatten), begannen sie   jetzt, das Kind mit dem Bade auszusch&#252;tten.<br \/>In der   April-1943-Ausgabe von &quot;Fourth International&quot;, der Theoriezeitschrift   der SWP, hatte John G. Wright geschrieben: <span><i>&quot;Aber bei   fortgesetzten Erfolgen der Roten Armee und einem g&#252;nstigen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis gegen&#252;ber London und Washington ist die Sowjetisierung   Jugoslawiens zusammen mit Teilen von Polen und Osteuropa selbst unter   Stalin keineswegs ausgeschlossen.&quot;<\/i><\/span> (The Civil War in   Yugoslavia, S. 111-115, hier S. 114) Diese im Allgemeinen durch die   Geschichte best&#228;tigte Prognose &#252;bersah ein entscheidendes Detail: In den   L&#228;ndern, die von der sowjetischen Armee erobert oder von   Partisanenarmeen befreit wurden und in denen sp&#228;ter der Kapitalismus   gest&#252;rzt wurde, wurden gleichzeitig alle unabh&#228;ngigen Bewegungen der   Arbeiterklasse unterdr&#252;ckt. Von der Aufl&#246;sung der Antifa-Komitees in   Ostdeutschland bis zur Unterdr&#252;ckung von Streiks in den chinesischen   Gro&#223;st&#228;dten 1949 bot sich das gleiche Bild. Erst wurden   Koalitionsregierungen mit b&#252;rgerlichen Parteien gebildet, ein starker   b&#252;rokratisierter staatlicher Unterdr&#252;ckungsapparat aufgebaut und dann   erst Ma&#223;nahmen gegen die Kapitalisten ergriffen. Dabei wurden (wie in   Prag 1948) die ArbeiterInnen mobilisiert, aber immer darauf geachtet,   dass diese Bewegung nicht au&#223;er Kontrolle geriet.<br \/>Trotzki hatte   zu Beginn des Zweiten Weltkriegs &#252;ber die von der Sowjetunion besetzten   Gebiete geschrieben: <span><i>&quot;Die ihrem Charakter nach revolution&#228;re   Ma&#223;nahme der &quot;Expropriation der Ausbeuter&#8217;&quot; wird im vorliegenden Fall   auf milit&#228;risch-b&#252;rokratischem Wege durchgef&#252;hrt. Der Aufruf zur   Selbstt&#228;tigkeit der Massen in den neuen Gebieten &#8211; und ohne einen   solchen Appell, mag er noch so vorsichtig sein, kann das neue Regime   nicht errichtet werden &#8211; wird zweifellos morgen von unbarmherzigen   Polizeima&#223;nah&#173;men unterdr&#252;ckt werden, um der B&#252;rokratie das &#220;bergewicht   &#252;ber die aufger&#252;ttelten revolution&#228;ren Massen zu garantieren. Dies ist   die eine Seite der Sache. Doch es gibt auch eine andere. [&#8230;] Das   wichtigste Kriterium der Politik ist f&#252;r uns nicht die Umwandlung des   Eigentums&#173; auf dem einen oder anderen Teilterritorium, wie wichtig es an   und f&#252;r sich auch sein m&#246;ge, sondern der Wandel in der Bewusstheit und   Organisiertheit des internationalen Proletariats und die Steigerung   seiner F&#228;higkeit, alte Errungenschaften zu verteidigen und neue zu   machen. Unter diesem allein entscheidenden Gesichtspunkt und aufs ganze   gesehen, ist die Politik Moskaus nach wie vor reaktion&#228;r und bleibt das   Haupthindernis auf dem Wege zur internationalen Revolution. <\/i><\/span><i><br \/><span>Unsere   allgemeine Einsch&#228;tzung des Kremls und der Komintern &#228;ndert jedoch   nichts an dem speziellen Faktum, dass eine Verstaatlichung der   Eigentumsformen in den okkupierten Gebieten f&#252;r sich genommen eine   progressive Ma&#223;nahme ist.&quot;<\/span><\/i> (Trotzki, Die UdSSR im   Krieg, 25. 9. 1939, in: ders., Schriften 1.2, Hamburg 1988, S.   1272-1295, hier S. 1292f.)<br \/>Als 1944 die sowjetische Armee auf dem   Balkan und in Polen neue Gebiete eroberte, wurden die reaktion&#228;ren   Methoden der stalinistischen Armeef&#252;hrung und politischen F&#252;hrung   offensichtlich. Die SWP korrigierte ihre zu unkritische Einsch&#228;tzung des   Stalinismus, aber statt zu Trotzkis Position zur&#252;ckzukehren, fiel sie   ins entgegengesetzte Extrem: Sie hielt die Koalitionsregierungen mit   b&#252;rgerlichen Parteien f&#252;r einen Dauerzustand und rechnete &#252;berhaupt   nicht mehr mit der M&#246;glichkeit, dass in den eroberten Gebieten der   Kapitalismus abgeschafft werden k&#246;nnte. Gebetsm&#252;hlenartig wurde   wiederholt, dass Osteuropa weiterhin kapitalistisch sei.<br \/>Im Sommer   1948 warf der Bruch zwischen Stalin und Tito die Frage Osteuropas erneut   auf. Wenn die Vierte Internationale ihre alte Analyse beibehalten h&#228;tte,   h&#228;tte sie in dem Konflikt Partei f&#252;r die Sowjetunion gegen Jugoslawien   ergreifen m&#252;ssen. Statt dessen erkl&#228;rte sie Jugoslawien von heute auf   morgen zu einem <span><i>&quot;relativ gesunden Arbeiterstaat<\/i><\/span>&quot;,   einem Staat, der mehr oder wenig der Sowjetunion Anfang der zwanziger   Jahre vor dem Sieg Stalins &#228;hnele.<br \/>Kellner meint: Die   trotzkistische Bewegung h&#228;tte <span><i>&quot;sich mit dem   sektiererischen Ritual begn&#252;gen k&#246;nnen, ihre Meinungsverschiedenheiten   mit der titoistischen F&#252;hrung auf kleinen Propagandaveranstaltungen und   mit ihren bescheidenen publizistischen Mitteln kundzutun. Damit begn&#252;gte   sie sich jedoch nicht.&quot;<\/i><\/span> (S. 84) Statt dessen   organisierten sie praktische Solidarit&#228;t bis hin zu Jugendbrigaden, die   nach Jugoslawien geschickt wurden. In Deutschland beteiligten sie sich   an der Unabh&#228;ngigen Arbeiterpartei (UAP), die ma&#223;geblich von Titoisten   gegr&#252;ndet wurde und finanziell von Jugoslawien abh&#228;ngig war.<br \/>Tats&#228;chlich   gab es noch eine dritte Position, die die F&#252;hrung der Revolutionary   Communist Party (RCP), der britischen Sektion der Vierten Internationale   vertrat. Danach unterschieden sich die Sowjetunion und Jugoslawien nicht   grundlegend. Beide waren stalinistische Staaten, deformierte   Arbeiterstaaten, in denen der Aufbau von Sektionen der Vierten   Internationale und eine politische Revolution zum Sturz der B&#252;rokratie   notwendig war. Trotzdem sollte die Vierte Internationale nicht neutral   sein. Bei dem Konflikt zwischen Tito und Stalin ging es vor allem um den   sowjetischen Versuch, Jugoslawien zu bevormunden und wirtschaftlich   auszubeuten, mit anderen Worten um die nationale Unterdr&#252;ckung   Jugoslawiens durch Stalins Sowjetunion. TrotzkistInnen m&#252;ssen auf der   Seite von unterdr&#252;ckten Nationen gegen Unterdr&#252;ckernationen Partei   ergreifen, also in diesem Fall auf der Seite Jugoslawien ohne dabei   Illusionen in die Methoden und Ziele Titos zu haben und zu sch&#252;ren. Die   RCP-F&#252;hrung betrachtete den Bruch zwischen Tito und Stalin als   historische Chance, um die ehrlichen revolution&#228;ren ArbeiterInnen in den   stalinistischen Kommunistischen Parteien zu erreichen. Nachdem der   Stalinismus weltweit jahrelang Jugoslawien als Musterland gefeiert   hatte, warf er Jugoslawien pl&#246;tzlich mangelnde Demokratie, Nationalismus   und anderes vor. Der Gro&#223;teil der Vorw&#252;rfe war gegen&#252;ber Jugoslawien   berechtigt, gegen&#252;ber den anderen stalinistischen Staaten (angefangen   mit der Sowjetunion) aber noch mehr. Tito antwortete mit &#228;hnlich   berechtigten Vorw&#252;rfen. Dass die Stalinisten sich jetzt gegenseitig   vorwarfen, was bisher nur die TrotzkistInnen ihnen vorgeworfen hatten,   war eine gro&#223;artige Chance, in die stalinistische Propaganda eine   Bresche zu schlagen und den Unterschied zwischen Stalinismus und   wirklichem revolution&#228;ren Marxismus zu verdeutlichen. Die F&#252;hrung der   Vierten Internationale verspielte diese Chance. Sie versuchte, Tito und   die stalinistischen Kader zu beraten, um ihn f&#252;r den Trotzkismus zu   gewinnen. Dabei dichtete sie ihnen revolution&#228;re Qualit&#228;ten an, die sie   nicht hatten. Statt den Unterschied zwischen Stalinismus und   revolution&#228;rem Marxismus zu verdeutlichen, verwischten sie ihn. Manche   gingen so weit, Tito zum &quot;unbewussten Trotzkisten&quot; zu erkl&#228;ren.<br \/>Tito   wandte sich bei seinem Konflikt mit Stalin an den Imperialismus um   Hilfe. Die deutsche UAP schloss die TrotzkistInnen mit sehr   stalinistischen Methoden aus, weil sie das kritisierten. Kellner   schildert das (S. 86f.), aber er kritisiert nicht den Fehler, der hinter   diesem gescheiterten Man&#246;ver stand, die Suche nach Abk&#252;rzungen (das   hei&#223;t: er kritisiert ihn nur bei anderen Organisationen, s. S. 139) Die   &quot;Vierte Internationale&quot; kritisierte das auch nicht und wiederholte den   Fehler seitdem in allen m&#246;glichen Spielarten.<br \/>Die F&#252;hrung der   RCP wurde aus der Vierten Internationale ausgeschlossen. Von ihr leitet   sich das Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI) ab. Die   Streitfragen, die bei Jugoslawien aufgekommen waren, tauchten bei China,   Kuba, Vietnam etc. wieder auf. Regelm&#228;&#223;ig hatte das Internationale bzw.   ab 1963 Vereinigte Sekretariat eine zu unkritische Haltung gegen&#252;ber den   F&#252;hrungen nationaler Befreiungsbewegungen. Kellner korrigiert die   Fehleinsch&#228;tzungen nachtr&#228;glich ein bisschen, weicht aber den   entscheidenden Fragen aus. Richtig und notwendig war, zu erkl&#228;ren, dass   der Sturz des Kapitalismus in diesen L&#228;ndern zwar einen gewaltigen   Fortschritt darstellte, diese Regime aber trotzdem b&#252;rokratische   Diktaturen waren, die fr&#252;her oder sp&#228;ter zu einer Fessel der   wirtschaftlichen Entwicklung werden mussten und deren Sturz durch eine   politische Revolution daher notwendig war.<br \/>Die Suche nach Abk&#252;rzungen   f&#252;hrte das Vereinigte Sekretariat im Lauf der Jahrzehnte in verschiedene   sektiererische und opportunistische Sackgassen. Am katastrophalsten war   wohl die unkritische Haltung gegen&#252;ber Guerillabewegungen (oder gar   Stadtguerilla und individuellem Terror). Kellner schreibt: <span><i>&quot;diejenigen   Mitglieder der Vierten Internationale, die sich im bewaffneten Kampf in   Lateinamerika engagierten, stie&#223;en bald auf die Grenzen des Konzepts.   Ein Teil von ihnen starb im Kampf.&quot;<\/i><\/span> (S. 102) Das ist   eine reichlich zur&#252;ckhaltende Umschreibung daf&#252;r, dass eine   Internationale, zu deren Vorgeschichte der jahrzehntelange Kampf von   Lenin und Trotzki gegen die Taktik des individuellen Terrors der   russischen Sozialrevolution&#228;re stand, jetzt zu Robin-Hood-Methoden   griff. Oder wie soll man es nennen, wenn Mitglieder der   &quot;trotzkistischen&quot; PRT-Combatiente in Argentinien Kapitalisten   entf&#252;hrten, L&#246;segelder erpressten und das Geld unter die Armen   verteilten? Durch solche Methoden wurde das Bewusstsein der Massen   zur&#252;ckgeworfen (die &quot;Revolution&#228;re&quot; handeln &quot;stellvertretend f&#252;r die   Massen&quot;) und begeisterte, aber unerfahrene und irregeleitete junge   Revolution&#228;rInnen verheizt.<br \/>Die st&#228;ndige Suche nach Abk&#252;rzungen,   die sich dann als Sackgassen erweisen, f&#252;hrt nach einer Weile zu   Katzenjammer und zu einem gewissen Pessimismus. Das ist ein Grundzug von   Kellner Buch. Schon im zweiten Absatz (S. 7) ist von <span><i>&quot;entt&#228;uschten   Hoffnungen&quot;<\/i><\/span> die Rede. Seit den Tagen von Marx und Engels   wurden die Erwartungen von Revolution&#228;rInnen bez&#252;glich der notwendigen   Zeitr&#228;ume immer wieder entt&#228;uscht. Es macht aber einen gewaltigen   Unterschied, ob sich der Weg von Nahem als m&#252;hsamer erweist als von   Weitem, oder ob man erkennen muss, dass man eine falsche Richtung   eingeschlagen hat (oder es nicht einmal erkennt).<\/p>\n<p><span><b>&quot;Entrismus&quot;   <\/b><\/span><\/p>\n<p>Kellner diskutiert auch die Arbeit des   Internationalen Sekretariats in den f&#252;nfziger Jahren und die Taktik des   &quot;Entrismus&quot;. Das steht f&#252;r den Eintritt in sozialdemokratische oder   stalinistische Parteien, um dort politische Arbeit zu machen. Das war zu   bestimmten Zeiten eine sinnvolle Methode, die auch das CWI &#252;ber viele   Jahre praktiziert hat. So wie es das &quot;Vereinigte Sekretariat&quot;   praktizierte, war es eine Variante der &quot;Suche nach Abk&#252;rzungen&quot;(die in   diesem Fall in der opportunistischen Sackgasse landete). In England   hatte das Internationale Sekretariat schon Mitte der vierziger Jahre die   Idee des Entrismus propagiert. Dort hatte Lenin schon 1920 die Frage   aufgeworfen. Kellner schreibt: <span><i>&quot;Die wichtigste &quot;Besonderheit&quot;   der Labour Party, von der Lenin spricht, ist die kollektive   Mitgliedschaft der Gewerkschaften in ihr, was deren Charakter als   Arbeiterparteien unterstreicht.&quot;<\/i><\/span> (S. 93) Daran ist so   ziemlich alles falsch. Erstens war die Besonderheit, die Lenin meint,   die Mitgliedschaft politischer Organisationen wie der British Socialist   Party (BSP) mit eigenen Strukturen an der Labour Party. In seiner &quot;Rede   &#252;ber die Zugeh&#246;rigkeit zur britischen Arbeiterpartei&quot; auf dem II.   Kongress der Komintern am 6.8.1920 sagte er: <span><i>&quot;Das ist eine sehr   originelle Partei oder, richtiger gesagt, &#252;berhaupt keine Partei im   &#252;blichen Sinne dieses Wortes. Sie setzt sich aus Mitgliedern aller   Gewerkschaftsorganisationen zusammen, so dass sie jetzt etwa vier   Millionen Mitglieder z&#228;hlt, und sie gew&#228;hrt allen politischen Parteien,   die ihr angeschlossen sind, gen&#252;gend Freiheit.&quot;<\/i><\/span>   (Lenin Werke, Band 31, S. 246-252, hier S. 249) Im Rest der Rede betont   er die Mitgliedschaft der Gewerkschaften nicht weiter, hebt aber hervor,   dass die BSP <span><i>&quot;nicht nur an den alten Arbeiterf&#252;hrern scharfe   Kritik &#252;ben darf, sondern sie auch direkt und offen, unter Nennung von   Namen als Sozialverr&#228;ter bezeichnen kann&quot;<\/i><\/span>. Zweitens   besteht die Kollektivmitgliedschaft von Gewerkschaften heute noch (nur   dass sie kaum noch Einfluss nehmen k&#246;nnen), trotzdem hat sich Labour in   den neunziger Jahren in eine rein b&#252;rgerliche Partei verwandelt. Deshalb   tritt das CWI in Gro&#223;britannien daf&#252;r ein, dass die Gewerkschaften ihre   Beziehungen zu Labour kappen. Drittens war die Kollektivmitgliedschaft   der Gewerkschaften f&#252;r die Mehrheit der RCP ein Argument gegen   Entrismus, weil sie die M&#246;glichkeit bot, die Vorteile beider Taktiken zu   haben: Die RCP war eine offene Partei, die InteressentInnen direkt   ansprechen konnte, deren Mitglieder aber zugleich in den Gewerkschaften   waren und in ihren Gewerkschaftsgliederungen zum Beispiel Antr&#228;ge an die   Labour Party stellen konnten, weil die Gewerkschaften ja Mitglied der   Labour Party waren, so dass sie auch in die Labour Party hineinwirken   konnten. Welche von beiden Taktiken richtig war, hing davon ab, wie viel   politisches Leben es innerhalb von Labour oder in den Gewerkschaften   gab. Viertens wurde unter dem Druck der Internationale die RCP gespalten   und eine Minderheit unter Healy trat der Labour Party bei. Sie   argumentierte aber nicht mit der &quot;Besonderheit&quot; der Labour Party,   sondern mit v&#246;llig &#252;berspannten Erwartungen einer Radikalisierung   innerhalb von Labour. Sie glaubten, der Dritte Weltkrieg stehe kurz   bevor und werde zu einem linken Massenfl&#252;gel f&#252;hren und selbst linke   Labour-Parlamentsabgeordnete n&#228;her an den Marxismus heranf&#252;hren. Deshalb   gr&#252;ndeten sie gemeinsam mit ihnen eine Zeitschrift (Socialist Outlook).   Da der Weltkrieg nicht kam, n&#228;herten sich faktisch nicht die linken   Labour-Abgeordneten den Trotzkisten an, sondern umgekehrt. W&#228;hrend   Labour-Abgeordnete und ein linker Gewerkschaftsvorsitzender im   &quot;Socialist Outlook&quot; regelm&#228;&#223;ig ihre Ansichten verbreiten konnten, kam   zum Beispiel das Thema Jugoslawien, das bei anderen Sektionen der   Vierten Internationale damals eine gro&#223;e Rolle spielte, kaum vor. Das   war die Folge davon, dass Healy &amp; Co mit ihren linksreformistischen   Verb&#252;ndeten keine gemeinsame Position in dieser wichtigen Frage hatten.<br \/>In   den f&#252;nfziger Jahren begannen andere Sektionen, die gleichen Methoden   anzuwenden und mit linken Reformisten gemeinsame Zeitschriften zu   gr&#252;nden, zum Beispiel &quot;Sozialistische Politik&quot; (1954-1966) in   Deutschland oder &quot;La Gauche&quot; bzw. &quot;Links&quot; in Belgien. (Im Unterschied   dazu haben wir w&#228;hrend unserer langen entristischen Arbeit immer eigene   Zeitungen herausgegeben und unsere Ideen nicht versteckt.) Verbunden war   dies wieder mit &#252;berspannten Erwartungen, denen die Wirklichkeit nicht   entsprach. Wieder wurde die Kluft durch Anpassung an die linken   Reformisten &#252;berbr&#252;ckt. Kellner sagt selbst, dass die Entscheidung zum   Entrismus <span><i>&quot;eine ordentliche Dosis Spekulation&quot;<\/i><\/span>   (S. 94) enthielt.<br \/>Ende der sechziger Jahre gab es eine politische   Radikalisierung (Stichwort Mai &#8217;68). Das Vereinigte Sekretariat beendete   den Entrismus und gr&#252;ndete offene Organisationen. Kellner kritisiert,   dass dies in Deutschland zu sp&#228;t geschehen sei, weshalb z.B. der   Maoismus in der au&#223;erparlamentarischen Opposition Tausende von   Anh&#228;ngerInnen bekam. (S. 96) Er ignoriert dabei, dass ein Gro&#223;teil   dieser Radikalisierung bald in die Sozialdemokratie und die Jusos   zur&#252;ckstr&#246;mte und dort zu einer gewaltigen G&#228;rung f&#252;hrten. Unsere   britischen GenossInnen konnten 1970 dort die Mehrheit der   Jungsozialisten (Labour Party Young Socialists &#8211; LPYS) gewinnen und bis   Mitte der achtziger Jahre von einhundert auf &#252;ber 8.000 Mitglieder   anwachsen. Gleichzeitig wuchsen wir von einer britischen Organisation   mit ein paar Mitgliedern in Irland zu einer auf allen Kontinenten   vertretenen Internationale an. Gemessen daran sind die Erfolge, die das   Vereinigte Sekretariat durch seine Arbeitsmethoden erreichte, wesentlich   bescheidener. Dass wir Anfang der neunziger Jahre, als die Arbeit   innerhalb der Jusos unfruchtbar wurde, zu langsam reagierten, war dem   gegen&#252;ber ein kleinerer Fehler.<\/p>\n<p><span><b>Zwei Korrekturen <\/b><\/span><\/p>\n<p>Eine   Frage, in der Kellner eine falsche Position vertritt, ist die Frage der   &quot;Arbeiterregierung&quot; bzw. &quot;Arbeiter- und Bauernregierungen&quot;. Er sagt, sie   k&#246;nnen <span><i>&quot;unter gewissen Umst&#228;nden sogar zun&#228;chst von   Parteien gebildet werden, die nicht f&#252;r die sozialistische Revolution   sind&quot;<\/i><\/span>. (S. 48) Sp&#228;ter (S. 66) schreibt er in Bezug auf   die Diskussion auf dem 4. Kongress der Kommunistischen Internationale   (Komintern) (1922) von einer <span><i>&quot;auf eine Parlamentsmehrheit   zur&#252;ckgehenden gemeinsamen Regierung von (insbesondere   sozialdemokratischen und kommunistischen) Parteien der Arbeiterbewegung&quot;<\/i><\/span>.   Die Folge w&#228;ren <span><i>&quot;Massenbewegungen, an deren Ende die   Bildung von R&#228;ten und die Eroberung der politischen Macht stehen k&#246;nnten&quot;<\/i><\/span>.   Der Unterschied zwischen einer solchen und einer &quot;<span><i>Scheinarbeiterregierung&quot;<\/i><\/span>   w&#228;re, dass die Sozialdemokratie gen&#252;gend unter dem Druck der eigenen   Basis steht.<br \/>Hier verschiebt Kellner die marxistische Position. Als   die SPD noch eine <span><i>&quot;Arbeiterpartei mit b&#252;rgerlicher F&#252;hrung&quot;<\/i><\/span>   war, war der Druck der Basis die Voraussetzung, dass sie &#252;berhaupt   irgendwelche Verbesserungen durchgef&#252;hrt hat. Aber eine parlamentarische   Koalitionsregierung, die sich bei ihrer Politik auf den b&#252;rgerlichen   Staatsapparat st&#252;tzt, kann nie und nimmer mehr sein als eine <span><i>&quot;scheinbare   Arbeiterregierung&quot;<\/i><\/span>. In der Resolution des 4.   Kominternkongresses hie&#223; es ausdr&#252;cklich: <span><i>&quot;Eine   solche Arbeiterregierung ist nur m&#246;glich, wenn sie aus dem Kampfe der   Massen selbst geboren wird, sich auf kampff&#228;hige Arbeiterorgane st&#252;tzt,   die von den untersten Schichten der unterdr&#252;ckten Arbeitermassen   geschaffen werden.&quot;<\/i><\/span> &quot;Kampff&#228;hige Arbeiterorgane&quot; wie   R&#228;te k&#246;nnen also nicht am Ende einer Arbeiterregierung stehen, sondern   m&#252;ssen am Anfang stehen.<br \/>Ein Punkt, in dem Kellner unbedingt   zugestimmt werden kann ist die Ablehnung der Vorstellung, dass das   sozialistische Bewusstsein von au&#223;en in die Arbeiterklasse   hineingetragen wird. Diese Ansicht hat Lenin einmal (in &quot;Was tun&quot; 1902,   Lenin Werke Band 5, S. 385, 394f.) unter dem Einfluss des damaligen   SPD-Theoretikers Kautsky vertreten, sie aber sp&#228;ter korrigiert und vor   allem durch seine eigene Praxis widerlegt. Nach Lenins Tod wurde das in   Vergessenheit geratene Zitat von den Stalinisten ausgegraben und diente   als eine der Rechtfertigungen f&#252;r ihre Diktatur &#252;ber die Arbeiterklasse.   Trotzki hat es in seiner Stalin-Biographie ausdr&#252;cklich f&#252;r falsch   erkl&#228;rt. Trotzdem haben verschiedene trotzkistische Gruppen es sich   gelegentlich zu eigen gemacht. Allerdings &#252;bertreibt Kellner etwas, wenn   er umgekehrt behauptet, der Satz aus Marx&quot; Feuerbachthesen, dass die   Erzieher erzogen werden m&#252;ssen, sei die <span><i>&quot;Geburtsstunde des   Marxismus&quot;<\/i><\/span> (S. 9) Ebenfalls widersprechen w&#252;rde ich,   wenn er Lenin ein Schwanken zwischen Substitutionalismus   (Stellvertreterpolitik) und &quot;libert&#228;ren&quot; Ansichten attestiert und &quot;Staat   und Revolution&quot; zu Lenins <span><i>&quot;am meisten &quot;libert&#228;ren&#8217; Buch&quot;<\/i><\/span>   erkl&#228;rt (S. 23). Als &quot;Libert&#228;re&quot; bezeichnen sich einige AnarchistInnen.   Lenin hat von seinem Kampf gegen die &quot;Komiteetschiks&quot; innerhalb der   Bolschewiki auf dem 3. Parteitag 1905 bis zu seinem Kampf gegen Stalin   auf dem Sterbebett 1923 eine einheitliche Politik verfolgt. Dabei hat   er, wie es seine Art war, das in der jeweiligen Situation Erforderliche   scharf betont. Zur Zeit der Oktoberrevolution, als Lenin &quot;Staat und   Revolution&quot; schrieb, sind die besten AnarchistInnen zu MarxistInnen   geworden, aber nicht Lenin zum &quot;Libert&#228;ren&quot;!<\/p>\n<p><span><b>Warum   die Zersplitterung? <\/b><\/span><\/p>\n<p>Kellner versucht im letzten Teil   seines Buches eine Erkl&#228;rung f&#252;r die gro&#223;e Zersplitterung des   Trotzkismus zu finden. Da er das Problem nicht platt damit erkl&#228;ren   will, dass alle anderen Str&#246;mungen von Verr&#228;tern gef&#252;hrt seien, vertieft   er sich in die Psychologie von Kleingruppen. Er entwickelt vor allem   zwei Argumentationen: wenn Kleingruppen wachsen wollen, sind ihre   Mitglieder sich oft nicht einig, auf welchem Weg sie das erreichen   k&#246;nnen, streiten sich deswegen und spalten sich aus diesem Grund auch   ziemlich leicht, da der Verlust eines Teils der Kleingruppe gemessen an   dem erhofften Gewinn neuer Mitglieder akzeptabel erscheint. Zweitens   sch&#246;pfen oft f&#252;hrende Mitglieder einer Kleingruppe sehr viel   Selbstwertgef&#252;hl aus dieser Stellung und haben Angst, das bei einer   Vereinigung zu einer gr&#246;&#223;eren Gruppe zu verlieren.<br \/>Ich will   nicht behaupten, dass an diesen Erkl&#228;rungen &#252;berhaupt nichts dran sei,   aber mir scheinen doch zwei Aspekte bedeutsamer:<br \/>Erstens die Frage   des Programms und der Perspektiven. Trotzki sagte immer wieder, dass   eine Organisation durch ihre zahlenm&#228;&#223;ige St&#228;rke bedeutsam sein k&#246;nne   oder durch ihre politische Klarheit. Daraus ergibt sich nat&#252;rlich, dass   die verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig winzigen trotzkistischen Gruppen nat&#252;rlich auf ihre   politische Klarheit gro&#223;en Wert legen m&#252;ssen. Aber wenn sie sie gar   nicht haben? Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein sorgte Trotzki mit   seinen F&#228;higkeiten und seiner Erfahrung f&#252;r ein bewunderswertes Ma&#223; an   Klarheit. Und gerade im Zweiten Weltkrieg kam es unter den damaligen   schwierigen Bedingungen zu Vereinigungen in mehreren L&#228;ndern. In den   Niederlanden, Belgien und Frankreichs vereinigten sich Anh&#228;nger von   Sneevliet, Vereeken und Molinier, die Mitte der drei&#223;iger Jahre der   trotzkistischen Bewegung angeh&#246;rt hatten, aber in der zweiten H&#228;lfte der   drei&#223;iger Jahre mit ihnen gebrochen hatten, sich mit den Sektionen der   Vierten Internationale. In Gro&#223;britannien vereinigten sich die beiden   trotzkistischen Organisationen 1944. In den USA begannen 1945   Vereinigungsverhandlungen zwischen der trotzkistischen Socialist Workers   Party und der 1940 von ihr abgespaltenen Workers Party, deren Erfolg   mehrfach zum Greifen nahe schien. Damals wurde es noch als Abweichung   von der Norm empfunden, wenn sich in einem Land mehr als eine   Organisation auf Trotzki berief. Die gro&#223;e Zersplitterung der   trotzkistischen Bewegung begann erst, als die Vierte Internationale   nicht in der Lage war, sich in der Nachkriegssituation zurecht zu finden.<br \/>Zweitens   hat Trotzki auch psychologische Faktoren herangezogen, um Konflikte und   merkw&#252;rdige und wenig hilfreiche Verhaltensweisen in der trotzkistischen   Bewegung zu erkl&#228;ren, aber nicht die Psychologie des Menschen an sich   oder die Psychologie der Kleingruppe, sondern Klassenpsychologie, die   Psychologie von ArbeiterInnen und vor allem von Kleinb&#252;rgerInnen. Er   ging davon aus, dass in den trotzkistischen Gruppen meist die soziale   Zusammensetzung nicht dem Ideal von Arbeiterorganisationen entsprach,   sondern oft der Anteil der Kleinb&#252;rgerInnen und speziell   kleinb&#252;rgerlichen Intellektuellen hoch war. Diese k&#246;nnen eine positive   Rolle spielen, aber nur wenn sie mit ihrer sozialen Herkunft brechen und   sich ganz auf die Seite der Arbeiterklasse schlagen. Der lange   Nachkriegsaufschwung der f&#252;nfziger und sechziger Jahre war keine   g&#252;nstige Zeit, sich in der Arbeiterbewegung zu verankern und die   Organisationen zu &quot;proletarisieren&quot;. Dann kam die Studentenbewegung um   1968, an der sich zum Beispiel Kellners Vereinigtes Sekretariat mit   gro&#223;er Begeisterung beteiligte (S. 100f.). Die gro&#223;en Bewegungen der   ArbeiterInnen, die es damals auch gab (zum Beispiel in Deutschland   gewerkschaftliche Mobilisierungen gegen die Notstandsgesetze 1968,   Lehrlingsbewegung, eine Zunahme &quot;wilder Streiks&quot; von den   &quot;Septemberstreiks&quot; 1969 bis zum H&#246;hepunkt 1973 u.a.) wurden nicht in den   Mittelpunkt der Arbeit gestellt.<br \/>Verschlimmert wurde diese soziale   Zusammensetzung noch dadurch, dass die heute von Kellner zu Recht   kritisierte Vorstellung, das Klassenbewusstsein m&#252;sse von au&#223;en in die   Arbeiterklasse getragen werden, damals kaum umstritten war und viele   StudentInnen daraus das Recht ableiteten, ArbeiterInnen zu schulmeistern   und f&#252;r r&#252;ckst&#228;ndig zu erkl&#228;ren, wenn denen das nicht schmeckte. Diese   soziale Zusammensetzung und die von Trotzki und vielen vor ihm (der   deutsche Marxist Franz Mehring schrieb schon 1905 eine Artikelserie,   welche Rolle Intellektuelle in der Arbeiterbewegung spielen sollen und   welche nicht) beschriebene Psychologie von Kleinb&#252;rgern und   kleinb&#252;rgerlichen Intellektuellen ist wichtiger f&#252;r die psychologische   Seite der Erkl&#228;rung als Kellners Kleingruppen-Psychologie.<br \/><b><br \/><span>F&#252;r   wen ist das Buch geschrieben? <\/span><\/b><\/p>\n<p>Ich habe zu Beginn   dieser Rezension geschrieben, dass die ersten beiden Teile des Buchs   &#252;ber weite Strecken richtige Darstellungen enthalten. Das bedeutet   leider nicht, dass sie auch leicht verst&#228;ndlich w&#228;ren. Kellner schreibt   in der Einleitung von <span><i>&quot;Leserinnen und Lesern [&#8230;], die in der   einen oder anderen Weise auf trotzkistische Aktive gesto&#223;en sind &#8212; in   den Gewerkschaften, in den neueren sozialen Bewegungen, in der   politischen Bildungsarbeit &#8212; und sich daf&#252;r interessieren, wof&#252;r dieser   omin&#246;se &quot;Trotzkismus&#8217; eigentlich steht.&quot;<\/i><\/span>   Mir scheint aber, dass man das weiter einschr&#228;nken muss. Es gibt in   diesen Organisationen und Bereichen eine ganze Reihe von Altlinken, die   mit der marxistischen Ausdrucksweise vertraut sind, sich aber nie mit   dem Trotzkismus wirklich auseinandergesetzt haben, weil der zu der Zeit,   als sie aktiv geworden sind, verteufelt wurde. Wenn solche Menschen   jetzt sich ernsthaft mit dem Trotzkismus besch&#228;ftigen wollen, finden sie   in den beiden ersten Teilen viel Brauchbares.<br \/>Ich f&#252;rchte aber, dass   LeserInnen, die nicht auf diese Weise &quot;vorbelastet&quot; sind, ein Problem   damit haben, werden, dass zu viel angesprochen und zu wenig ausgef&#252;hrt   wird, dass ihnen Namen und Begriffe an den Kopf geworfen werden, ohne   dass sie erkl&#228;rt werden (oder erst viele Seiten sp&#228;ter). Zum Beispiel   hei&#223;t es S. 15, dass Trotzki im Gef&#228;ngnis <span><i>&quot;Darwin,   Michailowski, Plechanow &#8212; und Antonio Labriola&quot;<\/i><\/span>   las. Wenn der Leser bzw. die Leserin bis Seite 51 durchh&#228;lt, erfahren   sie, dass Plechanow ein Theoretiker der russischen Sozialdemokratie und   der &quot;Papst&quot; des russischen Marxismus war. Sonst werden die meisten nur   mit dem Namen Darwin etwas anfangen k&#246;nnen.<br \/>Mit der Aussage,   dass die Sowjets in der russischen Revolution 1905 eine <span><i>&quot;alternative   Staatsmacht vom Typ der Pariser Kommune&quot;<\/i><\/span> (S. 18) waren,   werden viele LeserInnen wenig anfangen k&#246;nnen. Dass damit Prinzipien wie   Arbeiterlohn f&#252;r Funktion&#228;re und jederzeitige Abw&#228;hlbarkeit gemeint   sind, ist leider nicht allgemein bekannt. Die Erw&#228;hnung der <span><i>&quot;austromarxistischen   F&#252;hrer wie Victor Adler oder Otto Bauer&quot;<\/i><\/span> (S. 22)   hilft in dieser Form noch weniger. Nach Trotzki war die Bezeichnung   &quot;Austromarxismus&quot; eine &quot;geographische H&#246;flichkeit&quot; f&#252;r Ansichten, die in   Wirklichkeit kein Marxismus sondern Pseudomarxismus waren. Die   Beschreibung, dass diese Parteif&#252;hrer umfassendes Wissen hatten und   gelehrt waren, aber keine Revolution&#228;re, sagt das Wesentliche aus. Man   braucht nicht noch einen Begriff einf&#252;hren, den viele LeserInnen nicht   kennen werden und der den mit ihm bezeichneten zu viel Ehre antut.<br \/>Auf   der selben Seite wird Zimmerwald erw&#228;hnt, aber erst auf Seite 71   verraten, dass dort im Jahre 1915 eine Konferenz stattfand. Dass an   dieser Konferenz SozialistInnen aus den gegeneinander Krieg f&#252;hrenden   Parteien teilnahmen und gemeinsame Beschl&#252;sse fassten, erw&#228;hnt er auch   dort nicht. Auf Seite 24 schreibt er, dass Trotzki Volkskommissar f&#252;r   ausw&#228;rtige Angelegenheiten wurde, ohne zu verraten, was ein   Volkskommissar war.<br \/>Literarische Anspielungen tragen auch nicht zur   Lesbarkeit bei. Es ist ja sch&#246;n, dass Kellners Schillers Ballade <span><i>&quot;Die   Kraniche des Ibikus&quot;<\/i><\/span> kennt, in der es hei&#223;t: <span><i>&quot;die   Szene wird zum Tribunal&quot;<\/i><\/span>. Aber bei Schiller ging es   darum, dass in einem Theater (Szene) Zuschauer ein Verbrechen   ausplaudern und deshalb vor Gericht (Tribunal) kommen. Dass Trotzki   seine Rolle als Angeklagter vor Gericht genutzt hat, um die R&#228;tebewegung   zu verteidigen und den Zarismus anzugreifen (S. 20), ist doch ein etwas   anderer Vorgang. Geradezu peinlich wird es, wenn Kellner auf Seite 141   schreibt, die Formulierungen &quot;unter sich keinen Sklaven&quot; und &quot;&#252;ber sich   keinen Herrn&quot; aus Brechts &quot;Einheitsfrontlied&quot; st&#252;nden in der   &quot;Internationale&quot;.<br \/><i><br \/><span>von Wolfram Klein, Stuttgart<\/span><\/i><\/p>\n<p>Das   Buch ist erschienen im Schmetterling Verlag. Stuttgart 2004<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu Manuel Kellners Buch &quot;Trotzkismus. 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