{"id":11259,"date":"2005-05-09T13:44:45","date_gmt":"2005-05-09T11:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11259"},"modified":"2012-06-25T20:31:21","modified_gmt":"2012-06-25T18:31:21","slug":"11259","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/05\/11259\/","title":{"rendered":"Vor 60 Jahren. Ende von Faschismus und Zweitem Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Bericht &uuml;ber eine Veranstaltung der SAV Stuttgart mit Theodor Bergmann<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie b&uuml;rgerlichen Medien sind voll von Berichten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. W&auml;hrend sie in der Gegenwart die Sozialreformen der Nachkriegszeit in Tr&uuml;mmer schlagen, die sie unter dem Druck der Arbeiterbewegung und der &#x84;Systemkonkurrenz&#x93; mit der Sowjetunion und dem Stalinismus einf&uuml;hren mussten, schreiben sie auch die Vergangenheit um, indem sie den Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus und den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion zum Sieg &uuml;ber den Faschismus herunterspielen oder totschweigen. Aber diesen Zusammenhang sprechen sie nat&uuml;rlich nicht offen aus. Als Ausrede daf&uuml;r, dass sie sich gerade mit diesem Jahrestag so ausf&uuml;hrlich besch&auml;ftigen, sagen sie, das sei der letzte runde Jahrestag, an dem noch Zeitzeugen zu Wort kommen k&ouml;nnten &#x96; lassen dann aber diese Zeitzeugen nur sehr wenig zu Wort kommen. <br \/>  <img style=\"width: 300px; height: 225px;\" alt=\"bergmann\" src=\"\/media\/2005\/bergmann.jpg\" align=\"left\">Die SAV Stuttgart hat in ihrer Veranstaltung am 5. Mai einen Zeitzeugen ausf&uuml;hrlich zu Wort kommen lassen. Theodor Bergmann, j&uuml;discher Abstammung und 1916 in Berlin geboren, wurde als Sch&uuml;ler in sozialistischen Jugendorganisationen aktiv und schloss sich der Kommunistischen Partei Deutschland (Opposition) (KPO) an. Kurz vor der Machtergreifung der Nazis emigrierte er und kehrte 1946 nach Deutschland zur&uuml;ck. Sein Bruder Alfred wurde 1940 von den Nazis ermordet. <\/p>\n<p>  In seinem Referat ging er zuerst auf die Frage ein, wer Hitler an die Macht gebracht hat. Er betonte, dass Hitlers Ziele vor 1933 bekannt waren. Die aktive Schuld lag bei der deutschen Bourgeoisie, die Hitler an die Macht brachte, weil sie eine Zerst&ouml;rung der Arbeiterbewegung und eine imperialistische Politik wollte. Bei den Organisationen der Arbeiterbewegung lag passive Schuld, weil sie im Kampf gegen den Faschismus eine falsche Politik betrieben. Die SPD war antikommunistisch und sch&uuml;rte u.a. Illusionen in Reichspr&auml;sident Hindenburg. Auch die KPD verstand die faschistische Gefahr nicht. Es gab aber auch Ausnahmen, wie Aufh&auml;user, den Vorsitzenden der Angestelltengewerkschaft Afa-Bund, der f&uuml;r eine Arbeitereinheitsfront eintrat, sich aber nicht durchsetzen konnte. Zum dritten liegt die Schuld bei den Konservativen aller L&auml;nder, die Hitler bis 1939 unterst&uuml;tzten. Z.B. lie&szlig; die britische Regierung w&auml;hrend des spanischen B&uuml;rgerkriegs 1936-39 deutsche Kriegsschiffe durch die Stra&szlig;e von Gibraltar, so dass sie spanische St&auml;dte bombardieren konnten. Es gab aber keine deutsche Kollektivschuld. Man kann nicht einen deutschen KZ-H&auml;ftling und einen KZ-W&auml;rter auf eine Stufe stellen. Die Nazis bekamen die Macht, ohne eine Mehrheit bei Wahlen bekommen zu haben. <br \/>  Die zweite behandelte Frage war der antifaschistische Widerstand. Die B&uuml;rgerlichen tun so, als habe der Widerstand mit dem Attentat auf Hitler 1944 begonnen. Tats&auml;chlich begann er 1928\/29, als Organisationen wie die KPO und die Trotzkisten vor der Gefahr durch die Nazis zu warnen begannen. Der inhaltliche Unterschied war, dass die Linken den Faschismus bek&auml;mpfen wollten, w&auml;hrend die meisten Leute des 20. Juli 1944 jahrelang mit ihm zusammenarbeiteten und ihr Ziel die Rettung des Kapitalismus war. Das Problem des Arbeiterwiderstands war aber, dass z.B. die KPD eine falsche Politik betrieb. So erkl&auml;rten sie die ersten Jahre nach 1933, sie h&auml;tten keine Niederlage erlitten, da sie ja nicht gek&auml;mpft h&auml;tten. <\/p>\n<p>  Eine weitere Frage, die w&auml;hrend der letzten Monate breit in den Medien diskutiert wurde, war der Bombenkrieg der Alliierten. Bergmann sagte, dass er verschiedene Ziele hatte. Zum Teil ging es um die Zerst&ouml;rung des Produktionspotenzials von Nazi-Deutschland, zum Teil aber auch um die Zerst&ouml;rung der Arbeiterwohnviertel. Die Kapitalisten vergessen auch im Krieg den Klassenkampf nicht und wollten die deutsche Arbeiterklasse schw&auml;chen. Dabei betonte er aber, dass es in England selbst Proteste gegen &#x84;Bomber-Harris&#x93; gab und dass die Zerst&ouml;rung von St&auml;dten durch Luftangriffe von den Nazis 1937 in Guernica in Spanien begonnen und im Zweiten Weltkrieg fortgesetzt wurde. <br \/>  Zur Rolle der Roten Armee sagte er, dass sie den h&auml;rtesten Widerstand geleistet hat, nachdem (au&szlig;er Gro&szlig;britannien) alle anderen kapituliert hatten. Die Sowjetunion brachte die gr&ouml;&szlig;ten Opfer und leistete den gr&ouml;&szlig;ten Beitrag zur Niederlage Hitlerdeutschlands. Das ist aber keine Rechtfertigung Stalins, dessen Politik die Rote Armee geschw&auml;cht hat, der unter anderem 1937 einen Gro&szlig;teil der F&uuml;hrung der Roten Armee hinrichten lie&szlig;, andere ins Lager steckte. <br \/>  Zur Lage 1945 sagte er, dass die Rote Armee an der Elbe stand, in Jugoslawien eine eigene Revolution stattgefunden hatte und in China die KP auf dem Weg zum Sieg &uuml;ber die Kuomintang war. Auch anderswo gab es gro&szlig;e Proteste, z.B. eine Streikwelle in Japan, Meutereien britischer Truppen im Mittelmeer, die nicht zur Unterdr&uuml;ckung der Revolution in Griechenland eingesetzt werden wollten. Die USA z&uuml;ndeten ihre Atombomben in Hiroschima und Nagasaki auch, um die Sowjetunion einzusch&uuml;chtern. Diese betrieb eine defensive Politik und wollte nur die von ihr besetzten Gebiete halten. Z.B. in Westdeutschland arbeitete die KPD mit den Besatzungsbeh&ouml;rden zusammen, sa&szlig; in den meisten Landesregierungen und d&auml;mpfte den Widerstand der ArbeiterInnen gegen reaktion&auml;re Ma&szlig;nahmen wie die Demontagen von Industrieanlagen. <\/p>\n<p>  Als letzten Punkt ging er auf die Neonazis heute und den Kampf gegen sie ein. Er betonte, dass wir uns da nicht auf den Staatsapparat verlassen k&ouml;nnen. <br \/>  Nach dem ausf&uuml;hrlichen Referat wurden vor allem Fragen gestellt, teils zu seinen pers&ouml;nlichen Erfahrungen, teils grunds&auml;tzlicher. Bei der Beantwortung der Fragen und im Schlusswort betonte er noch, dass der Faschismus kein deutsches, sondern ein kapitalistisches Ph&auml;nomen ist, allerdings in Deutschland besonders schlimm war. Er ging auch auf die vielen Kontinuit&auml;ten vom Nazi-Regime zur Nachkriegszeit ein (in Wirtschaft, Milit&auml;r, Staatsapparat, Hochschulen etc.). Ein weiterer wichtiger Aspekt war auch, dass die alliierten Besatzer keineswegs eine fortschrittliche Politik betrieben, sondern dass Bewegungen von unten wie die zu Kriegsende in vielen Orten spontan gebildeten Antifa-Komitees unterdr&uuml;ckt wurden. (Er selbst konnte erst 1946 aus Schweden zur&uuml;ckkehren, weil die Besatzer ihn vorher nicht hereinlie&szlig;en.) <br \/>  Es ist immer wieder eine Freude, dass Bergmann mit 89 Jahren noch so hellwach und engagiert ist. Auch inhaltlich war das Referat hervorragend. Bei dieser Veranstaltung war nicht oft zu merken, dass Bergmann aus einer anderen politischen Tradition als die SAV kommt. Die Veranstaltung war gut besucht, mehrere TeilnehmerInnen waren zum ersten Mal auf einer SAV-Veranstaltung. Trotzdem h&auml;tten dieser Referent und dieses Referat noch viel mehr Zuh&ouml;rerInnen verdient gehabt. Aber wir haben Bergmann sicher nicht zum letzten Mal eingeladen, wer diesmal den Fehler gemacht hat, nicht zu kommen, wird das noch bei einem anderen Thema nachholen k&ouml;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht &uuml;ber eine Veranstaltung der SAV Stuttgart mit Theodor Bergmann<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,99],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11259"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11259"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11259\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11259"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11259"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11259"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}