{"id":11253,"date":"2005-04-26T09:07:28","date_gmt":"2005-04-26T09:07:28","guid":{"rendered":".\/?p=11253"},"modified":"2005-04-26T09:07:28","modified_gmt":"2005-04-26T09:07:28","slug":"11253","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/04\/11253\/","title":{"rendered":"Streikf&uuml;hrer wider Willen"},"content":{"rendered":"<p>Zum Tod des einstigen Vorsitzenden der Gewerkschaft &Ouml;TV, Heinz Kluncker<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Das waren noch Zeiten unter Kluncker. Da hat die Gewerkschaft noch gek&auml;mpft und was erreicht.&#8220;<\/span> So oder &auml;hnlich wird sich manch &auml;lterer M&uuml;llwerker oder Stra&szlig;enbahnfahrer, anl&auml;&szlig;lich des Todes von Heinz Kluncker &auml;u&szlig;ern. F&uuml;r den ver.di-Bundesvorstand ist es hingegen bezeichnend, da&szlig; er gerade die Kampftradition Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in seinem Nachruf ignoriert bzw. v&ouml;llig unterbewertet &#x96; geht es ihr doch derzeit darum, diese Tradition im neuen Jahrhundert vollends zu begraben. Mit ins Grab des einstigen Vorsitzenden der Gewerkschaft &Ouml;ffentliche Dienst Transport und Verkehr (&Ouml;TV) geben seine heutigen Nachfolger in der ver.di-Spitze den BAT, den Fl&auml;chentarifvertrag des &ouml;ffentlichen Dienstes. Ohne Gegenwehr wird das in den 70er Jahren Erk&auml;mpfte von den Kluncker-Erben auf dem Altar des Neoliberalismus geopfert. Gleicher Lohn f&uuml;r gleiche Arbeit und Sozialzuschl&auml;ge f&uuml;r Familien waren Ziele gewerkschaftlicher Tarifpolitik unter Kluncker. F&uuml;r Bsirske und Co. ist das unmodern. Der von ihnen als &#8222;Jahrhundertreform&#8220; und &#8222;Meilenstein&#8220; gefeierte Tarifvertrag f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst (TV&Ouml;D) enth&auml;lt statt dessen &#8222;Leistungsl&ouml;hne&#8220;, sprich Nasenpr&auml;mien. W&auml;hrend der &Auml;gide des Heinz Kluncker, der von 1964 bis 1982 den &Ouml;TV-Vorsitz f&uuml;hrte, wurden insbesondere f&uuml;r die Arbeiter Fortschritte erzielt. Heute gibt es hier die deutlichsten R&uuml;ckschritte: Niedriglohngruppe, schlechtere Eingruppierung, Wegfall von Zuschl&auml;gen. Unter Kluncker wurde die Arbeitszeit verk&uuml;rzt, unter Bsirske wird sie verl&auml;ngert. <\/p>\n<p>Heinz Kluncker war ein f&uuml;r die Nachkriegszeit typischer sozialdemokratischer Gewerkschaftsfunktion&auml;r. Als er 1961 in den gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Hauptvorstand gew&auml;hlt und Leiter des Tarifsekretariats wurde, betrieb er die gleiche Politik der Lohnzur&uuml;ckhaltung wie alle anderen Gewerkschaftsf&uuml;hrer. Dies wurde w&auml;hrend der Gro&szlig;en Koalition 1967 in der sogenannten Konzertierten Aktion institutionalisiert.   <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Welle von &#8222;wilden Streiks&#8220;  <\/p>\n<p>1969 war der Punkt erreicht, an dem die Besch&auml;ftigten sich gegen die von oben verordnete Verzichtspolitik auflehnten. Ausgehend von der Stahlindustrie kam es im September 1969 in vielen Betrieben trotz Friedenspflicht und ohne Aufruf der Gewerkschaft zu spontanen Arbeitsniederlegungen f&uuml;r mehr Geld. Um &#8222;wilden Streiks&#8220; im &ouml;ffentlichen Dienst zuvorzukommen, forderte die &Ouml;TV-Spitze unter Kluncker vorgezogene Tarifverhandlungen. Aber in vielen Betrieben des &ouml;ffentlichen Dienstes warteten die Besch&auml;ftigten das Ergebnis dieser Verhandlungen gar nicht erst ab. Am 17. September 1969 begann eine Welle spontaner Arbeitsniederlegungen der Stadtreiniger und von Besch&auml;ftigten der Verkehrsbetriebe in Duisburg, K&ouml;ln, Westberlin, N&uuml;rnberg, Herne, Mannheim, Offenbach, Kaiserslautern, Witten, Wanne-Eikel und M&uuml;lheim. Die Besch&auml;ftigten setzten so Voraberh&ouml;hungen durch &#x96; in Duisburg beispielsweise eine Zulage von 150 Mark. Diese inoffiziellen Streiks waren ein Schock f&uuml;r Kluncker und die anderen Gewerkschaftschefs. Um die Kontrolle &uuml;ber die radikalisierten Belegschaften zur&uuml;ckzugewinnen, mu&szlig;ten sie fortan kompromi&szlig;loser auftreten und f&uuml;r die Besch&auml;ftigten bei Tarifverhandlungen Erfolge rausholen. Allerdings hinkte ihre Politik weiter hinter den Erwartungen und Forderungen der Basis her. So kam es 1973 zu einer noch m&auml;chtigeren Welle inoffizieller Streiks, die sich von Februar bis Oktober hinzog. Insgesamt beteiligten sich 275 000 Besch&auml;ftigte in 335 Betrieben an den Ausst&auml;nden. Erk&auml;mpft wurden meist Stundenlohnerh&ouml;hungen um bis zu 80 Pfennig oder Teuerungszulagen von bis zu 500 Mark. Diesmal versuchte die &Ouml;TV-Spitze um Kluncker solche unkontrollierten Streiks zu vermeiden, indem sie in ohne K&uuml;ndigung der Tarifvertr&auml;ge die Forderung nach einem vollen 13. Monatsgehalt stellte. Trotz Friedenspflicht drohte der &Ouml;TV-Vorsitzende mit Streik. Diese Drohung reichte aus, um das volle Weihnachtsgeld durchzusetzen. Das war den M&uuml;llwerkern und Stra&szlig;enbahnfahrern aber nicht genug. In selbstorganisierten Streiks in vielen Betrieben des &ouml;ffentlichen Dienstes erk&auml;mpften sie sich zus&auml;tzliche Teuerungszulagen.   <\/p>\n<p><img style=\"width: 253px; height: 170px;\" alt=\"streikkoeln\" src=\"\/media\/2005\/koeln74.jpg\" align=\"left\"><span style=\"font-weight: bold;\">Streik 1974<\/span>  <\/p>\n<p>Die Tarifrunde 1974 sollte schlie&szlig;lich f&uuml;r eine kr&auml;ftige Lohnerh&ouml;hung sorgen. Durch die inoffiziellen Streiks 1973 hatten die Besch&auml;ftigten an Selbstbewu&szlig;tsein gewonnen. Die &Ouml;TV-F&uuml;hrung stand unter solchem Druck ihrer Basis, da&szlig; sie dieses Mal trotz massiver Kritik von Regierung, Presse und Unternehmern nicht nachgeben konnte. Des <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Kanzlers beste Verb&uuml;ndete&#8220;<\/span> (Frankfurter Rundschau) mu&szlig;ten hart bleiben, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und so kam es zum legend&auml;ren Streik von 1974. Nach drei Streiktagen war eine Lohnerh&ouml;hung von elf Prozent und mindestens 170 Mark durchgesetzt. Viele wollten weiterstreiken und noch mehr rausholen. Bei der Urabstimmung &uuml;ber die Annahme des Ergebnisses stimmten nur 61,8 Prozent f&uuml;r Annahme, in Hessen sogar nur 44 Prozent. Mit dem Streik durchbrach die &Ouml;TV die staatlich verordnete Lohnleitlinie. Der &Ouml;TV-Streik im Februar 1974 hatte damit entscheidenden Anteil daran, da&szlig; Kanzler Willy Brand, ausgel&ouml;st durch die Spionageaff&auml;re um Guillaume, drei Monate sp&auml;ter zur&uuml;cktrat.  <\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic;\">von Ursel Beck, Gewerkschaftspolitische Sprecherin der SAV<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Biographisches<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>20. Februar 1925: Heinz Kluncker wird in Wuppertal-Barmen als Sohn eines Schlossers und Drehers geboren <\/p>\n<\/p>\n<p>16. April 1952: erster Volont&auml;r in der Hauptverwaltung der &Ouml;TV in Stuttgart, wird Sachbearbeiter im Tarifsekretariat <\/p>\n<\/p>\n<p>Juni 1958: Gewerkschaftstag der &Ouml;TV in M&uuml;nchen, Wahl zum Bundesarbeitersekret&auml;r <\/p>\n<\/p>\n<p>Juni\/Juli 1961: Gewerkschaftstag der &Ouml;TV in Berlin, Wahl zum Mitglied des gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Hauptvorstandes, Leiter des Tarifsekretariats <\/p>\n<\/p>\n<p>Juni \/Juli 1964: Wahl zum Vorsitzenden der &Ouml;TV auf dem Gewerkschaftstag in Dortmund, mit 39 Jahren j&uuml;ngster Gewerkschaftsvorsitzender der Bundesrepublik, unangefochtene Wiederwahlen bis zu seinem R&uuml;cktritt <\/p>\n<\/p>\n<p>September 1965: Teilnahme an einem Kongre&szlig; in Karlovy Vary (CSSR), Gespr&auml;che mit Gewerkschaftern aus der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und Polen <\/p>\n<\/p>\n<p>M&auml;rz 1966: Erste offizielle Gewerkschaftsdelegation aus der UdSSR als Gast der &Ouml;TV in der Bundesrepublik <\/p>\n<\/p>\n<p>Juli 1970: Vereinbarung &uuml;ber den Monatslohn als neues Lohnsystem f&uuml;r Arbeiter im &ouml;ffentlichen Dienst <\/p>\n<\/p>\n<p>Juli\/August 1971: Kongre&szlig; der Internationalen Transportarbeiter-F&ouml;deration (ITF) in Wien, Wahl zum Vizepr&auml;sidenten <\/p>\n<\/p>\n<p>Januar 1972: Vereinbarung &uuml;ber die Reduzierung der regelm&auml;&szlig;igen w&ouml;chentlichen Arbeitszeit im &ouml;ffentlichen Dienst ab 1. Oktober 1974 von 42 auf 40 Stunden <\/p>\n<\/p>\n<p>September 1973: Vereinbarung &uuml;ber das 13. Monatseinkommen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst <\/p>\n<\/p>\n<p>Oktober 1973: Weltkongre&szlig; der Internationale der &ouml;ffentlichen Dienste in New York, Wahl zum Pr&auml;sidenten, Wiederwahlen 1977 in Edinburgh und 1981 in Singapur <\/p>\n<\/p>\n<p>10.&#x96;13. Februar 1974: Arbeitskampf im &ouml;ffentlichen Dienst. Gegen die von der Bundesregierung festgelegte Lohnleitlinie von weniger als zehn Prozent setzt die &Ouml;TV eine Erh&ouml;hung der Einkommen um elf Prozent, mindestens jedoch 170 DM durch und verteidigt damit die Tarifautonomie <\/p>\n<\/p>\n<p>2. Juni 1982: R&uuml;cktritt vom Vorsitz der &Ouml;TV auf dringenden Rat der &Auml;rzte <\/p>\n<\/p>\n<p>M&auml;rz 1985: Berufung zum Mitglied der Programmkommission der SPD <\/p>\n<\/p>\n<p>November 1985:<span style=\"font-weight: bold;\"> <\/span>Weltkongre&szlig; der I&Ouml;D in Caracas (Venezuela), einstimmige Ernennung zum I&Ouml;D-Ehrenpr&auml;sidenten auf Lebenszeit <\/p>\n<\/p>\n<p>(www.verdi.de\/geschichte\/heinzkluncker)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Tod des einstigen Vorsitzenden der Gewerkschaft &Ouml;TV, Heinz Kluncker<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11253"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11253"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11253\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}