{"id":11251,"date":"2005-05-20T17:11:36","date_gmt":"2005-05-20T17:11:36","guid":{"rendered":".\/?p=11251"},"modified":"2005-05-20T17:11:36","modified_gmt":"2005-05-20T17:11:36","slug":"11251","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/05\/11251\/","title":{"rendered":"EU in schlechter Verfassung?"},"content":{"rendered":"<p>In Frankreich k&ouml;nnte das EU-Referendum zur Abrechnung mit der EU werden<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIn elf Staaten der Europ&auml;ischen Union stimmt die Bev&ouml;lkerung in Referenda &uuml;ber die EU-Verfassung ab. Sollte eine der Abstimmungen negativ ausfallen, k&ouml;nnte sich die Krise der EU erheblich versch&auml;rfen.<br \/>  Vor dem Referendum in Frankreich am 29. Mai hat jetzt das gro&szlig;e Zittern begonnen, denn dort wird der Bev&ouml;lkerungsteil, der die Verfassung ablehnen will, kontinuierlich gr&ouml;&szlig;er. Mitte April hatte der Anteil der &#x84;Nein&#x93;-Stimmen in Umfragen 56 Prozent erreicht.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Widerstand in Frankreich<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Die steigende Ablehnung der Verfassung ist in Frankreich mit dem wachsenden Widerstand gegen die massiven Angriffe der Regierung verbunden. So gingen am 10. M&auml;rz rund eine Million ArbeiterInnen und Jugendliche gegen die Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit und K&uuml;rzungen im Gesundheits- und Bildungsbereich auf die Stra&szlig;e.<br \/>  Nicht nur Frankreich, sondern gro&szlig;e Teile Europas wurden von einem Proteststurm ersch&uuml;ttert: ein Generalstreik in Griechenland, landesweite Streikvorbereitungen in Gro&szlig;britannien (die von der Gewerkschaftsspitze kurzfristig abgesagt wurden, weil Blair die geplante Teilprivatisierung der Renten im Wahlkampf auf Eis legte) und ein europaweiter Aktionstag in Br&uuml;ssel. Angesichts dieser Proteste sah sich die EU-Kommission gezwungen, die Liberalisierung des Dienstleistungssektors zumin-dest zu vertagen und den Stabilit&auml;tspakt weiter zu lockern.<br \/>  Die ablehnende Haltung gegen&uuml;ber der EU resultiert in Frankreich daraus, dass die Angriffe der franz&ouml;sischen Regierung zu Recht als nationales Gegenst&uuml;ck zur neoliberalen Politik der EU gesehen werden. Sie spiegeln auch das Programm der europ&auml;ischen Lissabon-Strategie wider, die vor allem auf Deregulierung, Privatisierung und die Aufweichung von Arbeitnehmerrechten abzielt (auf dem EU-Gipfel in Lissabon im Jahr 2000 war beschlossen worden, dass die EU bis 2010 zum &#x84;wettbewerbsf&auml;higsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt&#x93; werden soll).<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Keine &#x84;Stabilit&auml;t&#x93; in Sicht<\/span><\/p>\n<p>  Doch das neoliberale Rezept ist nicht geeignet, die wirtschaftliche Situation zu verbessern und die hohe Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone erreichte 2004 lediglich 1,8 Prozent und f&uuml;r 2005 liegen die Erwartungen noch darunter.<br \/>  Die &ouml;konomischen Schwierigkeiten und der politische Druck haben mittlerweile auch zur offiziellen Aufweichung des &#x84;Stabilit&auml;tspaktes&#x93; gef&uuml;hrt. Diese Finanz-Spielregeln dienen als Korsett der W&auml;hrungsunion und wurden jetzt gelockert: Haushaltsdefizite k&ouml;nnen &uuml;ber einen langen Zeitraum ausgeglichen werden und diverse &#x84;mildernde Umst&auml;nde&#x93; wurden eingef&uuml;hrt &#x96; insbesondere f&uuml;r Deutschland. Die Europ&auml;ische Zentralbank kritisierte die Lockerungen scharf, denn nationale Haushaltspolitik muss in der EU &uuml;ber EU-weite W&auml;hrungspolitik abgefangen werden. Die Motivation f&uuml;r ein einzelnes Land, sein Defizit niedrig zu halten, ist dadurch gering und &#x84;Stabilit&auml;t&#x93; steht st&auml;ndig auf der Abschussrampe.<br \/>  Vor dem Hintergrund eines geringen Wachstums in der Euro-Zone w&auml;hlen viele Regierungen in Europa den Weg weiterer Angriffe auf die Sozialsysteme, um ihre Haushaltssituation einigerma&szlig;en in den Griff zu bekommen. Beispiel Griechenland: Dort wurde die Mehrwertsteuer am 1. April von 18 auf 19 Prozent erh&ouml;ht. Der EU-Kommission war zu entnehmen, dass Athen &#x84;wirksame Ma&szlig;nahmen&#x93; ergriffen habe, um die Neuverschuldung 2006 wieder unter die Drei-Prozent-Marke zu dr&uuml;cken. Alle drei gro&szlig;en Gewerkschaftsverb&auml;nde k&uuml;ndigten daraufhin einen 24-st&uuml;ndigen Generalstreik f&uuml;r den 11. Mai an.<br \/>  <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Verfassung oder &#x84;zwei Geschwindigkeiten&#x93;?<\/span><\/p>\n<p>  Die franz&ouml;sische Regierung m&uuml;sste jetzt noch viele Nebelkerzen werfen, um eine Mehrheit f&uuml;r die EU-Verfassung zu Stande zu bekommen. Auch wenn Frankreich nicht das einzige Land ist, in dem das Referendum auf der Kippe steht, w&auml;re eine Ablehnung in diesem &#x84;Kernland&#x93; der EU besonders problematisch. Es w&auml;re nicht auszuschlie&szlig;en, dass die Verfassung dann auf Eis gelegt wird. Damit w&auml;re der Plan gescheitert, durch ein Verfassungswerk mit einem Schlag allen EU-Staaten in vielen Politikbereichen eine einheitliche Linie aufzuzwingen. Stattdessen w&uuml;rden nur einzelne Teile der Verfassung umgesetzt werden. Einzelne Mitgliedsstaaten k&ouml;nnten sich dabei ausklinken und eine EU der &#x84;zwei Geschwindigkeiten&#x93; w&uuml;rde entstehen.<br \/>  Die Frage &#x84;einheitliche Verfassung oder verschiedene Geschwindigkeiten&#x93; ist f&uuml;r die EU im Grunde nicht neu. Hier zeigt sich das ewige Dilemma der EU: Auf der einen Seite wird ein einheitlicher Block angestrebt. Neben dem Vorteil eines gro&szlig;en, offenen Marktes wollen die europ&auml;ischen Regierungen damit auch einen imperialen Block gegen die USA aufbauen. So ist auch die &Auml;u&szlig;erung des EU-Ratspr&auml;sidenten Juncker zu verstehen, dass sich die USA &uuml;ber ein Scheitern der Verfassung freuen w&uuml;rden, weil sie Europa nicht als &#x84;kompetenten Akteur&#x93; auf der Weltb&uuml;hne sehen wollen. Auf der anderen Seite setzt sich die EU aus 25 Nationalstaaten zusammen, deren Regierungen und Unternehmen oft gegeneinander stehende Interessen vertreten. Dieser Widerspruch wird sich in einer kapitalistischen EU nicht aufl&ouml;sen und deshalb wird die EU immer ein wackeliges Gebilde bleiben.<br \/>  ArbeiterInnen und SozialistInnen m&uuml;ssen sich allen Versuchen, das Projekt einer EU der Unternehmen und Banken zu legitimieren, entgegenstellen. Die EU wird durch ein St&uuml;ck Papier, auch wenn &#x84;Verfassung&#x93; draufsteht, nicht demokratisiert werden. Die jetzige neoliberale EU ist nicht das Europa, das wir brauchen. Wir m&uuml;ssen ein Europa aufbauen, das sich auf die internationale Solidarit&auml;t der Lohnabh&auml;ngigen und Jugendlichen st&uuml;tzt; ein Europa der freiwilligen Kooperation, um eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, in der die Entscheidungen in der Wirtschaft nicht in den H&auml;nden von Unternehmern und Banken liegen, sondern in der die Wirtschaft demokratisch geplant und kontrolliert wird.<br \/>  <span style=\"font-weight: bold;\">F&uuml;r ein sozialistisches Europa &#x96; gegen die EU der Banken und Konzerne!<\/span><\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Choni Fl&ouml;ther, Kassel<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Frankreich k&ouml;nnte das EU-Referendum zur Abrechnung mit der EU werden<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[171],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11251"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11251"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11251\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}