{"id":11249,"date":"2005-05-06T16:59:47","date_gmt":"2005-05-06T16:59:47","guid":{"rendered":".\/?p=11249"},"modified":"2005-05-06T16:59:47","modified_gmt":"2005-05-06T16:59:47","slug":"11249","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/05\/11249\/","title":{"rendered":"Chinesische Entwicklungshilfe f&uuml;r US-Dollar"},"content":{"rendered":"<p>Weltwirtschaft und Dollarkrise<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie Achillesferse der kapitalistischen Weltwirtschaft ist derzeit die weltweite Finanzarchitektur. Ein erheblicher Teil des weltweiten Wirtschaftswachstums, das es 2004 gab, wurde auf k&uuml;nstliche Weise herbeigef&uuml;hrt: durch die gewaltigen &#x84;Zwillings-Defizite&#x93; in den USA, die Fehlbetr&auml;ge von Haushalt und Leistungsbilanz, durch eine daraus resultierende US-Verschuldung und durch deren Finanzierung vor allem durch asiatische Zentralbanken.<br \/>  Seit 2001 ist der US-Haushalt defizit&auml;r. Unter George W. Bush gibt es einen spezifischen &#x84;milit&auml;rischen Keynesianismus&#x93;: Schaffung von k&uuml;nstlicher Nachfrage durch steigende Ausgaben zum T&ouml;ten und Bespitzeln bei gleichzeitiger Senkung der Unternehmenssteuern. Die Budgetdefizite stiegen von 158 Milliarden US-Dollar 2002 auf 513 Milliarden 2004. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) macht das 2004er US-Defizit (Bund, Bundesstaaten, Sozialversicherungen) sieben Prozent aus &#x96; das Doppelte des Maastricht-Kriteriums der EU. 2002 bis 2005 steigen damit die &ouml;ffentlichen Schulden der USA um rund 1.500 Milliarden Dollar. Finanziert wird diese Schuld &uuml;berwiegend durch Staatsanleihen, die von in- und ausl&auml;ndischen Personen und Institutionen gekauft werden.<br \/>  Parallel gibt es das US-Leistungsbilanzdefizit. Seit 15 Jahren importieren die USA mehr als sie an Waren und Dienstleistungen exportieren. Dieses Defizit erreichte 2004 das Rekordniveau von 600 Milliarden Dollar, was 5,7 Prozent des US-BIP entspricht. Der Internationale W&auml;hrungsfonds interveniert gegen&uuml;ber Schwellenl&auml;ndern, wenn ihr Leistungsbilanzdefizit f&uuml;nf Prozent &uuml;berschreitet.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Asiatische Entwicklungshilfe f&uuml;r USA<\/span><\/p>\n<p>  Aus den US-Defiziten resultieren im Wortsinne &#x84;offene Rechnungen&#x93;. Allein das 2004er US-Defizit in der Leistungsbilanz verteilt sich auf neue Dollar-Guthaben in H&ouml;he von 160 Milliarden in Tokio, 150 Milliarden in Peking, 140 Milliarden in Europa und weiteren 100 Milliarden Dollar in den Golfstaaten. Bisher haben die Zentralbanken der jeweiligen L&auml;nder mit diesen Dollar-Guthaben US-Anleihen gekauft. Allein die asiatischen Zentralbanken sammelten von 2000 bis 2004 auf diese Weise einen Devisenschatz von 1.800 Milliarden Dollar an (Tokio 800 und Peking 600 Milliarden Dollar). Sieht man von Japan ab, so fungierten damit Schwellenl&auml;nder als Bank for America.<br \/>  Diese &#x84;Entwicklungshilfe&#x93; erf&uuml;llt zwei Funktionen. Erstens wird der Dollar gest&uuml;tzt; gleichzeitig werden die eigenen W&auml;hrungen (Yen, Renminbi, Won und so weiter) niedrig gehalten, was wiederum die ei-genen Exporte f&ouml;rdert. Zweitens wird durch diese Mega-Kredite an die USA der US-Konsum befl&uuml;gelt und das dortige Wirtschaftswachstum auf Pump verl&auml;ngert, was die Weltkonjunktur st&uuml;tzt und die Sucht nach Importen aus Asien f&ouml;rdert.<br \/>  Doch der Prozess k&uuml;nstlicher Welt-Nachfrage ist nicht beliebig fortsetzbar. Ende 2004 hat die Auslandsverschuldung der USA 3.100 Milliarden US-Dollar erreicht. Das entspricht dem Dreifachen des Werts der US-Exporte. Im Fall von Drittwelt-L&auml;ndern gilt: Wenn die Auslandsverschuldung den doppelten Wert der j&auml;hrlichen Exporte ausmacht, ist dies ein Warnzeichen vor einem Absturz.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Lok aus der Spur<\/span><\/p>\n<p>  Bisher reagierte die US-Regierung, indem sie eine Abwertung des Dollars akzeptierte. Damit wurden die US-Exporte erh&ouml;ht, das Leistungsbilanzdefizit reduziert und die US-Schulden im Ausland entwertet. So fiel der Wert der US-W&auml;hrung gegen&uuml;ber dem Euro von Mitte 2001 bis heute um rund 35 Prozent. Bereits dies hatte negative Auswirkungen auf die Weltkonjunktur: Die US-Importe verteuerten sich und der US-Konsum ging zur&uuml;ck. Die US-Zentralbank hob die Zinsen wieder an, um das dringend ben&ouml;tigte Auslandskapital anzuziehen. Damit steigen die Immobilienzinsen an; die Blase in diesem Sektor droht zu platzen. Vor allem aber verteuerten sich die Exporte aus Japan und Europa, was den wichtigsten Motor der Weltkonjunktur ins Stottern bringt.<br \/>  Dennoch hat sich die Wettbewerbsf&auml;higkeit der US-Wirtschaft nicht erkennbar verbessert. 2005 droht das US-Defizit in der Leistungsbilanz gemessen am BIP auf sieben Prozent anzusteigen. Die US-Konjunktur &#x96; die Lok der Weltwirtschaft &#x96; droht zu entgleisen.<br \/>  Dies erfolgt nach Fahrplan. Die Wirtschaftspolitik unter George W. Bush zielte von vornherein auf den schnellen Profit f&uuml;r gro&szlig;e Konzerne und den Wahlsieg f&uuml;r eine zweite Amtsperiode. Nat&uuml;rlich gibt es immanente Krisentendenzen des Kapitalismus, die in jedem Fall wirken, so den tendenziellen Fall der Profirate. Doch im Fall des &#x84;Bushism&#x93; kam es auch aus gro&szlig;b&uuml;rgerlichen Sicht zu einer speziellen, unverantwortlichen Wirtschaftspolitik. Der Nobelpreistr&auml;ger Joseph Stiglitz bilanzierte: &#x84;Die Bush-Regierung betreibt eine neue Form des beggar your neighbour (beleih Deinen Nachbarn; W.W.), eine Politik auf Kosten anderer Staaten. Das gro&szlig;e Defizit im Au&szlig;enhandel f&uuml;hrt zu einem schwachen Dollar und zu einem starken Euro, der wiederum die Exportf&auml;higkeit Europas beeintr&auml;chtigt. Irgendwann k&ouml;nnte das Vertrauen in die USA derart ersch&uuml;ttert sein, dass ausl&auml;ndische Anleger (&#8230;) das US-Defizit nicht mehr finanzieren wollen.&#x93;<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Sonderfall China<\/span><\/p>\n<p>  Peking hat seine W&auml;hrung, Renminbi (Yuan) seit 1995 an den Dollar gekoppelt. Die Verteidigung des Kurses von 8,28 Yuan f&uuml;r einen US-Dollar ist teuer erkauft. 2004 finanzierte China bereits ein Drittel des gesamten Defizits in der US-Leistungsbilanz. Mit den schnell steigenden Dollar-Devisenreserven verteidigt die chinesische Zentralbank diese W&auml;hrungsrelation. Der Yuan gilt als um 25 Prozent unterbewertet, was die enormen chinesischen Exporte in den Dollar-Raum f&ouml;rdert. Dies f&uuml;hrt dazu, dass die Regierungen in Washington, Tokio und Europa auf eine Aufwertung des Renminbi dr&auml;ngen.<br \/>  Kommt es zu einer deutlichen Aufwertung des Renminbi, so wird die Architektur der Weltfinanzen bedroht. Zun&auml;chst w&uuml;rde die Wirtschaft in China abschmieren, weil die wichtige Exportwirtschaft einbrechen w&uuml;rde. Die ohnehin fragile Weltkonjunktur verl&ouml;re eine letzte St&uuml;tze. Sodann w&uuml;rden die chinesischen Devisenreserven drastisch abgewertet. Die Symbiose zwischen S&uuml;chtigem und Dealer, zwischen US-Konjunktur auf Pump und dessen Finanzierung durch die chinesische Zentralbank, w&uuml;rde zerschlagen. Allein eine Yuan-Aufwertung um 20 Prozent bedeutet f&uuml;r Peking angesichts des erw&auml;hnten 600-Milliarden-Dollar-Devisenschatzes einen Verlust von 120 Milliarden US-Dollar. Dies w&auml;re nicht hinnehmbar &#x96; zumal es dann die Gefahr weiterer Dollar-Abwerungen gibt. Peking k&ouml;nnte dann ganz aus dem Dollar aussteigen. Damit aber w&uuml;rde die &#x84;Weltfinanzarchitektur des Schreckens&#x93;, wie dies der ehemalige US-Finanzminister Larry Summer nannte, endg&uuml;ltig ins Wanken gebracht.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Dollar, Gold, Euro<\/span><\/p>\n<p>  So n&auml;hert sich der Kapitalismus dem Zeitpunkt, an dem der Dollar als Welt-Leitw&auml;hrung abtritt. Dem britischen Pfund, Vorg&auml;nger des US-Dollars in dieser Funktion, erging es &auml;hnlich. Gro&szlig;britannien war vor dem Ersten Weltkrieg der gr&ouml;&szlig;te Gl&auml;ubiger der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Land &#x96; wie heute die USA &#x96; einer der gr&ouml;&szlig;ten Schuldner der Welt. Dies f&uuml;hrte nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufstieg des US-Kapitalismus auf dem Weltmarkt und zum Dollar als neuer Leitw&auml;hrung.<br \/>  So gesehen w&uuml;rde sich Wirtschaftsgeschichte lediglich wiederholen. Allerdings sind drei Besonderheiten zu ber&uuml;cksichtigen: Erstens dauerte der reale Abl&ouml;sungsprozess des britischen Pfund durch den US-Dollar rund zwei Jahrzehnte und war unter anderem mit der Weltwirtschaftskrise verbunden. Zweitens gab es mit dem US-Dollar eine glaubw&uuml;rdige Alternative zum britischen Pfund, hinter dem die gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftskraft der Welt stand. Heute gibt es zwar den Euro als Alternative, worin bereits 20 Prozent der weltweiten Devisenvorr&auml;te angelegt sind. Doch hinter dem Euro steht als EU nur ein Staatsgebilde im Geburtszustand. Vor allem ist die EU noch nicht Milit&auml;rmacht Nummer eins.<br \/>  Die dritte zu ber&uuml;cksichtigende Besonderheit: Das Pfund war jederzeit in das allgemeine &Auml;quivalent f&uuml;r gesellschaftliche Arbeit, in Gold, umtauschbar &#x96; zu einem fixen Kurs (&#x84;Goldstandard&#x93;). Das war in Krisenzeiten wichtig. Und damit best&auml;tigte sich die Marxsche &ouml;konomische Theorie, wonach alle Werte auf Arbeitszeit beruhen und &#x84;geronnene Arbeitszeit&#x93; sind. Karl Marx: &#x84;Die spezifische Schwere des Goldes und des Silbers, viel Gewicht in einem relativ schmalen Volumen zu enthalten (&#8230;) wiederholt sich in der Welt der Werte so, dass es gro&szlig;en Wert (Arbeitszeit) in verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig schmalem Volumen enth&auml;lt.&#x93;<br \/>  Auch der US-Dollar als Leitw&auml;hrung hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Goldstandard (35 Dollar je Unze Gold). Er wurde 1971 als eine Folge des Vietnamkriegs aufgegeben. Der damalige US-Finanzminister John Connally &auml;u&szlig;erte: &#x84;Es ist unsere W&auml;hrung, aber euer Problem.&#x93; Drei Jahrzehnte lang funktionierte es, sich mit einem Weltw&auml;hrungssystem durchzuwursteln, dessen &#x84;ideeller Anker&#x93; nur das Vertrauen in die US-&Ouml;konomie war. Dieses Vertrauen schwindet. Die Krise der Leitw&auml;hrung Dollar wird zum Problem f&uuml;r die gesamte kapitalistische &Ouml;konomie.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Gastartikel von Winfried Wolf. Er ist seit mehr als drei&szlig;ig Jahren in der marxistischen Bewegung aktiv. Von 1994-2002 war er Bundestagsabgeordneter der PDS. Letztes Jahr trat er aus der PDS aus. Winfried Wolf ist Mitherausgeber der Zeitung &#x84;Gegen den Krieg&#x93; und Autor diverser B&uuml;cher, darunter &#x84;Eisenbahn und Autowahn&#x93;, &#x84;CasinoCrash&#x93;, &#x84;Bombengesch&auml;fte&#x93; und &#x84;Sturzflug in die Krise&#x93;.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltwirtschaft und Dollarkrise<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11249"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11249"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11249\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}