{"id":11245,"date":"2005-04-26T09:53:03","date_gmt":"2005-04-26T09:53:03","guid":{"rendered":".\/?p=11245"},"modified":"2005-04-26T09:53:03","modified_gmt":"2005-04-26T09:53:03","slug":"11245","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/04\/11245\/","title":{"rendered":"Kriegserkl&auml;rung des Kapitals erneuert"},"content":{"rendered":"<p>Regierungskrise und wirtschaftliche Negativmeldungen f&uuml;hren zu einer h&auml;rteren Gangart der Arbeitgeber<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nMitte M&auml;rz kamen Kanzler Schr&ouml;der und Au&szlig;enminster Fischer beim &#x84;Jobgipfel&#x93; mit der CDU\/CSU-Spitze dem Wunsch der Kapitaleigner nach und beschlossen eine weitere Senkung der Unternehmenssteuern.<br \/>  In der gleichen Woche wurde in Berlin aber auch noch eine zus&auml;tzliche Botschaft ausgegeben: Das &#x84;Reformtempo&#x93; darf nicht verlangsamt werden, bis zu den Bundestagswahlen im Herbst 2006 darf es keine &#x84;Reformpause&#x93; geben.<br \/>  Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler &uuml;bernahm am 15. M&auml;rz den Part, als Sprachrohr der herrschenden Klasse zu fungieren. In seiner Rede beim Arbeitgeberforum &#x84;Wirtschaft und Gesellschaft&#x93; verk&uuml;ndete er: <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Es sind dicke Reformbretter, die wir bohren m&uuml;ssen. Ein mutiger Anfang ist mit der Agenda 2010 gemacht. Er wird eine positive Wirkung entfalten. Doch wir m&uuml;ssen unseren Menschen ehrlich sagen, dass wir es damit noch nicht geschafft haben.&#x93;<\/span> Und weiter: <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Taktische Reformpausen wegen Wahlterminen oder einen Zickzack-Kurs k&ouml;nnen wir uns nicht leisten.&#x93;<\/span> Einen Tag vor der K&ouml;hler-Rede hatte der Arbeitgeberpr&auml;sident Dieter Hundt die Linie vorgeben, als er eine &#x84;Agenda 2005&#x93; verlangte.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Neuer Katalog der Grausamkeiten<\/span><\/p>\n<p>  Kernpunkt ist f&uuml;r Hundt und K&ouml;hler eine drastische Senkung der Lohnnebenkosten, vor allem Einsparungen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung &#x96; f&uuml;r die Unternehmer. Die parit&auml;tische Finanzierung ist l&auml;ngst Makulatur, die Ackerm&auml;nner wollen sich jetzt noch st&auml;rker als bisher aus den Beitragszahlungen stehlen. F&uuml;r 73 Prozent der vom Handelsblatt-Business-Monitor befragten Manager steht das oben an.<br \/>  <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt brauchen wir in Deutschland eine politische Vorfahrtsregel f&uuml;r Arbeit&#x93;<\/span>, damit begr&uuml;ndet K&ouml;hler den Ausbau des Niedriglohnsektors. Heuern und Feuern durch tarifvertragliche &Ouml;ffnungsklauseln, einer Zunahme von Billigjobs und einer Demontage des K&uuml;ndigungsschutzes sowie der Mitbestimmungsrechte. Entlassungen werden erleichtert &#x96; angeblich um Jobs zu schaffen&#8230;<br \/>  Seit Schr&ouml;ders Regierungserkl&auml;rung vor zwei Jahren &#x96; einer kaum verklausulierten Kriegserkl&auml;rung gegen die arbeitende Bev&ouml;lkerung &#x96; haben die Unternehmen &#x84;ihre Kosten drastisch gedr&uuml;ckt, die Gewerkschaften schmerzhafte Einschnitte bei L&ouml;hnen und Arbeitszeiten hingenommen. Seither h&auml;lt etwa der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jim O&#x92;Neill, <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu den Euroland-Partnern f&uuml;r so wettbewerbsf&auml;hig wie seit zehn Jahren nicht mehr&#x93;<\/span> (Der Spiegel 15\/2005). Warum dann das erneute Kriegsgeschrei? Weil die Herren Blut geleckt haben. Und weil sich der internationale Konkurrenzkampf aufgrund &ouml;konomischer Hiobsbotschaften weiter versch&auml;rft.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wirtschaftliche Talfahrt?<\/span><\/p>\n<p>  Die Euro-Zone erlebt eine Wachstumsdelle. F&uuml;r Deutschland erwartet die Europ&auml;ische Kommission 2005 ein &#x84;Wachstum&#x93; von 0,8 Prozent statt wie bislang gesch&auml;tzt 1,5 Prozent. Damit droht der deutschen Wirtschaft die rote Laterne innerhalb der EU. W&auml;hrend die Wirtschaft in der BRD seit geraumer Zeit stagniert, ist die Industrieproduktion im Februar sogar deutlich gefallen. F&uuml;r das zweite Quartal lassen die &ouml;konomischen Fr&uuml;hindikatoren schwarz sehen &#x96; ganz gleich, ob man Auftragseing&auml;nge, Gesch&auml;ftsklima oder Konsumaussichten betrachtet. Faktoren sind die Euro-Aufwertung (im Vergleich zum Dollar um 22 Prozent seit Fr&uuml;hjahr 2003) und der &#x84;&Ouml;lpreisschock&#x93; (so Jean-Claude Trichet, Chef der Europ&auml;ischen Zentralbank).<br \/>  Angesichts der Krisensignale der Weltwirtschaft ist es jederzeit m&ouml;glich, dass es nicht bei Korrekturen der Konjunkturprognosen bleibt, sondern zu einer schweren Weltwirtschaftskrise kommt. Weil die USA mehr konsumieren als produzieren, betr&auml;gt das gigantische Leistungsbilanzdefizit schon sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Um den US-Konsum weiter zu finanzieren, m&uuml;ssen pro Werktag mehr als zwei Milliarden Dollar an Anlegerkapital nach Nordamerika flie&szlig;en. &#x84;Falls den internationalen Investoren einmal die Lust auf US-Anleihen und Investments in den Vereinigten Staaten vergeht, droht die Katastrophe: Der Dollar w&uuml;rde ins Bodenlose st&uuml;rzen.<span style=\"font-style: italic;\"> &#x84;Das h&auml;tte verheerende Folgen gerade in Europa, weil der Exportwirtschaft die Absatzm&auml;rkte wegbrechen&#x93;<\/span>, sagt Thomas Stolper, W&auml;hrungsexperte der Investmentbank Goldman Sachs&#x93; (Financial Times Deutschland vom 14. April). Wenn es nicht nur kriseln sollte, wenn es kracht, dann w&uuml;rden die Kapitalisten eine Offensive starten, die alle heutigen Angriffe auf den Lebensstandard bei weitem in den Schatten stellen w&uuml;rden.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Rot-Gr&uuml;n am Ende?<\/span><\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Unsere Kritik gilt der international wachsenden Macht des Kapitals und der totalen &Ouml;konomisierung eines kurzatmigen Profit-Handelns&#x93;<\/span>, erkl&auml;rte der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Franz M&uuml;ntefering am 13. April auf dem Programmforum der Sozialdemokraten. Wie gro&szlig; muss die Panik in der SPD-F&uuml;hrungsriege sein, dass ein M&uuml;ntefering solche T&ouml;ne anschl&auml;gt! Hat er doch Schr&ouml;ders Kernaussage zum Regierungsantritt verinnerlicht: &#x84;Mit mir ist eine Politik gegen die Wirtschaft nicht zu machen!&#x93;<br \/>  Aus gutem Grund macht sich unter M&uuml;ntefering und Co. Panik breit: In den letzten zehn Jahren hat die SPD ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Inzwischen z&auml;hlt sie weniger als 600.000 Parteib&uuml;cher. Acht von neun rot-gr&uuml;nen Koalitionen oder Ampel-Regierungen auf Landesebene wurden mittlerweile abgew&auml;hlt. Die einzige noch verbliebene SPD\/Gr&uuml;ne-Regierung in Nordrhein-Westfalen wird allen Umfragen zufolge nach den Landtagswahlen abtreten m&uuml;ssen. In ihrer einstigen Hochburg d&uuml;mpelt die SPD bei knapp 30 Prozent vor sich hin.<br \/>  Bei einem Debakel in NRW am 22. Mai sind die Tage von Rot-Gr&uuml;n im Bund aller Wahrscheinlichkeit nach gez&auml;hlt. Allm&auml;hlich wenden sich auch die Kapitalisten vom Kabinett Schr&ouml;der\/Fischer ab. Eine Manager-Umfrage des Handelsblattes vom M&auml;rz macht deutlich, dass eine Mehrheit unter ihnen auf eine neue CDU-gef&uuml;hrte Bundesregierung setzt. Das erkl&auml;rt auch die bewusste Medien-Demontage von Au&szlig;enminister Fischer &uuml;ber die &#x84;Visa-Aff&auml;re&#x93;.<br \/>  Von einer Regierung, in der die CDU federf&uuml;hrend ist, versprechen sie sich ein anderes Tempo bei der sozialen Demontage. Eine Gro&szlig;e Koalition ist dabei eine Option, die sich die Schrempps und Ackerm&auml;nner aber lieber noch f&uuml;r die Zukunft aufheben wollen (falls ihnen das nicht aufgezwungen wird &#x96; wie in Schleswig-Holstein).<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Arbeitsk&auml;mpfe und die WASG<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  M&uuml;nteferings verbale &#x84;Kapitalismus-Kritik&#x93; zeigte nicht nur auf, wie sehr der SPD im NRW-Wahlkampf das Wasser bis zum Hals steht, sondern war auch auf die erste Kandidatur der neuen Partei &#x84;Arbeit &amp; soziale Gerechtigkeit &#x96; Die Wahlalternative&#x93; (WASG) gem&uuml;nzt. Mit einer &#x84;Saarbr&uuml;cker Erkl&auml;rung&#x93; haben Oskar Lafontaine, der SPD-Bundestagsabgeordnete Ottmar Schreiner, mehrere DGB-Funktion&auml;re und WASG-Mitglieder nun gegen Hartz IV Position bezogen. Sollte Lafontaine zur WASG sto&szlig;en, w&uuml;rde seine Bekanntheit die Wahrnehmung der WASG innerhalb der arbeitenden Bev&ouml;lkerung gewaltig steigern.<br \/>  In den vergangenen Monaten hat die WASG mehrere M&ouml;glichkeiten verpasst, die Partei substanziell aufzubauen (ob Montagsdemonstrationen, Opel-Streik oder soziale Konflikte in den Kommunen). Nach dem Abflauen der Anti-Hartz-Proteste verkomplizierte sich die Lage f&uuml;r die Linke generell. Die Verantwortung daf&uuml;r tr&auml;gt die F&uuml;hrung des DGB, die eine Verallgemeinerung von K&auml;mpfen um jeden Preis verhindern wollte. Eine Verlagerung von Auseinandersetzungen auf die betriebliche Ebene war die Folge (Streiks bei der Dr. Heines-Klinik, der Eichbaum-Brauerei oder beim Autozulieferer Dr&auml;xlmaier).<br \/>  Die neue Arbeitgeberoffensive wird die Wut unter Erwerbslosen und Besch&auml;ftigten auf die kapitalistische Politik noch erheblich steigern. Sollte es in der Wirtschaft bundesweit und weltweit zu einem massiven Einbruch kommen, w&uuml;rden die Herrschenden die Angriffe in der BRD noch st&auml;rker erh&ouml;hen. Sollten diese Entwicklungen auf einen rot-gr&uuml;nen Super-Gau bei den NRW-Wahlen folgen, w&auml;ren auch vorgezogene Neuwahlen nicht auszuschlie&szlig;en. Bereits in den kommenden Monaten sind tiefe &ouml;konomische und politische Verwerfungen, bittere Abwehrk&auml;mpfe und ganz neue Entwicklungen in und um die WASG m&ouml;glich.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Aron Amm, Mitglied der Bundesleitung der SAV<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regierungskrise und wirtschaftliche Negativmeldungen f&uuml;hren zu einer h&auml;rteren Gangart der Arbeitgeber<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[171],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11245"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11245"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11245\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}