{"id":11241,"date":"2005-04-22T09:32:31","date_gmt":"2005-04-22T09:32:31","guid":{"rendered":".\/?p=11241"},"modified":"2005-04-22T09:32:31","modified_gmt":"2005-04-22T09:32:31","slug":"11241","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/04\/11241\/","title":{"rendered":"60 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald"},"content":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen hier das revolution&auml;re Manifest der im KZ Buchenwald inhaftierten Trotzkisten vom 20. April 1945. Es dr&uuml;ckt die Hoffnungen aus, dass mit dem Ende des Faschismus auch die letzte Stunde des kapitalistischen Systems geschlagen hat. Der Einleitungstext unseres Genossen Hans Miro Tuzla weist darauf hin, dass dieser  Optimismus nicht unbegr&uuml;ndet war und Deutschland, wie ganz Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einer revolution&auml;ren und sozialistischen Welle erfasst wurde.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Zum Buchenwalder Manifest der Trotzkisten<\/span><\/p>\n<p>  Heute ist kaum vorstellbar, wie haarscharf Europa 1945 an der sozialen Revolution &#8222;vorbeigerutscht&#8220; ist, das hei&szlig;t wie es den Alliierten gelang durch Besetzung Deutschlands und Osteuropas, jede revolution&auml;re Bewegung im Keim zu ersticken. <br \/>  Nat&uuml;rlich war daf&uuml;r die systematische Verw&uuml;stung besonders der Arbeiterviertel im ansonsten sinnlosen Bombenterror eine der Vorarbeiten.<br \/>  Hauptgrund war nat&uuml;rlich ein politischer: Die F&uuml;hrung der Sowjetunion machte, wie in Jalta und Potsdam vereinbart, ihren gesamten Einfluss geltend, um &uuml;ber ihren verl&auml;ngerten Arm, die jeweiligen Kommunistischen Partein und die Besatzungstruppen alle Ans&auml;tze zur Selbstorganisierung und Selbstverwaltung der sofort wieder aktiven Reste der Arbeiterbewegung zu unterdr&uuml;cken (Gruppe Ulbricht in Berlin, Gruppe Ackerman in Dresden). <br \/>  Auch in Italien, Frankreich, den Benelux-Staaten gelang es nur m&uuml;hsam durch &#8222;Einbindung&#8220; der Kommunistischen Parteien in Regierung und Staatsapparat die breiten Volksmassen, vom Ziel der Beseitigung des Kapitalismus abzubringen. Nur in Jugoslawien und China haben stalinistische Bauernarmeen gegen Stalins Willen die Macht erobert. In Griechenland tobte ein jahrelanger Krieg gegen die britischen Truppen, die an die Stelle der geschlagenen Naziarmee traten und 1947 den Kapitalismus retten konnten. <br \/>  Die Bolschewiki unter Lenin und Trotzki gingen davon aus, dass Mokau nur vor&uuml;bergehend die &#x84;Hauptstadt der Revolution&#x93; bleiben w&uuml;rde. Sofort nach dem bald erwarteten Sieg der Revolution in industriell entwickelteren L&auml;ndern, besonders Deutschland, l&auml;ge das Zentrum der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Berlin und in Moskau nur eine kleine &#x84;Zweigstelle&#x93; der kommunistischen (III.) Internationale. <\/p>\n<p>  Nach der blutigen Unterdr&uuml;ckung der Revolution in Deutschland entwickelte sich die b&uuml;rokratische Kaste des so genannten &#x84;Sozialismus in einem Land&#x93;, das zudem noch das r&uuml;ckst&auml;ndigste Europas war, zu einer auf die Macht- und Privilegienerhaltung in der UdSSR beschr&auml;nkten konservativen Schicht. <br \/>  Zumindest schon in der spanischen Revolution von 1937 bis 1939, und in Frankreich 1936 hatte die Sowjetb&uuml;rokratie bewiesen, dass sie sich durch die siegreiche Revolution in einem weiteren Land, besonders einem entwickelteren Land, in ihrer Existenz t&ouml;dlich bedroht sah. <br \/>  Nach Abschaffung der Komintern 1943 traf dies in nochmals verst&auml;rkt f&uuml;r die Nachkriegszeit zu. Die weltweite Ersch&uuml;tterung des Kapitalismus 25 Jahre zuvor (1917 bis 1923) war der Bourgeoisie, der Sowjetb&uuml;rokratie und der Arbeiterklasse noch in lebendiger Erinnerung. Die zu Handlangern Moskaus entarteten Kommunistischen Parteien arbeiteten systematisch auf die Schaffung b&uuml;rgerlich parlamentarischer &#x84;Volksdemokratien&#x93; in Europa hin und wurden sogar von der SPD bez&uuml;glich sozialistischer Forderungen links &uuml;berholt.<br \/>  In der BRD wurden s&auml;mtliche Volksentscheide zur &Uuml;berf&uuml;hrung der Gro&szlig;industrie in Gemeineigentum untersagt, nachdem in Hessen, Bremen und NRW &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheiten sich daf&uuml;r ausgesprochen hatten. Von r&auml;te-&auml;hnlich organisierten Arbeitern besetzte Bergwerke und Gro&szlig;betriebe wurden zum Teil mit Panzern der US-Armee f&uuml;r die &#8222;rechtm&auml;&szlig;igen&#8220; Besitzer &#8222;befreit&#8220;. <br \/>  Die in fast allen St&auml;dten sofort nach Kriegsende entstandenen Antifa-Komitees wurden unterdr&uuml;ckt, weil sie in Ost und West die mit den Nazis bis zum Schluss kollaborierende Bourgeoisie als Verantwortliche f&uuml;r Krieg und Faschismus entmachten wollten, Betriebe und Kommunen selbst&auml;ndig lenkten und wieder aufbauten. <br \/>  So hie&szlig; es auch im sozialdemokratischen Buchenwalder Manifest von April 1945: <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Die letzte Ursache dieses ungeheuerlichsten aller Kriege liegt in der Raubtiernatur der kapitalistischen Wirtschaft&#8230;. Wir fordern, dass diesen Gesellschaftskrisen durch eine sozialistische Wirtschaft ein absolutes Ende gesetzt wird.&#x93; Dagegen forderte das Zentralkomitee der KPD und KP-Minister &#x84;die freie Entfaltung der Unternehmerinitiative auf der Grundlage des Privateigentums.&#x93;<\/span> <\/p>\n<p>  In Hamburg gr&uuml;ndeten schon im Mai SPD- und KPD-Arbeiter die &#x84;Sozialistischen Freien Gewerkschaften&#x93;, die in wenigen Wochen 50.000 Mitglieder in Hamburg hatten und am 18.Juni 1945 von der britischen Labour-Regierung verboten wurden. Noch am 12. November 1948 sah sich die DGB-Spitze von der Basis gezwungen einen Generalstreik gegen die Folgen der ungerechte W&auml;hrungsreform von Juni 1948 und die Wiederherstellung des Kapitalismus zu organisieren, an dem sich zehn Millionen Lohnabh&auml;ngige beteiligten. <br \/>  Der Gedanke einer R&uuml;ckkehr zum kapitalistischen System war so unpopul&auml;r, dass selbst im Ahlener CDU Programm 1947 der Sozialismus als einzig m&ouml;gliche Zukunft gefordert wurde. (Zu Einzelheiten siehe z.B. Tilman Fichter : &#8222;Der erzwungene Kapitalismus, BRD 1945 bis 1949&#x93;) <br \/>  Die im &Uuml;bergangsprogramm von Trotzki formulierte Erwartung eines gewaltigen revolution&auml;ren Stimmungsumschwungs in der Nachkriegszeit ist insofern nicht weit von der damaligen Realit&auml;t entfernt, aber wie es 1918\/19 Reichswehr und Sozialdemokratie gelang, die Revolution nach blutigen K&auml;mpfen zu unterdr&uuml;cken, so gelang es nach 1945 den Agenturen des sowjetischen Au&szlig;enministeriums (KP&#x91;en) in Europa, die Revolution schon im Keim zu ersticken. Ausnahmen sind nur Jugoslawien und China, und die immerhin siegreiche koloniale Befreiungsbewegung, die praktisch die halbe Menscheit vom Kolonialjoch in wenigstens formal unabh&auml;ngige Staaten verwandelte.<br \/>  Nat&uuml;rlich war auch in dieser Periode der fehlende &#8222;subjektive Faktor&#8220;, eine von sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien unabh&auml;ngige revolution&auml;re Organisation der entscheidende Faktor. Die objektiven Bedingungen f&uuml;r eine revolution&auml;re Umw&auml;lzung nach dem 2.Weltkrieg waren trotz aller Pr&auml;ventivschl&auml;ge der imperialistischen Demokratien und Sowjetru&szlig;lands gegeben. <span style=\"font-style: italic;\">&#x84;Die gegenw&auml;rtige Krise der menschlichen Zivilisation ist die Krise der proletarischen F&uuml;hrung.&#x93;<\/span>(Trotzki, 1938)<\/p>\n<p>  Heute ist schwer vorstellbar, mit welch systematischem Terror zum Beispiel die KP Frankreichs nach der Befreiung von Hitlerdeutschland potenzielle F&uuml;hrer einer solchen Bewegung ermordete. Ein F&uuml;hrer der damaligen Vorl&auml;uferorganisation von Lutte Ouvrier (LO), Mathieu Bucholz, wurde von bewaffneten Banden der KP Frankreichs entf&uuml;hrt und zu Tode gefoltert, zwei weitere Genossen ebenfalls eingekerkert, wobei einem die Flucht gelang, und der andere durch geschicktes Verhalten beim Verh&ouml;r freigelassen wurde (Pierre Bois und sein Bruder, sp&auml;ter F&uuml;hrer des gro&szlig;en Streiks bei Renault). In Frankreich selbst gelang es dem Gr&uuml;ndungsmitglied der italienischen KP, Pietro Tresco, und vier weiteren Trotzkisten aus einem KZ auszubrechen, aber die Stalinisten ermordeten die soeben Befreiten im Maquis! Nat&uuml;rlich sind die meisten Morde an trotzkistischen Revolution&auml;ren durch Nazi- und Stalinschergen nicht bekannt geworden, da sie vom b&uuml;rgerlichen Staatsapparat wohlwollend gedeckt wurden. So wurden nicht nur in den drei&szlig;iger Jahren bei den Moskauer Schauprzessen, sondern auch in Spanien, Deutschland, Frankreich etc. zahllose Mitarbeiter und tausende Anh&auml;nger Trotzkis ermordet. <br \/>  Schon 1929 wurden systematisch in trotzkistische Organisationen gut geschulte Agenten eingeschleust. Diese erlangten nicht wenige Schl&uuml;sselpositionen und f&uuml;hrten dann Spaltungen, Verrat etc. durch (in Deutschland zum Beispiel Well in Leipzig und Senin in Berlin) . Diese wenigen Beispiele zeigen, wie sehr sich B&uuml;rgertum und Stalinismus der Gefahr der von Trotzki vorhergesehenen revolution&auml;ren Nachkriegs-Welle bewusst waren. Symptomatisch f&uuml;r die Stimmung noch drei Jahre nach Kriegsende ist zum Beispiel das Ahlener Programm der CDU, denn ohne solche Aussagen konnte keine Partei einen Fu&szlig; auf den Boden bekommen. Stalinisten und b&uuml;rgerliche Medien verschleiern die revolution&auml;re Stimmung nach dem 2.Weltkrieg und reden nur vom &#x84;Wirtschaftswunder&#x93;.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Hans Miro Tuzla<\/span><br style=\"font-style: italic;\"> <br \/>  <span style=\"font-weight: bold;\">ERKL&Auml;RUNG DER BUCHENWALDER TROTZKISTEN <\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  In der bevorstehenden vorrevolution&auml;ren Periode gilt es, die werkt&auml;tigen Massen im Kampf gegen die Bourgeoisie zu mobilisieren und den Aufbau einer neuen revolution&auml;ren Internationale vorzubereiten, die die Einheit der Arbeiterklasse in der revolution&auml;ren Aktion verwirklichen wird. <\/p>\n<p>  Alle Theorien und Illusionen &uuml;ber einen &#8222;Volksstaat&#8220;, &#8222;Volksdemokratie&#8220; haben im Verlaufe der Klassenk&auml;mpfe unter der kapitalistischen Gesellschaft die Arbeiterklasse in die blutigsten Niederlagen gef&uuml;hrt. Nur der unvers&ouml;hnliche Kampf gegen den kapitalistischen Staat bis zu seiner Zerschlagung und die Errichtung des Staates der Arbeiter- und Bauernr&auml;te kann solche neuen Niederlagen verhindern. Die Bourgeoisie und das entwurzelte Kleinb&uuml;rgertum haben den Faschismus an die Macht gebracht. Der Faschismus ist das Gesch&ouml;pf des Kapitalismus. Nur die erfolgreiche unabh&auml;ngige Aktion der Arpeiterklasse gegen den Kapitalismus ist imstande, das &Uuml;bel des Faschismus samt seiner Wurzel auszureissen. In diesem Kampf wird sich das z&ouml;gernde Kleinb&uuml;rgertum dem revolution&auml;r vorst&uuml;rmenden Proletariat anschliessen, wie es uns die Geschichte der grossen Revolutionen lehrt. <\/p>\n<p>  Um aus den kommenden Klassenk&auml;mpfen siegreich hervorzugehen, mu&szlig; die deutsche Arbeiterklasse die Verwirklichung folgender Forderungen erk&auml;mpfen: <\/p>\n<p>  &#8211; Organisations-, Versammlungs- und Pressefreiheit! <br \/>  &#8211; Koalitionsfreiheit und sofortige Wiederherstellung aller sozialen Errungenschaften von vor 1933! <br \/>  &#8211; Restlose Beseitigung aller faschistischen Organisationen! <br \/>  &#8211; Beschlagnahme ihrer Verm&ouml;gen zugunsten der Opfer des Faschismus! <br \/>  &#8211; Aburteilung aller Tr&auml;ger des faschistischen Staates durch frei gew&auml;hlte Volksgerichte ! <br \/>  &#8211; Aufl&ouml;sung der Wehrmacht und ihre Ersetzung durch Arbeiterrnilizen! <br \/>  &#8211; Sofortige freie Wahl von Arbeiter- und Bauernr&auml;ten in ganz Deutschland und Einberufung eines allgemeinen R&auml;tekongresses! <br \/>  &#8211; Trotz Ausn&uuml;tzung aller parlamentarischen Institutionen der Bourgeoisie f&uuml;r die revolution&auml;re Propaganda, Beibehaltung und Erweiterung der R&auml;te! <br \/>  &#8211; Enteignung der Banken, der Schwerindustrie und des Gro&szlig;grundbesitzes <br \/>  &#8211; Kontrolle der Produktion durch die Gewerkschaften und die Arbeiterr&auml;te! <br \/>  &#8211; Keinen Mann, keinen Pfennig f&uuml;r die Kriegs- und Reparationsschulden der Bourgeoisie! <br \/>  &#8211; Die Bourgeoisie mu&szlig; zahlen! <br \/>  &#8211; F&uuml;r die gesamtdeutsche sozialistische Revolution, gegen eine Zerst&uuml;ckelung Deutschlands! <br \/>  &#8211; Revolution&auml;re Verbr&uuml;derung mit den Proletariern der Besatzungsarmeen! <br \/>  &#8211; F&uuml;r ein R&auml;tedeutschland in einem R&auml;te-Europa!<br \/>  &#8211; F&uuml;r die proletarische Weltrevolution! <\/p>\n<p>  20. April 1945&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">Die Internationalistischen Kommunisten Buchenwalds<\/span><br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">(4. Internationale) <\/span><br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> Abgedruckt z.B. in &#x84;Die Internationale&#x93; Oktober 1974. Hrsgb. Gruppe Internationaler Marxisten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen hier das revolution&auml;re Manifest der im KZ Buchenwald inhaftierten Trotzkisten vom 20. April 1945. Es dr&uuml;ckt die Hoffnungen aus, dass mit dem Ende des Faschismus auch die letzte Stunde des kapitalistischen Systems geschlagen hat. 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