{"id":11218,"date":"2005-03-30T18:21:02","date_gmt":"2005-03-30T18:21:02","guid":{"rendered":".\/?p=11218"},"modified":"2005-03-30T18:21:02","modified_gmt":"2005-03-30T18:21:02","slug":"11218","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/03\/11218\/","title":{"rendered":"Reform oder &Uuml;berwindung des Kapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p>Sascha Stanicic, Bundessprecher der SAV, unterzieht den Programmentwurf der neuen Partei Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) einer marxistischen Analyse und Kritik.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>Die neue Partei &#x92;Arbeit und soziale Gerechtigkeit &#8211; Die Wahlalternative&#x91; (WASG) ist mit einem gro&szlig;en Anspruch angetreten: eine Alternative zu den etablierten Sozialk&uuml;rzungs-Parteien zu schaffen, die die Interessen von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt und die historischen Errungenschaften der Arbeiterbewegung bewahren will. Eine solche Alternative ist dringend n&ouml;tig. Millionen ArbeitnehmerInnen und Erwerbslose erleben tagt&auml;glich, dass es keine starke Partei gibt, die ihre Interessen artikuliert und verteidigt. Dem WASG-Bundesparteitag am 7. und 8. Mai liegt ein Entwurf f&uuml;r ein Grundsatzprogramm vor, das diese politische Alternative formulieren soll. <\/p>\n<p>Was ist die Aufgabe eines Parteiprogramms? Es soll die wichtigen und zentralen Ziele der Partei zusammen fassen. Und mehr: es gibt in der Regel eine weltanschauliche Antwort auf die politische und &ouml;konomische Gesamtsituation und entwirft eine Vorstellung, wie die formulierten Ziele zu erreichen sind. In diesem Sinne dr&uuml;cken Parteiprogramme nicht nur die Ziele, sondern auch das Selbstverst&auml;ndnis und den Charakter der Partei aus. Auch der WASG-Programmentwurf enth&auml;lt mehr als die politischen Forderungen der Partei zu zentralen Politikfeldern.<\/p>\n<p>Die meisten der in dem Programmentwurf aufgestellten Einzelforderungen sind richtige und notwendige Entgegnungen auf die Offensive des Kapitals gegen die Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Forderungen wie die nach einem gro&szlig;en &ouml;ffentlichen Zukunftsinvestitionsprogramm zur Schaffung hunderttausender Arbeitspl&auml;tze, den Ausbau des &ouml;ffentlichen Dienstes, Lohnerh&ouml;hungen, st&auml;rkere Besteuerung von Unternehmen, der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns, Arbeitszeitverk&uuml;rzung, Recht auf politischen Streik und Generalstreik sprechen Millionen aus dem Herzen. Die Feststellung, dass diese Forderungen angesichts des aufgeh&auml;uften gesellschaftlichen Reichtums, finanzierbar sind, unterscheidet die WASG von den anderen Parteien. Diese Reformforderungen stellen die Grundlage dar, auf der die WASG-AktivistInnen aus verschiedenen Bereichen und Traditionen &#x96; Gewerkschaften, Erwerbslosenbewegung, sozialistische Organisationen, globalisierungskritische Bewegung, Antifaschismus, Frauen- und Umweltbewegung &#x96; sammeln und im gemeinsamen Kampf f&uuml;r die Durchsetzung der Interessen der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung organisieren kann. <\/p>\n<p>Viele der Forderungen k&ouml;nnen von SozialistInnen unterschrieben werden, andere gehen in die richtige Richtung, sind aber viel zu moderat. So ist es unverst&auml;ndlich, dass der Spitzensteuersatz &#x92;auf seine fr&uuml;here H&ouml;he, mindestens jedoch auf 47 Prozent angehoben werden&#x91; soll. Dieser lag selbst am Ende der Amtszeit der alles andere als arbeitnehmerfreundlichen Kohl-Regierung bei 53 Prozent. Ebenso sollten alle Forderungen, die Steuer- und Abgabenerh&ouml;hungen f&uuml;r die lohnabh&auml;ngige Bev&ouml;lkerung beinhalten, gestrichen werden. Das gilt f&uuml;r die Aussage, dass der Beitragssatz f&uuml;r die Rentenversicherung auch 22 Prozent &uuml;bersteigen k&ouml;nne oder die Forderung nach einer &#x92;&ouml;kologischen Steuerreform, mit der der Verbrauch nat&uuml;rlicher Ressourcen verteuert wird&#x91;. Letztere k&auml;me der Erh&ouml;hung indirekter Massensteuern gleich, die unsozial und ungerecht sind, da Arm und Reich den gleichen Satz bezahlen m&uuml;ssen. Statt Erh&ouml;hung von Massensteuern sollte die WASG die Abschaffung derselben und die Einf&uuml;hrung eines einfachen und stark progressiven Steuersystems fordern. <\/p>\n<p>Einen &ouml;kologischen Umbau der Gesellschaft kann man durch entsprechende &ouml;ffentliche Investitionen und Gesetze zu erreichen, wie es das Programm auch teilweise fordert: erg&auml;nzend zu Forderungen nach Verboten umweltsch&auml;dlicher Produktion und &ouml;ffentlichen Investitionen in regenerative Energien sollte aber zum Beispiel auch zum Beispiel die drastische Preissenkung im &ouml;ffentlichen Personennah- und Fernverkehr bis hin zum Nulltarif im Nahverkehr gefordert werden. Die etablierten Parteien und b&uuml;rgerlichen Medien werden ohnehin versuchen, die WASG als Steuererh&ouml;hunspartei zu diskreditieren. Die selbstbewusste Antwort darauf sollte sein: Steuern rauf f&uuml;r die Reichen und Konzerne &#8211; Steuern runter f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen!<\/p>\n<p>Die konkrete Ausgestaltung des im Programm geforderten Zukunftsinvestitionsprogramm f&auml;llt auch hinter das zur&uuml;ck, was eigentlich notwendig ist. Eine Verdopplung der &ouml;ffentlichen Investitionen zu fordern klingt zwar nach viel, angesichts des aktuellen Niveaus w&auml;re aber eine deutlich gr&ouml;&szlig;ere Steigerung n&ouml;tig. Ebenso macht es keinen Sinn, zur Finanzierung des Zukunftsinvestitionsprogramms &#x92;in wirtschaftlichen Schw&auml;chephasen kurzfristig eine h&ouml;here Kreditaufnahme&#x91; vorzuschlagen. Die Bundesrepublik steckt im vierten Jahr &ouml;konomischer Stagnation (und das Wachstum der &#x92;Boomjahre&#x91; war auch nicht sonderlich stark). Das Geld f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen muss bei den Gewinnen der Banken und Konzerne geholt werden. Statt weiterer Kreditaufnahme sollte der Staat die Zinszahlungen an die Banken einstellen. Unter kapitalistischen Verh&auml;ltnissen wird die Arbeiterklasse f&uuml;r eine weitere Staatsverschuldung zur Kasse gebeten werden. <\/p>\n<p>Es ist gut und richtig, dass das Programm Arbeitszeitverk&uuml;rzung &#x92;im gro&szlig;en Stil&#x91; fordert und die &#x92;Perspektive&#x91; der 30-Stunden-Woche aufstellt. Es ist nicht gut, dass es nicht unmissverst&auml;ndlich vollen Lohn- und Personalausgleich im Zusammenhang mit Arbeitszeitverk&uuml;rzung fordert. Stattdessen wird einger&auml;umt, dass diese &#x92;vor&uuml;bergehend zu Lasten m&ouml;glicher Lohnerh&ouml;hungen&#x91; gehen k&ouml;nne und wird die &#x92;Durchsetzung hinreichend hoher L&ouml;hne&#x91; gefordert. Das ist zu vage und l&auml;sst Raum f&uuml;r die Akzeptanz von Arbeitszeitverk&uuml;rzung ohne Lohnausgleich oder nur mit Teil-Lohnausgleich.<\/p>\n<p>Es ist ebenso gut und richtig, dass die Privatisierung von &ouml;ffentlichen Dienstleistungen in den Bereichen Verkehr, Energie, Wasser und Abfall abgelehnt werden. Aber warum nur in diesen Bereichen? Privatisierung bedeutet in allen Bereichen Nachteile f&uuml;r Besch&auml;ftigte und VerbraucherInnen. Deshalb sollte die Privatisierung von Wohnraum, Krankenh&auml;usern und allen &ouml;ffentlichen Betrieben und Einrichtungen grunds&auml;tzlich abgelehnt werden. Au&szlig;erdem darf nicht vergessen werden, dass die Privatisierungsorgie des Kapitals schon seit &uuml;ber zehn Jahren im Gang ist. Dementsprechend sollte die R&uuml;ckf&uuml;hrung privatisierter Bereiche in &ouml;ffentliches Eigentum gefordert werden. Um deutlich zu machen, dass keine b&uuml;rokratischen Staatsbetriebe wie die alte Bundespost oder die VEB&#x91;s in der DDR geschaffen werden sollen, sollte die demokratische Kontrolle und Verwaltung f&uuml;r alle &ouml;ffentlichen Betriebe und Einrichtungen durch die arbeitende Bev&ouml;lkerung gefordert werden. <\/p>\n<p>Die WASG erkl&auml;rt sich in dem Programmentwurf zur &#x92;Opposition gegen die herrschende, neoliberal bestimmte Politik.&#x91; Um dann zu sagen: &#x92;An einer Regierung in Land oder Bund werden wir uns nur dann beteiligen, wenn dies zu einem grundlegenden Politikwechsel in Richtung unserer Forderungen f&uuml;hrt.&#x91; H&ouml;rt sich gut an, ist aber reichlich schwammig. Im ganzen Program vermisst man eine klare und deutliche Aussage, die von SozialistInnen in der Programmdiskussion innerhalb der WASG immer wieder vorgeschlagen wurde: Die WASG lehnt jede Form von Sozialabbau, Privatisierung und Arbeitsplatzvernichtung ab und arbeitet mit keiner Partei zusammen, die dies betreibt. Der Weg zur H&ouml;lle ist bekanntlich mit guten Vors&auml;tzen gepflastert. Deshalb sind unzweideutige und keine Interpretationen zulassende Aussagen n&ouml;tig. Der Weg der PDS zur neoliberale Landespolitik mittragenden Regierungspartei in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern begann auch mit der &#x92;&Uuml;bernahme von Verantwortung&#x91; in ostdeutschen Kommunen &#8211; hei&szlig;t: Zustimmung zu K&uuml;rzungen und Privatisierungen und Zusammenarbeit mit SPD und CDU auf kommunaler Ebene. Einer solchen Entwicklung muss von Beginn an eine Absage erteilt werden!<\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Durchsetzung<\/p>\n<p>In der WASG wird oft gesagt, man wolle der verl&auml;ngerte Arm der au&szlig;erparlamentarischen Bewegungen in den Parlamenten werden. Das h&ouml;rt sich erst mal gut an, weil es einen positiven Bezug zu den au&szlig;erparlamentarischen Bewegungen beinhaltet. Es bedeutet aber letztlich eine Konzentration der Partei auf die parlamentarische Ebene. Dies wird durch Aussagen im Grundsatzprogramm unterstrichen. Dort hei&szlig;t es unter anderem: &#x92;Ein grundlegender Politikwechsel ist notwendig. Die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung ist darauf angewiesen, ihre Interessen durch den demokratischen Rechts- und Sozialstaat politisch zur Geltung zu bringen. Nur so k&ouml;nnen sie Wirtschaft und Gesellschaft solidarisch gestalten und ihre Forderungen durchsetzen.&#x91; <\/p>\n<p>Statt einer Fixierung auf den Parlamentarismus sollte die neue Partei WASG ihren Schwerpunkt im au&szlig;erparlamentarischen Raum sehen: in den Betrieben, Hochschulen und Stadtteilen, in den sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, bei Streiks und Demonstrationen, bei Kampagnen und Propagandat&auml;tigkeit. Aufgabe der WASG sollte sein, AktivistInnen aus verschiedenen Bereichen zusammen zu bringen, deren K&auml;mpfe zu verbinden und mit Argumenten und einem politischen Programm zu bewaffnen. So kann erreicht werden, dass in K&auml;mpfen zu bestimmten Themen (zum Beispiel den Erhalt von Arbeitspl&auml;tzen in einem bestimmten Unternehmen) weitergehende Forderungen der WASG aufgegriffen werden. Eine solche politische Verallgemeinerung von K&auml;mpfen w&uuml;rde den Druck auf die Regierenden erh&ouml;hen, politisches Bewusstsein schaffen und die Frage, wie die Gesellschaft eigentlich funktioniert auf die Tagesordnung setzen. <\/p>\n<p>Die T&auml;tigkeit von Abgeordneten kann dabei eine wichtige Rolle spielen, darf aber nicht im Mittelpunkt der Parteiarbeit stehen. Die Parlamente m&uuml;ssen als Plattform genutzt werden von der aus das politische Programm verbreitet wird, Parlamentsarbeit darf nicht Selbstzweck werden und nicht mit der Illusion betrieben werden, sie sei der Schl&uuml;ssel zu gesellschaftlicher Ver&auml;nderung. Das k&ouml;nnen nur die Proteste und der Widerstand in den Betrieben und auf der Stra&szlig;e und die Selbstorganisation der Arbeiterklasse sein. <\/p>\n<p>Die Konzerne und die ihnen verpflichteten Regierungen betreiben einen gnadenlosen Klassenkampf von oben. Die Antwort darauf muss Klassenkampf von unten sein. Nur durch K&auml;mpfe, die zu Massenmobilisierungen f&uuml;hren, k&ouml;nnen &uuml;berhaupt noch irgendwelche Angriffe abgewehrt oder Verbesserungen erk&auml;mpft werden. Die Existenz einer Partei der ArbeitnehmerInnen und Erwerbslosen kann die Erfolgsaussichten f&uuml;r solche K&auml;mpfe verbessern. Erstens weil sie einen wichtigen Beitrag zur politischen Verallgemeinerung von K&auml;mpfen leisten kann und somit den Druck enorm erh&ouml;hen kann. Zweitens weil die bestehenden Regierungen weniger die M&ouml;glichkeit haben, Proteste auszusitzen. Dies k&ouml;nnen sie zur Zeit meist machen, da sie sowieso keine Folgen auf der parlamentarischen Ebene bef&uuml;rchten m&uuml;ssen (au&szlig;er immer weiter sinkender Wahlbeteiligung). Auf der anderen Seite spitzen sich konsequent gef&uuml;hrte Klassenk&auml;mpfe in der heutigen Zeit des krisenhaften Kapitalismus schneller zu. Aus Sicht der Kapitalisten gibt es weniger Spielraum f&uuml;r Zugest&auml;ndnisse oder gar Verbesserungen f&uuml;r die Lebenssituation der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung. K&auml;mpfe der Arbeiterklasse tendieren also dazu den Rahmen der kapitalistischen Eigentums- und Machtverh&auml;ltnisse in Frage zu stellen. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Eigentumsfrage<\/p>\n<p>Wenn zum Beispiel in der Autoindustrie f&uuml;r den Erhalt aller Arbeitspl&auml;tze gek&auml;mpft wird, stellt sich sofort die Frage, wie dies denn im Rahmen kapitalistischer Eigentumsverh&auml;ltnisse angesichts von 25 Prozent &Uuml;berkapazit&auml;ten in dieser Branche gehen soll. Aus Sicht des kapitalistischen Konkurrenkampfes ist es eine zwingende Notwendigkeit, dass diese &Uuml;berkapazit&auml;ten fr&uuml;her oder sp&auml;ter abgebaut werden &#8211; durch Betriebsschlie&szlig;ungen, Arbeitsplatzvernichtung etc. Der Kampf dagegen muss hier und heute mit aller Entschlossenheit gef&uuml;hrt werden. K&auml;mpfen Belegschaften verschiedener Standorte gemeinsam und lassen sich nicht gegeneinander ausspielen &#8211; machen sie also das kapitalistische Konkurrenzprinzip nicht mit und ersetzen es durch Solidarit&auml;t und Kooperation &#8211; ist es m&ouml;glich Erfolge zu erzielen und Betriebsschlie&szlig;ungen zu verhindern. Aber unter den Bedingungen des Kapitalismus zwingen Konkurrenz und Profitlogik die Eigent&uuml;mer der Autokonzerne dazu, schnellstm&ouml;glich diese Errungenschaften wieder anzugreifen. Die einzig sinnvolle Antwort auf diese Situation ist die Forderung nach Verstaatlichung der gesamten Branche und &Uuml;berf&uuml;hrung derselben unter die Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden Bev&ouml;lkerung. Nur auf dieser Grundlage k&ouml;nnte die Branche den Profitgesetzen entzogen werden und es k&ouml;nnten die Jobs dauerhaft dadurch gerettet werden, dass nicht nur die Arbeitszeit massiv reduziert wird, sondern vor allem auch Teile der Produktion auf andere, sinnvolle G&uuml;ter umgestellt werden. <\/p>\n<p>Wenn eine Partei wie die WASG nun die heilige Kuh des Kapitalismus &#x96; das Privateigentum an Produktionsmitteln und an Grund und Boden &#x96; nicht in Frage stellt, wird sie sich als unf&auml;hig erweisen, K&auml;mpfe wie die um den Erhalt der Arbeitspl&auml;tze in der Autoindustrie konsequent bis zum Erfolg zu f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Das WASG-Programm erw&auml;hnt die M&ouml;glichkeit der &Uuml;berf&uuml;hrung von Unternehmen in &ouml;ffentliches Eigentum: &#x92;Wir wollen, dass in allen gro&szlig;en Unternehmen die Besch&auml;ftigten und ihre Gewerkschaften bei wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen parit&auml;tisch mitbestimmen k&ouml;nnen. Wo die Durchsetzung demokratisch festgestellter &ouml;ffentlicher Interessen es erfordert, sind strukturbestimmende Unternehmen so zu vergesellschaften, dass private Eigent&uuml;merinteressen diesen &ouml;ffentlichen Interessen nicht mehr im Wege stehen k&ouml;nnen.&#x91; <\/p>\n<p>Vergesellschaftung von Schl&uuml;sselindustrien also nicht als zentrale Forderung um Arbeitspl&auml;tze zu retten, die Produktion sinnvoll umzugestalten und ein Wirtschaftssystem zu erreichen, in dem nicht mehr die Profitmaximierung privater Konzerne den Ton angibt, sondern als letzter &#x96; und damit nicht der Regel, sondern der Ausnahme entsprechender &#x96; Ausweg, falls die Interessen der Privateigent&uuml;mer nicht mit den Interessen der &Ouml;ffentlichkeit in &Uuml;bereinstimmung gebracht werden k&ouml;nnen. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Keynesianismus<\/p>\n<p>Und genau hier liegt der Fehler im Programm der WASG: es geht von der M&ouml;glichkeit einer Demokratisierung der Wirtschaft im Rahmen des Kapitalismus und einer Vereinbarkeit der Interessen von Kapital und Arbeit aus. Einerseits sagt das Programm zwar: &#x92;Wir sind parteilich &#8211; auf der Seite derjenigen, die durch eigene Arbeit ihren Lebensunterhalt sichern, auf der Seite der Schwachen, der Armen und Ausgegrenzten.&#x91; Aber gleichzeitig sagt man an die Wirtschaft (= an die Kapitalisten) gerichtet: &#x92;Nicht zu hohe L&ouml;hne, Steuern oder Sozialkosten oder zuviel Regulierung verhindern mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung, sondern zu geringe Massenkaufkraft und zu wenig &ouml;fentliche und private Investitionen.&#x91; Und: &#x92;Das Problem ist die schwache Nachfrage im Inland. Hier sind L&ouml;hne nicht nur Kosten, sie bilden zugleich den gr&ouml;&szlig;ten Anteil der Nachfrage. Nur wenn mehr gekauft wird, wird auch mehr produziert. Die Unternehmen vergr&ouml;&szlig;ern ihre Produktkapazit&auml;ten und investieren ihre Gewinne nur dann in neue Arbeitspl&auml;tze, wenn sie zus&auml;tzliche Produkte auch verkaufen k&ouml;nnen.&#x91; (Hervorhebung durch uns, d.A.) Damit sagt das WASG-Programm, dass die Partei den Kapitalismus besser und auch f&uuml;r die Kapitalisten ( = Wirtschaft) ertragreicher managen kann, als es die heutigen b&uuml;rgerlichen Parteien tun. Interessenvertretung f&uuml;r die &#x92;Schwachen, Armen und Ausgegrenzten&#x91; als Wirtschaftsf&ouml;rderungsprogramm. Statt Klassenwiderspruch predigt das Programm die Klassenzusammenarbeit. Das ist typisch f&uuml;r die dem Programm zugrunde liegende Ideologie &#8211; den Keynesianismus. <\/p>\n<p>Diese auf den britischen &Ouml;konomen John Maynard Keynes zur&uuml;ckgehende Wirtschaftstheorie dominierte in der Nachkriegsepoche bis Mitte der siebziger Jahre die Wirtschaftspolitik in Deutschland und Westeuropa und wird heute von Politikern wie Oskar Lafontaine vertreten. Sie geht davon aus, dass der Kapitalismus ohne staatliche Eingriffe nicht funktionieren kann. Aber auch davon, dass kapitalistische Krisen durch eine antizyklische Wirtschaftspolitik beseitigt werden k&ouml;nnen: in Abschwungzeiten soll der Staat investieren, um die Nachfrage zu steigern und damit die Wirtschaft anzukurbeln. In Aufschwungzeiten k&ouml;nnen die dazu n&ouml;tigen Kredite zur&uuml;ckgezahlt und neue Kapitalreserven aufgebaut werden. Dies schien bis zur ersten Weltwirtschaftsrezession nach dem Zweiten Weltkrieg (1973-75) zu funktionieren. Doch diese Krise bewies die Richtigkeit marxistischer Wirtschaftstheorie, die sagt, dass nicht mangelnde Nachfrage die Ursache von Wirtschaftskrisen ist, sondern die Funktionsweise des kapitalistischen Systems selber. <\/p>\n<p>Der Keynesianismus l&auml;sst au&szlig;er Acht, dass die Triebfeder der kapitalistischen Produktion, die Erzielung eines gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Profits, nur durch die Ausbeutung menschlicher Arbeit erzielt wird. Nur der Mensch kann durch seine Arbeit einem Produkt einen Mehrwert hinzuf&uuml;gen (= Steigerung des Werts im Vergleich zu den benutzten Rohstoffen, Vorprodukten etc.), den der Kapitalist durch den Verkauf der Ware auf dem Markt als Profit realisieren kann. Daraus folgt, dass Lohnkosten aus Sicht des Kapitalisten in einem direkten Verh&auml;ltnis zu seinem Profit stehen. Hohe L&ouml;hne schm&auml;lern den Profit des Kapitalisten &#x96; nat&uuml;rlich nur die hohen L&ouml;hne &#x92;seiner eigenen&#x91; ArbeiterInnen. Er h&auml;tte nichts dagegen, wenn alle anderen ArbeiterInnen viel verdienen, um viele seiner Waren kaufen zu k&ouml;nnen, nur eben &#x92;seine&#x91; Besch&auml;ftigten nicht. Daraus folgt aber, dass jeder Konzern ein Interesse an m&ouml;glichst niedrigen L&ouml;hnen hat. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Kapitalismus ist krisenhaft<\/p>\n<p>Die Nachfrageschw&auml;che ist nicht die Ursache kapitalistischer Krisen, sondern ein Symptom des Systems. Auf der anderen Seite steht die Entwicklung von &Uuml;berproduktion bzw. heutzutage der Aufbau riesiger &Uuml;berkapazit&auml;ten. Diese kamen zustande, weil die Produktion nicht geplant wird, sondern die Konkurrenzsituation zwangsl&auml;ufig zu Ungleichgewichten f&uuml;hrt. Krisen k&ouml;nnen unterschiedlichste Ausl&ouml;ser haben. Aber sie dr&uuml;cken immer aus, dass es keine profitablen Anlagem&ouml;glichkeiten f&uuml;r existierendes Kapital gibt. Es sind Krisen aus &Uuml;berfluss, die Kapitalvernichtung zur Folge haben. <\/p>\n<p>Dieser Mangel an profitablen Anlagem&ouml;glichkeiten f&uuml;hrte zur Weltwirtschaftskrise 1973-75 und in der Folge zur Aufbl&auml;hung der Finanzm&auml;rkte und zur kapitalistischen Globalisierung, was nichts anderes als die Erschlie&szlig;ung neuer profitabler Anlagem&ouml;glichkeiten war und ist. Seitdem befindet sich der Weltkapitalismus in einer Periode des tendenziellen Niedergangs. Die regelm&auml;&szlig;ig einsetzenden Krisen vergr&ouml;&szlig;ern die strukturelle Massenarbeitslosigkeit, die schw&auml;chlichen Aufschw&uuml;nge k&ouml;nnen dies nicht mehr r&uuml;ckg&auml;ngig machen. <\/p>\n<p>Der Keynesianismus hat also erstens in der Praxis schon seine Grenzen bewiesen, da er das Ende des au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Nachkriegsaufschwungs und den R&uuml;ckfall in &#x92;normale&#x91; kapitalistische Krisenhaftigkeit und tendenziellem Niedergang nicht verhindern konnte. Und &uuml;brigens haben auch in den letzten Jahren keynesianistische Ma&szlig;nahmen, wie die Niedrigzinspolitik und Investitionsprogramme in Japan in den neunziger Jahren, den erw&uuml;nschten Erfolg nicht erzielt. Angesichts der enormen Staatsverschuldungen in den meisten kapitalistischen L&auml;ndern w&uuml;rde ein &Uuml;bergang zu keynesianistischer Wirtschaftspolitik die Wirtschaftsprobleme nicht l&ouml;sen, weil die Staatsverschuldung an nicht tragbare Grenzen geraten w&uuml;rde. <\/p>\n<p>Nicht zuletzt ist der Keynesianismus eine Sackgasse, weil seine Konzepte auf nationalstaatlichem Handeln beruhen. Die nationalstaatliche Konkurrenz und Beschr&auml;nktheit des Kapitalismus ist aber einer seiner Hauptwiderspr&uuml;che. Angesichts einer weltweiten Arbeitsteilung bedarf es internationaler Kooperation und Planung, um Wirtschaft und Gesellschaft weiter zu entwickeln. <\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung kann nur sein, das dass Problem nicht in einer falschen, weil neoliberalen Politik liegt, sondern im kapitalistischen System selbst. In diesem Sinne weisen die Aussagen des WASG-Programms f&uuml;r eine Demokratisierung der Wirtschaft, die die Macht des Kapitals beschr&auml;nkt, in die richtige Richtung. Das Programm gibt nur keine Antwort darauf, wie dies denn im Rahmen der kapitalistischen Eigentumsverh&auml;ltnisse geschehen soll. Kann es auch nicht, denn es ist nicht m&ouml;glich etwas demokratisch (also durch das Volk) zu kontrollieren, was dem Volk nicht geh&ouml;rt. Es ist utopisch zu denken, man k&ouml;nne die Macht der multinationalen Gro&szlig;konzerne im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig einschr&auml;nken und diese dazu bringen, trotz Konkurrenzkampf und Profitgier h&ouml;here L&ouml;hne zu zahlen, Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, die Umwelt zu schonen und keine Kriege zu f&uuml;hren. <\/p>\n<p>Auch aus historischer Perspektive waren die Errungenschaften der Arbeiterbewegung immer Nebenprodukte von Revolutionen oder revolution&auml;ren K&auml;mpfen (wie zum Beispiel die Einf&uuml;hrung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, des Acht-Stunden-Tages und erster Mitbestimmungsrechte durch die Novemberrevolution 1918) oder standen in einem direkten Zusammenhang mit der &#x96; aus Sicht des Kapitals &#x96; Gefahr einer Zunahme der Zustimmung f&uuml;r eine Systemalternative (Stichworte: massive Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Verstaatlichung von Gro&szlig;betrieben in der Nachkriegszeit; die direkte Systemkonkurrenz zu den b&uuml;rokratischen Planwirtschaften in den stalinistischen Staaten und die dortigen sozialen Errungenschaften, die Unterst&uuml;tzung eines &#x92;dritten Weges&#x91; zu einem demokratischen Sozialismus in den siebziger Jahren).<\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Rolle des Staates<\/p>\n<p>Der Keynesianismus des WASG-Programmentwurfs f&uuml;hrt auch auf anderen Politikfeldern als der Wirtschaftspolitik zu Problemen und Fehlern. Der Keynesianismus des Programms f&uuml;hrt zu einer grundlegenden Identifikation mit mit marktwirtschaftlichen und nationalstaatlichen Prinzipien. Diese f&uuml;hren zwangsl&auml;ufig zu einer Begrenztheit in den Forderungen nach Migrationsrechten, Abr&uuml;stung und Demokratisierung der Gesellschaft. Auch hier wirft der Programmentwurf viele richtige und wichtige Forderungen auf, wie die Wiederherstellung des Grundrechts auf Asyl, die Abschaffung der diskriminierenden Bestimmungen des Ausl&auml;nderrechts und Forderungen nach Abr&uuml;stung. Aber alle Forderungen greifen zu kurz, weil sie von einer grundlegenden Identifikation mit dem bestehenden Staatssystem ausgehen und den b&uuml;rgerlichen Staat (Polizei, Milit&auml;r, Justizwesen) als eine neutrale und zwischen den Klassen stehende Institution betrachten. Dieser ist aber ein Instrument zur Verteidigung der existierenden Eigentums- und Machtverh&auml;ltnisse. In letzter Instanz vertritt der b&uuml;rgerliche Staat die Interessen der herrschenden b&uuml;rgerlichen Klasse. Das zeigt sich vor allem immer dann, wenn diese Herrschaft in Frage gestellt wird: Im Kleinen bei Streiks und Demonstrationen, als zum Beispiel beim Ostmetallerstreik im Jahr 2003 die Streikbrecher mit Polizeischutz in Fabriken gef&uuml;hrt wurden. Im Gro&szlig;en, wenn es Versuche der Arbeiterklasse gibt den Kapitalismus abzuschaffen. Ein klassisches Beispiel hierf&uuml;r ist der Pinochet-Putsch in Chile im Jahr 1973. Damals versuchte die demokratisch gew&auml;hlte sozialistische Regierung von Salavador Allende Verstaatlichungsma&szlig;nahmen durchzusetzen und den Kapitalismus schrittweise durch das b&uuml;rgerliche Parlament abzuschaffen. Als sie den Kapitalisten zu weit ging, organisierten diese einen Milit&auml;rputsch und brachten den General Pinochet an die Macht. Der b&uuml;rgerliche Staat schlug zu. <\/p>\n<p>Weil der b&uuml;rgerliche Staat immer ein Nationalstaat ist f&uuml;hrt eine Identifikation mit ihm zwangsl&auml;ufig zu einer national beschr&auml;nkten Politik. Darum fehlen in dem WASG-Programmentwurf Forderungen wie Bleiberecht f&uuml;r alle hier lebenden Menschen, Stop aller Abschiebungen, ein Nein zu jeglichen Auslandseins&auml;tzen der Bundeswehr. Das Programm fordert sogar die Aufstockung der regul&auml;ren Stellen bei Justiz und Polizei ohne zumindest eine komplette Demokratisierung dieser Bereiche zu fordern, die sowohl die Wahl und M&ouml;glichkeit der Abwahl von Richtern, leitenden Polizeibeamten und Offizieren und Gener&auml;len der Bundeswehr und eine demokratische Kontrolle &uuml;ber diese Institutionen beinhalten m&uuml;sste. <\/p>\n<p>Auch auf der Ebene der internationalen Institutionen des globalen Kapitalismus verharrt der Programmentwurf vollst&auml;ndig in den bestehenden Strukturen und stellt diese nicht in Frage. Statt zu erkl&auml;ren, dass Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO), Internationaler W&auml;hrungsfonds (IWF) und Weltbank ausschlie&szlig;lich den Interessen der multinationalen Konzerne und der dominierenden imperialistischen Staaten dienen k&ouml;nnen, wird die Reform derselben gefordert. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Sozialismus kein Hindernis<\/p>\n<p>Innerhalb der WASG wird oft argumentiert, der Programmentwurf stelle den Grundkonsens der Mitglieder dar. Auf dem bundesweiten Programmkonvent am 26. Februar 2005 in G&ouml;ttingen sprachen sich viele RednerInnen daf&uuml;r aus, die Systemfrage zu diskutieren und nicht im Rahmen kapitalistischer Verh&auml;ltnisse zu verharren. Tats&auml;chlich bilden viele der im Programmentwurf aufgestellten Forderung, vor allem zu Arbeit und sozialer Sicherheit, eine Art Grundkonsens. W&auml;re das Programm ein Aktionsprogramm, das sich auf das Aufstellen dieser Forderungen beschr&auml;nken w&uuml;rde, k&auml;me es einem Minimalkonsens gleich. Tut es aber nicht.&nbsp; Es ist kein ideologiefreies Programm, sondern vertritt eine (neo-)keynesianistische Ideologie und steht somit auf dem Boden der sogenannten sozialen Marktwirtschaft, sprich: Der kapitalistischen Macht- und Eigentumsverh&auml;ltnisse.<\/p>\n<p>Die SAV tritt stattdessen f&uuml;r eine sozialistische Ausrichtung der WASG ein. Wir sind der &Uuml;berzeugung, dass nur eine Partei, die bereit ist, mit den bestehenden Eigentums- und Machtverh&auml;ltnissen zu brechen, auch dauerhaft und konsequent f&uuml;r die Interessen der ArbeiterInnen, Erwerbslosen, RentnerInnen und Jugendlichen eintreten kann. Konsequente K&auml;mpfe f&uuml;r die Interessen der Arbeiterklasse f&uuml;hren zwangsl&auml;ufig zu Konflikten mit den Eigentums- und Machtverh&auml;ltnissen in dieser Gesellschaft. Ohne ein antikapitalistisches beziehungsweise sozialistisches Selbstverst&auml;ndnis, ohne die Bereitschaft die Grenzen des Kapitalismus in Frage zu stellen, wird jede Partei fr&uuml;her oder sp&auml;ter bei Zustimmung zu Sozialabbau, Lohnverzicht, Arbeitsplatzvernichtung oder &auml;hnlichem landen, wie es auch die Gewerkschaftsspitzen immer wieder tun. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Bewusstsein<\/p>\n<p>Dem wird von vielen WASG-Mitgliedern, zum Beispiel den Mitgliedern der Organisation Linksruck, entgegen gehalten, man k&ouml;nne mit einem sozialistischen Programm keine Wahlerfolge erzielen und keine breite Partei aufbauen. Es gebe in der Arbeiterklasse nun einmal kein sozialistisches Bewusstsein. Das mag stimmen. Es gibt in der Arbeiterklasse aber auch kein keynesianistisches Bewusstsein. Es gibt aber eine breite Ablehnung der bestehenden b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Parteien und Institutionen und eine Offenheit f&uuml;r demokratischen Sozialismus. Viele Menschen haben angesichts der weltweiten, scheinbar ungebremsten Offensive des Kapitals erhebliche Zweifel, dass ein &#x92;Zur&uuml;ck zum Sozialstaat&#x91; unter Beibehaltung des kapitalistischen Systems machbar ist. Die Wahrheit ist leider, dass die Mehrheit der Menschen sowohl das Vertrauen in dieses System, als auch das Vertrauen in die Machbarkeit eines anderen Systems verloren haben. Dies findet seinen Ausdruck in Meinungsumfragen nach denen drei Viertel der ostdeutschen und &uuml;ber die H&auml;lfte der westdeutschen Befragten ge&auml;u&szlig;ert haben, dass &#x92;der Sozialismus eine gute Idee sei, die nur falsch umgesetzt wurde.&#x91; Dass auch in der Bundesrepublik Parteien mit einem Bezug zum Sozialismus gew&auml;hlt werden, dr&uuml;cken die Wahlerfolge f&uuml;r die PDS aus. Diese verliert nicht aufgrund des &#x92;S-Wortes&#x91; in ihrem Namen an Unterst&uuml;tzung, sondern aufgrund ihrer Regierungsbeteiligungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. In verzerrter Form dr&uuml;cken dies leider auch die Erfolge der NPD aus, da diese sich in ihrer Propaganda offensiv als eine &#x92;sozialistische&#x91; Kraft darstellt. <\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich w&uuml;rde eine sozialistische Programmatik der WASG nicht eine Stimme mehr bringen, wenn sie nur auf dem Papier stehen w&uuml;rde. Es k&auml;me darauf an, ein solche Programm mit Leben zu f&uuml;llen und in die Sprache von Arbeitspl&auml;tzen, Bildung, Wohnraum und Sozialleistungen zu &uuml;bersetzen. Dass dies m&ouml;glich ist, zeigen nicht zuletzt verschiedene internationale Beispiele. <\/p>\n<p>In Irland ist der Sozialist Joe Higgins auf Grundlage seines aktiven Einsatzes in Kampagnen gegen Geb&uuml;hrenerh&ouml;hungen in Dublin zum Parlamentsabgeordneten gew&auml;hlt worden. In der englischen Stadt Coventry hat die Socialist Party drei Vertreter im &ouml;rtlichen Stadtrat. In vielen britischen Gewerkschaften wurden in den letzten Jahren neue sozialistische und antikapitalistische Vorst&auml;nde gew&auml;hlt. Die mehrheitlich von Linken und SozialistInnen gef&uuml;hrte Gewerkschaft der Staatsangestellen PCS organisierte gerade in den letzten Monaten erfolgreiche K&auml;mpfe und Massenstreiks. Auch in anderen L&auml;ndern haben Parteien und B&uuml;ndnisse mit einem sozialistischen Selbstverst&auml;ndnis wichtige Wahlerfolge erzielt: die Sozialistische Partei in den Niederlanden, der Linksblock in Portugal, LO\/LCR in Frankreich, die Kommunistische Partei &Ouml;sterreichs in der Gemeinde Graz, die rot-gr&uuml;ne Einheitsliste in D&auml;nemark. Vor allem in Schottland zeigt sich, dass der Erfolg f&uuml;r eine neue sozialistische Partei eng mit ihrem Einsatz in K&auml;mpfen in Verbindung steht. Die Schottische Sozialistische Partei und ihre Vorl&auml;uferorganisationen werden von gro&szlig;en Teilen der schottischen Arbeiterklasse als die entschlossensten AktivistInnen in wichtigen K&auml;mpfen, wie der Kampagne gegen die Poll Tax (Kopfsteuer) und bei wichtigen Arbeitsk&auml;mpfen gesehen. <\/p>\n<p>Deshalb treten wir f&uuml;r ein sozialistisches Programm ein, welches zum Beispiel Forderungen nach der &Uuml;berf&uuml;hrung der Schl&uuml;sselindustrien und Banken in &ouml;ffentliches Eigentum bei demokratischer Kontrolle und Verwaltung beinhaltet. Das bedeutet nicht, dass wir daf&uuml;r eintreten, Wahlk&auml;mpfe unter der Parole des Sozialismus und des Gemeineigentums zu f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Wahlk&auml;mpfe m&uuml;ssen gef&uuml;hrt werden erstens als eine aktive und k&auml;mpferische Partei, die in der Praxis an der Seite der vom Neoliberalismus und der kapitalistischen Profitgier Betroffenen steht &#x96; bei Demonstrationen, Streiks, Kampagnen etc. <\/p>\n<p>Zweitens m&uuml;ssen in Wahlk&auml;mpfen Forderungen in den Mittelpunkt gestellt werden, die sich gegen jede Form von Sozialabbau, Privatisierung und Arbeitsplatzvernichtung aussprechen und unmittelbare Antworten auf die soziale Krise geben: f&uuml;r deutliche Arbeitszeitverk&uuml;rzung bei vollem Lohnausgleich, f&uuml;r eine soziale Mindestsicherung, f&uuml;r Mindestl&ouml;hne, die R&uuml;cknahme des Sozialabbaus der letzten Jahre, f&uuml;r eine starke progressive Besteuerung von Gewinnen und Verm&ouml;gen usw. Es gibt aber keinen Grund in einem Wahlprogramm auf Forderungen zu verzichten, die einen radikaleren Charakter haben und darauf hinweisen, dass grundlegende Ver&auml;nderungen der Gesellschaft n&ouml;tig sind, um die sozialen Probleme zu l&ouml;sen: zum Beispiel Einstellung staatlicher Zinszahlungen an die Banken, &Uuml;berf&uuml;hrung von Betrieben, die Massenentlassungen vornehmen oder geschlossen werden sollen, in &ouml;ffentliches Eigentum. Tatsache ist, dass solche Ma&szlig;nahmen n&ouml;tig sein werden, um &ouml;ffentliche Investitionsprogramme zu erm&ouml;glichen und Arbeitsplatzvernichtung zu verhindern. Wenn sich die WASG als k&auml;mpferische Alternative pr&auml;sentiert, die sich aktiv gegen den Kurs der etablierten Parteien einsetzt, wird der Hinweis darauf, dass man den Kapitalismus &uuml;berwinden muss, um diese Forderungen dauerhaft umzusetzen, keine W&auml;hlerInnen verschrecken. Um aber eine wirklich k&auml;mpferische Alternative zu werden, die dem Druck der kapitalistischen Sachzwanglogik standhalten kann, ist ein sozialistisches Selbstverst&auml;ndnis n&ouml;tig. <\/p>\n<p style=\"font-weight: bold;\">Perspektiven f&uuml;r den Marxismus<\/p>\n<p>Ohne eine &Uuml;berwindung des Kapitalismus hat die Menschheit eine d&uuml;stere Zukunft. Soziale Verelendung, Umweltzerst&ouml;rung, Kriege werden unter der Herrschaft des Profits zunehmen. Es ist die Aufgabe der Arbeiterklasse, sprich: der Lohnabh&auml;ngigen mit und ohne Job, das kapitalistische System abzuschaffen und durch eine sozialistische Demokratie basierend auf demokratisch verwaltetem Gemeineigentum an den Produktionsmitteln zu ersetzen. Eine notwendige Voraussetzung f&uuml;r eine solche Entwicklung ist die Entwicklung der Arbeiterklasse von einer Klasse &#x92;an sich&#x91; zu einer Klasse &#x92;f&uuml;r sich&#x91;, also die Entwicklung von&nbsp; Klassenbewusstsein und von starken Organisationen der Lohnabh&auml;ngigen. Gleichzeitig hat die Geschichte gezeigt, dass eine marxistische F&uuml;hrung n&ouml;tig ist, um eine erfolgreiche sozialistische Ver&auml;nderung der Gesellschaft durchzuf&uuml;hren, also eine starke, in allen Teilen der Arbeiterklasse verankerte marxistische Organisation.&nbsp; Aber vor dem Hintergrund der Krise der Arbeiterbewegung, die nach der Restauration des Kapitalismus in den fr&uuml;heren stalinistischen Staaten zur kompletten Verb&uuml;rgerlichung fr&uuml;herer Arbeiterparteien, einem weitgehenden Rechtsruck in den Gewerkschaften und einem deutlichen R&uuml;ckgang im Bewusstsein der Arbeiterklasse (in dem Sinne, dass&nbsp; die Unterst&uuml;tzung beziehungsweise das Vertrauen in sozialistische Ideen zur&uuml;ck gegangen ist) gef&uuml;hrt hat, stellt sich f&uuml;r MarxistInnen eine doppelte Aufgabe: Einerseits die Kr&auml;fte des Marxismus aufbauen und gleichzeitig einen Beitrag zum Aufbau neuer, breiter Arbeiterparteien zu bilden, wie die WASG eine werden kann. Auch wenn solche neue Parteien, wie wir es vorschlagen, eine allgemeine sozialistische Programmatik annehmen, w&uuml;rde sie das noch nicht zu marxistischen Organisationen machen, die alle notwendigen Lehren aus der Geschichte der Arbeiterbewegung gezogen haben und in Fragen der Programmatik, Strategie und Taktik den Anforderungen des Klassenkampfes gerecht w&uuml;rde. Die doppelte Aufgabe bliebe bestehen. Die Existenz einer Arbeiterpartei w&uuml;rde aber die Kampfbedingungen f&uuml;r die Arbeiterklasse enorm verbessern und den AktivistInnen ein Forum bieten, in dem sie ihre Erfahrungen diskutieren und auswerten k&ouml;nnen. Die Kombination aus Erfahrungen in K&auml;mpfen, Erfahrungen mit der Begrenztheit keynesianischer Konzepte und Diskussionen wird mehr und mehr AktivistInnen von der Korrektheit marxistischer Ideen &uuml;berzeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sascha Stanicic, Bundessprecher der SAV, unterzieht den Programmentwurf der neuen Partei Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) einer marxistischen Analyse und Kritik.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[248],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11218"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11218"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11218\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}