{"id":11217,"date":"2005-03-31T11:41:25","date_gmt":"2005-03-31T09:41:25","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11217"},"modified":"2016-05-08T17:15:35","modified_gmt":"2016-05-08T15:15:35","slug":"11217","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/03\/11217\/","title":{"rendered":"Krieg f&uuml;r Demokratie oder f&uuml;r Profite?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/559489_354302391297632_120785729_n-e1462720507419.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-32933\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/559489_354302391297632_120785729_n-e1462720507419-280x173.jpg\" alt=\"Zweiter Weltkrieg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/559489_354302391297632_120785729_n-e1462720507419-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/559489_354302391297632_120785729_n-e1462720507419-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/559489_354302391297632_120785729_n-e1462720507419.jpg 485w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs<!--more--><br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Der jetzige Krieg &#8211; der zweite imperialistische Krieg &#8211; ist kein Zufall, er r\u00fchrt nicht aus dem freien Willen dieses oder jenes Diktators her. Er wurde lange vorher vorausgesagt. Er folgte unerbittlich aus den Widerspr\u00fcchen der internationalen kapitalistischen Interessen. Entgegen den offiziellen Fabeln, die das Volk einlullen sollen, ist die Hauptursache des Krieges, wie aller anderen sozialen \u00dcbel &#8211; Arbeitslosigkeit, hohe Lebenskosten, Faschismus, koloniale Unterdr\u00fcckung &#8211; das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der b\u00fcrgerliche Staat, der darauf beruht&#8220;<\/span><br style=\"font-style: italic;\" \/> Leo Trotzki, russischer Revolution\u00e4r und Gegner des Stalinismus, zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im &#8222;Manifest der Vierten Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution&#8220;<\/p>\n<p>Am 8. Mai j\u00e4hrt sich zum 60. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. F\u00fcr Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der (SPD) und andere die Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass alle Deutschen damals gro\u00dfe Schuld auf sich geladen h\u00e4tten. Alle Deutschen h\u00e4tten den Faschisten zur Macht verholfen und deswegen sei der Krieg der Allierten gerechtfertigt gewesen. Diese Kollektivschuldthese stimmt nicht.<br \/>\nDer Zweite Weltkrieg war ein imperialistischer Krieg. Dar\u00fcber kann Schr\u00f6der nicht sprechen. Es w\u00fcrde zu viele Fragen \u00fcber die Gegenwart aufwerfen. Wieder sind Arbeitslosigkeit und Armut ein Massenph\u00e4nomen, wieder steckt die kapitalistische Wirtschaft in einer tiefen Krise.<br \/>\nDie Widerspr\u00fcche des Kapitalismus, die zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs f\u00fchrten, bestehen auch heute. Dem Beginn des Krieges 1939 ging die Weltwirtschaftskrise 1929-32 voraus. Die Zahl der Arbeitslosen in den Industriel\u00e4ndern schnellte von sechs auf 40 Millionen in die H\u00f6he. 1937 war die US-Wirtschaft erneut auf dem Weg in die Rezession.<br \/>\nHeute geht es mit der Marktwirtschaft ebenfalls bergab. \u00dcberproduktion, \u00dcberkapazit\u00e4ten und Schuldenberge pr\u00e4gen das Bild. Heute wie damals gibt es Handelskonflikte zwischen den imperialistischen Staaten, Aufr\u00fcstung und Kriegsz\u00fcge. Zwar steht kein Dritter Weltkrieg auf der Tagesordnung, doch verst\u00e4rkt erleben wir, wie die Herrschenden sich M\u00e4rkte und Rohstoffe mit milit\u00e4rischen Mitteln streitig machen. Auch die Bundeswehr ist in Afghanistan, im Kosova, in Dschibuti und in anderen L\u00e4ndern dabei, um den deutschen Kapitalisten ein St\u00fcck vom Kuchen zu sichern.<br \/>\n<br style=\"font-weight: bold;\" \/> <span style=\"font-weight: bold;\">Der Erste Weltkrieg und seine Folgen<\/span><\/p>\n<p>Kriege sind nicht auf diplomatische Fehler oder den Gr\u00f6\u00dfenwahn einzelner Herrscher zur\u00fcckzuf\u00fchren, wie es die b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung gerne vermitteln will. Sie sind Ausdruck der inneren Widerspr\u00fcche eines Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln im Kapitalismus zwingt zur Konkurrenz zwischen den Konzernen. Dieser Konflikt, der sich auf verschiedene Staatsapparate mitsamt Armeen und R\u00fcstungsg\u00fctern st\u00fctzt, bedeutet, dass der Weltkrieg im Kapitalismus von Anfang an steckt.<br \/>\nSchon der Erste Weltkrieg war ein Versuch, den Widerspruch zwischen der Entwicklung eines Weltmarktes und dem Fortbestehen von Nationalstaaten zu l\u00f6sen. Die Warenproduktion war enorm gesteigert worden und das verlangte nach neuen Absatzm\u00e4rkten. Die Eroberung von Kolonien war wichtig f\u00fcr die Schaffung neuer M\u00e4rkte, der Sicherung billiger Arbeitskr\u00e4fte und dem leichten Zugang zu Rohstoffen. Nachdem die f\u00fchrenden Industriestaaten die Welt untereinander aufgeteilt hatten, musste es zum Versuch einer Neuaufteilung mit milit\u00e4rischen Mitteln kommen.<br \/>\nDer Erste Weltkrieg hat die Probleme der deutschen Herrschenden, die gegen\u00fcber England und Frankreich im Hintertreffen waren, nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen. Nach der Niederlage hinderte der Versailler Vertrag ihre M\u00f6glichkeiten auf eine zuk\u00fcnftige Expansion und musste daher aus ihrer Sicht vom Tisch. Deshalb ging die zweite Initiative zur Neuaufteilung der Welt von deutschem Boden aus.<br \/>\nW\u00e4hrend das Kapital in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg au\u00dfenpolitisch schlechtere Karten hatte als zuvor, sah es auch die Herrschaft im eigenen Land bedroht. Schlie\u00dflich kam es am Ende des Krieges zu einer Welle von revolution\u00e4ren Bewegungen der Arbeiterklasse. Die politische Radikalisierung und die St\u00e4rkung sozialistischer und revolution\u00e4rer Ideen f\u00fchrte 1918\/19 zur Gr\u00fcndung der KPD, mit der neben der SPD eine zweite Massenpartei der deutschen Arbeiterklasse entstand.<br \/>\nDie faschistische Bewegung war die Antwort auf diese beiden Probleme der deutschen Unternehmer.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wie kamen die Faschisten an die Macht?<\/span><\/p>\n<p>Die Bewegung der Nazis wurde in den zwanziger Jahren zu einer Masssenbewegung. Die Basis war das Kleinb\u00fcrgertum, das damals zahlenm\u00e4\u00dfig erheblich st\u00e4rker war als heute. Wirtschaftlich ruiniert und in die Armut gesto\u00dfen, blickten viele Handwerker oder Ladenbesitzer zun\u00e4chst auf die Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen. Nachdem sich die revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe 1918-23 jedoch erst mal ersch\u00f6pft hatten, wendeten sich viele von der Arbeiterbewegung wieder ab und erhofften sich von den Nationalsozialisten einen Ausweg.<br \/>\nDie Machtergreifung der Faschisten in Deutschland war nur m\u00f6glich, da das deutsche Kapital sie massiv f\u00f6rderte. Von Anfang an war die faschistische Bewegung vom Gro\u00dfkapital finanziert worden. Einige der ersten Gro\u00dfspender waren zum Beispiel die Industriellen Ernst von Borsig, Hugo Stinnes, Emil Kirdorf und Fritz Thyssen. Heute wie damals dienen die Faschisten als Kettenhunde des Kapitals. Daher wurden nach der Machtergreifung 1933 als allererstes SPD, KPD, andere Linke und Gewerkschaften verboten und das &#8222;F\u00fchrerprinzip&#8220; auch in den Betrieben eingef\u00fchrt. Mit dem Faschismus konnten die L\u00f6hne der ArbeiterInnen herabgesetzt und die Ausbeutungssituation versch\u00e4rft werden.<br \/>\nDennoch hat die NSDAP zu keinem Zeitpunkt eine absolute Mehrheit auf Wahlebene erreichen k\u00f6nnen, sondern war auf die Sch\u00fctzenhilfe von Zentrum (CDU-Vorl\u00e4uferorganisation) und anderen B\u00fcrgerlichen angewiesen. Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 &#8211; unmittelbar vor Hitlers Machtergreifung &#8211; kamen die Nazis auf 33 Prozent, w\u00e4hrend SPD und KPD zusammen 37 Prozent der Stimmen gewinnen konnten.<br \/>\nDer Erfolg des Nationalsozialismus war nur m\u00f6glich, weil die F\u00fchrungen von SPD und KPD keinen gemeinsamen Kampf der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus organisierten. Die SPD vertraute gegen die Nazis auf den Staat, nicht auf die Arbeiterklasse. Sie lie\u00df sich dazu herab, erst Br\u00fcnings Notverordnungen zu unterst\u00fctzen und dann Hindenburg zum Reichspr\u00e4sidenten zu w\u00e4hlen &#8211; der schlie\u00dflich Hitler zum Kanzler ernannte. Die KPD wiederum, unter dem Einfluss Stalins, weigerte sich strikt, f\u00fcr eine Einheitsfront mit der Sozialdemokratie gegen die faschistische Gefahr einzutreten, beschimpfte die SPD als &#8222;Sozialfaschisten&#8220; und &#8222;Zwillingsbruder&#8220; der Faschisten und spaltete damit die Arbeiterklasse. Gleichzeitig verschloss sie die Augen vor dem Ausma\u00df der faschistischen Gefahr und vertr\u00f6stete sich mit der Phrase: <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Nach Hitler kommen wir.&#8220;<\/span><br style=\"font-style: italic;\" \/><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">USA und Gro\u00dfbritannien im Kampf gegen den Faschismus?<\/span><\/p>\n<p>In den Schulb\u00fcchern steht vor allem der Kampf der Westm\u00e4chte gegen Deutschland im Vordergrund. Gro\u00dfbritannien und die USA h\u00e4tten den Faschismus besiegt und die Demokratie nach Deutschland gebracht.<br \/>\nAbgesehen davon, dass das faschistische Spanien und viele andere Diktaturen unbehelligt blieben, hatten vor 1939 weder die Regierungen Britanniens, Frankreichs oder der USA auf den Sturz des Faschismus hingearbeitet. Die Verletzung der R\u00fcstungsbeschr\u00e4nkungen des Versailler Vertrages, die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes, die Annektierung \u00d6sterreichs wurden geduldet. Ihren H\u00f6hepunkt erreichte diese als &#8222;Appeasement&#8220; (Beschwichtigung) in die Geschichte eingegangene Politik mit der M\u00fcnchner Konferenz vom Herbst 1938, bei der Britannien und Frankreich trotz ihrer &#8222;Schutzverpflichtungen&#8220; gegen\u00fcber der damaligen Tschechoslowakei die Annektierung des Sudetenlandes durch Hitler akzeptierten.<br \/>\nDahinter steckte die Hoffnung, die Expansionspl\u00e4ne Hitlers auf die Sowjetunion lenken zu k\u00f6nnen, da das stalinistische System in der Sowjetunion von den Herrschenden in den westlichen L\u00e4ndern als die gr\u00f6\u00dfere Bedrohung angesehen wurde.<br \/>\nAls klar war, dass die Nazis nicht nur gegen die Sowjetunion vorgehen w\u00fcrden, sondern auch gegen Frankreich, Belgien oder die Niederlande, konnten die Regierungschefs Roosevelt (USA) und Churchill (Britannien) nicht einfach die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen. Aber selbst dann wurde noch nicht energisch der Kampf gegen Hitler aufgenommen, sondern gehofft, dass Deutschland zun\u00e4chst die Sowjetunion schw\u00e4chen und sich selbst gleichzeitig aufreiben w\u00fcrde. Roosevelts Nachfolger, Harry Truman, wurde am 24. Juli 1941 in der New York Times folgenderma\u00dfen zitiert: <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Wenn wir sehen, dass Deutschland den Krieg gewinnt, sollten wir Russland helfen, und wenn Russland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen und die Deutschen auf diese Weise so viele wie m\u00f6glich umbringen lassen.&#8220;<\/span><br style=\"font-style: italic;\" \/> Es gab in den herrschenden Eliten Britanniens und Nordamerikas betr\u00e4chtliche Sympathien f\u00fcr Hitler, solange sich das Nazi-Regime vorwiegend der Unterdr\u00fcckung der Arbeiterbewegung widmete und durch die massive Aufr\u00fcstung M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Extraprofite er\u00f6ffnete. Autok\u00f6nig Henry Ford geh\u00f6rte ebenso zu seinen Bewunderern wie der britische Monarch Edward VIII.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Gute Gesch\u00e4fte mit dem faschistischen Deutschland<\/span><\/p>\n<p>Der Zweite Weltkrieg &#8222;brach&#8220; nicht einfach &#8222;aus&#8220;, sondern war das zwangsl\u00e4ufige Ergebnis des Konkurrenzkampfes zwischen den kapitalistischen Gro\u00dfkonzernen und den f\u00fchrenden imperialistischen Staaten, die sich mit der bis dahin schwersten Krise ihres Systems konfrontiert sahen. Da f\u00fcr den einzelnen Kapitalisten letztendlich nur der Profit z\u00e4hlt, hatten die ausl\u00e4ndischen Unternehmer kein Problem damit, trotz Kriegsvorbereitungen in Deutschland Geld zu verdienen.<br \/>\nVor allem US-Konzerne erzielten in Deutschland nach 1933 eine hohe Rendite: Ford Deutschland steigerte seine Gewinne von 63.000 Reichsmark 1935 auf 1,28 Millionen Reichsmark 1939. Coca-Cola verf\u00fcnfzehnfachte seinen Umsatz im gleichen Zeitraum in Deutschland. Noch 1939 verteidigte der General-Motors-Vorstandsvorsitzende Sloan die Aktivit\u00e4ten im Hitlerdeutschland wegen der hohen Rentabilit\u00e4t (General Motors und Ford produzierten 70 Prozent der deutschen Autos). Nach 1933 stiegen die Investitionen US-amerikanischer Firmen in Deutschland sogar noch an.<br \/>\nAber auch mit der faschistischen Regierung wurde gerne zusammengearbeitet: Die IBM-Tochter DEHOMAG lieferte den Nazis die Lochkartentechnik f\u00fcr die Automatisierung der Judenvernichtung, Du-Pont investierte in deutsche Waffenfabriken, Texaco-Chef Torkild Rieber war ein guter Freund von G\u00f6ring. Im Juli 1941 stammten 44 Prozent der deutschen \u00d6limporte aus den USA.<br \/>\nErst als Hitlers Welteroberungspl\u00e4ne den britischen und US-amerikanischen Imperialismus unmittelbar bedrohten, wurden auch die Mitglieder der herrschenden Eliten zu &#8222;Antifaschisten&#8220;. Auch rechte Politiker wie Churchill, die die Appeasement-Politik abgelehnt hatten, taten das nicht aus prinzipieller Feindschaft gegen den Faschismus. Churchill schrieb noch 1939: <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Ich habe immer gesagt, dass wenn Gro\u00dfbritannien in einem Krieg besiegt w\u00fcrde, ich hoffen w\u00fcrde, dass wir einen Hitler finden, der uns zu unserer uns zustehenden Stellung unter den Nationen zur\u00fcckf\u00fchrt&#8220;<\/span> (Winston S. Churchill, Gro\u00dfe Zeitgenossen).<br \/>\nEs ging den Herrschenden in den USA und Britannien nie um den Faschismus, sondern um eine konkurrierende Wirtschaftsmacht. F\u00fcr sie standen politische (Schw\u00e4chung der Sowjetunion) und vor allem \u00f6konomische Gr\u00fcnde (neue Absatzm\u00e4rkte) im Vordergrund. In den eroberten Gebieten war das Ziel nicht das Ausmerzen des Faschismus, sondern die Rettung des Kapitalismus. Dabei scheuten sie nicht davor zur\u00fcck, sich auf Kr\u00e4fte zu st\u00fctzen, die mit den Nazis zusammengearbeitet hatten und weiterhin reaktion\u00e4re Ziele verfolgten, und andererseits Kr\u00e4fte zu unterdr\u00fccken, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben riskiert hatten.<br \/>\nDarum kann man den 8. Mai 1945 auch nicht einfach als &#8222;Tag der Befreiung&#8220; bezeichnen. Zwar war die deutsche Arbeiterklasse endlich frei vom Nazi-Terror. Doch im von den Allierten besetzten Teil hatten die ArbeiterInnen nicht die Freiheit, ihr Schicksal in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen (nachdem sich in einer Volksabstimmung in Hessen zum Beispiel mehr als 70 Prozent f\u00fcr die Vergesellschaftung der Schl\u00fcsselindustrien aussprachen, wurden alle weiteren Abstimmungen kurzerhand untersagt).<br \/>\nIn Ostdeutschland kam es zwar zu einem grundlegenden Wandel der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse, allerdings entrechtete die SED-Diktatur die Lohnabh\u00e4ngigen politisch.<br \/>\n<br style=\"font-weight: bold;\" \/> <span style=\"font-weight: bold;\">Die Sowjetunion<\/span><\/p>\n<p>90 Prozent der Verluste der Wehrmacht wurden ihr durch die Rote Armee zugef\u00fcgt. Die Sowjetunion hatte dementsprechend mit \u00fcber 20 Millionen Toten die gr\u00f6\u00dften Verluste zu verzeichnen. Auf einen gefallenen GI kamen 53 Soldaten der Roten Armee. Es kam den Westm\u00e4chten ganz gelegen, dass die Rote Armee die Hauptlast des Kriegs trug &#8211; so konnten sie ihre Kosten gering halten. Die Hilfslieferungen an die Sowjetunion machten zu keinem Zeitpunkt mehr als vier bis f\u00fcnf Prozent des Milit\u00e4retats aus.<br \/>\nDie stalinistische B\u00fcrokratie hatte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch mit den Faschisten paktiert (Hitler-Stalin-Pakt). Stalin gratulierte Hitler noch am 20. April 1941 pers\u00f6nlich zum Geburtstag. Alles in der absurden Hoffnung, einer deutschen Invasion entgehen zu k\u00f6nnen. Als die Nazis Russland im Sommer 1941 schlie\u00dflich den Krieg erkl\u00e4rten, war die Verteidigung der Sowjetunion enorm geschw\u00e4cht. Hinzu kamen die stalinistischen S\u00e4uberungsaktionen gegen Oppositionelle (darunter auch die Auslieferung von 800 AntifaschistInnen an Deutschland, die dann in den Konzentrationslagern endeten).<br \/>\nDie Sowjetunion konnte den Krieg nur aufgrund zweier Tatsachen gewinnen: Der enormen Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse in der Sowjetunion und der Existenz einer Planwirtschaft (obgleich das Potenzial dieser Produktionsverh\u00e4ltnisse durch Diktatur und b\u00fcrokratische G\u00e4ngelung enorm beeintr\u00e4chtigt wurde). Dank der Erfolge der Roten Armee wurde der Faschismus in Deutschland entscheidend geschlagen. Die Westm\u00e4chte hielten sich mit einer Intervention so lange zur\u00fcck, bis sie Angst bekommen mussten, die Rote Armee k\u00f6nnte ganz Europa erobern.<br \/>\nW\u00e4hrend die faschistischen Kr\u00e4fte und ein Gro\u00dfteil der Unternehmer vor den sowjetischen Panzern in Richtung Westen flohen, hofften viele ArbeiterInnen, nicht nur in Osteuropa, auf einen wirklichen sozialistischen Neuanfang. Doch die Sowjetbeh\u00f6rden und die von ihren Gnaden in Schl\u00fcsselpositionen der neu entstehenden Ostblockstaaten eingesetzten F\u00fchrer der Kommunistischen Parteien w\u00fcrgten sehr schnell jeden Ansatz zur Selbstorganisation ab und errichteten Regimes nach dem Muster der stalinistischen Sowjetunion. In der DDR war die SED das Herrschaftsinstrument der B\u00fcrokratie, sie organisierte eine Reihe von S\u00e4uberungen und schlug den Arbeiteraufstand im Juni 1953 nieder.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Antifaschistischer Widerstand in Westeuropa<\/span><\/p>\n<p>In den vom deutschen Faschismus besetzten L\u00e4ndern spielte die Widerstandsbewegung eine gro\u00dfe Rolle. Es waren die Mitglieder der Resistance, der Partisanen oder anderer Widerstandsgruppen, die beim Sieg \u00fcber den Faschismus wichtig waren.<br \/>\nIn Italien f\u00fchrten die verheerende Wirtschaftslage und die faschistischen Niederlagen in Nordafrika und Stalingrad im M\u00e4rz 1943 zu einer Streikwelle, die das Ende des Mussolini-Faschismus bedeutete. Danach liefen die italienischen Kapitalisten auf die Seite der Alliierten \u00fcber. Vor allem in Mittel- und Norditalien bildeten sich antifaschistische Komitees, es gab Streiks und Demonstrationen, die von der neuen Badoglio-Regierung gewaltsam unterdr\u00fcckt wurden. Badoglio selbst war einer von Mussolinis f\u00fchrenden Milit\u00e4rs gewesen.<br \/>\nDie brutalste Unterdr\u00fcckung der &#8222;Befreiten&#8220; durch die &#8222;Befreier&#8220; fand aber in Griechenland statt. Obwohl bereits im Sommer 1944 die Besatzungstruppen vertrieben worden waren, landeten erst im Oktober 1944 britische Truppen in Griechenland. Die &#8222;Sicherheitsbatallione&#8220;, welche die Nazi-Marionettenregierung zum Kampf gegen den antifaschistischen Widerstand organisiert hatte, terrorisierten weiterhin die Bev\u00f6lkerung.<br \/>\nAuch in ihren eigenen Kolonien waren die Allierten nicht zimperlich: In Indien unterdr\u00fcckte die britische Regierung zum Beispiel die Widerstandsbewegung; Gandhi und viele andere wurden in dieser Zeit ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Der Bombenkrieg der Allierten<\/span><\/p>\n<p>Die Fragen nach dem Charakter des Zweiten Weltkriegs und der Rolle der Allierten wurden gerade in den letzten Wochen in der Bundesrepublik erneut diskutiert. Die Arbeiterbewegung muss darauf Antworten geben, um die notwendigen Lehren ziehen zu k\u00f6nnen und im Kampf gegen Faschismus und Kapitalismus Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.<br \/>\nAm 13. Februar auf der Demonstration von 5.000 Nazis in Dresden sagte Franz Sch\u00f6nhuber, der Mitglied der Waffen-SS war, er erkenne keinen Unterschied zwischen einem KZ-Aufseher und einem britischen Bomberpiloten. Was passierte vor 60 Jahren in Dresden?<br \/>\nIn der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 warfen 770 britische Bomber riesige Mengen Sprengbomben auf die ungesch\u00fctzte Stadt. Dort hielten sich damals neben den 630.000 EinwohnerInnen auch zahlreiche Fl\u00fcchtlinge auf. Es folgte der Abwurf von mehr als einer halben Million Brandbomben, die einen f\u00fcrchterlichen Feuersturm entfachten. An den n\u00e4chsten beiden Tagen folgten weitere Fl\u00e4chenbombardements durch 310 amerikanische Flugzeuge.<br \/>\nDer Bombenkrieg gegen Dresden, aber auch gegen andere St\u00e4dte Deutschlands richtete sich gegen die Zivilbev\u00f6lkerung. In der Regel wurden die Wohngebiete des wohlhabenderen B\u00fcrgertums und Industrieanlagen verschont (bei den Produktionsst\u00e4tten bestand schlie\u00dflich die Hoffnung, diese nach Kriegsende selber nutzen zu k\u00f6nnen). Da der Zusammenbruch des NS-Regimes nur noch eine Frage der Zeit war, verfolgten die Allierten damit vor allem ein Ziel: die deutsche Arbeiterklasse massiv einzusch\u00fcchtern, um dem Neuaufbau der Arbeiterorganisationen und Bestrebungen f\u00fcr ein sozialistisches Deutschland entgegenzuwirken.<br \/>\nAu\u00dferdem war der Bombenangriff auf Dresden eine Machtdemonstration gegen\u00fcber der Sowjetunion: <span style=\"font-style: italic;\">&#8222;Ich bin der Meinung, dass unsere Luftwaffe der Trumpf ist, mit dem wir nach dem Krieg zur Friedenskonferenz ziehen werden, und dass dieses Unternehmen unsere Position grenzenlos st\u00e4rken, das hei\u00dft die russische Kenntnis unserer St\u00e4rke vergr\u00f6\u00dfern wird&#8220;<\/span> (General David M. Shlatter, stellvertretender Befehlshaber der Luftwaffe im Hauptquartier der alliierten Streitkr\u00e4fte).<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Nie wieder Krieg &#8211; Nie wieder Faschismus<\/span><\/p>\n<p>Die Neonazis wollen mit dem Hinweis auf die Verbrechen der Westm\u00e4chte von den Verbrechen der Faschisten ablenken. Als SozialistInnen werden wir mit aller Kraft gegen jegliche Versuche des Geschichtsrevisionismus von Nazis und Rechtsextremisten auftreten. Die Faschisten sind die energischsten Feinde der Arbeiterklasse, ganz gleich welche sozialen Phrasen sie dreschen. An der Macht dienen sie sich dem Kapital an.<br \/>\nAllerdings zeigt die Geschichte auch, dass wir uns im Kampf gegen den Faschismus oder gegen andere Diktaturen nicht auf den b\u00fcrgerlichen Staat und seine Institutionen verlassen k\u00f6nnen. Die Krise des kapitalistischen Systems hat in den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren zu faschistischen oder anderen diktatorischen Regimes nicht nur in Deutschland, sondern in einer ganzen Reihe von L\u00e4ndern gef\u00fchrt: Italien, Spanien, Polen, Rum\u00e4nien, Japan und einige weitere. Das h\u00e4tte nicht so kommen m\u00fcssen, wenn die damalige F\u00fchrung der Arbeiterorganisationen nicht erhebliche politische Fehler begangen h\u00e4tte (wie eben jenen, die Unterst\u00fctzung gro\u00dfer Teile des Kapitals f\u00fcr die Faschisten zu verkennen).<br \/>\nNur wenn der Kapitalismus abgeschafft wird, k\u00f6nnen weitere Katastrophen wie R\u00fcstungswettrennen, neue Kriege, V\u00f6lkermorde und die v\u00f6llige Entrechtung der Lohnabh\u00e4ngigen verhindert werden. Obgleich die deutsche Arbeiterklasse durch den Hitlerfaschismus in einem Ma\u00df niedergehalten wurde, dass sie das Nazi-Regime nicht selber st\u00fcrzen konnte, zeigte der Zweite Weltkrieg dennoch, dass die Arbeiterklasse die Kraft ist, der die Aufgabe zuf\u00e4llt, eine neue Gesellschaft aufzubauen.<br \/>\nEs waren die ArbeiterInnen der Sowjetunion, die zentral f\u00fcr die Niederlage Hitlers waren. Es waren die Hunderttausenden von Widerstandsk\u00e4mpfern in den Reihen der Arbeiterbewegung in ganz Europa, die den Faschismus von Anfang an bek\u00e4mpften. Es waren ArbeiterInnen, die nach dem Sturz des Faschismus antifaschistische Komitees aufbauten, Gro\u00dfbetriebe enteigneten und unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung weiterf\u00fchrten. Damals wie heute ist es die Klasse der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten, die den ganzen Reichtum der Gesellschaft erwirtschaftet und aufgrund ihrer Rolle im Produktionsprozess die F\u00e4higkeit besitzt, ein kollektives Bewusstsein als Klasse zu erlangen und eine Welt ohne Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung zu erreichen.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic;\">von Holger Dr\u00f6ge, Mitglied der Bundesleitung der SAV<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":32933,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[99],"tags":[270,170],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11217"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11217"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32934,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11217\/revisions\/32934"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/32933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}