{"id":11204,"date":"2005-03-11T11:49:56","date_gmt":"2005-03-11T10:49:56","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11204"},"modified":"2012-12-30T12:10:28","modified_gmt":"2012-12-30T11:10:28","slug":"11204","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/03\/11204\/","title":{"rendered":"Die Revolution auf der Leinwand"},"content":{"rendered":"<p>&#x84;Panzerkreuzer Potemkin&#x93; in restaurierter Fassung auf den 55. Berliner Filmfestspielen gezeigt<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nEin H&ouml;hepunkt der diesj&auml;hrigen Berlinale war die Wiederauff&uuml;hrung von Sergei Eisensteins &#x84;Panzerkreuzer Potemkin&#x93;. Zum ersten Mal seit seiner Weltpremiere 1925 wurde der Film in der weitgehend wiederhergestellten Originalversion gezeigt. Ein Jubil&auml;um im Jubil&auml;um: Gedreht wurde der &#x84;Panzerkreuzer&#x93; vor achtzig Jahren &#8211; anl&auml;sslich des zwanzigsten Jahrestags der Russischen Revolution von 1905 &#8211; die sich heute zum hundertsten Mal j&auml;hrt.<br \/>  Nach seiner Urauff&uuml;hrung in Moskau erwarb der linke Verleih &#x84;Prometheus&#x93; die Rechte f&uuml;r Deutschland. Die Berliner Premiere 1926 wurde ein sensationeller Erfolg. Von dort trat der &#x84;Panzerkreuzer&#x93; seinen Siegeszug um die Welt an. Allerdings kam der Film zensiert in die deutschen Kinos. Deutsche Matrosen sollten nicht auf falsche Ideen kommen. In dem Ma&szlig;e, in dem der Film in der Weimarer Republik immer neue Begeisterungsst&uuml;rme ausl&ouml;ste, wurde das Werk weiter traktiert.<br \/>  Sp&auml;ter fielen Passagen des &#x84;Panzerkreuzers&#x93; Stalins Schere zum Opfer. Trotz alledem wurde Eisensteins Werk auch in der gek&uuml;rzten und ver&auml;nderten Form zu einem Meilenstein der Filmgeschichte, bis heute un&uuml;bertroffen in der Darstellung der revolution&auml;ren Bewegung.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Die Revolution exemplarisch anhand des Matrosenaufstands<\/span><\/p>\n<p>  Der Film ist in f&uuml;nf Akte eingeteilt. Die Laufzeit entspricht jeweils der L&auml;nge einer Filmrolle:<br \/>  1. M&auml;nner und Maden: Auf dem Panzerkreuzer, der vor Odessa liegt, verweigert die Mannschaft von Maden &uuml;bers&auml;tes Fleisch. Die Matrosen fragen: &#x84;Ganz Russland erhebt sich. Sollen wir die letzten sein?&#x93;<br \/>  2. Drama im friedlichen Hafen: Ein Exekutionskommando soll alle erschie&szlig;en, die sich weiterhin weigern, die Suppe zu essen. Im letzten Moment wird der Erschie&szlig;ungsbefehl boykottiert. Die Meuterei beginnt.<br \/>  3. Der Appell eines Toten: Wakulintschuk, der als erster rebellierte und dabei umkam, wird im Hafen aufgebahrt: &#x84;Wegen eines L&ouml;ffels Suppe.&#x93; Er wird das Ziel einer nicht enden wollenden Prozession.<br \/>  4. Solidarisierung und Massaker: Kosaken r&auml;umen die Hafentreppe, Stufe f&uuml;r Stufe, von oben nach unten. Soldaten schie&szlig;en in die von Panik ergriffene Menge &#x96; bis ein Kanonenschuss von der Potemkin dem Blutvergie&szlig;en ein Ende setzt.<br \/>  5. Begegnung mit der Admiralsflotte: Alles wird f&uuml;r eine Schlacht vorbereitet. Doch die Mannschaften der anderen Schiffe weigern sich, gegen den Panzerkreuzer vorzugehen.<br \/>  Urspr&uuml;nglich wollte Eisenstein einen sechsteiligen Filmzyklus mit dem Titel &#x84;Das Jahr 1905&#x93; drehen. Die &#x84;Panzerkreuzer&#x93;-Episode sollte eigentlich nur 44 von 820 Einstellungen umfassen. W&auml;hrend der Dreharbeiten entschied sich Eisenstein jedoch, die ganze historische Tragweite der Revolution exemplarisch auf ein Ereignis zu konzentrieren.<br \/>  Der Einzelfall zeigt, wie &acute;die Beherrschten nicht weiter beherrscht werden wollen und die Herrschenden ihre Herrschaft nicht weiter aufrechterhalten k&ouml;nnen` (Lenin). Ausgehend von der Auflehnung gegen die unertr&auml;gliche Versorgung auf dem Schiff, erfasst der Aufstand Akt f&uuml;r Akt immer mehr Menschen: erst die Besatzung, dann die Stadtbev&ouml;lkerung, schlie&szlig;lich die Admiralsflotte.<br \/>  Die Meuterei im Sommer 1905 in Odessa markierte ein Schl&uuml;sselereignis: Zum einen blieb die Rebellion der Matrosen eine Ausnahme, der Staatsapparat wurde nicht vollst&auml;ndig paralysiert, die Erhebung der ArbeiterInnen und Bauern f&uuml;hrte damals nicht zur uneingeschr&auml;nkten Solidarisierung seitens der Soldaten. Zum anderen dr&uuml;ckte der &#x84;Panzerkreuzer&#x93; &#x93;die Hoffnung&#x94; aus, war die Generalprobe, auf die in der Russischen Revolution 1917 &#x93;die Erf&uuml;llung&#x94; folgte.<br \/>  Der Film zeigt viel: Die Kraft der Revolution, die Begeisterung, die sie bei gro&szlig;en Teilen des Kleinb&uuml;rgertums ausl&ouml;ste, (welches zwischen der Arbeiterklasse und den herrschenden Eliten schwankt), die aktive Rolle von Frauen im Aufstand, die Versuche der Kirche, die alte Ordnung zu st&uuml;tzen.<br \/>  Die Meuterei auf der Potemkin vollzog sich vor der Bildung von Arbeiterr&auml;ten &#x96; der gro&szlig;artigen &#x84;Erfindung&#x93; der Revolution von 1905, mit der sich die arbeitende Bev&ouml;lkerung Russlands eigene Organe zum Kampf, zur Machtergreifung und zur Organisation der neuen Gesellschaft geschaffen hatte. Dennoch vermittelt der Film vielf&auml;ltig die Vitalit&auml;t und den Hunger nach Debatten und Ideen, ob die Matrosen auf der Potemkin vor Beginn der Erhebung oder die unterdr&uuml;ckten Massen im Hafen Odessas.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Revolution&auml;r in Stil und Technik<\/span><\/p>\n<p>  Der Film ist eine Wucht &#x96; nicht nur dank der Thematik, sondern auch aufgrund der Darstellung. Eisenstein revolutionierte Erz&auml;hlweise und Erz&auml;hltechniken. Einmalig die starke Symbolik: So die Meereswellen in den ersten Bildern, die gegen eine Mole brandend, die aufbegehrenden Massen darstellen.<br \/>  Neue Wege geht der Regisseur auch beim Filmschnitt: &#8222;Ber&uuml;hmt ist das Beispiel von den drei steinernen L&ouml;wen: einer schl&auml;ft, einer liegt wach, einer sitzt aufrecht; schnell hintereinander montiert, werden sie zu einem sich aufrichtenden L&ouml;wen: der Stein schreit auf&#8220; (Enno Patalas, Filmkritiker, zeichnet sich f&uuml;r die Restauration des &#8222;Panzerkreuzers&#8220; verantwortlich). Rhythmische Bewegung wird gegen chaotische geschnitten, Gro&szlig;aufnahme gegen Totale: Erst die aufgerissenen Augen einer Frau aus der Mittelklasse beim Aufmarsch der Kosaken, dann der Kinderwagen die Hafentreppe herunterrollend, schlie&szlig;lich die Mutter, ihr get&ouml;tetes Kind den Soldaten entgegen tragend. Sie wendet sich seitw&auml;rts, spricht damit Kamera und Zuschauer direkt an: Klage, Anklage und Appell zugleich. In seinem Film &#8222;Streik&#8220; (1924) hatte Eisenstein mit der &#8222;Montage der Attraktionen&#8220; gearbeitet: ein Kapitalist, der eine Zitrone auspresst, wird gegen die gewaltsame R&auml;umung einer Streikversammlung geschnitten.<br \/>  Unvergesslich, wie der Film das Wechselspiel zwischen Kollektiv und Individuen aufzeigt: Ob die Initiative des Matrosen Wakulintschuk zur Meuterei oder die aufr&uuml;ttelnden Reden einer Revolution&auml;rin beim aufgebahrten Leichnam im Hafen &#x96; es kommt auf Einzelne an, die den ersten Schritt wagen. Trotzdem wird Geschichte von den unterdr&uuml;ckten Massen gemacht, nicht von dem einen oder anderen &#8222;Helden&#8220;.<br \/>  Davon ausgehend arbeitet Eisenstein mit &#8222;Typisierungen&#8220;, zeigt Figuren als Repr&auml;sentanten ihrer gesellschaftlichen Klasse, die so wie sie agieren, ein bestimmtes Verhalten ihrer Klasse veranschaulichen: zum Beispiel der Schiffsarzt mit dem Kneifer, der die Maden im Fleisch leugnend f&uuml;r den feigen Teil der Mittelklasse steht.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wiederherstellung des Originals<\/span><\/p>\n<p>  Die restaurierte Fassung beginnt, wie vor achtzig Jahren, wieder mit einem Zitat von Trotzki, das unter Stalin weggestrichen und durch Lenin-S&auml;tze ersetzt wurde: &#8222;Der Geist der Revolution schwebte &uuml;ber dem russischen Lande. Irgendein gewaltiger und geheimnisvoller Prozess vollzog sich in zahllosen Herzen: die Individualit&auml;t, die eben erst sich selbst erkannt hatte, ging in der Masse auf und die Masse in dem gro&szlig;en Elan.&#8220;<br \/>  Au&szlig;erdem waren Zwischentitel aus dem Film herausgenommen worden, zum Teil hatte man den &#8222;Panzerkreuzer&#8220; unter den b&uuml;rgerlichen Zensurbeh&ouml;rden Weimars und im stalinistischen Russland neu geschnitten.<br \/>  Die bei den Berliner Filmfestspielen in der Volksb&uuml;hne am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigte Originalversion wurde mit der Orchestermusik unterlegt, die von Edmund Meisel in Absprache mit Eisenstein f&uuml;r die deutsche Premiere 1926 geschrieben worden war.<br \/>  Noch heute packt einen der &#8222;Panzerkreuzer Potemkin&#8220;, noch heute kann man nachvollziehen, wie beispielsweise Albert Einstein reagierte, als er das Werk 1930 im Kino sah: &#8222;Er stimmte zu, ereiferte sich, f&uuml;llte den Vorf&uuml;hrsaal mit lautem Gebr&uuml;ll &#x96; schade, dass Sie nicht da waren&#8220;, beschrieb ein Freund Sergei Eisenstein die Resonanz Einsteins auf den Film.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Aron Amm, Berlin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#x84;Panzerkreuzer Potemkin&#x93; in restaurierter Fassung auf den 55. 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