{"id":11192,"date":"2005-03-05T06:00:00","date_gmt":"2005-03-05T06:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=11192"},"modified":"2005-03-05T06:00:00","modified_gmt":"2005-03-05T06:00:00","slug":"11192","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/03\/11192\/","title":{"rendered":"Mehr als eine Demonstration f&uuml;r Gleichstellung"},"content":{"rendered":"<p>Zur Tradition und Geschichte des internationalen Frauentages<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie Geschichte des internationalen Frauentages ist vor allem ein Spiegel der sozialen K&auml;mpfe der vergangenen Jahrzehnte. Ihr Auf und Ab ist untrennbar verbunden mit dem Schicksal der internationalen ArbeiterInnenbewegung.<br \/>  Die Geschichte der Frauenbewegung beginnt schon in der Franz&ouml;sischen Revolution. In der entstehenden b&uuml;rgerlichen Gesellschaft forderten Frauen verschiedener Klassen und Gesellschaftsschichten gemeinsam, durch Einf&uuml;hrung von Wahlrecht, Bildungszugang, Recht auf Scheidung und andere Gleichstellungen ihre Benachteiligung zu beenden.<br \/>  Im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus gewann gleichzeitig die ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung an Bedeutung. Bald stellte sich heraus, dass die Frauen aus dem B&uuml;rgertum gerne bereit waren, mit ihren Schwestern aus der Arbeiterklasse f&uuml;r die rechtliche Gleichstellung von Frauen und M&auml;nnern zu k&auml;mpfen &#x96; nicht jedoch f&uuml;r eine Abschaffung der Privilegien der Kapitalisten zugunsten der verelendeten Arbeitermassen. Dies lehnten sie aus wohlverstandenem Eigennutz, das hei&szlig;t aus ihrem Klasseninteresse rundheraus ab. Es kam zur Spaltung in b&uuml;rgerliche und proletarische Frauenbewegung.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Ursprung des Frauentages<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Die Idee f&uuml;r einen k&auml;mpferischen &#x84;Frauentag&#x93; der Arbeiterinnen stammt aus den USA. Verschiedene Ereignisse, die am 8. M&auml;rz stattfanden, verliehen diesem Tag f&uuml;r die dortigen ArbeiterInnen eine besondere Bedeutung.<br \/>  So fand zum Beispiel die erste Demonstration der New Yorker Textilarbeiterinnen f&uuml;r bessere L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen am 8. M&auml;rz 1857 statt. Obwohl die Polizei die protestierenden Frauen brutal angriff und viele verhaftete, legte dieser Protestzug den Grundstein f&uuml;r die Gr&uuml;ndung der Textilarbeiterinnengewerkschaft 1860.<br \/>  F&uuml;nfzig Jahre sp&auml;ter, am 8. M&auml;rz 1908, verursachte die Gesch&auml;ftsleitung der New Yorker Textilfabrik &#x84;Cotton&#x93; den Tod von 129 streikenden Arbeiterinnen. Um zu verhindern, dass sich AnwohnerInnen und andere AktivistInnen mit den Kolleginnen solidarisierten, wurden sie auf Weisung des Arbeitgebers in der Fabrik eingeschlossen. Kurz darauf brach &#x84;aus ungekl&auml;rter Ursache&#x93; ein Feuer aus. Nur wenige Gefangene konnten sich retten.<br \/>  1909 traten &#x96; wieder in New York &#x96; 20.000 Textilarbeiterinnen in den Streik. Nach zwei Monaten harter Auseinandersetzung und Tausenden Verhaftungen konnten sie ihre Forderungen durchsetzen. Am letzten Februar-Sonntag des selben Jahres veranstalteten US-amerikanische SozialistInnen zum ersten Mal einen landesweiten Frauen-Aktionstag f&uuml;r Wahlrecht und Sozialismus.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Der erste internationale Frauentag <\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Diese Idee wurde von den bekannten deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und K&auml;te Duncker aufgegriffen. Auf ihre Initiative hin fanden am 19. M&auml;rz 1911 in Deutschland, &Ouml;sterreich, der Schweiz und den USA erste Aktionen statt. Millionen Frauen beteiligten sich und forderten vor allem die Einf&uuml;hrung des Frauenwahlrechts.<br \/>  Schon 1915 riss die Krise der internationalen Arbeiterbewegung den Frauentag in sein erstes Tief. Angesichts des Ersten Weltkrieges blieben nur wenige aufrechte InternationalistInnen ihren &Uuml;berzeugungen treu und wandten sich gegen Krieg und Imperialismus. Die F&uuml;hrungen der meisten linken Parteien und Gewerkschaften dagegen unterst&uuml;tzten voll Hurra-Patriotismus ihre jeweilige herrschende Klasse und verrieten den Internationalismus. Unter diesen Umst&auml;nden war an einen &#x84;internationalen Frauentag&#x93; nicht zu denken.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Frauenbewegung in Russland: Ausl&ouml;ser der Revolution<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Die Erfahrungen mit dem Gemetzel auf den Schlachtfeldern und Hunger und Not in den Arbeiterquartieren f&uuml;hrten international zu Streiks und Protesten.<br \/>  Anfang 1917 streikten erneut Textilarbeiterinnen. Diesmal in Sankt Petersburg in Russland. Am 8. M&auml;rz &#x96; der nach dem alten russischen Kalender der 23. Februar war &#x96; organisierten sie eine machtvolle Demonstration zum internationalen Frauentag &#x96; und l&ouml;sten damit die Februar-Revolution aus, die letztlich mit der Oktoberrevolution zum Sturz des Kapitalismus in Russland f&uuml;hrte. Ihnen zur Ehre beschloss die Kommunistische Internationale sp&auml;ter, den Frauentag einheitlich auf den 8. M&auml;rz festzulegen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Frauenwahlrecht in Deutschland<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  1918 erreichte die Revolution Deutschland. Die Arbeiterbewegung st&uuml;rzte den Kaiser und erzwang unter anderem das Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Tag. Der Erste Weltkrieg war zu Ende. Die Einf&uuml;hrung des Sozialismus scheiterte jedoch am Verrat der Sozialdemokratie. Die endg&uuml;ltige Niederlage hatte zur Folge, dass die Aktivit&auml;ten der Arbeiterbewegung in Deutschland abnahmen. Dies betraf auch den Frauentag, der zwischen 1921 und 1923 trotz Repressionen und Verboten wieder gefeiert worden war.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">&#x84;Gegen Krieg und Naziterror&#x93;<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Mit Beginn der drei&szlig;iger Jahre wurde der Frauentag angesichts der faschistischen Bedrohung wieder radikaler und politischer. 1930 demonstrierte die deutsche Arbeiterbewegung unter dem Motto: &#x84;Gegen Sozialreaktion! Gegen Faschismus! F&uuml;r Arbeitsschutz! F&uuml;r V&ouml;lkerverst&auml;ndigung! F&uuml;r die Solidarit&auml;t des internationalen Proletariats!&#x93; Der letzte offizielle Frauentag vor Beginn der faschistischen Machtergreifung trug 1931 das Motto: &#x84;Gegen Krieg und Naziterror! F&uuml;r Sozialismus und Frieden&#x93; und wurde mit 1.500 Veranstaltungen in ganz Deutschland begangen.<br \/>  1933 kamen die Nazis an die Macht. Die Leipziger Frauen protestierten gegen das Verbot des Frauentages und die Verfolgung der Arbeiterbewegung, indem sie am 8. M&auml;rz Federbetten mit rotem Bezug in die Fenster legten. Bis 1945 fanden die Feiern zum internationalen Frauentag auf deutschem Boden nur noch im Frauen-KZ Ravensbr&uuml;ck statt.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">&#x84;Durch Sozialismus zum Frieden&#x93;<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Nach der Niederlage des Faschismus 1945 erlebte die deutsche Arbeiterbewegung einen kurzen Aufschwung. In den westlichen Besatzungszonen rief die SPD unter der Losung &#x84;Durch Sozialismus zum Frieden&#x93; zum internationalen Frauentag. Im Herbst fand ein Generalstreik gegen Lohnstopp und f&uuml;r Preiskontrollen statt. Viele forderten die Vergesellschaftung der in die Naziherrschaft verstrickten Gro&szlig;industrie. Aber die B&uuml;rgerlichen gewannen schnell die Oberhand. 1950 war das Frauentagsmotto im Westen nicht mehr Sozialismus, sondern nur noch &#x84;Durch soziale Gerechtigkeit zum Weltfrieden!&#x93;. 1958 hie&szlig; es &#x84;Ehrfurcht vor dem Leben!&#x93;, und 1961 schlie&szlig;lich &#x84;Wir sind eine Familie!&#x93;. Ab 1964 verzichtete die SPD folgerichtig g&auml;nzlich auf die Durchf&uuml;hrung des Frauentages.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">&#x84;Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter&#x93;<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre begann die &#x84;neue Frauenbewegung&#x93;.<br \/>  Ausgel&ouml;st durch die Studentenbewegung begannen junge Frauen, sich mit ihrer gesellschaftlichen Rolle auseinander zu setzen. Gleichzeitig kam es in Westdeutschland wieder vermehrt zu Arbeitsk&auml;mpfen und Streiks. Wieder f&uuml;hrte der Aufschwung der Arbeiterbewegung zu einer Wiederbelebung des internationalen Frauentages.<br \/>  Ab 1974 versuchten KollegInnen nach langer Pause erneut, den 8. M&auml;rz in Deutschland zu feiern. Der Neubeginn war nicht frei von Konflikten.<br \/>  1980 weigerten sich die Spitzenvertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes den Internationalen Frauentag anzuerkennen, weil es sich um einen &#x84;sozialistischen Kampftag&#x93; handeln w&uuml;rde. Sie verboten den Arbeiterinnen die Teilnahme an den Veranstaltungen zum 8. M&auml;rz. Die Kolleginnen lie&szlig;en sich jedoch nicht einsch&uuml;chtern.<br \/>  Schon 1981 zwangen die Proteste der GewerkschafterInnen die Gewerkschaftsf&uuml;hrung zu einem ersten Einlenken. In Einzelf&auml;llen wurden gewerkschaftliche Veranstaltungen erlaubt, allerdings mit der Einschr&auml;nkung, dass keine Frauengruppen au&szlig;erhalb des DGB teilnehmen durften. Ein Jahr sp&auml;ter lie&szlig; sich auch diese Schikane nicht aufrecht erhalten. Der DGB unterst&uuml;tzte 1982 die zentrale Veranstaltung, an der auch Alice Schwarzer teilnahm. Sie stand unter dem Motto &#x84;Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter&#x93;.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wiederaufbau der Frauenbewegung <\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  In den achtziger Jahren stand auch der Frauentag vor allem im Zeichen der Friedensbewegung.<br \/>  Heute befindet sich die Arbeiterbewegung nach der Verb&uuml;rgerlichung der SPD und dem Rechtsruck der Gewerkschaftsspitzen in einer schwierigen Phase des Neuaufbaus. Dies spiegelt sich auch im Charakter des 8. M&auml;rz wider. Die Veranstaltungen sind &#x96; entgegen der Tradition des Tages &#x96; von b&uuml;rgerlich-feministischen Forderungen gepr&auml;gt, wie zum Beispiel nach mehr Frauen in Chefetagen. In manchen Orten finden Veranstaltungen mit Schminktipps und &auml;hnlichem statt.<br \/>  Angesichts von Hartz IV, Massenarbeitslosigkeit und Kriegsgefahr k&ouml;nnen wir uns so etwas nicht mehr leisten. Um es mit den Worten von Clara Zetkin (im Januar 1914 in der Zeitschrift Gleichheit) zu sagen: &#x84;Wir m&uuml;ssen Sorge tragen, dass der Frauentag nicht nur eine gl&auml;nzende Demonstration f&uuml;r die politische Gleichstellung des weiblichen Geschlechts, sondern dar&uuml;ber hinaus der Ausdruck einer Rebellion gegen den Kapitalismus, eine leidenschaftliche Kampfansage all den reaktion&auml;ren Ma&szlig;nahmen der Besitzenden und ihrer willf&auml;hrigen Dienerschaft, der Regierung ist.&#x93;<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Ianka Pigors, Hamburg<\/span> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Tradition und Geschichte des internationalen Frauentages<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[169],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11192"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11192"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11192\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}