{"id":11185,"date":"2005-02-28T15:15:58","date_gmt":"2005-02-28T15:15:58","guid":{"rendered":".\/?p=11185"},"modified":"2005-02-28T15:15:58","modified_gmt":"2005-02-28T15:15:58","slug":"11185","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/02\/11185\/","title":{"rendered":"Massenmord und Profite"},"content":{"rendered":"<p>Vor 60 Jahren wurden die H&auml;ftlinge des KZ Auschwitz befreit<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAm 27. Januar 2005 j&auml;hrte sich der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 60. Mal. &Uuml;ber 1,5 Millionen Menschen wurden an diesem Ort in den Gaskammern und durch Zwangsarbeit ermordet. Auschwitz gilt seither als Symbol f&uuml;r den organisierten Massenmord des nationalsozialistischen Regimes. An dieser St&auml;tte m&uuml;ndeten imperialistische Expansionsbestrebungen und industrielle Ausbeutunginteressen im gr&ouml;&szlig;ten Verbrechen des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>  Zentraler Punkt der nationalsozialistischen Eroberungspolitik in Osteuropa waren der Zugang zu den reichen Rohstoffquellen der Sowjetunion und der durch die NS-Ideologie propagierte Gewinn von &#x84;Lebensraum im Osten&#x93;. Nach der Besetzung erfolgte die gewaltsame &Auml;nderung der Bev&ouml;lkerungsstruktur im Sinne des nationalsozialistischen Rassenwahns. Die j&uuml;dischen EinwohnerInnen wurden in Sammelstellen zusammengepfercht. Ziel war es, Platz f&uuml;r sogenannte Volks- und Reichsdeutsche zu schaffen. Die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung sollte aus dem deutschen Machtbereich nach Sibirien, beziehungsweise Richtung Eismeer deportiert werden und dort an vermeintlich &#x84;nat&uuml;rlichen&#x93; Todesursachen, wie Hunger, K&auml;lte oder Zwangsarbeit sterben. Zwischen 1939 und 1941 waren Begriffe wie &#x84;Aussiedlung&#x93;, &#x84;R&auml;umung&#x93; und &#x84;Evakuierung&#x93; in den Planungen der Nazis noch w&ouml;rtlich gemeint. Da der rasche Sieg &uuml;ber die Sowjetunion aber ausblieb und sich die urspr&uuml;nglichen Pl&auml;ne nicht realisieren lie&szlig;en, wurden sie in der Folge zu Synonymen f&uuml;r den nun einsetzenden Massenmord. Der geographische Schwerpunkt der Anfang 1942 beschlossenen sogenannten Endl&ouml;sung, das hei&szlig;t der Ermordung der europ&auml;ischen Juden wurde nach Westen in das politisch und milit&auml;risch gesicherte Polen verlagert.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Musterstadt Auschwitz<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Auch die Stadt Auschwitz ver&auml;nderte sich durch die Politik der Nationalsozialisten grundlegend. Sie entwickelte sich zum Vorbild f&uuml;r &ouml;konomische Erschlie&szlig;ung und rassistische Auslese. <br \/>  Charakteristisch f&uuml;r die Stadt wurde die enge Zusammenarbeit mit dem 1941 gegr&uuml;ndeten Werk der IG Farben (Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie AG), dem seinerzeit wichtigsten deutschen Privatunternehmen. Der Frankfurter Chemiekonzern produzierte Buna, einen kriegswichtigen synthetischen Ersatzstoff f&uuml;r Benzin.<br \/>  Auschwitz sollte auf Betreiben der Konzernleitung zu einem leistungsf&auml;higen Industriezentrum umgewandelt werden. Aber nicht nur das. Als williger Helfer des Regimes trieb die ans&auml;ssige Unternehmensleitung mit erstaunlicher Eigeninitiative auch den rassistischen Auftrag der &#x84;Germanisierung&#x93; der Region voran. Deutsche Arbeiter wurden in gro&szlig;er Zahl nach Auschwitz geholt. Die polnische und j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung wurde gr&ouml;&szlig;tenteils in das seit 1940 existierende benachbarte Konzentrationslager deportiert. Mit seinem gro&szlig;en Reservoir an billigen Arbeitskr&auml;ften hatte das KZ Auschwitz einen nicht unentscheidenden &#x84;Standortfaktor&#x93; in den Pl&auml;nen der IG Farben gebildet.<br \/>  Die Reichsministerien stellten der sogenannten Siedlungsmusterstadt Auschwitz gro&szlig;e Summen zur Verf&uuml;gung. Kaum ein Antrag auf staatliche Zusch&uuml;sse wurde abgelehnt und dies inmitten des Krieges und allen Sparma&szlig;nahmen zum Trotz.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Die &#x84;IG Auschwitz&#x93;<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  Im Fr&uuml;hjahr 1941 begann das Vorhaben &#x84;IG Auschwitz&#x93;. Die IG Farben waren das erste Privatunternehmen, dass ein Heer von Zwangsarbeitern unterhielt. Von den insgesamt 35.000 H&auml;ftlingen in den Arbeitslagern des Chemie-Riesen starben mehr als 25.000 an den Folgen der Zwangsarbeit. Das Lager Auschwitz-Monowitz, dass eines der neugegr&uuml;ndeten Hauptlager des sp&auml;teren Vernichtungslagers Auschwitz bildete, war das erste von einem Privatunternehmen initiierte und finanzierte Konzentrationslager. Gen&uuml;gte die Arbeitsleistung eines H&auml;ftlings nicht mehr, forderte der Konzern Ersatz. Die durchschnittliche Lebenserwartung der H&auml;ftlinge betrug in Monowitz nicht mehr als drei Monate.<br \/>  Die Konzentrationslager bekamen ab 1941 den Auftrag, die Arbeitskraft der H&auml;ftlinge gewinnbringend f&uuml;r die deutsche Industrie auszunutzen. In der Folge wurden sie zu Schaupl&auml;tzen eines geplanten, systematischen Massenmordes und zum Arbeitskr&auml;ftereservoir der deutschen Gro&szlig;industrie. Hunderttausende H&auml;ftlinge wurden von der SS an die R&uuml;stungsindustrie und Gro&szlig;konzerne verpachtet.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Industrieller Massenmord<\/span><br style=\"font-weight: bold;\"> <br \/>  In Auschwitz erreichte das Streben nach profitorientierter Verwertbarkeit des Menschen seinen verbrecherischen H&ouml;hepunkt. Selbst die auf der Rampe von Auschwitz als arbeitsunf&auml;hig eingeordnet und in den Gaskammern zu Hunderttausenden Ermordeten wurden bis zum Letzten ausgebeutet. Die Haare der Opfer wurden zu U-Bootdichtungen und Str&uuml;mpfen verarbeitet, aus ihren Knochen wurde Seife produziert. Beides wurde anschlie&szlig;end gewinnbringend an die Wehrmacht verkauft. Den Weg in den Tod lie&szlig; sich die Reichsbahn gut bezahlen. Die Deportierten wurden gezwungen ihre Fahrkarte in das Vernichtungslager selbst zu bezahlen. Bei Transporten mit mehr als tausend Menschen gew&auml;hrte die Reichsbahn &#x84;Mengenrabatt&#x93;.<br \/>  In Auschwitz wurde die Verkn&uuml;pfung von Vernichtungswillen und industriellen Ausbeutungsinteressen Wirklichkeit. Hier trafen sich die Interessen der SS und der deutschen Gro&szlig;industrie und bildeten f&uuml;r mehr als anderthalb Millionen Menschen einen t&ouml;dlichen Pakt.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Kritik ausgeblendet<\/span><\/p>\n<p>  In den Gedenkveranstaltungen von Regierung und Bundestag wird die Verwicklung der deutschen Gro&szlig;industrie in Zwangsarbeit und Massenmord ausgeblendet. Stattdessen wird die These in den Vordergrund gestellt, alle Deutschen tr&uuml;gen die Schuld am Holocaust. &#x84;Uns Deutschen st&uuml;nde es eigentlich gut an, angesichts des gr&ouml;&szlig;ten Menschheitsverbrechens zu schweigen&#x93;, so Gerhard Schr&ouml;der k&uuml;rzlich. Doch wor&uuml;ber soll nach dem Willen des Kanzlers geschwiegen werden?<br \/>  Dar&uuml;ber, dass die Industriekonzerne IG Farben, Flick, Krupp und Thyssen, die Elektrokonzerne Siemens und AEG zu den gr&ouml;&szlig;ten Geldgebern Hitlers geh&ouml;rten und der Macht&uuml;bernahme der Nazis mit ihrem Geld den Weg ebneten. Die Nazif&uuml;hrung revanchierte sich durch die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen, Abschaffung von Arbeiterrechten, der Vergabe gro&szlig;er Auftr&auml;ge und mit der Bereitstellung eines schier endlosen Heeres von Zwangsarbeitern. Doch &uuml;ber diese Verbindung wird beim Gedenken an die NS-Verbrechen regelm&auml;&szlig;ig der Mantel des Schweigens gelegt.<br \/>  Gerhard Schr&ouml;der hielt im letzten Jahr die Er&ouml;ffnungsrede bei der Kunstausstellung &#x84;Flick Collection&#x93;. Die Bilder waren vom Enkel des Gro&szlig;industriellen Friedrich Flick zur Verf&uuml;gung gestellt worden. Seine Bilder-Sammlung hat er aus dem geerbten Verm&ouml;gen des einstigen NS-R&uuml;stungsunternehmers erworben. Friedrich Flick hatte zehntausende Zwangsarbeiter besch&auml;ftigt und war 1945 als Kriegsverbrecher verurteilt worden.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Sylla Kahl, Hamburg<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 60 Jahren wurden die H&auml;ftlinge des KZ Auschwitz befreit<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[169],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11185"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11185"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11185\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}