{"id":11146,"date":"2005-02-02T13:18:26","date_gmt":"2005-02-02T13:18:26","guid":{"rendered":".\/?p=11146"},"modified":"2005-02-02T13:18:26","modified_gmt":"2005-02-02T13:18:26","slug":"11146","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/02\/11146\/","title":{"rendered":"Vor 100 Jahren &#8211; Die Russische Revolution 1905"},"content":{"rendered":"<p>Am Sonntag, den 9. Januar 1905 ermordeten zaristische Soldaten mehr als 1.000 DemonstrantInnen vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg. Damit begann die erste Russische Revolution des letzten Jahrhunderts.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIm Verlauf dieser Revolution entstanden zum ersten Mal in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung Sowjets (R&auml;te). Sie sollten zum Vorbild f&uuml;r den Aufbau neuer, eigenst&auml;ndiger und zutiefst demokratischer Strukturen der Arbeiterklasse im Kampf f&uuml;r eine sozialistische Gesellschaft werden. Zw&ouml;lf Jahre nach der Revolution von 1905 wurden sie die Staatsorgane der Sowjetrepublik in Russland.<br \/>  1905 zeigte eindrucksvoll die reale St&auml;rke der Klasse der Lohnabh&auml;ngigen, als die Kraft, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu &uuml;berwinden und eine neue, grundlegend demokratische sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu errichten. 1905 war auch die erste Feuertaufe f&uuml;r die revolution&auml;ren Kr&auml;fte in Russland und gleichzeitig die &#x91;Generalprobe&#x91; f&uuml;r die Russische Revolution von 1917.<br \/>  An der Prozession vor dem Winterpalast in Petersburg nahmen 200.000 Menschen teil. Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges und sich dramatisch verschlechternder Lebensverh&auml;ltnisse forderten sie von dem &#x91;unter Gottes Gnaden&#x91; herrschenden Zar Reformen. Auf die gewaltsame Niederschlagung dieses Bittganges folgte in den darauffolgenden zw&ouml;lf Monaten eine Welle von K&auml;mpfen, Massenstreiks und Vorbereitungen f&uuml;r einen bewaffneten Aufstand. Gleichzeitig war es die bis dahin weltweit st&auml;rkste Bewegung der Arbeiterklasse. Auf dem Land erhob sich die Bauernschaft. Es gab Landbesetzungen und Enteignungen von Gro&szlig;grundbesitzern.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Zarismus<\/span><\/p>\n<p>  In den Jahren 1902 und 1903 ersch&uuml;tterte eine m&auml;chtige Streikbewegung das Zarenreich. Noch wichtiger war aber der Krieg zwischen Russland und Japan 1904. Russland wurde auf ganzer Linie geschlagen. Dies leistete Hoffnungen unter der Arbeiterklasse und den Kapitalisten Vorschub, dass der Zar abdanken w&uuml;rde; viele hatten sich eine Niederlage Russlands herbeigesehnt. Die B&uuml;rden des Krieges trugen die ArbeiterInnen und die verarmten B&auml;uerInnen. Um eine Ahnung von dem Elend unter dem Zaren zu bekommen: Immer wieder kam es zu Hungersn&ouml;ten. Mehr als zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung konnten weder lesen noch schreiben. Noch 1913, dem Spitzenjahr der Industrieproduktion zur Zarenzeit, belief sich das durchschnittliche Einkommen pro Besch&auml;ftigten gerade mal auf 80,9 Prozent des Standards, der f&uuml;r Gro&szlig;britannien 1688 galt!<br \/>  Eine allgemeine Unruhe in allen Schichten der Gesellschaft war die Folge. Im November 1904 ver&ouml;ffentlichten hundert prominente Liberale einen Forderungskatalog f&uuml;r mehr demokratische Rechte und Mitsprachem&ouml;glichkeiten. Kurz darauf traten im Januar 1905 140.000 ArbeiterInnen in Petrograd in den Streik. Die Petersburger Gewerkschaft, die den Streik organisierte, wurde von dem Geistlichen, Georgi Gapon, angef&uuml;hrt, und war vom zaristischen Geheimdienst, der Okrana, unterwandert. Der Streik wurde rasch politisch und so stand Georgi Gapon an der Spitze eines Marsches, der die Anliegen der ArbeiterInnen in Form einer Petition an den Zar &uuml;berbringen sollte. Sie beinhaltete folgende Forderungen, die als Bittschriften formuliert waren: Einf&uuml;hrung des Acht-Stunden-Tages, h&ouml;here L&ouml;hne, demokratische Rechte und das allgemeine und gleiche Wahlrecht zu einer Konstituierenden Versammlung. Dieser Marsch am 9. Januar war friedlich, viele Frauen und Kinder waren dabei, die TeilnehmerInnen trugen sogar Ikonen und Portr&auml;ts vom Zaren. Doch pl&ouml;tzlich er&ouml;ffneten Soldaten das Feuer und schossen aus k&uuml;rzester Entfernung auf die Menge ein. Es wurde schnell deutlich, dass dieses Massaker, das als Blutsonntag in die Geschichte eingehen sollte, von langer Hand vorbereitet war.<br \/>  <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Gegens&auml;tze<\/span><\/p>\n<p>  Russland war unter dem Zaren ein Land, auf das die Bezeichnung Leo Trotzkis von der sogenannten ungleichm&auml;&szlig;igen und kombinierten Entwicklung zutraf. Ein Ph&auml;nomen, das heute noch f&uuml;r viele L&auml;nder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, den L&auml;ndern der neokolonialen Welt, gilt. Neben einer landwirtschaftlich gepr&auml;gten, r&uuml;ckst&auml;ndigen Wirtschaft entstand eine hochkonzentrierte Industriestruktur in Sankt Petersburg und in anderen St&auml;dten. Aus dem weiterentwickelten Westeuropa kam das Kapital, welches dem Zar auch geliehen wurde, um einen riesigen staatlichen Repressionsapparat mit einer gro&szlig;en, modernen Armee zu bilden. Dies bildete die Grundlage f&uuml;r eine inoffizielle Allianz zwischen den westeurop&auml;ischen Kapitalisten und dem Zaren.<br \/>  Die Industriearbeiterklasse stellte nur einen kleinen Teil der Gesamtbev&ouml;lkerung. 1897 z&auml;hlte Russland 150 Millionen Menschen, unter diesen waren zu dem Zeitpunkt nur 3,3 Millionen im Bergbau, im Transportwesen und in anderen industriellen Sektoren besch&auml;ftigt. Die ArbeiterInnen lebten aber zusammengeballt in den Industrieregionen. 1902 arbeiteten 38,5 Prozent der Fabrikarbeiter in Betrieben mit mehr als 1.000 Besch&auml;ftigten. In Deutschland, einer zu dieser Zeit viel weiter entwickelten Wirtschaft, waren es nur zehn Prozent.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Generalstreik<\/span><\/p>\n<p>  Der Blutsonntag bestimmte die weitere Dynamik der Revolution. Ein Milit&auml;rregime mit General Trepow an der Spitze wurde errichtet, aber die Streiks gingen nicht nur weiter, sondern gewannen durch das repressive Vorgehen des Staatsapparates enorm an Unterst&uuml;tzung. So hat die &#x91;Peitsche der Konterrevolution&#x91; die Revolution massiv vorw&auml;rts getrieben. Im Januar und Februar dehnten sich die Streiks auf 122 kleine Ortschaften und St&auml;dte aus. Sie setzten sich den Fr&uuml;hling &uuml;ber bis in den Sommer hinein fort. Im Juni fand an Bord des Panzerkreuzers Potemkin eine Rebellion statt, die von Staatskr&auml;ften niedergeschlagen wurde.<br \/>  Bald war es die Arbeiterklasse, die an vorderster Front die Revolution vorantrieb. Im Sp&auml;therbst erlebte die revolution&auml;re Bewegung nach einer vor&uuml;bergehenden Verschnaufpause einen neuen Aufschwung, der in den bis dahin gr&ouml;&szlig;ten Generalstreik in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung m&uuml;ndete. Im Oktober streikten die Druckereien in Moskau, dann in Petersburg und schlie&szlig;lich riefen die Eisenbahnbesch&auml;ftigten in Moskau am 9. Oktober einen Generalstreik aus. Die bisherigen Forderungen wurden erg&auml;nzt um Forderungen wie nach Straffreiheit f&uuml;r die politischen Gefangenen. Der Staat sah sich zu diesem Zeitpunkt der Streikbewegung hilflos gegen&uuml;ber, die am 13. Oktober das gesellschaftliche Leben in Petersburg zum Erliegen brachte und vier Tage sp&auml;ter auch mehr als vierzig weitere St&auml;dte, darunter Warschau und Riga, erreichte. In Schweden titelte die Tageszeitung Social Demokraten: &#x91;Ein Streik, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat.&#x91; Auch in Deutschland setzte, ermutigt durch die Ereignisse in Russland, eine Streikwelle ein. Die Russische Revolution hatte international solch eine Ausstrahlung, dass zum Beispiel im Januar 1906 zum ersten Jahrestag des Blutsonntags 20.000 ArbeiterInnen in Stockholm auf die Stra&szlig;e gingen, um dem Beginn der Russischen Revolution zu gedenken.<br \/>  In Russland setzte im Verlauf der Revolution in der Arbeiterbewegung und in der Linken eine Diskussion dar&uuml;ber ein, wie weit die Forderungen des Aufstands gehen sollten, und welche gesellschaftliche Klasse ihn anf&uuml;hren sollte.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Theorie der Permanenten Revolution<\/span><\/p>\n<p>  Aus den konkret existierenden &ouml;konomischen und gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen ergab sich, dass die nationale kapitalistische Klasse, die Bourgeoisie, im Vergleich zu L&auml;ndern wie England und Frankreich stark zur&uuml;ckgeblieben war. Sie war als gesellschaftliche Kraft sehr schwach, vierzig Prozent der Wirtschaft war direkt oder indirekt in H&auml;nden des Auslandskapitals. In vielen F&auml;llen war das russische B&uuml;rgertum mit dem Gro&szlig;grundbesitz verflochten. H&auml;ufig waren Feudalherren und Unternehmer ein und dieselbe Person, was dazu f&uuml;hrte, dass der Unternehmer in seiner Eigenschaft als Feudalherr mit der weiteren Industrialisierung und der Schaffung b&uuml;rgerlicher Verh&auml;ltnisse seine Zukunft gef&auml;hrdet sah. Die feudalistische Gesellschaft existierte im Zarenreich parallel zum Kapitalismus noch weiter. Die Bourgeoisie konnte also wegen der sp&auml;ten Entwicklung des Kapitalismus in Russland nicht die gleiche vorw&auml;rtstreibende Rolle beim revolution&auml;ren &Uuml;bergang vom Feudalismus zur b&uuml;rgerlichen Gesellschaft spielen wie beispielsweise das franz&ouml;sische B&uuml;rgertum in der Franz&ouml;sischen Revolution von 1789.<br \/>  1898 war die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP) gegr&uuml;ndet worden. 1903 kam es zur Spaltung in Menschewiki (Minderheit) und Bolschewiki (Mehrheit), politisch letztendlich die Spaltung in ReformistInnen und Revolution&auml;re. Beide Seiten sahen in der Russischen Revolution eine b&uuml;rgerlich-demokratische Revolution. Die Hauptaufgaben der Revolution sahen sie in der L&ouml;sung der Landfrage, der Beendigung der Unterdr&uuml;ckung der vielen nicht-russischen Nationalit&auml;ten und in der Eroberung demokratischer Rechte, wie dem Streikrecht oder dem Wahlrecht. Daraus zogen die Menschewiki den Schluss, dass sich die Arbeiterklasse den B&uuml;rgerlichen und ihrer liberalen Partei, den Kadetten (Konstitutionelle Demokraten) unterordnen m&uuml;sse. Lenin und die Bolschewiki argumentierten dagegen. Ihrer Ansicht nach war die schwache russische Kapitalistenklasse zu feige, um sich entschlossen gegen den Zarismus aufzulehnen. Unnachgiebig machte Lenin sich daf&uuml;r stark, dass die Arbeiterklasse unbedingt eine unabh&auml;ngige, eigenst&auml;ndige Rolle einnehmen m&uuml;sse. Im B&uuml;ndnis mit der verarmten Bauernschaft sollten die Lohnabh&auml;ngigen ohne Illusionen in das Kapital f&uuml;r demokratische Rechte streiten. Auf Basis dieser Analyse formulierten Lenin und die Bolschewiki die Parole der &#x91;Demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern.&#x91;<br \/>  Der russische Revolution&auml;r Leo Trotzki, (der 1904 mit den Menschewiki brach und politisch auf Seiten der Bolschewiki stand, aber erst 1917 formal Mitglied wurde), kn&uuml;pfte daran an, ging aber noch weiter. Er vertrat die Ansicht, dass damit noch nicht entschieden w&auml;re, wer die zentrale Rolle spielen soll &#x91; Arbeiterklasse oder Bauernschaft. Trotzki wies nach, dass die Bauernschaft auf Grund ihrer Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft keine eigenst&auml;ndige Position einnehmen kann, sondern sich entweder auf die Seite der Bourgeoisie oder des Proletariats, der Arbeiterklasse, als den Hauptklassen in der Epoche der Industriellen Revolution, schlagen muss. Im Zuge der Ereignisse von 1905 entwickelte er die Theorie der Permanenten Revolution. Wenn die Arbeiterklasse die f&uuml;hrende Rolle in der Revolution innehabe, dann d&uuml;rfe sie, so Trotzki,  nicht bei den klassischen Aufgaben der b&uuml;rgerlichen Revolution stehen bleiben. Auf Landreform, L&ouml;sung der Nationalen Frage und &Uuml;bergang von feudalistischer zu kapitalistischer Wirtschaftsform sollte unmittelbar die sozialistische Umw&auml;lzung folgen. Also eine Enteignung der Kapitalisten und eine internationale Ausweitung der Revolution. In diesem Sinne bezeichnete er sp&auml;ter 1905 als &#x91;eine b&uuml;rgerliche Revolution ohne revolution&auml;re Bourgeoisie&#x91;.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Bolschewiki<\/span><\/p>\n<p>  Die russischen Revolution&auml;re innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die Bolschewiki, organisierten im Fr&uuml;hjahr 1905 den dritten Kongress der Sozialdemokratie, ohne Teilnahme der Menschewiki. Dieser Kongress stand im Zeichen davon, die Organisation vor dem Hintergrund der Revolution mit doppelter und dreifacher Anstrengung schnellstm&ouml;glich weiter aufzubauen und in der Industriearbeiterklasse weiter zu verankern. Nach Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen &uuml;ber Mitgliedschaftskriterien und Fragen des Parteiaufbaus machten die Bolschewiki im Verlauf des Jahres 1905 enorme Fortschritte; vor allem, nachdem Lenin im November aus dem Exil zur&uuml;ckkehren konnte. Im November z&auml;hlten sie 8.400 Mitglieder. Im April 1906, als die erste Duma zusammentrat, waren es 13.000 Mitglieder und 1907 &#x91; als die Revolution endg&uuml;ltig niedergeschlagen wurde &#x91; stachen sie mit 46.000 Mitgliedern zum ersten Mal die Menschewiki aus.<br \/>  Rosa Luxemburg, die urspr&uuml;nglich aus Polen stammte, konnte im Dezember 1905 nach Warschau gehen. Sie &uuml;bte damals ma&szlig;geblichen Einfluss auf die polnische Sozialdemokratie aus und k&auml;mpfte f&uuml;r einen marxistischen Kurs. Auch die polnischen Sozialdemokraten konnten ihre Mitgliedschaft von 25.000 im Jahr 1905 auf 40.000 bis 1907 steigern. Zur&uuml;ck in Deutschland konnte Luxemburg ihre revolution&auml;ren Erfahrungen nutzen, um gegen die St&auml;rkung des Reformismus in der SPD anzuk&auml;mpfen.<br \/>  <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Die Sowjets<\/span><\/p>\n<p>  Im Verlauf der Auseinandersetzungen vom Herbst 1905 in Russland entstanden die Arbeiterr&auml;te, die Sowjets. Am 10. Oktober trat in Petersburg eine Versammlung von Delegierten aus ungef&auml;hr 30 Arbeitsstellen zusammen. Sp&auml;ter wurde f&uuml;r je 500 Besch&auml;ftigte ein Delegierter geschickt. Die Sowjets dehnten sich rasch auf alle gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dte aus und wurden zu den Hauptorganen der Revolution. Ihre Aufgaben fasste der Vertreter der Druckereiarbeiter in Petersburg so zusammen: &#x91;In Anbetracht der Unwirksamkeit von passivem Kampf und der reinen Arbeitsniederlegung ist nunmehr unser Ziel: die streikende Arbeiterklasse in eine revolution&auml;re Armee zu verwandeln; falls notwendig daf&uuml;r Waffenl&auml;den zu st&uuml;rmen und Waffen der regul&auml;ren Armee zu konfiszieren; bewaffnete Abteilungen von Arbeitern zu organisieren.&#x91;<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Konterrevolution<\/span><\/p>\n<p>  Der Zar reagierte zun&auml;chst mit einer Mischung aus Zugest&auml;ndnissen und Terror. Am 17. Oktober wurden in einem &#x91;demokratischen Manifest&#x91; Wahlen zur einer Duma, einer Art vom Zaren kontrolliertem Parlament festgelegt. Au&szlig;erhalb von Petersburg wurde wieder die Arbeit aufgenommen. In Petersburg warnten Trotzki und andere F&uuml;hrer der Sowjets vor Illusionen in den Zaren. Am 17. Oktober besetzten staatliche Truppen in der Nacht die Universit&auml;t und sprengten ein Treffen des Arbeiterrates. Die alte Staatsmacht war selbst inmitten des gr&ouml;&szlig;ten Aufruhrs intakt geblieben, und als der Generalstreik an Kraft verlor, schlug sie zur&uuml;ck. Trotzki schrieb dar&uuml;ber, dass sich Hunderte von russischen St&auml;dten und D&ouml;rfern in die reine H&ouml;lle verwandelten und ganze Stra&szlig;enz&uuml;ge und H&auml;user in Flammen standen. Er nannte es &#x91;die Rache der alten Ordnung f&uuml;r ihre erlittene Schmach&#x91;. Bei den Pogromen spielten die Schwarzen Hundertschaften eine gro&szlig;e Rolle. Kriminelle und reaktion&auml;re kleinb&uuml;rgerliche Kr&auml;fte tummelten sich in ihnen. Sie &auml;hnelten den sp&auml;teren faschistischen Schl&auml;gertrupps in Deutschland und Italien. Besonders Arbeiterf&uuml;hrer und Juden waren unter den Opfern. Es gab fast 4.000 Tote und 10.000 Verletzte. In Petersburg verhinderte jedoch der Widerstand der ArbeiterInnen und ihrer bewaffneten Kr&auml;fte, dass solche reaktion&auml;ren Pogrome in der Stadt durchgef&uuml;hrt werden konnten.<br \/>  W&auml;hrend die Konterrevolution weiter ging, eine Revolte in Kronstadt niedergeschlagen wurde und Polen unter Kriegsrecht gestellt wurde, rief der Sowjet in Petersburg einen weiteren regionalen Generalstreik aus. Er war zun&auml;chst &uuml;beraus erfolgreich und dauerte vom 2. bis zum 7. November. Die Verh&auml;ngung vom Kriegsrecht in Polen wurde zur&uuml;ckgenommen und die angedrohte Exekution der Rebellen in Kronstadt abgesagt. Der Sowjet in Petersburg wurde von Trotzki und der Bolschewistischen Fraktion in der Sozialdemokratischen Partei Russlands angef&uuml;hrt. Trotzki war in den Wochen vor der Zerschlagung des Petersburger Sowjets zum Vorsitzenden gew&auml;hlt worden.<br \/>  Die Sowjets waren zum alternativen Staatsorgan geworden. Auf unbegrenzte Zeit konnte diese Doppelherrschaft jedoch nicht existieren.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Der Kampf um die Macht<\/span><\/p>\n<p>  Der Sowjet in Petrograd beobachtete die Stimmung in der Armee sehr genau und wusste, dass die einfachen Soldaten nur dann die Seiten wechseln w&uuml;rden, wenn eine Aussicht auf Erfolg best&uuml;nde. Denn auch in der Armee brodelte es. Am 11. November rebellierten die Matrosen in Sewastopol und &uuml;bernahmen f&uuml;r ein paar Tage das Kommando &uuml;ber einen Gro&szlig;teil der Schwarzmeerflotte. Sie erhielten jedoch keine Unterst&uuml;tzung von den Armeesoldaten und wurden von Heerestruppen angegriffen und geschlagen.<br \/>  Auch die K&auml;mpfe auf dem Land spitzten sich zu. Mehrfach wurden L&auml;ndereien, die im Besitz von  Gro&szlig;grundbesitzern waren, niedergebrannt. Die B&auml;uerInnen kamen zu nationalen Kongressen zusammen.<br \/>  Auch die nationalen Unabh&auml;ngigkeitsbewegungen in Polen, dem Baltikum und im Kaukasus gewannen im Strudel der Revolution an St&auml;rke. Die nationale Bourgeoisie und die liberalen Kr&auml;fte hinkten den Entwicklungen hinterher, und als die Niederlage n&auml;her kam, r&uuml;ckten sie vollst&auml;ndig von den Zielen der Revolution ab. Der Petersburger Sowjet sah keine Alternative als auf den bewaffneten Aufstand und die Machtergreifung hinzuarbeiten. Die Liberalen und die Menschewiki warfen den Sowjets vor, mit dem bewaffneten Aufstand potenzielle Alliierte unter der Bourgeoisie zu verschrecken und rieten dazu, den offenen Kampf zu vermeiden und sich unter die F&uuml;hrung der Kapitalisten zu stellen. Trotzki antwortete ihnen, dass man nicht nur dann in den Kampf treten k&ouml;nne, wenn der Sieg von vornherein feststehen w&uuml;rde. In dem Fall w&uuml;rde es auf der ganzen Welt keine K&auml;mpfe geben. Lenin f&uuml;hrte in &#x91;Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution&#x91;, geschrieben im Sommer 1905, seine Position aus, dass die Arbeiterklasse nicht zulassen darf, dass die Bourgeoisie die F&uuml;hrung in der Revolution &uuml;bernimmt, weil sie sich damit verraten und verkaufen w&uuml;rde.<br \/>  Nach den Konzessionen vom 17. Oktober suchten die Liberalen ein Abkommen mit dem Zaren und sahen den Kampf der Sowjets als Hindernis daf&uuml;r. Sie gaben sich mit der Einrichtung eines Duma-Parlaments zufrieden.<br \/>  In &#x91;Mein Leben&#x91; f&uuml;hrt Trotzki aus, warum die Revolution sich letztendlich nicht durchsetzte: &#x91;Der Sowjet hatte riesige Massen auf die Beine gebracht. Die gesamte Arbeiterschaft stand hinter ihm. Auf dem Lande herrschten Unruhen, ebenso bei den Truppen, die (&#8230;) aus dem Fernen Osten zur&uuml;ckkehrten. Aber die Garde- und Kosakenregimenter waren noch fest. Alle Elemente einer siegreichen Revolution waren vorhanden, aber diese Elemente waren noch nicht reif.&#x91; Weil es nicht gelang, diese Teile, die &uuml;berwiegend aus der Bauernschaft kamen, f&uuml;r die Revolution politisch zu gewinnen, (was auch damit zusammenhing, dass die Bolschewiki nicht rechtzeitig genug Einfluss und Verankerung erzielten), konnte sich die Konterrevolution am Schluss durchsetzen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Scheitern der Revolution<\/span><\/p>\n<p>  Bevor sich der Zar endg&uuml;ltig durchsetzen konnte, gab es f&uuml;r die revolution&auml;ren Kr&auml;fte zwar noch einige Erfolge, so bei Streiks von Post, Telegraphen&auml;mtern und Eisenbahnen. Aber diese waren nur von kurzer Dauer. Am 26. November wurde der Vorsitzende des Petrograder Sowjets, Chrustaljow, verhaftet. Trotzki &uuml;bernahm an dessen Stelle den Vorsitz. Am 2. Dezember wurden acht dem Sowjet nahstehende Zeitungen verboten und die Streiks bei Post und Bahn beendet. Ein Tag darauf wurden die Delegierten des Petrograder Sowjets verhaftet. In Moskau zog sich die Auseinandersetzung bis Mitte Dezember hin. Der dortige Sowjet hatte Arbeitermilizen gebildet und zu einem politischen Streik aufgerufen. Aber auch hier setzte sich letztendlich die Armee des Zaren durch. Nach Sch&auml;tzungen wurden in Moskau mehr als 1.000 Menschen ermordet. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Lehren<\/span><\/p>\n<p>  Der zaristische Staatsapparat brauchte trotz einer riesigen Staatsmaschinerie fast zwei Jahre, um die Revolution v&ouml;llig niederzuschlagen.<br \/>  Heute, ein Jahrhundert sp&auml;ter, ist die Russische Revolution von 1905 noch immer reich an Lehren:<br \/>  l Revolutionen sind die Folge unl&ouml;sbarer Klassengegens&auml;tze. Auch unter einer scheinbar ruhigen Oberfl&auml;che k&ouml;nnen sich diese Gegens&auml;tze aufbauen und dann pl&ouml;tzlich ausbrechen. In Russland schien der Zar fest im Sattel. Auch die Demonstration am Blutsonntag hatte noch kein revolution&auml;res Bewusstsein, sondern setzte viele Hoffnungen in den Zaren. Das Jahr 1905 zeigt, wie sich in revolution&auml;ren Zeiten das Bewusstsein in Spr&uuml;ngen entwickeln kann.<br \/>  l Forderungen, die lange &#x91;unrealistisch&#x91; und &#x91;utopisch&#x91; scheinen, k&ouml;nnen durch den Sturm der revolution&auml;ren Bewegung beinahe &uuml;ber Nacht durchgesetzt werden. 1905 galt das f&uuml;r die Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit oder f&uuml;r Presse- und Versammlungsfreiheit. In der Deutschen Novemberrevolution waren Acht-Stunden-Tag oder das allgemeine und freie Wahlrecht &#x91;Nebenprodukte&#x91;.<br \/>  l Die Arbeiterklasse ist die st&auml;rkste revolution&auml;re Kraft im Kapitalismus. Obwohl sie weniger als zehn Prozent der Bev&ouml;lkerung ausmachte, bestimmte sie im Jahr 1905 den Gang der Ereignisse. Die l&auml;ndlichen Massen setzten sich auch in Bewegung, richteten sich letztendlich aber nach den Machtverh&auml;ltnissen in den St&auml;dten. Die Bauernschaft orientiert sich also stets an der Arbeiterklasse oder an der Bourgeosie.<br \/>  l Eine Revolution kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Das Aufkommen von Arbeiterr&auml;ten, den Sowjets, f&uuml;hrte zu einer Doppelherrschaft mit der alten Staatsmacht. Das konnte nur von kurzer Dauer sein, und stellte die Frage: Entweder besiegen die Kapitalisten die Arbeiterklasse, oder die Arbeiterr&auml;te werden zu den Organen einer neuen, sozialistischen Ordnung wie in der Russischen Revolution 1917.<br \/>  l In jeder Revolution, generell aber auf jeder Stufe des Klassenkampfes ist eine entschlossene F&uuml;hrung von unsch&auml;tzbarem Wert. Das sieht man schon bei kleineren Auseinandersetzungen wie dem Marsch auf der B 10 im Sommer 2004 von Daimler-Besch&auml;ftigten in Stuttgart. Ohne eine organisierte Kraft wie den dortigen k&auml;mpferischen Mettinger Betriebsr&auml;ten, die schon seit Jahren politische Arbeit machen, w&auml;re das nicht m&ouml;glich gewesen.<br \/>  Im gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig;stab gilt das um so mehr. Trotzki &uuml;bte ma&szlig;geblichen Einfluss auf den Petrograder Sowjet 1905 aus, Lenin auf den Kurs der Bolschewiki. Auf Grundlage der Schlussfolgerungen von 1905, dem weiteren Aufbau der revolution&auml;r-sozialistischen Partei und den Bem&uuml;hungen um eine bessere Verankerung war die erfolgreiche Revolution von 1917, also nur zw&ouml;lf Jahre sp&auml;ter, m&ouml;glich. Zum ersten Mal wurde der Kapitalismus gest&uuml;rzt und durch eine Arbeiterdemokratie ersetzt. Zur Stalinisierung in den zwanziger Jahren konnte es nur kommen, weil das wirtschaftlich und kulturell extrem r&uuml;ckst&auml;ndige Sowjetrussland nach der Revolution isoliert blieb. Trotzdem beweisen die Revolutionen 1905 und 1917 die F&auml;higkeiten der Arbeiterklasse, eine sozialistische Gesellschaft aufbauen zu k&ouml;nnen und damit die einzige Alternative zum allt&auml;glichen kapitalistischen Wahnsinn erreichen zu k&ouml;nnen &#x91; wenn auf nationaler und vor allem auch auf internationaler Ebene eine starke revolution&auml;r-sozialistische Kraft existiert.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Pablo Alderete, Stuttgart<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag, den 9. Januar 1905 ermordeten zaristische Soldaten mehr als 1.000 DemonstrantInnen vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg. 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