{"id":11137,"date":"2005-01-01T15:25:42","date_gmt":"2005-01-01T15:25:42","guid":{"rendered":".\/?p=11137"},"modified":"2005-01-01T15:25:42","modified_gmt":"2005-01-01T15:25:42","slug":"11137","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/01\/11137\/","title":{"rendered":"Widerspr&uuml;chliche Bilanz"},"content":{"rendered":"<p>Gewerkschaften im Jahr 2004: Kampflose Niederlagen und offener Ausverkauf, aber auch beginnende Selbstorganisation an der Basis und in den Betrieben<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nF&uuml;r die bundesdeutsche Gewerkschaftsbewegung war das sich nun seinem Ende zuneigende Jahr eines turbulenter Entwicklungen. Die fast fl&auml;chendeckende Absenkung in der Vergangenheit erk&auml;mpfter Tarife &#x96; zumeist gepaart mit der Drohung, Produktion und Arbeitspl&auml;tze zu verlagern &#x96;, die Verbetrieblichung der Auseinandersetzung und damit einhergehende Zerfaserung des Fl&auml;chentarifs und zunehmende Spaltung der Belegschaften, die Privatisierung &ouml;ffentlichen Eigentums und die Vernichtung Tausender Arbeitspl&auml;tze &#8230; &#x96; ein Gro&szlig;teil dieser Verschlechterungen wurden kampflos, flankiert von Co-Managern in Gewerkschafts- und Betriebsratsspitzen, durchgesetzt. Aber 2004 war auch das Jahr eines beginnenden Wiederauflebens betrieblichen und politischen Widerstands &#x96; im Herbst mit den Begriffen &raquo;Montagsdemos&laquo; und &raquo;Opel&laquo; verbunden. <\/p>\n<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Ausverkauf<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>Die Rolle der Gewerkschaftsvorst&auml;nde und Betriebsratsf&uuml;rsten, die alles daran setzten, konsequenter Gegenwehr die Spitze zu nehmen, ist dabei so offensichtlich geworden wie lange nicht. Die Gr&uuml;nde hierf&uuml;r sind sicherlich vielf&auml;ltig. Zum einen haben Spitzengeh&auml;lter und materielle Annehmlichkeiten so manchen Gewerkschaftsfunktion&auml;r wohl vergessen lassen, was es bedeutet, eine Familie von 1189,55 Euro (Bruttomonatslohn der von ver.di im Rahmen der &raquo;Tarifreform&laquo; abgesegneten Niedriglohngruppe im &ouml;ffentlichen Dienst) ern&auml;hren zu m&uuml;ssen. Zum anderen sind die Ursachen ideologischer Natur: Die Gewerkschaftsspitzen haben die kapitalistische Wirtschaftsordnung vollst&auml;ndig akzeptiert und neoliberales Gedankengut sowie die Logik der Standortkonkurrenz &uuml;bernommen. Ein Teil klammert sich an das von Kapitalseite l&auml;ngst aufgek&uuml;ndigte Modell der Sozialpartnerschaft und ist deren vehementen Offensive gegen&uuml;ber schlicht hilflos. Nicht bereit, sich ernsthaft mit Unternehmern und Regierung anzulegen, hoffen sie, diese durch Zugest&auml;ndnisse beschwichtigen zu k&ouml;nnen. Jedes Nachgeben zieht jedoch weitere Forderungen nach sich. Das Kapital und seine Repr&auml;sentanten sind uners&auml;ttlich. Aber nicht aus moralischer Verderbtheit, sondern aus den Erfordernissen versch&auml;rfter Konkurrenz im globalisierten Markt. Ein Verst&auml;ndnis hierf&uuml;r fehlt nicht nur in den Gewerkschaftsvorst&auml;nden, sondern auch in weiten Teilen des Apparats und bei so manchem Betriebsrat. Letztere &#x96; von den Gewerkschaften, die ihrer ureigensten Aufgabe, die Konkurrenz unter den Besch&auml;ftigten zumindest partiell aufzuheben nicht nachkommen, allein gelassen &#x96; folgen zunehmend der Logik, den &raquo;eigenen&laquo; Standort gegen den anderen st&auml;rken zu m&uuml;ssen. Das Ergebnis ist eine nicht enden wollende Abw&auml;rtsspirale bei Tarifen und Bedingungen. Siemens, DaimlerChrysler, Karstadt, Volkswagen und Opel sind nur die schlagzeilentr&auml;chtigen Eisbrecher dieser Entwicklung. <\/p>\n<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">&raquo;Traditionalisten&laquo; am Ende<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>Die von der b&uuml;rgerlichen Presse als &raquo;linke Hardliner&laquo; titulierten Gewerkschaftsf&uuml;hrer, wie J&uuml;rgen Peters und Frank Bsirske, haben sich in diesem Proze&szlig; binnen k&uuml;rzester Zeit in weiten Teilen der eigenen Organisation diskreditiert. Denn f&uuml;r die Besch&auml;ftigten macht es keinen Unterschied, ob die drastischen Lohnk&uuml;rzungen von &raquo;traditionalistisch&laquo; gesinnten Gewerkschaftsfunktion&auml;ren wie bei VW oder von offenen Co-Managern wie bei DaimlerChrysler und Opel abgesegnet werden. Letztere sind indes in den Gewerkschaftsapparaten auf dem Vormarsch. Der enorm angewachsene Einflu&szlig; der Betriebsratsspitzen einiger Gro&szlig;konzerne gegen&uuml;ber den hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktion&auml;ren ist bereits beim Abbruch des Ostmetallerstreiks im vergangenen Jahr deutlich geworden. In diesem Jahr standen die Betriebsratsf&uuml;rsten selbst im Rampenlicht &#x96; und erwiesen sich als willige Helfer der Konzernbosse. Am offensichtlichsten ist dies im Falle des &raquo;Vorstandsverstehers&laquo; und Opel-Gesamtbetriebsratschefs Klaus Franz. <\/p>\n<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Auflebender Widerstand<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>2004 war aber nicht nur das Jahr kampfloser Niederlagen und des Ausverkaufs durch die eigenen Funktion&auml;re. Es markierte auch den Beginn auflebenden Widerstands und, nach einer langen Phase des Niedergangs, die ersten Schritte zu gr&ouml;&szlig;erer Selbstorganisation und Vernetzung an der Basis. Ein Wendepunkt in dieser Hinsicht war die Demonstration der 100000 am 1. November letzten Jahres &#x96; durchgesetzt gegen den erkl&auml;rten Willen der Gewerkschaftsbosse. Danach sahen diese sich, um die Kontrolle wiederzuerlangen und aus gewissem Eigeninteresse, dazu gezwungen, eine Welle von Arbeitsniederlegungen zur Verteidigung der Tarifautonomie zu organisieren und zu den Gro&szlig;demonstrationen am 3.April aufzurufen. Mit mehr als einer halben Million Teilnehmern dokumentierte diese zwar einerseits die Bereitschaft zur Gegenwehr, andererseits waren die Gewerkschaftsspitzen damit zun&auml;chst in der Lage, den Unmut zu kanalisieren. <\/p>\n<\/p>\n<p>Im Herbst dann die f&uuml;r alle &uuml;berraschenden Massenproteste gegen &raquo;Hartz IV&laquo;. Spontan und abseits der traditionellen Organisationen entlud sich die Wut der Bev&ouml;lkerung vor allem Ostdeutschlands. Die F&uuml;hrungsetagen des DGB begegneten dieser von Erwerbslosen getragenen Bewegung mit einem schier unglaublichen Ma&szlig; an Ignoranz. Obwohl die Gesetze zu Arbeitszwang und Leistungsk&uuml;rzung eine fundamentale Attacke auch auf die Besch&auml;ftigten darstellt &#x96; viele von ihnen werden das erst in den kommenden Wochen vollst&auml;ndig realisieren &#x96; verweigerten die Bundesvorst&auml;nde der Gewerkschaften ihre Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Proteste, die auf Demonstrationen beschr&auml;nkt blieben und in der Folge &#x96; zumindest vorerst &#x96; abflauten. <\/p>\n<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Betriebliche Gegenwehr<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>Auch auf betrieblicher Ebene hatten die b&uuml;rokratisierten Gewerkschaftsapparate nicht immer die sonst &uuml;bliche Kontrolle &uuml;ber das Geschehen. So beim bundesweiten Aktionstag der DaimlerChrysler-Belegschaften am 15. Juli, als die seither als &raquo;Mettinger Rebellen&laquo; bezeichneten Kollegen die B10 von Mettingen nach Untert&uuml;rkheim blockierten. Bei Siemens in Kirchheim\/Teck und M&auml;rklin im schw&auml;bischen G&ouml;ppingen traten die Besch&auml;ftigten ohne gewerkschaftliche Aufrufe in Aktion. Der vorl&auml;ufige H&ouml;hepunkt dieser wichtigen Entwicklung kam dann mit dem siebent&auml;gigen Ausstand der Bochumer Opelaner im Oktober. Organisiert von Aktivisten im Betrieb fand dieser &raquo;wilde Streik&laquo; nicht nur ohne, sondern gegen die F&uuml;hrung von IG Metall und Betriebsrat statt. Nur mit gro&szlig;er M&uuml;he und reichlich Tricksereien gelang es diesen schlie&szlig;lich, den Kampf abzubrechen. <\/p>\n<\/p>\n<p>Materiell hat die Bochumer Belegschaft bislang nichts wahrnehmbares erreicht. Aber die Auseinandersetzung k&ouml;nnte, trotz der Angst und Frustration vieler Arbeiter, jederzeit wieder aufflammen. Nicht zu untersch&auml;tzen jedenfalls sind die Erfahrungen, die Aktivisten in Bochum, Mettingen, G&ouml;ppingen usw. bei solchen Konflikten sammeln. Sie sind eine notwendige Voraussetzung daf&uuml;r, da&szlig; zuk&uuml;nftige Auseinandersetzungen zugunsten der Besch&auml;ftigten entschieden werden k&ouml;nnen. Eine weitere ist, da&szlig; sich eine Vernetzung der Aktivisten &uuml;ber Betriebs- und auch L&auml;ndergrenzen hinweg entwickelt, die nicht beim Austausch von Informationen und Analysen stehenbleibt, sondern auch gemeinsames Handeln erm&ouml;glicht. Die Entstehung einer kampagnef&auml;higen oppositionellen Struktur organisierter Gewerkschaftsaktivisten mit Verankerung in wichtigen Betrieben und Bereichen kann die gewerkschaftliche Landschaft der Bundesrepublik und Europas nachhaltig ver&auml;ndern. Sie kann Katalysator f&uuml;r den angestauten Unmut vieler Besch&auml;ftigter werden. Die M&ouml;glichkeiten, aber auch die Dringlichkeit hierf&uuml;r haben im Jahr 2004 deutlich zugenommen.  <\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic;\">von Daniel Behruzi, erschienen in der Jungen Welt vom 28.12.2004<\/span>  <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Widerstand 2004<\/span> <\/p>\n<\/p>\n<p>Im folgenden eine bei weitem unvollst&auml;ndige Zusammenstellung der Proteste im Jahr 2004. <\/p>\n<\/p>\n<p>* 9. Januar: Beginn des bis heute andauernden Streiks bei den Herweg Bus-Betrieben (HBB) in Leverkusen f&uuml;r die Einf&uuml;hrung des von ver.di ausgehandelten Sparten-Tarifvertrags <\/p>\n<\/p>\n<p>* Januar\/Februar: 500000 Metaller aus 1800 Betrieben beteiligen sich im Rahmen der Tarifrunde an Warnstreiks <\/p>\n<\/p>\n<p>* 29. Januar: Beginn des vierw&ouml;chigen Streiks der Tageszeitungsredakteure. Vereinzelt kommt es zu Solidarit&auml;tsstreiks von Druckern und Verlagsangestellten <\/p>\n<\/p>\n<p>* 16. M&auml;rz: In M&uuml;nchen demonstrieren 10 000 Gewerkschafter gegen die Streichung von 18000 Stellen, Arbeitszeitverl&auml;ngerung und Lohnraub im &ouml;ffentlichen Dienst des Freistaats <\/p>\n<\/p>\n<p>* 3. April: Mehr als 500000 Menschen beteiligen sich in Berlin, K&ouml;ln und Stuttgart an Demonstrationen gegen Sozialabbau <\/p>\n<\/p>\n<p>* 21. April: Mit einem &raquo;wilden Streik&laquo; legen 20 S-Bahn-Besch&auml;ftigte in Berlin am Tag der Tarifverhandlungen 120 Z&uuml;ge still <\/p>\n<\/p>\n<p>* 18. Juni: 25000 Siemens-Besch&auml;ftigte nehmen an Protesten gegen Arbeitszeitverl&auml;ngerung, Lohnraub und Produktionsverlagerung teil <\/p>\n<\/p>\n<p>* 22.\/23. Juni: Warnstreiks in zehn St&auml;dten Nordrhein-Westfalens mit 2500 Landesbesch&auml;ftigten <\/p>\n<\/p>\n<p>* 29. Juni&#x96;21. Juli: In den baden w&uuml;rttembergischen Uni-Kliniken beteiligten sich an vier Warnstreiks gegen Arbeitszeitverl&auml;ngerung und Lohnraub 6200 Kollegen, darunter viele Nichtorganisierte. 1000 Besch&auml;ftigte waren im Vorfeld bei ver.di eingetreten <\/p>\n<\/p>\n<p>* 5. Juli: Beim Daimler-Aktionstag gehen 60000 Arbeiter w&auml;hrend der Arbeitszeit auf die Stra&szlig;e. Die Belegschaft von Daimler in Mettingen blockiert eine Stunde lang die B 10 <\/p>\n<\/p>\n<p>* 26. Juli: Beginn der Montagsdemonstrationen, auf deren H&ouml;hepunkt im September in 250 St&auml;dten 150000 Menschen demonstrieren <\/p>\n<\/p>\n<p>* 2. September: Protesttag der Hamburger Erzieherinnen mit 8000 Demonstrantinnen <\/p>\n<\/p>\n<p>* 6. September: Einw&ouml;chiger Streik gegen Arbeitszeitverl&auml;ngerung und Lohnraub bei Maggi in Singen <\/p>\n<\/p>\n<p>* 1. Oktober: 2000 Besch&auml;ftigten des W&auml;lzlagerherstellers FAG Kugelfischer in Schweinfurt reagieren mit einer mehrt&auml;gigen Arbeitsniederlegung gegen die drohende Verlagerung von 1000 Arbeitspl&auml;tzen nach Osteuropa <\/p>\n<\/p>\n<p>* 2. Oktober: In Berlin demonstrieren ohne Aufruf der Gewerkschaften bis zu 70000 gegen &raquo;Hartz IV&laquo; <\/p>\n<\/p>\n<p>* 14.&#x96;20. Oktober: &raquo;Wilder Streik&laquo; bei Opel Bochum <\/p>\n<\/p>\n<p>* 26.\/27. Oktober: Spontane Arbeitsniederlegung bei Siemens in Kirchheim\/Teck gegen Tarifabbau ohne Standortsicherung <\/p>\n<\/p>\n<p>* 2. November: 46000 Arbeiter nehmen im Rahmen der VW-Tarifrunde an Warnstreiks teil <\/p>\n<\/p>\n<p>* 17. November: In 20 St&auml;dten beteiligen sich 15000 Landesbedienstete an Warnstreiks und Protesten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewerkschaften im Jahr 2004: Kampflose Niederlagen und offener Ausverkauf, aber auch beginnende Selbstorganisation an der Basis und in den Betrieben<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11137"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11137\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}