{"id":11117,"date":"2004-12-25T13:06:34","date_gmt":"2004-12-25T12:06:34","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11117"},"modified":"2012-06-24T16:23:59","modified_gmt":"2012-06-24T14:23:59","slug":"11117","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/12\/11117\/","title":{"rendered":"Wilde Streiks &#8211; Paralellen zu den 70ern"},"content":{"rendered":"<p>  Die Stillhaltepolitik der DGB-Spitzen wird nicht mehr hingenommen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Herrschenden betrachten inoffizielle Streiks wie bei Opel Bochum als   die R&#252;ckkehr des Gespenst der Klassenk&#228;mpfe der 70er Jahre. Sie   verlangen von den Gewerkschaften, dass sie dies verhindern. F&#252;r   Belegschaften sind &quot;wilde Streiks&quot;&#160; wie fr&#252;her ein Mittel um die   Streikblockade der Gewerkschaftsf&#252;hrung und Betriebsratsf&#252;rsten zu   brechen.<br \/>Ende der 60er Jahre war die Situation in den Gewerkschaften   &#228;hnlich wie heute. Rechte SPDler hatten die Kontrolle &#252;ber die   Gewerkschaften und Betriebsr&#228;te. Gewerkschaften wurden zum   Ordnungsfaktor umfunktioniert, Klassenkampf durch Sozialpartnerschaft   ersetzt.&#160; Dieser Kontrollverlust der Basis &#252;ber ihre Gewerkschaften   hatte eine enorme Entfremdung gegen&#252;ber den Gewerkschaften zur Folge.   Der Organisationsgrad sank deshalb von 39 Prozent im Jahr 1951 auf 29   Prozent im Jahr 1968.<br \/>Als Ende der 60er Jahre die Preise den L&#246;hnen   davon liefen und die k&#246;rperliche Belastung an den Flie&#223;b&#228;ndern immer   unertr&#228;glicher wurden, wuchs die Unzufriedenheit mit der Politik der   Gewerkschaftsf&#252;hrung. Die massenhafte Unzufriedenheit mit der Politik   des Lohnverzichts entlud sich pl&#246;tzlich im September 19969 in wilden   Streiks in der Stahlindustrie.<br \/>Die Lohnerh&#246;hungen, die mit diesen   Streiks erreicht werden konnten befl&#252;gelten das Selbst- und   Klassenbewu&#223;stsein der Gewerkschaftsbasis. Eine Kollision mit der   Gewerkschaftsspitze war unvermeidlich.<br \/>1973 war es soweit. Der   offizielle Tarifabschluss in der Stahlindustrie provozierte den Unmut   der StahlarbeiterInnen. Sie wollten mehr. Deshalb kam es &#8211;   Friedenspflicht her oder hin &#8211; bereits kurz nach dem Tarifabschluss zu   den ersten Streiks. Der Streik in der Stahlindustrie war diesmal aber   nur die Initialz&#252;ndung f&#252;r eine Welle wilder Streiks durch ganz   Deutschland und durch alle Branchen. Die Streiks gingen weiter. Vom   Februar bis Oktober 1973 beteiligten sich in 335 Betrieben 275.000   Besch&#228;ftigte an inoffiziellen Streiks. Im Ruhrgebiet wurden zwei   Stahlbuden f&#252;r eine Woche sogar besetzt. Im Anschluss an die Tagesschau   gab es damals t&#228;gliche Streik&#252;bersichten.<br \/><b><br \/><span>Selbstbewu&#223;tsein<\/span><\/b><\/p>\n<p>Neben   den erk&#228;mpften Lohnerh&#246;hungen war der Haupterfolg damals die   R&#252;ckgewinnung eines enormen Selbstbewusstseins und das Gef&#252;hl f&#252;r die   eigene St&#228;rke. SozialistInnen, die in den 50er und 60er Jahren isoliert   waren, wurden wieder ermutigt, politisch in die Offensive zu gehen. Die   Gewerkschaftsspitzen kamen unter enormen Druck der Basis und waren   gezwungen offizielle Streiks zu f&#252;hren.<br \/>Rechte Betriebsr&#228;te   bekamen Konkurrenz von linken oppositionellen Listen. Die   Vertrauensleute wurden in den 70er Jahren zur aktiven und politischen   Basis der Gewerkschaften. Rechte Gewerkschaftsfunktion&#228;re wurden   abgew&#228;hlt und durch k&#228;mpferische KollegInnen ersetzt. Und nicht zuletzt   stieg die Mitgliederzahl von 1969 bis 1919 um 1,3 Millionen auf 7,8   Millionen und einen Organisationsgrad von 34 Prozent allein bei den   DGB-Gewerkschaften.<br \/>Diese Radikalisierung der Gewerkschaften in den   70er Jahre hatte unter anderem zur Folge, dass auf dem   IG-Metall-Kongress 1977 gegen den Vorstand die Forderung nach der   35-Stunden-Woche durchgesetzt wurde und die IGM daf&#252;r 1984 &#8211; bei   unausgelasteten Kapazit&#228;ten in der Metallindustrie &#8211; einen sieben Wochen   langen offensiven Streik f&#252;hrte.<br \/>Und noch Ende der 80er probten   die StahlarbeiterInnen im Ruhrgebiet den Aufstand gegen die Schlie&#223;ung   des Krupp-Stahlwerks in Rheinhausen und geh&#246;rte die Forderung nach   &#220;berf&#252;hrung der Stahlindustrie in Gemeineigentum zu den   selbstverst&#228;ndlichen Forderungen der IG Metall.<br \/><b><br \/><span>Neunziger   Jahre<\/span><\/b><\/p>\n<p>In den 90er Jahren hat es in den Gewerkschaften   einen &#228;hnlichen R&#252;ckschritt wie von Mitte der 50er bis Ende der 60er   Jahre gegeben. Diesmal war es die kapitalistische Restauration im Osten,   die die rechten SPD-Funktion&#228;re nutzten, um die SPD vollst&#228;ndig zur   Unternehmerpartei zu machen und die Gewerkschaften dabei hinter sich   herzogen. Die Linken und k&#228;mpferischen AktivistInnen in den   Gewerkschaften standen dieser Entwicklung hilflos gegen&#252;ber oder wurden   durch die R&#252;ckkehr zu kapitalistischen Verh&#228;ltnissen in Ostdeutschland   demoralisiert.<br \/>Wegen der immer tiefer werdenden Krise des   Kapitalismus geriet die Politik der Sozialpartnerschaft und damit die   Gewerkschaften in eine tiefe politische Krise. Gewerkschaftsfunktion&#228;re   predigen immer offener Verzicht. Sie sind stolz darauf, dass Deutschland   Ende der 90er Jahren an der letzten Stelle in der internationalen   Streikstatistik angekommen ist. Aus ihrem Verst&#228;ndnis heraus ist der   Arbeitsfrieden ein Konkurrenzvorteil des Standorts Deutschland.<br \/>F&#252;r   die abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten bedeutete diese Politik, eine kampflose   Niederlage nach der anderen, die h&#246;chste Arbeitslosigkeit und die   niedrigste Lohnquote in der Nachkriegsgeschichte und die Preisgabe von   immer mehr erk&#228;mpften tariflichen Standards, Sozialleistungen und   Rechten.<br \/>Obwohl sich die SPD l&#228;ngst von den Gewerkschaften   verabschiedet hat, verabschiedet sich die Gewerkschaftsf&#252;hrung nicht von   der SPD. Anstatt die wachsende Wut und Kampfbereitschaft in politische   Streik, Massenstreiks und Generalstreiks umzusetzen, betreiben die   Gewerkschaftsf&#252;hrer einen Ausverkauf nach dem anderen und lassen   Belegschaften im Kampf gegen Erpressungen im Stich.<\/p>\n<p><b><span>Opel   ist &#252;berall <\/span><\/b><\/p>\n<p>Im Oktober hat es in einigen   Betrieben wie in den 70er Jahren wilde Streiks gegeben. Der bekannteste   und l&#228;ngste fand bei Opel Bochum statt. Die Belegschaft baute diesen   Streik auf den Kampferfahrungen und der in den 90er Jahren durch die   Linken im Betrieb aufrechterhaltenen Politisierung auf.<br \/>Aber auch   Belegschaften ohne jegliche Kampferfahrung betreten ohne Streikaufruf   der IG Metall die Streik-Arena. So gab es zum Beispiel bei M&#228;rklin in   G&#246;ppingen Anfang Oktober eine dreit&#228;gige Arbeitsniederlegung mit   Werksblockade. Und im Siemens-Trafowerk in Kirchheim \/ Teck legten Ende   Oktober&#160; ohne Aufruf der Gewerkschaft drei Schichten hintereinander die   Arbeit nieder.<br \/>Wenn die Gewerkschaftsf&#252;hrung weiter K&#228;mpfe blockiert,   sind weitere solche spontanen inoffiziellen oder wilden Streiks   vorprogrammiert. Und wie in den 70er Jahren werden solche K&#228;mpfe zu   einem neuen Klassenbewusstsein, zu antikapitalistischem und   sozialistischen Bewusstsein f&#252;hren und damit die Systemfrage wieder auf   die Tagesordnung setzen.&#160;<br \/><i><br \/><span>von Ursel Beck, Stuttgart<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Stillhaltepolitik der DGB-Spitzen wird nicht mehr hingenommen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[167],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11117"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11117\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}