{"id":11116,"date":"2004-12-27T13:03:53","date_gmt":"2004-12-27T13:03:53","guid":{"rendered":".\/?p=11116"},"modified":"2004-12-27T13:03:53","modified_gmt":"2004-12-27T13:03:53","slug":"11116","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/12\/11116\/","title":{"rendered":"Achtung: Kartenhaus! Einsturzgefahr!"},"content":{"rendered":"<p>D&uuml;stere Aussichten bieten sich f&uuml;r die Weltwirtschaft<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie letzten Jahre hat sich die Weltwirtschaft leicht erholt. Aber das Wachstum ist ebenso instabil wie ungleichm&auml;&szlig;ig. Die USA waren die Lokomotive der Weltwirtschaft, China die Hilfslokomotive. Aber im bisherigen Tempo kann das Wachstum nicht weitergehen.<br \/>  Nachdem 2001 ein paar Stockwerke des Kartenhauses der US-Aktienkurse einst&uuml;rzten und der 11. September das ganze Kartenhaus bedrohte, heizten US-Regierung und Notenbank Wirtschaft und Spekulation mit einer drastischen Steigerung der US-Staatsausgaben (vor allem f&uuml;r R&uuml;stung), Steuergeschenken f&uuml;r die Reichen und Zinssenkungen wieder an. Die niedrigen Zinsen f&uuml;hrten zu einem Anstieg der Immobilienpreise, die viele Eigenheimbesitzer zur Aufnahme von Hypothekenkrediten nutzten. Die Sparquote sank auf Null. Aus einem &Uuml;berschuss von 2,4 Prozent des Staatshaushalts wurde ein Defizit von 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das Geld daf&uuml;r kam aus dem Ausland. Das Zahlungsbilanzdefizit der USA stieg auf 5,5 Prozent des BIP.<br \/>  Es wird oft gesagt, dass dieses Doppeldefizit nicht durchhaltbar ist. Die Cambridger &Ouml;konomen Godley und Izurieta haben es durchgerechnet (Londoner Financial Times vom 3. Dezember): Damit das Wachstum so weiter l&auml;uft, m&uuml;sste das Zahlungsbilanzdefizit auf 8,5 Prozent 2008 ansteigen. Wenn die private Verschuldung nicht weiter w&auml;chst, m&uuml;sste das Haushaltsdefizit auf 7,2 Prozent steigen. Wenn die Sparquote wieder auf 1,8 Prozent anstiege (in Deutschland betr&auml;gt sie etwa 11 Prozent), m&uuml;sste das Haushaltsdefizit auf 10,3 Prozent ansteigen &#x96; zum Vergleich: das 3,4-fache der Maastricht-Obergrenze!<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Ostasien<\/span><\/p>\n<p>  Bis 2001 floss vor allem privates Geld in die USA. Von den 1,3 Billionen Anfang 2002 bis Mitte 2004 kamen 43 Prozent von Regierungen beziehungsweise Notenbanken. Ostasiatische Notenbanken kauften Dollar, um den Wechselkurs konstant zu halten (w&auml;hrend der Dollar gegen&uuml;ber dem Euro 30 Prozent verlor) und weiter viel in die USA exportieren zu k&ouml;nnen. <br \/>  Aber je l&auml;nger eine W&auml;hrungsanpassung verhindert wird, desto heftiger wird sie. Eine Abwertung des Dollar gegen&uuml;ber dem chinesischen Renminbi um 40 Prozent w&uuml;rde jetzt schon dazu f&uuml;hren, dass die Dollar im Besitz des chinesischen Staats 200 Milliarden Dollar weniger Wert sind!<br \/>  Der Geldfluss in die USA aus dem armen Ostasien mit h&ouml;herem Wachstum (abgesehen von Japan, wo die Wirtschaft im II. Quartal 2004 schrumpfte und im III. stagnierte) ist &ouml;konomisch nicht normal und wird auch durch Notenbanken nicht dauerhaft betrieben werden k&ouml;nnen. Der Investitionsboom in China ist ebenfalls instabil und kann bald zusammenbrechen wie der Boom in S&uuml;dostasien 1997 \/ 98. Also auch von dieser Seite droht ein Einsturz des Kartenhauses.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Folgen<\/span><\/p>\n<p>  Das US-Wachstum in Bushs erster Amtszeit war geringer als unter Clinton. Die Realeinkommen von Arbeiterfamilien sanken um 1.500 Dolar im Jahr. Wenn das Kartenhaus zusammenbricht, werden sie mit niedrigerem Einkommen h&ouml;here Zinsen f&uuml;r ihre Schulden bezahlen und noch Schulden tilgen m&uuml;ssen. Der private Konsum muss drastisch zur&uuml;ckgehen. Statt die Export&uuml;bersch&uuml;sse des Rests der Welt aufzunehmen, m&uuml;ssten die USA Export&uuml;bersch&uuml;sse erwirtschaften, schon um die Zinsen f&uuml;r ihre Auslandsschulden aufzubringen. <br \/>  Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt w&auml;chst; die dabei erfolglosen Staaten werden sich zunehmend in Protektionismus fl&uuml;chten. Die Zinsen werden ansteigen und die Wirtschaft weiter abw&uuml;rgen. <br \/>  Wann das passiert, l&auml;sst sich nicht vorhersagen. Aber die gestiegenen Zinsen und &Ouml;lpreise machen das Kartenhaus noch instabiler. Sicher ist: je l&auml;nger die Krise k&uuml;nstlich verz&ouml;gert wird, desto schlimmer wird sie.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Und Deutschland?<\/span><\/p>\n<p>  2004 war die deutsche Wirtschaft gespalten: erfolgreich beim Export, w&auml;hrend der Binnenmarkt stagnierte. Angesichts des fortgesetzten Sozialabbaus (zum Beispiel Inkrafttreten von Hartz IV) und der Erpressung vieler Belegschaften zu Lohnverzicht sowie durch den Arbeitsplatzabbau ist keine Erholung der Binnennachfrage zu erwarten. Im III. Quartal verlangsamte sich das Exportwachstum, eine zeitlich versetzte Folge des Eurokursanstiegs von Anfang 2004. Der seitherige Anstieg wird sich erst noch auswirken. Die deutsche Wirtschaft bremst die ganze Euro-Zone, wo die Wirtschaft im III. Quartal 2004 nur um 0,3 Prozent wuchs. Danach ging es weiter abw&auml;rts. Nach den Einkaufsmanager-Daten f&uuml;r Deutschland und Italien vom November schrumpfte in beiden L&auml;ndern die Industrieproduktion. Der &Ouml;konom Joachim Fels von Morgan Stanley sah die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in der Euro-Zone im ersten Halbjahr 2005 bei 40 Prozent. Dabei ging er von hohen &Ouml;lpreisen und einem hohen Eurokurs aus, aber nicht von einer Krise in den USA. Wenn die auch noch kommt, dann ist eine schwere kapitalistische Konjunktur-Krise bei uns gewiss.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Wolfram Klein, Weil der Stadt<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D&uuml;stere Aussichten bieten sich f&uuml;r die Weltwirtschaft<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[167],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11116"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11116"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11116\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}