{"id":11061,"date":"2004-10-29T09:40:21","date_gmt":"2004-10-29T07:40:21","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11061"},"modified":"2012-06-24T16:02:11","modified_gmt":"2012-06-24T14:02:11","slug":"11061","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/10\/11061\/","title":{"rendered":"Perspektiven f&#252;r Kurdistan nach dem Irak-Krieg"},"content":{"rendered":"<p>  Welche Aussichten hat der Kampf der unterdr&#252;ckten KurdInnen auf   Selbstbestimmung?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Kurdistan umfasst Teile von der T&#252;rkei, dem Irak, Iran, Syrien und   Armenien. 15-20 Prozent der irakischen Bev&#246;lkerung sind KurdInnen. Unter   Saddam Hussein waren sie, wie die Schiiten, der Verfolgung durch das   Regime ausgesetzt.<\/p>\n<p><b><span>Irakischer Teil<\/span><br \/><\/b><br \/>Nach   dem Ende des ersten Golfkrieges errichtete die UNO als Reaktion auf   einen kurdischen Aufstand eine Schutzzone im Nordirak und sicherte diese   durch Luftstreitkr&#228;fte. Bis 1996 kam es dort h&#228;ufig zu blutigen   Auseinandersetzungen zwischen der KDP (Demokatische Partei Kurdistan)   und der PUK (Patriotische Union Kurdistan), einer KDP-Abspaltung von   1957. Bei offenen K&#228;mpfen in dieser Zeit riefen die beiden Parteien   mehrfach t&#252;rkische, und die KDP einmal sogar irakische Truppen zur   Hilfe. Tausende wurden get&#246;tet.<br \/>Seit 1996 gliedert sich das   Autonomie-Gebiet offiziell in das Einflussgebiet der KDP mit dem   Verwaltungszentrum Arbil und das Einflussgebiet der PUK mit dem   Verwaltungszentrum Sulaimaniya. F&#252;hrer der KDP ist Massoud Barzani,   Oberhaupt der PUK Jajaj Talabani. Zu Beginn des zweiten Irak-Krieges   einigten sie sich auf einen Burgfrieden und legten ihre Parlamente und   Truppen zusammen. Sowohl die PUK als auch die KDP leisteten den   US-Soldaten Waffenhilfe.<br \/>Barzani und Talabani waren Mitglieder des   von den USA eingesetzten irakischen &#220;bergangsrats. Beide bekunden   &#246;ffentlich, dass sie keine staatliche Eigenst&#228;ndigkeit anstreben.<\/p>\n<p><b><span>Politik   von PUK und KDP<\/span><\/b><\/p>\n<p>Die irakisch-kurdische F&#252;hrung bem&#252;ht   sich um gute Beziehungen zur T&#252;rkei, obwohl die dortigen Kurden massiv   unterdr&#252;ckt werden. Wirtschaftspolitisch ist sie Mustersch&#252;ler des   Neoliberalismus. Im Fr&#252;hjahr erlie&#223; die Regierung in Sulaimaniya ein   Gesetz, das ausl&#228;ndische Investoren f&#252;nf Jahre lang Steuerfreiheit   gew&#228;hrt, die &#220;berlassung von kostenlosem Grundbesitz an Investoren   regelt und den unbeschr&#228;nkten Kapitaltransfer aus der Region erlaubt.   Die Hoffnung, mit dieser Kollaboration die kurdische Sache zu st&#228;rken,   ist tr&#252;gerisch. Die USA haben kein Interesse daran, die kurdische   Autonomie weiter ausbauen. Dies zeigte sich beim Streit um die   Ber&#252;cksichtigung kurdischer Interessen bei der formellen &#220;bergabe der   Regierungsgesch&#228;fte an die IrakerInnen im Juni.<br \/>Barzani und   Talabani schrieben am 1. Juni einen Brief an US-Pr&#228;sident Bush, in dem   sie ihm wortreich ihre Loyalit&#228;t versicherten und die angemessene   Ber&#252;cksichtigung kurdischer VertreterInnen bei der Zusammensetzung der   zuk&#252;nftigen Regierung sowie die Absicherung ihrer Autonomierechte   forderten. Andernfalls w&#228;ren sie gezwungen, &quot;ihre Beteiligung an der   Zentralregierung und ihren Institutionen zur&#252;ck zu ziehen, nicht an den   nationalen Wahlen teilzunehmen und Repr&#228;sentanten der Zentralregierung   den Zugang zu den kurdischen Gebieten zu verweigern.&quot; Die Drohung zeigte   keine Wirkung. In der Resolution Nr. 1546 des UN-Sicherheitsrates vom 8.   Juni, die &#8211; wenn auch nur auf dem Papier &#8211; die Macht&#252;bergabe der   Besatzungstruppen an die irakische Regierung regelt, sind   Autonomierechte der KurdInnen mit keinem Wort erw&#228;hnt.<br \/><b><br \/><span>&#214;lvorkommen<\/span><\/b><\/p>\n<p>Ein   weiterer Konflikt besteht um Kirkuk. Die Stadt, deren &#214;lfelder angeblich   6,5 Prozent der bekannten &#214;l-Reserven der Welt bergen, ist nicht Teil   des Autonomie-Gebietes. Sie wird von den KurdInnen als ihre Stadt   beansprucht. Aber auch TurkmenInnen und AraberInnen erheben Anspr&#252;che.   Das zahlenm&#228;&#223;ige Verh&#228;ltnis zwischen den drei Volksgruppen d&#252;rfte heute   in etwa ausgeglichen sein. Die KurdInnen f&#252;hren dies auf die   Bev&#246;lkerungspolitik von Saddam Hussein zur&#252;ck. Unter seiner Herrschaft   kam es zur Vertreibung von kurdischen EinwohnerInnen und zur verst&#228;rkten   Ansiedlung arabischer Familien. Viele der KurdInnen sind jedoch seit dem   Sturz von Saddam zur&#252;ck gekehrt und kampieren in behelfsm&#228;&#223;igen   Unterk&#252;nften, da ihre alten H&#228;user zerst&#246;rt wurden oder inzwischen von   AraberInnen bewohnt werden. Auch wenn es in den kurdischen Gebieten   bisher verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig ruhig zugeht, bieten die Zust&#228;nde erheblichen   sozialen Sprengstoff. Wichtiger sind jedoch die au&#223;enpolitischen   Dimensionen. Ein unabh&#228;ngiges kurdisches Gebiet mit Kirkuk als   Hauptstadt h&#228;tte wirtschaftliche M&#246;glichkeiten, die die Autonomiegebiete   alleine nicht h&#228;tten. Diese Tatsache beunruhigt vor allem die T&#252;rkei.<\/p>\n<p><b><span>T&#252;rkischer   Teil<\/span><\/b><\/p>\n<p>In den letzten Jahren herrschte im t&#252;rkischen   Teil Kurdistans relative Ruhe.<br \/>Die PKK, die der Regierung in Ankara   zu ihren Hochzeiten in den 90ern schwer zu schaffen machte, hat massiv   an Einfluss verloren. Die Partei, die noch auf ihrem Kongress 1995 f&#252;r   ein unabh&#228;ngiges, sozialistisches Kurdistan eintrat, hat sich   mittlerweile in Kongra-Gel umbenannt und im August 2004 gespalten. Die   Abspaltung hei&#223;t PWD (Patriotische Demokratische Partei) und wird von   dem ehemaligen Europa-Repr&#228;sentanten der PKK Kani Yilmaz und Osman   &#214;calan, dem Bruder des in der T&#252;rkei zu lebenslanger Haft verurteilten   Parteigr&#252;nders Abdulla &quot;Apo&quot; &#214;calan gef&#252;hrt.<br \/><b><br \/><span>Positionen   von Ex-PKK-F&#252;hrern<\/span><\/b><\/p>\n<p>Die PWD propagiert offen die   Zusammenarbeit mit den USA. Der Kongra-Gel-Fl&#252;gel um &quot;Apo&quot; tritt   offiziell f&#252;r eine &quot;Einheitsfront der V&#246;lker des Nahen Ostens&quot; ein. Auch   er hat jedoch die antiimperialistische und sozialistische Rhetorik aus   seinem Programm entfernt. &quot;Der Imperialismus hat verstanden, dass sich   die Krise nicht durch klassische oder neokolonialistische Methoden   &#252;berwinden l&#228;sst, und sich auf einen Evolutionsprozess eingelassen, der   sich auf eine demokratische Zivilisation zu bewegt&quot;, hei&#223;t es im   Programm des Kongra-Gel. &quot;Auf der Grundlage der   wissenschaftlich-technologischen Revolution f&#252;hrt er dabei eine   demokratische Reform des Kapitalismus durch. In seinem Streben, die   Vorherrschaft des Kapitals im globalen Ma&#223;stab zu sichern, versp&#252;rt der   Imperialismus das Bed&#252;rfnis, den Nationalstaat und alle   r&#252;ck-w&#228;rtsgewandten theokratischen, monarchischen und oligarchischen   Strukturen zu &#252;berwinden, die diesem Ziel im Wege stehen.&quot;<br \/>Bei   dieser Analyse ist es kein Wunder, dass auch die Kongra-Gel den Krieg   der USA gegen den Irak unterst&#252;tzt hat. Gegen&#252;ber der T&#252;rkei haben   sowohl Kongra-Gel als auch die PWD die Forderung nach staatlicher   Unabh&#228;ngigkeit aufgegeben. Gen&#252;tzt hat das wenig. Der einseitig erkl&#228;rte   Waffenstillstand der KurdInnen wurde von der t&#252;rkischen Regierung   ignoriert. Die milit&#228;rischen Operationen in Kurdistan gingen weiter.   Kongra-Gel sah sich am 1. Juni gezwungen, nach f&#252;nf Jahren die R&#252;ckkehr   zum bewaffneten Kampf zu erkl&#228;ren.<\/p>\n<p><b><span>Widerstand gegen   Imperialismus<\/span><\/b><\/p>\n<p>Ein Ende der Leiden der kurdischen   Bev&#246;lkerung ist nicht abzusehen. Sowohl im Irak als auch in der T&#252;rkei   haben die F&#252;hrer der Kurden-Parteien vor dem Imperialismus kapituliert   und die Interessen der ArbeiterInnen und armen B&#228;uerInnen in Kurdistan   verraten. Sie haben sich von der t&#252;rkischen Arbeiterklasse und dem   antiimperialistischen Widerstand im Irak isoliert. Ein erfolgreicher   Kampf f&#252;r ein unabh&#228;ngiges Kurdistan ist jedoch nur m&#246;glich, wenn es   gelingt, die Verbindung zu den sozialen K&#228;mpfen der ArbeiterInnen und   armen B&#228;uerInnen der anderen V&#246;lker der Region herzustellen und den   Kampf um nationale Unabh&#228;ngigkeit mit dem Kampf gegen die brennenden   sozialen Probleme zu verbinden.<br \/>Dazu muss sich die Arbeiterbewegung   in Kurdistan ein Programm geben, das es erm&#246;glicht, an die ArbeiterInnen   in der T&#252;rkei und den irakischen Widerstand mit dem Angebot eines   gemeinsamen Kampfes heranzutreten.<\/p>\n<p>&#8211; Schluss mit dem Krieg im   Irak. Sofortiger R&#252;ckzug der Alliierten Truppen<br \/>&#8211; Sofortiger   R&#252;ckzug der t&#252;rkischen Truppen aus allen kurdischen Gebieten<br \/>&#8211;   Vergesellschaftung der &#214;lindustrie unter der Kontrolle der arbeitenden   Bev&#246;lkerung des Irak. Kein Ausverkauf der nat&#252;rlichen Ressourcen des   Irak an ausl&#228;ndische Konzerne<br \/>&#8211; Volle demokratische Rechte f&#252;r   alle Bev&#246;lkerungsgruppen in der T&#252;rkei und im Irak. F&#252;r das Recht,   unabh&#228;ngige Gewerkschaften und politische Parteien zu bilden<br \/>&#8211;   F&#252;r eine deutliche Verbesserung im Gesundheits- und Erziehungswesen, der   L&#246;hne und Arbeitsbedingungen<br \/>&#8211; F&#252;r das Recht auf   Selbstbestimmung f&#252;r das kurdische Volk, bis hin zum Recht auf   Lostrennung von den Staaten, die sie unterdr&#252;cken<br \/>&#8211; F&#252;r eine   sozialistische F&#246;deration im Nahen Osten<br \/><i><br \/><span>von Ianka   Pigors, Hamburg<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Welche Aussichten hat der Kampf der unterdr&#252;ckten KurdInnen auf<br \/>\n      Selbstbestimmung?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[63,45],"tags":[165],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11061"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11061"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11061\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}