{"id":11060,"date":"2004-11-01T09:38:29","date_gmt":"2004-11-01T08:38:29","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11060"},"modified":"2013-06-04T14:36:00","modified_gmt":"2013-06-04T12:36:00","slug":"11060","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/11\/11060\/","title":{"rendered":"Nein zur T&#252;rkei? Nein zur EU!"},"content":{"rendered":"<p>  Im Dezember will die EU &#252;ber Beitrittsverhandlungen mit der T&#252;rkei   entscheiden<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  1963 wurde die &quot;Assoziierung&quot; der T&#252;rkei mit dem EU-Vorl&#228;ufer EWG   beschlossen. Warum wollen Schr&#246;der und EU-Kommission jetzt daraus eine   Mitgliedschaft machen? Warum will Merkel eine &quot;privilegierte   Partnerschaft&quot; einf&#252;hren, die es schon seit 41 Jahren gibt?<br \/>Die   letzten Jahre haben die USA und Britannien die Aufnahme des NATO-Landes   T&#252;rkei in die Europ&#228;ische Union (EU) gefordert, w&#228;hrend L&#228;nder wie   Deutschland und Frankreich eher z&#246;gerten. Beides hatte den selben Grund.   Die T&#252;rkei galt wie Britannien als besonders enger Verb&#252;ndeter der USA,   w&#228;hrend die Herrschenden in Frankreich und Deutschland versuchen, die EU   zu einer mit den USA konkurrierenden Weltmacht aufzubauen. Dazu dient   die Aufr&#252;stung der EU, die sogar in der EU-Verfassung verankert werden   soll. Dazu dient die gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik.<br \/>Dass   Chirac und Schr&#246;der jetzt f&#252;r den EU-Beitritt der T&#252;rkei sind, dr&#252;ckt   die Hoffnung aus, die T&#252;rkei im Laufe der jahrelangen   Beitrittsverhandlungen &quot;umpolen&quot; zu k&#246;nnen. Dann w&#228;re die T&#252;rkei mit   ihrer Lage &#8211; grenzend an Irak und Kaukasus, also auf dem Weg zum Erd&#246;l   des Persischen Golfs und Kaspischen Meers &#8211; ein gro&#223;er Trumpf im   Konkurrenzkampf mit den USA. Wenn die Rechnung nicht aufgeht, w&#228;re sie   neben Britannien ein weiteres &quot;trojanisches Pferd&quot; der USA in der EU.   Diese Unsicherheit ist einer der Gr&#252;nde, warum die Herrschenden in der   EU sich keineswegs einig sind, ob sie f&#252;r den Beitritt der T&#252;rkei sein   sollen.<br \/>Die Opposition Merkels und der CDU hat aber andere Gr&#252;nde.   Sie wollen mit dem Sch&#252;ren von dumpfen nationalistischen, rassistischen   und anti-islamischen Vorurteilen auf Stimmenfang gehen. Ein paar Tage   haben sie sogar mit dem Gedanken an eine Unterschriftensammlung gegen   einen EU-Beitritt der T&#252;rkei gespielt. Damit haben sie schon erreicht,   dass die rechtsextremen Parteien NPD und DVU erkl&#228;rt haben, sie w&#252;rden   eine solche Unterschriftensammlung auch alleine machen.<br \/><b><br \/><span>In   wessen Interesse?<\/span><\/b><\/p>\n<p>CDU und CSU machen mit   Schreckgespenstern Stimmung von Milliarden Subventionen, die zum   Beispiel an die t&#252;rkische Landwirtschaft flie&#223;en w&#252;rden und Millionen   ArbeiterInnen, die nach Westeuropa kommen w&#252;rden. Tats&#228;chlich wollen die   EU-Kommission oder Schr&#246;der genauso wenig t&#252;rkischen Kleinb&#228;uerInnen ein   besseres Leben erm&#246;glichen oder t&#252;rkischen ArbeiterInnen zu deutschen   Tarifl&#246;hnen verhelfen (an deren Demontage Schr&#246;der ja eifrig arbeitet).   Ihnen geht es neben den strategischen Zielen um die &#214;ffnung der T&#252;rkei   f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital. Wenn Hilfen in &quot;die T&#252;rkei&quot; flie&#223;en   werden, wird ein Gro&#223;teil des Geldes in den Taschen westeurop&#228;ischer   Industrie- und Agrarkapitalisten landen. Die gro&#223;e Masse der B&#228;uerInnen   in der T&#252;rkei wird dabei gegen die Wand gedr&#252;ckt werden, wie das in   Polen mit dem EU-Beitritt auch passiert ist. Die EU wird den Aufbau   moderner Fabriken (mit vielen Maschinen und wenig Arbeitskr&#228;ften) in der   T&#252;rkei subventionieren, mit denen dann die ArbeiterInnen hier in   Deutschland (egal, ob sie einen deutschen, t&#252;rkischen oder sonstigen   Pass haben) erpresst werden.<br \/>Dass die EU-Agrar- und Strukturpolitik   den multinationalen Konzernen zugute kommt und nicht den arbeitenden   Menschen in der T&#252;rkei, daf&#252;r werden schon die von der EU-Kommission   angek&#252;ndigten &quot;langen &#220;bergangsfristen&quot; sorgen (die nat&#252;rlich erst nach   den &#252;ber zehn Jahre langen Verhandlungen beginnen sollen!) Bei der   Freiz&#252;gigkeit der ArbeiterInnen ist sogar von &quot;permanenten   Schutzklauseln&quot; die Rede (gesch&#252;tzt wird durch sie der Staat vor dem   Zahlen von Sozialleistungen).<br \/>Menschenrechte und Waffen<br \/>Wenn   &quot;unsere&quot; Politiker die &#214;ffnung des t&#252;rkischen Marktes meinen, dann sagen   sie Menschenrechte. Die einen preisen Fortschritte, die nur auf dem   Papier bestehen (auch wenn dieses Papier &quot;Gesetz&quot; hei&#223;t). Die anderen   kritisieren Folter, Pressezensur, Unterdr&#252;ckung der KurdInnen,   Zwangsehen und so weiter, die bisher die Mitgliedschaft der T&#252;rkei in   der &quot;Wertegemeinschaft&quot; NATO nicht behindert haben.<br \/>Ein   Nebenprodukt der Beitrittsverhandlungen ist, dass das deutsche   Ausw&#228;rtige Amt ank&#252;ndigte, &#252;ber eine Lockerung der   R&#252;stungsbeschr&#228;nkungen an die T&#252;rkei m&#252;sse neu nachgedacht werden. 1999   war der t&#252;rkische Wunsch nach 1.000 deutschen Leopard-2-Panzern noch   abgelehnt worden. Wenn die T&#252;rkei von Washington nach Berlin-Paris   &quot;umgepolt&#8221; werden soll, muss der deutsche Imperialismus nicht nur als   Handelspartner und Investor, sondern auch als Waffenlieferant die T&#252;rkei   abh&#228;ngig machen.<br \/>1991 waren der T&#252;rkei unter Kohl schon 300   NVA-Sch&#252;tzenpanzer &#252;berlassen worden. Das ZDF-Magazin &quot;Frontal 21&quot;   berichtete k&#252;rzlich, dass Spezialkr&#228;fte der t&#252;rkischen Gendarmerie diese   Panzer in der Provinz Sirnak gegen aufst&#228;ndische KurdInnen einsetzten.<\/p>\n<p><b><span>Wirtschaftsbl&#246;cke<\/span><\/b><\/p>\n<p>Ein   weiterer Grund, dass die &quot;privilegierte Partnerschaft&quot; (Assoziation seit   41 Jahren, Zollabkommen seit acht Jahren) durch eine EU-Mitgliedschaft   ersetzt werden soll, ist die wachsende Gefahr von Handelskriegen und die   zunehmende Aufteilung der Welt in Wirtschaftsbl&#246;cke, vor allem NAFTA   (USA, Kanada und Mexiko, soll auf ganz Nord- und S&#252;damerika erweitert   werden zur FTAA) und EU. In Zukunft k&#246;nnten diese Bl&#246;cke, wie es in   fr&#252;heren Jahrzehnten &#252;blich war, sich wieder durch Zollmauern und andere   Handelshemmnisse von einander abschotten. Um f&#252;r solche Entwicklungen   vorzusorgen, ist es wichtig, gen&#252;gend L&#228;nder im eigenen Block fest zu   verankern, um dann gen&#252;gend Rohstoffquellen, Absatzm&#228;rkte, Anlagesph&#228;ren   f&#252;r Kapital, Arbeitskr&#228;fte reserviert zu haben.<br \/>Die   EU-Erweiterungspl&#228;ne sind voller Widerspr&#252;che und zu einem guten Teil   eine Flucht nach vorn. Es ist wahrscheinlich, dass statt einem   EU-Beitritt der T&#252;rkei ein gro&#223;er Katzenjammer kommt.<br \/>Die   SAV lehnt nicht die T&#252;rkei ab, sondern will die EU des Kapitals den   Menschen weder in der T&#252;rkei noch in Deutschland oder anderswo zumuten.   Der Kapitalismus ist zu einer wirklichen Vereinigung Europas unf&#228;hig.   Ziel muss eine sozialistische F&#246;deration Europas &#8211; einschlie&#223;lich einer   sozialistischen T&#252;rkei &#8211; sein.<br \/><i><br \/><span>von Wolfram   Klein, Stuttgart<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Im Dezember will die EU &#252;ber Beitrittsverhandlungen mit der T&#252;rkei<br \/>\n      entscheiden\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[79,45],"tags":[165,329],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11060"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11060"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11060\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}