{"id":11059,"date":"2004-10-30T09:35:27","date_gmt":"2004-10-30T07:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11059"},"modified":"2012-07-18T15:35:29","modified_gmt":"2012-07-18T13:35:29","slug":"11059","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/10\/11059\/","title":{"rendered":"Marxismus und Keynesianismus"},"content":{"rendered":"<p>Welcher Ausweg aus der Krise?<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nWenn Opel in Bochum dichtmacht, dann gibt es nicht nur zehntausend erwerbslose MetallerInnen mehr, dann steht eine ganze Region vor dem Aus. Leere Fabrikhallen, verwaiste Einkaufspassagen, abgerissene Wohnviertel&#8230; Das was Bochum droht, ist in gro&szlig;en Teilen Ostdeutschlands, aber auch in einzelnen Gegenden an Ruhr und Nordsee schon Realit&auml;t. Es geht bergab. Und t&auml;glich neue Hiobsbotschaften: Massenentlassungen, Ausbildungsnotstand, Armut, v&ouml;lliger Ruin ganzer Familien, Zunahme psychischer Erkrankungen, Verrohung der Gesellschaft.<br \/>  Nach der Krise 2001-03 d&uuml;mpelt die deutsche Wirtschaft vor sich hin. Der Wachstumsmotor springt nicht an, weil kein Saft da ist. Investitionen und Konsum sind r&uuml;ckl&auml;ufig, einzig die Exporte legen zu. Um die Profite zu sanieren, werden bei DaimlerChrysler, Siemens und Karstadt gigantische Lohnk&uuml;rzungsprogramme aufgelegt. Bei Opel, Spar und Schlecker stehen Tausende von Arbeitspl&auml;tzen auf dem Spiel. Gleichzeitig treibt die Schr&ouml;der-Regierung die Umverteilungspolitik weiter voran. Die Schere zwischen Arm und Reich &ouml;ffnet sich in nie dagewesenem Ma&szlig;e.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Zur&uuml;ck zu Keynes?<\/span><\/p>\n<p>  Diese Misere schreit nach Alternativen. Hier erlebt ein gewisser John Maynard Keynes (1883-1946) sein Revival. So bezieht sich die gewerkschaftlich orientierte Memorandum-Gruppe auf Keynes. In ihrem j&auml;hrlichen Gegengutachten zu den &#8222;Wirtschaftsweisen&#8220;, akademische Wassertr&auml;ger der Kapitalisten, widmen sie dem britischen &ouml;konom diesmal ein eigenes Kapitel. In ihren Vorschl&auml;gen besinnen sie sich zudem auf das, was als &#8222;Neokeynesianismus&#8220; gehandelt wird: Steigerung der Massenkaufkraft, Arbeitszeitverk&uuml;rzung bei vollem oder teilweisen Lohnausgleich, Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Spitzenverdiener, Verteidigung des &ouml;ffentlichen Dienstes und der sozialen Sicherungssysteme.<br \/>  Fast identisch sind die Forderungen vom Bundesvorstand der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) in ihrem Programmentwurf. Joachim Bischoff, heute Vorstandsmitglied der WASG, damals der PDS, lobte Keynes anl&auml;sslich seines 50. Todestages &uuml;berschwenglich.<br \/>  Der SPIEGEL erkl&auml;rte Oskar Lafontaine zum &#8222;bekennenden Keynesianer&#8220;, als er sich mit Schr&ouml;der &uuml;berwarf, und schrieb damals: &#8222;Er verl&auml;sst sich auf eine Handvoll Getreuer, die wie er an die Segnungen der Nachfragesteigerung, an politisch festgelegte Wechselkurse und niedrige Zinsen glauben&#8220; (8\/1999).<br \/>  Von dem Unternehmer Henry Ford stammen die Worte: &#8222;Autos kaufen keine Autos.&#8220; Das ist die Kernidee der Keynesianer: Das &#8222;freie Spiel des Marktes&#8220; versagt, stets Angebot und Nachfrage auszugleichen. In regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden muss der Staat eingreifen und die Produktion wieder ankurbeln. Die zahlungsf&auml;hige Nachfrage muss gesteigert werden, damit der einzelne Kapitalist sein Realisierungsproblem los wird. Andernfalls w&uuml;rde er sich mehr und mehr Profite entgehen lassen, weil er unverk&auml;ufliche Waren feilbietet.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Keynes, b&uuml;rgerlicher &ouml;konom<\/span><\/p>\n<p>  Bevor wir uns mit Sinn und, vor allem, Unsinn des Keynesianismus befassen, sollten wir kl&auml;ren, wer dieser John Maynard Keynes war, wof&uuml;r er stand und was seine Theorien in der Praxis anrichteten.<br \/>  Seine Karriere begann im britischen Indienministerium, dem Herzst&uuml;ck britischer Kolonialmacht. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er sich zum Hauptberater des Finanzministeriums hoch und wurde nach dem Krieg Leiter ihrer Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen. 1936 erschien sein wichtigstes Werk: &#x91;Allgemeine Theorie der Besch&auml;ftigung, des Zinses und des Geldes&#x91;. Darin formulierte er seine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik.<br \/>  Eng befreundet war er zu der Zeit mit Hjalmar Schacht, F&ouml;rderer Hitlers auf dem Weg zur Reichskanzlei und deutscher Reichsbankpr&auml;sident 1933 bis 1939. In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe verk&uuml;ndete Keynes, dass seine Vorstellung von Staatsprogrammen und Arbeitsbeschaffung gut zur Lage in Deutschland passen w&uuml;rde: &#8222;Obschon ich sie also mit dem Blick auf die in den angels&auml;chsischen L&auml;ndern geltenden Verh&auml;ltnisse ausgearbeitet habe, wo immer noch ein gro&szlig;es Ma&szlig; von laissez faire vorherrscht, bleibt sie dennoch auf Zust&auml;nde anwendbar, in denen die staatliche F&uuml;hrung ausgepr&auml;gter ist.&#8220; &#8222;Eine ausgepr&auml;gtere staatliche F&uuml;hrung&#8220; so umschrieb Keynes die faschistische Diktatur der Nazis.<br \/>  1942 wurde er im &uuml;brigen noch Mitglied des Direktoriums der Bank von England und im gleichen Jahr in den Adelsstand erhoben.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">B&ouml;rsenkrach 1929<\/span><\/p>\n<p>  Im Sommer 1929 kamen zwei dicke B&auml;nde auf den B&uuml;chermarkt, in denen die f&uuml;hrenden Wirtschaftswissenschaftler der Welt, mit US-Pr&auml;sident Herbert Hoover an der Spitze, ausf&uuml;hrten, warum der Kapitalismus keine Krisen mehr kennt. Wenige Monate sp&auml;ter, im Oktober, setzten nie gesehene Aktienverk&auml;ufe an der Wall Street ein und l&ouml;sten Kursst&uuml;rze aus, die schnell in die bis dahin tiefste Finanz- und Wirtschaftskrise des Kapitalismus m&uuml;ndeten.<br \/>  Seinerzeit galt das sogenannte Saysche Theorem als Glaubensatz in b&uuml;rgerlichen Wirtschaftskreisen, wonach sich jedes Angebot seine Nachfrage selber schaffe (auch wenn Karl Marx diese Theorie von Jean Baptiste Say, 1767-1832, die er als &#8222;Humbug&#8220; bezeichnete, l&auml;ngst widerlegt hatte). Keynes war es, der unter den b&uuml;rgerlichen &ouml;konomen Say als erster explizit widersprach.<br \/>  Angesichts von Kursst&uuml;rzen, Preisverfall und Fabrikschlie&szlig;ungen im gro&szlig;en Stil Anfang der drei&szlig;iger Jahre behauptete Keynes: &#8222;Es gibt nur noch ein wirksames Mittel, die Preise in der Weltwirtschaft zu erh&ouml;hen, und das ist eine weltweite Vergr&ouml;&szlig;erung der kreditfinanzierten Ausgaben.&#8220; Und das soll die Aufgabe der &#8222;&ouml;ffentlichen Organe&#8220;, des Staates, sein. Also Staatsaus-gaben, um die zahlungsf&auml;hige Nachfrage anzukurbeln, damit &#8222;die Wirtschaft&#8220; wieder brummt. Als Keynes vorgehalten wurde, damit langfristig eine dramatische Verschuldung lostreten zu k&ouml;nnen, antwortete er lakonisch: &#8222;Langfristig sind wir alle tot.&#8220;<br \/>  Nach Keynes muss die Nachfrage in Krisenzeiten mit allen Mitteln gesteigert werden, egal wie. Durch Staatsverschuldung, durch &ouml;ffentliche Besch&auml;ftigungsprogramme, durch erh&ouml;hte R&uuml;stungsausgaben. Es m&uuml;sse gewisserma&szlig;en eine zus&auml;tzliche k&uuml;nstliche Nachfrage geschaffen werden: &#8222;Wenn das Schatzamt alte Flaschen mit Banknoten f&uuml;llen und sie in geeignete Tiefen in verlassenen Kohlebergwerken vergraben w&uuml;rde, sie dann bis zur Oberfl&auml;che mit st&auml;dtischem Kehricht f&uuml;llen w&uuml;rde und es dem privaten Unternehmergeist nach den erprobten Grunds&auml;tzen des laissez faire &uuml;berlassen w&uuml;rde, die Noten wieder auszugraben (&#8230;), brauchte es keine Arbeitslosigkeit zu geben&#8220; (&#8222;Allgemeine Theorie der Besch&auml;ftigung, des Zinses und des Geldes&#8220;).<br \/>  Verwurzelt im imperialistischen System war f&uuml;r ihn die Ankurbelung der Kriegsproduktion nur eine logische Konsequenz. Au&szlig;erdem trat Keynes daf&uuml;r ein, dass die Unternehmer Anreize erhalten, die Produktion wieder in Gang zu setzen. Das Investitionsumfeld sollte verbessert werden. Zinssenkungen wurden von Keynesianern als ein probates Mittel angesehen.<br \/>  Ausgehend von der Weltwirtschaftskrise strebte US-Pr&auml;sident Roosevelt ab 1934 mit dem New Deal einen neuen Aufschwung an. Dieser basierte auf den Ideen von Keynes und bedeutete die erste Pr&uuml;fung keynesianischer Ratschl&auml;ge in der Praxis. Ist der New Deal nun ein Beleg f&uuml;r die Richtigkeit des Keynesianismus? Von wegen. Erst 1937 erreichte die US-Wirtschaft mit Ach und Krach wieder das Niveau von der Zeit vor der Krise. Nur die einsetzende Kriegskonjunktur verhinderte 1938 ein erneutes Abrutschen in die Rezession. Noch 1939 hatten die USA zehn Millionen registrierte Erwerbslose, die erst im Zweiten Weltkrieg verschwinden sollten&#8230;<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Neokeynesianismus<\/span><\/p>\n<p>  Historisch gesehen war der Keynesianismus eine Variante b&uuml;rgerlicher Wirtschaftspolitik als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise 1929-32. Mit der Arbeiterbewegung und mit der britischen Labour Party hatte Keynes nichts am Hut. Sein erstes Ziel war es, den Preisverfall aufzuhalten. Nicht gerade im Interesse von Besch&auml;ftigten und Gewerkschaften, durch erh&ouml;hte Nachfrage innerhalb der Marktwirtschaft Preissteigerungen f&uuml;r Konsumg&uuml;ter durchzusetzen.<br \/>  Zudem lehnte Keynes Lohnerh&ouml;hungen ab. Sein Herz schlug ganz offensichtlich nicht &#8222;links&#8220;. Von Marx und Engels hielt er sowieso nichts. So schrieb er in einem Brief an George Bernhard Shaw 1935, er s&auml;he nicht, dass die beiden irgendeinen Schl&uuml;ssel f&uuml;r das Verst&auml;ndnis der &ouml;konomie entdeckt h&auml;tten. Unterst&uuml;tzung erhielt Keynes von den B&uuml;rgerlichen gerade in den USA, weil sie hofften, mit seinen wirtschaftspolitischen Vorschl&auml;gen das Anwachsen der US-Arbeiterbewegung und den Einfluss marxistischer Ideen aufhalten zu k&ouml;nnen, und weil Keynes versprach, die Krisenanf&auml;lligkeit innerhalb des kapitalistischen Systems zu beheben.<br \/>  Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Keynes viele Anh&auml;nger in der Linken und in Gewerkschaftskreisen. W&auml;hrend Keynes selber vor allem auf Kredite, Investitionen und den Zinshebel setzte, bauen &#8222;Neo&#8220;-Keynesianer vorrangig auf die Steigerung der Massenkaufkraft. Innerhalb des Neokeynesianismus gibt es eine ganze Bandbreite von Str&ouml;mungen: Neben denjenigen, die nur einzelne keynesianische Ma&szlig;nahmen unterst&uuml;tzen, Anh&auml;nger einer Politik, die prinzipiell f&uuml;r soziale Verbesserungen im Interesse von ArbeiterInnen und Erwerbslose stehen und dar&uuml;ber hinaus eine dritte Richtung, die das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft vertritt.<br \/>  Zu Letzeren geh&ouml;rt Joachim Bischoff, der zusammen mit Klaus Steinitz das Buch &#8222;Linke Wirtschaftspolitik&#8220; herausgegeben hat. Darin argumentiert er f&uuml;r die Herausbildung eines &#8222;alternativen Typs der sozial-&ouml;konomischen Wirtschaftsentwicklung&#8220;. &#8222;Dieser bedeutet in einem absehbaren Zeitraum nicht, den Kapitalismus zu &uuml;berwinden. Er setzt jedoch voraus, dass es durch Ver&auml;nderungen in den &ouml;konomischen Machtstrukturen und in den gesellschaftlichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen gelingt, die Dominanz des Profitprinzips zur&uuml;ckzudr&auml;ngen und damit auch Elemente einer st&auml;rker sozial und &ouml;kologisch strukturierten Wirtschaftsweise herauszubilden.&#8220;<br \/>  Da nach Bischoff und Co der Kapitalismus &#8222;in einem absehbaren Zeitraum&#8220; weiterbesteht, m&uuml;ssen auch Privateigentum, Konkurrenz und folglich Profitstreben weiterbestehen. Wie soll &#8222;die Dominanz des Profitprinzips zur&uuml;ckgedr&auml;ngt&#8220; werden, wenn der Profit doch f&uuml;r die konkurrierenden Kapitalbesitzer das einzige ist, was z&auml;hlt? Was schl&auml;gt Bischoff vor, wenn Konzerne mit Betriebsverlagerungen ins Ausland, mit Investitionsboykott oder mit Werkschlie&szlig;ungen drohen, um ihre Rendite weiter in die H&ouml;he zu treiben?<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Falsche Theorie<\/span><\/p>\n<p>  Das Hauptproblem der Keynesianer besteht darin, dass sie wesentliche Merkmale der kapitalistischen Wirtschaft ignorieren. So ist und bleibt die Aneignung unbezahlter Arbeit die Grundlage des Kapitalismus. Trotzdem wollen Keynesianer Krisen beseitigen oder stark abschw&auml;chen, in dem die Kaufkraft gesteigert wird. Dabei m&uuml;ssen LohnarbeiterInnen mehr Werte produzieren, als sie direkt oder indirekt zur&uuml;ckbekommen. Andernfalls g&auml;be es keinen Grund f&uuml;r den Kapitalisten, ihre Arbeitskraft zu erwerben.<br \/>  Nat&uuml;rlich kaufen Autos keine Autos. Nat&uuml;rlich hat Opel Absatzschwierigkeiten, wenn bei Karstadt und anderswo drastische Lohnk&uuml;rzungen und Stellenstreichungen durchgezogen werden. Andersrum erh&ouml;hen Lohnsteigerungen und Neueinstellungen die Nachfrage und verbessern die Absatzm&ouml;glichkeiten &#8211; aber sie verschlechtern gleichzeitig die Gewinnmarge von Karstadt-Chef Achenbach und anderen.<br \/>  Wenn es wirklich die Nachfrageschw&auml;che w&auml;re, die im Kapitalismus Krisen ausl&ouml;st, dann m&uuml;ssten die gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftlichen Einbr&uuml;che stets dann erfolgen, wenn das Konsumniveau sich auf dem tiefsten Stand befindet. Marx selber hat an Hand mehrerer Krisenzyklen nachgewiesen, dass dem nicht so ist, sondern im Gegenteil Wirtschaftskrisen gerade am H&ouml;hepunkt eines Aufschwungs eintraten, wenn Kaufkraft und Besch&auml;ftigung das relativ h&ouml;chste Niveau erreicht hatten.<br \/>  Damit kommen wir den Kernursachen f&uuml;r Krisen im Kapitalismus ein gutes St&uuml;ck n&auml;her. Ohne Frage gibt es neben den strukturellen, langfristigen Krisenursachen verschiedene Gr&uuml;nde f&uuml;r Konjunktureinbr&uuml;che. Entscheidend ist aber, dass die kapitalistische Wirtschaft in ihrer Gesamtheit betrachtet werden muss. Keynesianer machen den Fehler, Krisen auf der Ebene der Zirkulation, der Verteilung &#8211; abgekoppelt von der Produktion und den dem Kapitalismus innewohnenden Triebfedern &#8211; festzustellen.<br \/>  Marx und Engels entlarvten Mitte des 19. Jahrhunderts den Irrglauben, dass die in der kapitalistischen Produktion wurzelnden Widerspr&uuml;che sich nachtr&auml;glich &uuml;ber eine andere Politik der Verteilung l&ouml;sen lie&szlig;en. Schon im &#8222;Kommunistischen Manifest&#8220; prangern Marx und Engels die &#8222;Epidemie der &uuml;berproduktion&#8220; als Wurzel kapitalistischen &uuml;bels an.<br \/>  Friedrich Engels bringt in seinem Sp&auml;twerk, den franz&ouml;sischen utopischen Sozialisten Charles Fourier zitierend, die Grundprobleme des Kapitalismus auf den Punkt: &#8222;Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgepr&auml;gt, dass Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise plethorique, Krisis aus &uuml;berfluss. In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan vernichtet: das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis; alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die &ouml;konomische Kollision hat ihren H&ouml;hepunkt erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise&#8220; (&#8222;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8220;).<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Krisenursachen<\/span><\/p>\n<p>  Wenn die Nachfrageschw&auml;che nicht der Grund f&uuml;r die Krisen im Kapitalismus ist, was ist dann entscheidend? Ausgangspunkt ist das Privateigentum an den gro&szlig;en Banken und Konzernen, das zu einem m&ouml;rderischen Wettbewerb zwingt. Diese Konkurrenz f&uuml;hrt zur immer weiteren Steigerung der Produktivit&auml;t, zur Einf&uuml;hrung neuer Techniken &#x91; und damit zur Einsparung menschlicher Arbeitskraft. Dabei ist es allein die Arbeit, die neue Werte schafft. Der Anteil von konstantem Kapital (Maschinen und so weiter) in der Produktion nimmt zu, der Anteil lebendiger Arbeit nimmt ab. Dadurch verschlecht sich die Profitsituation relativ &#8211; im Verh&auml;ltnis zum vorgeschossenen Gesamtkapital. Die Profitrate sinkt tendenziell. Mit einer Verschlechterung der Profitbedingungen findet das aufgeh&auml;ufte Kapital immer weniger profitable Anlagem&ouml;glichkeiten und ger&auml;t in eine &uuml;berakkumulationskrise. Aufgrund dessen hat sich der Finanzsektor in gewaltigem Ma&szlig;e aufgebl&auml;ht. An jedem einzelnen Handelstag wechseln Devisenbest&auml;nde von Hunderten von Milliarden US-Dollar den Besitzer. Gelder in unvorstellbarer Gr&ouml;&szlig;enordnung werden tagt&auml;glich um den Globus gejagt.<br \/>  Der tendenzielle Fall der Profit-rate und die strukturelle &uuml;berakkumulation von Kapital sind langfristige Krisenerscheinungen im Ka-pitalismus. Hier kommt der von Engels oben dargestellte Grundwiderspruch zum Ausdruck: auf der einen Seite gesellschaftliche Produktion, auf der anderen Seite private Aneignung.<br \/>  Die Widerspr&uuml;che der kapitalistischen Produktionsweise schlagen zyklisch durch: alle paar Jahre kommt es zu neuen konjunkturellen Auf- und Abschw&uuml;ngen. Da jeder einzelne Kapitalist seine Produktion in Konkurrenz zu &#8211; statt in Absprache mit &#8211; den anderen Kapitalbesitzern betreibt, ist der Aufbau von Ungleichgewichten in Form von &uuml;berproduktion und &uuml;berkapazit&auml;ten unvermeidlich. V&ouml;llig unharmonisch und chaotisch werden Kapazit&auml;ten zerst&ouml;rt, w&auml;hrend parallel neue &uuml;berkapazit&auml;ten aufgebaut werden. General Motors gibt heute zum Beispiel an, 380.000 Autos &uuml;ber die Nachfrage hinaus produzieren zu k&ouml;nnen. &auml;hnliches gilt f&uuml;r andere Autobauer. Trotzdem wurden in den letzten Jahren gleichzeitig neue Werke hochgezogen. Oder nehmen wir den Berliner Einzelhandel: W&auml;hrend bei Karstadt, Spar und Schlecker mehreren H&auml;usern und Filialen das Aus droht, werden zum gleichen Zeitpunkt neue Einkaufscenter errichtet (ob an der Jannowitzbr&uuml;cke, in Steglitz oder anderswo).<br \/>  Es gibt unz&auml;hlige Beispiele f&uuml;r Ungleichgewichte, die auftreten, weil die Wirtschaft im Kapitalismus nicht betriebs- und branchen&uuml;bergreifend geplant wird. So h&auml;ngt die &ouml;lpreisexplosion auch damit zusammen, dass Investitionen im Rohstoffsektor jahrelang vernachl&auml;ssigt wurden, weil andere Beteiligungen, gerade in der sogenannten Neuen &ouml;konomie, h&ouml;here Renditen versprachen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Keynesianische Praxis<\/span><\/p>\n<p>  Im Nachkriegsaufschwung der 50er und 60er Jahre gaben in den meisten f&uuml;hrenden Industriestaaten Keynesianer den Ton an. Sie verfolgten eine Politik staatlicher Interventionen (wie Subventionen von Unternehmen und Branchen), &ouml;ffentliche Investitionsprogramme und waren auf massiven Druck von unten bereit, die soziale Grundsicherung auf Basis einer (begrenzt) progressiven Besteuerung auszubauen. Diese Politik war antizyklisch ausgerichtet: In Abschwungsphasen wurde die Nachfrage gef&ouml;rdert, im Aufschwung sollten Kapitalreserven f&uuml;r die n&auml;chste Krise angespart werden. International galten feste Wechselkurse im Rahmen des Bretton-Woods-Abkommens, das sich auf die dominante Rolle des US-Imperialismus und des Dollars st&uuml;tzte.<br \/>  Diese keynesianisch orientierte Wirtschaftspolitik konnte jedoch weder Krisen meistern noch den Niedergang des Kapitalismus verhindern. Bereits Ende der 60er Jahre galoppierte die Inflation. Anfang der 70er Jahre wurde das Bretton-Woods-System begraben und die Wechselkurse freigegeben. Gleichzeitig wurde der Welthandel st&auml;rker liberalisiert. 1973\/74 st&uuml;rzte die kapitalistische Weltwirtschaft in eine tiefe Krise. In die H&ouml;he schnellende &ouml;lpreise waren der Ausl&ouml;ser, nicht die Ursache. Die Profitraten fielen, zum einen weil die internationale Konkurrenz den Produktivit&auml;tsvorsprung der USA nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend wettmachen konnte, zum anderen weil Westeuropa aufgrund von Lohnerh&ouml;hungen und verbesserten Arbeitsbedingungen seinen Kostenvorteil einb&uuml;&szlig;te. Damit war gerade die gesteigerte Nachfrage, die Profiteinbr&uuml;che verursachte, ein wichtiger Faktor f&uuml;r das Ende des Nachkriegsaufschwungs.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Neoliberalismus<\/span><\/p>\n<p>  Nach der Weltwirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre und den hohen Inflationsraten wendeten sich im-mer mehr Kapitalisten vom Keynesianismus ab und setzten auf neoliberale Politik: Privatisierung, Deregulierung, Lohnsenkungen und Einschnitte in das sogenannte soziale Netz. In b&uuml;rgerlichen Kreisen ist auch davon die Rede, dass sich Keynesianismus und (Neo-)Liberalismus zu einander verhalten wie Ebbe und Flut. Die herrschende Klasse versuchte ihre Profitsituation auf Kosten der arbeitenden Bev&ouml;lkerung zu verbessern: Der Klassenkampf von oben wurde in einem Land nach dem anderen forciert, allen voran in den USA unter Reagan und Britannien unter Thatcher in den 80ern. Der Zusammenbruch des Stalinismus und die Schw&auml;chung der Arbeiterbewegung international machten es dem Kapital leichter, ihre neoliberale Offensive in den 90er Jahren fortzusetzen und zu verst&auml;rken.<br \/>  Egal welche b&uuml;rgerliche Wirtschaftsdoktrin Anwendung fand &#8211; ob Keynesianismus oder Neoliberalismus &#8211; der kapitalistische Niedergang schreitet weiter voran. Arbeitslosenquote, Arbeitsproduktivit&auml;t, &ouml;ffentliche Finanzen, Wirtschaftswachstum &#8211; in allen Bereichen fallen die Zahlen seit 1973\/74 im Vergleich zum Nachkriegsaufschwung schlechter aus. Das durchschnittliche Wachstum zwischen 1950-73 betrug f&uuml;nf Prozent, in den 90er Jahren 2,3 Prozent.<br \/>  Die beispiellose Umverteilung von unten nach oben verhalf den Unternehmern zu einer erneuten Steigerung ihrer Profite. Daf&uuml;r sorgten enorme &uuml;berkapazit&auml;ten und geschw&auml;chter Massenkonsum zu neuen &ouml;konomischen Einbr&uuml;chen. &#x91;W&auml;hrend in dieser Periode (1994-2003) der gesamte Umsatz der 500 gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen um 45 Prozent anstieg, haben sich die Profite beinahe verdreifacht&#x91; (US-Wirtschaftsblatt Fortune). Das widerspricht nicht der Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate. So war die Profitrate auch bei den 500 gr&ouml;&szlig;ten Konzernen der Welt, (deren Umsatzsumme inzwischen knapp 45 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts entspricht), in den 80er Jahren und in der internationalen Rezession 1990-92 gesunken. In den letzten Jahren konnten diese 500 Multis ihre Marktmacht gegen&uuml;ber der Konkurrenz weiter ausbauen.<br \/>  Die heutige Krise versuchen die Gro&szlig;aktion&auml;re und Vorstandsmitglieder nun durch eine versch&auml;rfte Ausbeutung, durch eine Erh&ouml;hung der Mehrwertrate, hinter sich zu lassen: l&auml;ngere Arbeitszeiten, niedrigere L&ouml;hne, weniger Besch&auml;ftigte. DaimlerChrysler, Siemens und General Motors lassen gr&uuml;&szlig;en.<br \/>  Aber was haben die Neokeynesianer anzubieten? Ihre Vorschl&auml;ge laufen darauf hinaus, die Schuldenberge in Schuldengebirge zu verwandeln. Diese Schulden macht der Staat gegen&uuml;ber den Banken und Versicherungen. Hohe Zinss&auml;tze sind den Finanzh&auml;usern garantiert. Die Last dieser Zahlungen hat in jedem Fall die Arbeiterklasse zu tragen. Allein &uuml;ber die Zinszahlungen f&uuml;r die Schulden Berlins gehen Tag f&uuml;r Tag mehr als sechs Millionen Euro an die Banken.<br \/>  Japan spricht B&auml;nde. Dort wurden zehn Jahre lang Hunderte von Milliarden Dollar &ouml;ffentlicher Gelder in die Wirtschaft gesteckt und die Zinsen auf ein Rekordtief abgesenkt, ohne dass die japanischen Unternehmen die Krise in den Griff bekamen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Planwirtschaft<\/span><\/p>\n<p>  Wenn wir darauf verweisen, dass eine Steigerung der Nachfrage keineswegs den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit ins Lot bringt, sondern die Profite schm&auml;lert, dann ist das kein Argument gegen Lohnerh&ouml;hungen und Arbeitzeitverk&uuml;rzungen ohne Lohneinbu&szlig;en. Vielmehr ist es ein Argument gegen die Illusion, eine L&ouml;sung innerhalb des kapitalistischen Systems finden zu k&ouml;nnen.<br \/>  GewerkschafterInnen und Mitglieder der WASG d&uuml;rfen sich nicht die K&ouml;pfe der Kapitalisten zerbrechen. Die Marktwirtschaft ist ein krisenhaftes, chaotisches System. Die kapitalistische Gesellschaft ger&auml;t regelm&auml;&szlig;ig in Krisen, nicht weil sie zu wenig, sondern weil sie zuviel herstellen kann. Immer wieder entsteht &uuml;berproduktion, gemessen an der vorhandenen Kaufkraft &#8211; nicht gemessen an den Bed&uuml;rfnissen. Der Kapitalismus ist damit die erste Wirtschafts- und Gesellschaftsform in der Geschichte der Menschheit, in der Krisen nicht der Ausdruck von akutem Mangel, sondern von akutem &uuml;berfluss sind. Das zeigt nicht nur die Unf&auml;higkeit und Verschwendung des Profitsystems auf, sondern macht auch deutlich, dass die M&ouml;glichkeiten existieren, f&uuml;r alle Menschen eine gute Ausbildung, eine sinnvolle Arbeit und ein lohnenswertes Leben zu realisieren.<br \/>  Krisen lassen sich &uuml;berwinden &#8211; wenn die Wirtschaft demokratisch geplant wird. Wenn Privateigentum und die Dschungelgesetze der Konkurrenz ausgeschaltet sind, dann kann der Bedarf gesamtgesellschaftlich ermittelt und, im Einklang mit der Natur, hergestellt werden. Auf Basis einer demokratischen Planwirtschaft w&auml;re es m&ouml;glich, mit schwacher Kapazit&auml;tsauslastung und Werkschlie&szlig;ungen bei gleichzeitigem Mangel und einem Millionenheer von Erwerbslosen Schluss zu machen. Wenn eine sozialistische Gesellschaft das kapitalistische System abl&ouml;sen w&uuml;rde, k&ouml;nnten technischer Fortschritt und Produktivit&auml;tssteigerungen endlich im Interesse von Mensch und Umwelt genutzt werden.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Aron Amm, Mitglied der Bundesleitung der SAV<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welcher Ausweg aus der Krise?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[94],"tags":[270,165],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11059"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11059"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11059\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}