{"id":11014,"date":"2004-10-01T18:17:15","date_gmt":"2004-10-01T18:17:15","guid":{"rendered":".\/?p=11014"},"modified":"2004-10-01T18:17:15","modified_gmt":"2004-10-01T18:17:15","slug":"11014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/10\/11014\/","title":{"rendered":"Nazis im Landtag &#x96; Zeit zu k&auml;mpfen!"},"content":{"rendered":"<p>Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg brachten gro&szlig;en Stimmenzulauf f&uuml;r DVU und NPD &#8211; warum?<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAm 19. September zog die neofaschistische NPD erstmals seit 36 Jahren wieder in ein bundesdeutsches Landesparlament ein. Mit 9,2 Prozent liegt die Nazipartei prozentual fast gleichauf mit der Hartz-SPD, die nur noch auf 9,8 Prozent kam. Gleichzeitig schaffte die ebenfalls neonazistische DVU bei den zeitgleichen Landtagswahlen in Brandenburg den Wiedereinzug mit knapp 6 Prozent der Stimmen.<br \/>  Der Wahlabend vom 19. September kannte keine Verlierer. Die PDS freute sich, die einzige Partei des alten s&auml;chsischen Landtages zu sein, die keine Verluste zu beklagen hatte. Das Minus von &#x84;nur&#x93; 7,4 Prozent in Brandenburg feierten die Sozialdemokraten wie einen Sieg und kehrten dabei gern das einstellige Ergebnis in Sachsen unter den Teppich. Gl&uuml;cklich war auch die CDU, der weitere f&uuml;nf Regierungsjahre in Sachsen und wahrscheinlich auch in Brandenburg ins Haus stehen. Da sind ihre horrenden Verluste eher Nebensache.<\/p>\n<p>  Nazis in den Parlamenten<\/p>\n<p>  Bei so viel Lobhudelei blieb nur noch wenig Zeit, sich mit dem Einzug der NPD in den s&auml;chsischen und dem wiederholten Einzug der DVU in den brandenburgischen Landtag zu befassen. In einigen Teilen Sachsens hatten bis zu einem Viertel (!) der W&auml;hlerInnen den Nazis ihre Stimme gegeben.<br \/>  Dieses Ergebnis hat drei Wurzeln: Zum einen ist es Ausdruck der tiefen &ouml;konomischen und sozialen Krise in Deutschland, zugespitzt in Ostdeutschland. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage eines Auswegs aus der kapitalistischen Misere radikal. Zum zweiten sorgt der staatliche Rassismus und Nationalismus daf&uuml;r, solche Argumente zu verbreiten. Wenn der Kampf um den Standort Deutschland mit allen Mitteln gef&uuml;hrt werden soll, dann bieten die Nazis die radikalsten. Wenn Schily afrikanische Fl&uuml;chtlinge mit Lagern und Stacheldraht schon in Afrika ohne jegliche Rechte, ohne Asylgesetzgebung und Widerspruchm&ouml;glichkeiten vor Gerichten von der Festung Europa fern halten und zur&uuml;ckschicken will, dann k&ouml;nnen das die Nazis kaum besser. <br \/>  Zum dritten ist dieses Ergebnis ein Ausdruck der Schw&auml;che auf der Linken, einen Ausweg aus der Diktatur der Banken und Konzerne aufzuzeigen. Die PDS wird vielfach nicht als &#x84;Anti-Hartz-Partei&#x93; wahrgenommen. Hierzu tragen ihre Regierungsbeteiligungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ebenso bei wie ihr katastrophaler Wahlkampf in Sachsen. Es gab nicht einmal Plakate gegen Hartz IV, Agenda 2010 und die&nbsp; Gesundheitsreform. Das machte sich die NPD zunutze.<\/p>\n<p>  Soziale Demagogie<\/p>\n<p>  Die NPD schiebt die Schuld f&uuml;r Verarmung den hier lebenden ImmigrantInnen zu und deckt somit jene, die daf&uuml;r wirklich verantwortlich sind. Nicht ein polnischer Kollege will die Sozialhilfe abschaffen, sondern deutsche Politiker. Die NPD schreibt in ihrem s&auml;chsischen Wahlprogramm 2004, Hartz IV sei eine &#x84;Fehlkonstruktion&#x93;. F&uuml;r deutsche Unternehmer ist Hartz IV keine &#x84;Fehlkonstruktion&#x93;. Sie freuen sich schon jetzt auf billige Arbeitskr&auml;fte, die f&uuml;r einen Euro die Stunde arbeiten m&uuml;ssen. Das werden sie nutzen, um tariflich Besch&auml;ftigte unter Druck zu setzen, f&uuml;r weniger Lohn und l&auml;nger zu arbeiten.<br \/>  Noch deutlicher enth&uuml;llte die NPD ihr unsoziales Gesicht im Landtagswahlprogramm vor f&uuml;nf Jahren. Darin wollte sie noch Erwerbslose zu &#x84;gemeinn&uuml;tzigen Arbeiten und Arbeitsf&ouml;rderungsprogrammen&#x93; heranziehen &#x96; also den Niedriglohnsektor ausbauen &#x96; genauso wie es jetzt Hartz IV vorsieht.<\/p>\n<p>  Nazis raus aus sozialen Protesten! <\/p>\n<p>  Die NPD erkl&auml;rt gern, &#x84;antikapitalistisch&#x93; und &#x84;sozial&#x93; zu sein. Doch sie ist das genaue Gegenteil! Statt alle ArbeiterInnen und Arbeitslose im Kampf gegen Hartz IV zu vereinen, spaltet sie diese nach Nationalit&auml;t, Religion und Hautfarbe. Deshalb haben Nazis in sozialen Protesten wie den Montagsdemos&nbsp; nichts zu suchen. Wir m&uuml;ssen sie daran hindern, diese f&uuml;r ihre Zwecke zu missbrauchen. Auf den Montagsdemos muss die Politik der Nazis entlarvt und geschlossen gegen diese vorgegangen werden. Der Aufbau von starken Ordnerdiensten ist n&ouml;tig. <br \/>  Die Weigerung der Gewerkschaftsspitzen, f&uuml;r die Montagsdemos und den 2. Oktober zu mobilisieren und Antworten jenseits der Herrschaft der Profite aufzuzeigen, ist hier mitverantwortlich daf&uuml;r, den Nazis bei r&uuml;ckst&auml;ndigeren Teilen Einflussm&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnet zu haben.<\/p>\n<p>  Wie weiter?<\/p>\n<p>  Die Wahlen in Brandenburg und Sachsen haben gezeigt, dass soziale Proteste und der Kampf gegen Nazis und Rassisten untrennbar miteinander verbunden sind! Nur wenn wir L&ouml;sungen f&uuml;r die sozialen Probleme zeigen, werden wir weiteren Zulauf f&uuml;r die braunen Rattenf&auml;ngern verhindern k&ouml;nnen. Wir m&uuml;ssen ihre L&uuml;gen widerlegen.<br \/>  Deshalb kann der Kampf gegen Nazis nicht gemeinsam mit Parteien gef&uuml;hrt werden, die f&uuml;r Sozialabbau stehen, das rassistische Zuwanderungsgesetz mittragen und auf diese Weise Rassismus unter die Bev&ouml;lkerung streuen. Dies erm&ouml;glicht &uuml;berhaupt erst Wahlergebnisse wie jenes vom 19. September.<br \/>  Mehr denn je ist es notwendig eine neue Partei aufzubauen, die Erwerbslose, Erwerbst&auml;tige, Jugendliche und MigrantInnen im Kampf gegen Sozialabbau und Rassismus vereint! Denn diesen Kampf k&ouml;nnen wir nur gemeinsam f&uuml;hren &#x96; auf Staat und Polizei brauchen wir nicht zu hoffen. <br \/>  <span style=\"font-style: italic;\"><br \/>  von Steve K&uuml;hne, Dresden<\/span><\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Nicht aus heiterem Himmel<\/span> <br \/>  Zum Wahlerfolg der NPD in Sachsen<\/p>\n<p>  Vor gut zehn Jahren begann die NPD mit der Ausarbeitung ihres &#x84;Drei-S&auml;ulen-Konzepts&#x93;: &#x84;Kampf um die Stra&szlig;e, Kampf um die K&ouml;pfe, Kampf um die Parlamente&#x93; &#x96; Teil dieses Konzeptes ist auch die Errichtung sogenannter &#x84;National befreiter Zonen&#x93;, in denen die Neonazis das Stra&szlig;enbild dominieren und die Alltags(jugend)kultur beherrschen. Einer der regionalen Schwerpunkte war von Anfang an Sachsen.&nbsp; <br \/>  Der Erfolg der beiden miteinander kooperierenden Naziparteien DVU und NPD in Brandenburg und Sachsen kam nicht &uuml;berraschend und auch nicht aus heiterem Himmel. Bereits bei den Wahlen im Saarland, die zwei Wochen vor den Urneng&auml;ngen in den ostdeutschen Bundesl&auml;nder stattfanden, war die NPD aus dem Stand auf vier Prozent gekommen, ihrem bis dahin h&ouml;chsten Landtagswahlergebnis seit 1968; zwischen 1966 und 1968 hatte die 1964 gegr&uuml;ndete NPD den Einzug in sieben Landesparlamente geschafft und war bei der Bundestagswahl 1969 nur knapp an der F&uuml;nf-Prozent-Marke gescheitert.<br \/>  Finanziell nach der Europawahl vom Juni diesen Jahres mit rund einer Million Euro aus der Staatskasse bestens ausgestattet, f&uuml;hrten die Neonazis im Freistaat einen sehr aufwendigen Wahlkampf: In Millionenauflage wurden Zeitungen und Flugbl&auml;tter mit neonazistischer Propaganda, Hunderttausende von Wahlplakaten und sogar ein Flugzeug mit Schleppbanner eingesetzt. <br \/>  Bereits die letzten Kommunalwahlen in Sachsen zeigten, wie stark die NPD in der &#x84;Mitte der Gesellschaft&#x93; verankert ist &#x96; in kleineren und mittleren St&auml;dten kam sie auf bis zu 25 Prozent der Stimmen, in der Landeshauptstadt Dresden schaffte sie unter der Bezeichnung &#x84;Nationales B&uuml;ndnis Dresden&#x93; mit vier Prozent den Sprung in den Stadtrat. Ihre Kandidaten &#x96; unter ihnen &Auml;rzte, Handwerker, Fahrlehrer, Angestellte &#x96; organisieren in ihren Schwerpunktgebieten schon seit Jahren vermeintliche &#x84;Nachbarschaftshilfen&#x93; und versuchen sich sozusagen als die &#x84;netten Nazis von nebenan&#x93; zu verkaufen.&nbsp; <br \/>  Ein besonderes Augenmerk legte die NPD auch bei diesem Landtagswahlkampf auf einen regelrechten &#x84;Kulturkampf von rechts&#x93;, so wurden von der Partei noch kurz vor dem Wahltag etwa 30.000 CDs mit neonazistischen Liedern und einem entsprechenden Beiheft an Jung- und Erstw&auml;hler verteilt. Bundesweit l&auml;uft derzeit eine &auml;hnliche Kampagne vornehmlich aus den Reihen der gewaltt&auml;tigen und eng mit der NPD verbundenen &#x84;Freien Kameradschaften&#x93;, in deren Rahmen unter dem Titel &#x84;Aktion Schulhof&#x93; etwa 250.000 gepresste CDs und eine unbekannte Anzahl gebrannter CDs mit einschl&auml;giger Musik und einem ebenfalls dazu passenden Beiheft in der N&auml;he von Schulen an Jugendliche kostenlos verteilt werden. <br \/>  Auch hier zeigt sich, dass das Konzept der Neonazis nicht ganz erfolglos ist &#x96; subkulturelle Elemente und der Aufbau einer regelrechten Erlebniskultur verfehlen ihr Ziel nicht, zumal die Neonazis auch weiterhin sicher sein k&ouml;nnen, dass ihre Agitation im Zusammenhang mit den Spaltungsstrategien der Herrschenden steht, die darauf abzielt, Menschen gegeneinander auszuspielen (zum Beispiel EinwandererInnen gegen NichteinwanderInnen, Ost- gegen Westdeutsche). <br \/>  Dazu kommt, dass der NPD-Erfolg den f&uuml;r Sozialraub verantwortlichen Agenda-2010-Parteien gut in das Konzept passt, den Widerstand gegen die Angriffe auf die Lebensverh&auml;ltnisse der Menschen, etwa in Form der Montagsdemonstrationen, zu diskreditieren. Bereits vor den Wahlen war es auff&auml;llig, wie sehr man sich bem&uuml;hte, in denunziatorischer Absicht die Proteste gegen Hartz IV in Verbindung mit den Nazifaschisten zu bringen. <br \/>  So wurden ma&szlig;gebliche Vertreter der Agenda-Parteien nicht m&uuml;de, die MontagsdemonstrantInnen als &#x84;von Linksextremisten und Nazis aufgehetzt&#x93;, zu beschimpfen und zu beleidigen. Das Wissenschaftszentrum Berlin analysiert dagegen, dass die NPD nur von gut zwei Prozent der Montagsdemonstranten in Berlin, Leipzig, Magdeburg und Dortmund gew&auml;hlt w&uuml;rde.<br \/>  Der 19. September hat daneben eine bereits zu beobachtende Entwicklung best&auml;rkt: Die Bedeutung der NPD, der am aggressivsten auftretenden neofaschistischen Partei, innerhalb des braunen Sumpfes ist deutlich gest&auml;rkt worden, und die Strategie der beiden braunen Parteien DVU und NPD, sich bei Wahlen abzusprechen und nicht mehr gegenseitig Konkurrenz zu machen, soll mit Hinblick auf die Bundestagswahl 2006 fortgesetzt werden.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von J&ouml;rg Fischer, Berlin\/K&ouml;ln<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg brachten gro&szlig;en Stimmenzulauf f&uuml;r DVU und NPD &#8211; warum?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[164],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11014"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11014"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11014\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11014"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11014"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}