{"id":11010,"date":"2004-10-02T18:02:39","date_gmt":"2004-10-02T18:02:39","guid":{"rendered":".\/?p=11010"},"modified":"2004-10-02T18:02:39","modified_gmt":"2004-10-02T18:02:39","slug":"11010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/10\/11010\/","title":{"rendered":"Hartz IV und Sozialraub international"},"content":{"rendered":"<p>Hartz ist keineswegs typisch deutsch. Niedrigl&ouml;hne und Massenarmut sind heute ein weltweites Ph&auml;nomen<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDer Spiegel titelte Mitte September &#x84;Jammertal Ost&#x93;. Darin hei&szlig;t es: &#x84;Markierte der 9. November 1989 das Ende des Kalten Krieges, so markiert Hartz IV das Ende der DDR. Auch deshalb ist das Gesetz ein Schock f&uuml;r viele Ostdeutsche.&#x93; Angeblich k&ouml;nnen sich die Ostdeutschen vom &#x84;Paternalismus&#x93; nur schwer trennen, angeblich &#x84;wurde der Sozialstaat so &uuml;ppig ausgebaut&#x93; wie nirgendwo sonst in der Welt.<br \/>  Unsinn. Der Kapitalismus steckt nicht nur in Deutschland im Schlamassel. Egal in welches kapitalistische Industrieland man schaut, &uuml;berall wird die Krise des Systems auf dem R&uuml;cken der Erwerbst&auml;tigen und Erwerbslosen abgew&auml;lzt.<br \/>  Das deutsche Kapital sieht sich im internationalen Vergleich im Hintertreffen. Mit der &#x84;Agenda 2010&#x93; soll Deutschland durch eine weitgehende Zerschlagung der sozialen Sicherungssysteme gegen&uuml;ber der Konkurrenz auf dem Weltmarkt fit gemacht werden und als st&auml;rkste imperialistische Macht Europas Nordamerika und den f&uuml;hrenden asiatischen Wirtschaftsm&auml;chten Paroli bieten k&ouml;nnen.<br \/>  In vielen Staaten wurden bereits in den letzten Jahren Ma&szlig;nahmen wie in Deutschland mit Hartz IV ergriffen: Verarmungsprogramme, Zwangsarbeit und der massive Ausbau der Niedriglohnsektoren.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">USA<\/span><\/p>\n<p>  Vom Tellerw&auml;scher zum Million&auml;r&#8230; &#x96; der &#x84;amerikanische Traum&#x93; war nie mehr als ein Wunschtraum. Heute geht es f&uuml;r einen Tellerw&auml;scher im &#x84;Land der unbegrenzten M&ouml;glichkeiten&#x93; aber noch seltener um Aufstiegsm&ouml;glichkeiten, es hei&szlig;t eher: Vom Tellerw&auml;scher&#8230; zum Tellerw&auml;scher mit ein oder zwei Nebenjobs, um &uuml;berhaupt &uuml;ber die Runden zu kommen.<br \/>  In Deutschland drohen amerikanische Verh&auml;ltnisse. Was soll man sich darunter vorstellen? Zum Beispiel, dass im reichsten Land der Welt 45 Millionen nicht krankenversichert sind.<br \/>  5,6 Prozent betr&auml;gt die Arbeitslosenquote in den USA. Was dabei gerne von b&uuml;rgerlicher Seite verschwiegen wird: Der Niedriglohnsektor in den USA hat bereits solche Ausma&szlig;e angenommen, dass oft-mals der Lohn von einem Job nicht zum &Uuml;berleben reicht. Daher werden immer mehr Leute dazu getrieben, mehrere schlecht bezahlte Billigjobs anzunehmen.<br \/>  In Unternehmen mit weniger als 100 Besch&auml;ftigten existiert kein gesetzlicher K&uuml;ndigungsschutz und auch in gr&ouml;&szlig;eren Unternehmen ist dieser mangelhaft. Um den Druck auf Erwerbslose hoch zu halten, wird nur noch 26 Wochen lang Arbeitslosengeld gezahlt; eine anschlie&szlig;ende Arbeitslosenhilfe gibt es nicht. Es ist m&ouml;glich, nach f&uuml;nf Jahren &uuml;berhaupt keine &#x84;St&uuml;tze&#x93; mehr zu erhalten. Rund zwei Drittel der Erwerbslosen bekommt durch versch&auml;rfte Bewilligungskriterien auch gar keine Leistung mehr.<br \/>  Zur ersten gro&szlig;en Angriffswelle gegen Erwerbslose und Lohnabh&auml;ngige kam es unter US-Pr&auml;sident Ronald Reagan in den 80er Jahren. Reagan, der zu Beginn seiner Amtszeit einen Fluglotsenstreik brutal abw&uuml;rgte, geh&ouml;rte zusammen mit der Premierministerin Maggie Thatcher in Britannien, die mit Polizeigewalt gegen den Bergarbeiterkampf 1984 \/ 85 vorging, weltweit zu den Vorreitern des Neoliberalismus. Neben Thatcher und Reagan versuchten andere b&uuml;rgerliche Regierungen in den 80er Jahren nachzuziehen. Im Zuge des Zusammenbruchs des Stalinismus, dem dramatischen Rechtsruck an der Spitze der traditionellen Arbeiterorganisationen und einer politischen Schw&auml;chung der Arbeiterbewegung und der Linken wurde diese neoliberale Offensive in den 90er Jahren international weiter forciert. <br \/>  In den USA begann die Regierung der Demokraten unter dem Pr&auml;sidenten Bill Clinton 1996 das Sozialsystem der USA grundlegend umzukrempeln. Das Programm bekam den harmlos klingenden Namen &#x84;Welfare to Work&#x93;. Dass dieses System mit Wohlfahrt nicht mehr viel zu tun hatte, l&auml;sst sich leicht am Beispiel des Bundesstaats Wisconsin belegen. Dort haben arbeitsf&auml;hige Erwachsene gar kein Anrecht mehr auf staatliche Leistungen, stattdessen m&uuml;ssen sie jede Arbeit annehmen, die angeboten wird oder an sogenannten &#x84;Qualifizierungsma&szlig;nahmen&#x93; teilnehmen, was das Gleiche in gr&uuml;n ist. Arbeitslose werden vom Staat als moderne Lohnsklaven an Unternehmer vermittelt, ohne jede M&ouml;glichkeit, sich dagegen zu wehren.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">D&auml;nemark<\/span><\/p>\n<p>  In D&auml;nemark liegt die Arbeitslosenquote momentan bei rund f&uuml;nf Prozent, in Deutschland liegt die Quote offiziell bei elf Prozent. Die d&auml;nische Wirtschaft weist neben Schweden zwar die h&ouml;chste Staatsquote auf, die staatlichen Ausgaben erreichen weit mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Aber D&auml;nemark zeigt, dass die skandinavischen L&auml;nder aus kapitalistischer Sicht schon stark aufgeholt haben.<br \/>  So muss nach sp&auml;testens einem Jahr ein d&auml;nischer Arbeitsloser an sogenannten &#x84;Wiedereingliederungsma&szlig;nahmen&#x93; teilnehmen; egal, ob diese Ma&szlig;nahmen einen Sinn haben oder nicht. Wer diese Ma&szlig;nahmen ablehnt, dem werden erst einmal f&uuml;r f&uuml;nf Wochen s&auml;mtliche sozialen Leistungen komplett gestrichen.<br \/>  Auch die Zumutbarkeitsregelungen versprechen nichts Gutes: Wesentlich niedrigere L&ouml;hne und schlechtere Arbeitsbedingungen m&uuml;ssen genauso hingenommen werden wie die zugemuteten vier Stunden Arbeitsweg t&auml;glich. F&uuml;r das kleine D&auml;nemark bedeutet das, dass man in fast allen Ecken des Landes einen Job annehmen muss.<br \/>  Forciert hat der d&auml;nische Staat seinen Kampf gegen die Arbeitslosen bereits Anfang der 80er Jahre. Ende 1982 griff die Regierung das Recht von Teilzeitbesch&auml;ftigten auf Arbeitslosenunterst&uuml;tzung an &#x96; mit Erfolg. 1988 wurde angefangen, f&uuml;r bestimmte Gruppen einen Arbeitszwang einzuf&uuml;hren; wer nicht &#x84;will&#x93;, bekommt kein Geld. Heute greift diese Verfahrensweise bei allen, die ohne Erwerb sind. Was f&uuml;r Bl&uuml;ten das treiben kann, zeigt die d&auml;nische Gemeinde Frederikssund: Dort wurden Arbeitslose &uuml;ber ein kommunales Programm an eine Firma &#x84;verliehen&#x93;, nat&uuml;rlich f&uuml;r einen Billiglohn und ohne gewerkschaftliche Rechte.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Niederlande<\/span><\/p>\n<p>  Die Arbeitslosenquote der Niederlande unterbot die Quote D&auml;nemarks in den letzten Jahren. Ma&szlig;geblicher Grund ist der starke Ausbau des Niedriglohnsektors in den Niederlanden und die weit vorangetriebene &#x84;Flexibilisierung&#x93;. Auch der Leiharbeiterbereich, bei der den Besch&auml;ftigten oftmals Jobs mit wesentlich schlechteren Arbeitsbedingungen und L&ouml;hnen zugemutet werden, ist enorm ausgebaut worden. <br \/>  Im ersten halben Jahr der Arbeitslosigkeit kann man auf einen Job zu den fr&uuml;heren Konditionen bestehen, schlechtere Angebote kann man ablehnen; es sei denn, in dem schlechter bezahlten Job ist ein Aufstieg auf das alte Niveau absehbar, (das Gegenteil zu beweisen d&uuml;rfte dem Arbeitssuchenden nicht gerade leicht fallen). Die t&auml;gliche Fahrzeit zum Arbeitsplatz kann bis zu drei Stunden betragen. Ein m&ouml;glicher Umzug ist auch kein Grund, einen Job ablehnen zu d&uuml;rfen. Danach gibt es drei Stufen der Zumutbarkeit. Die letzte Stufe, die nach 18 Monaten Erwerbslosigkeit gilt, sieht alle Jobs als zumutbar an. Als Sanktion bei Verweigerung eines Jobs oder anderer &#x84;Vergehen&#x93; kann eine Sperrung bis zu 16 Wochen erfolgen. Wer einen Arbeitsplatz &#x84;selbstverschuldet&#x93; verliert, hat keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterst&uuml;tzung mehr; sogar die zustehende Sozialhilfe wird gek&uuml;rzt.<br \/>  In den letzten Jahren hat die niederl&auml;ndische Regierung bereits eine Vielzahl von Mehrbelastungen im sozialen Bereich durchgedr&uuml;ckt. Aber damit gibt sich die Regierung in Den Haag noch lange nicht zufrieden. In ihrer j&auml;hrlich &uuml;blichen Thronrede stellte K&ouml;nigin Beatrix klar, welcher Kurs gefahren werden soll: zuallererst weitere Steuererleichterungen f&uuml;r die Unternehmer (die K&ouml;rperschaftssteuer soll von 34 auf 30 Prozent sinken), etwas, was in Deutschland auch zunehmend in b&uuml;rgerlichen Kreisen diskutiert wird. Au&szlig;erdem sind drastische K&uuml;rzungen von Sozialleistungen und Arbeitslosengeld, h&ouml;here Steuern und Abgaben f&uuml;r Otto-Normalverbraucher sowie massive Einschnitte bei Arbeitslosengeld und Erwerbsunf&auml;higkeitsrente angedacht. Das Renteneintrittsalter soll m&ouml;glicherweise von 65 auf 67 Jahre angehoben werden. Anfang Juli wurden schon die Rentenbeitr&auml;ge angehoben. Genau wie in Deutschland sind die Leistungen der Krankenversicherung im Visier. So m&uuml;ssen PatientInnen k&uuml;nftig Zahnarztkosten zus&auml;tzlich selbst versichern; die Versicherung soll schlie&szlig;lich aber auf eine &#x84;zweite S&auml;ule&#x93; von Eigenbeteiligung und privater Vorsorge gestellt werden. Dar&uuml;berhinaus ist in der Diskussion, die Arbeitswoche zu verl&auml;ngern &#x96; von in etwa 36 auf 40 Stunden.<br \/>  Diese Rotstiftpolitik droht vor dem Hintergrund von &ouml;konomischer Rezession und Stagnation. Die Zahl der Arbeitslosen verdoppelte sich in den letzten Jahren beinahe von 252.000 auf 495.000. Wie anderswo werden die Maastricht-Kritierien der Europ&auml;ischen Union, konkret die Drei-Prozent-Neuverschuldungsgrenze, bem&uuml;ht, um die Regierungspl&auml;ne als unvermeidlich darzustellen. Im Handelsblatt vom 22. September hei&szlig;t es dazu: &#x84;Deshalb stellt man sich auf Reformen ein, die dem Hartz-Paket &auml;hneln.&#x93; Und weiter: &#x84;Die Gewerkschaften haben einen &#x91;hei&szlig;en Herbst&#x92; angek&uuml;ndigt.&#x93;<br \/>  Jahrelang lie&szlig;en sich die Gewerkschaftsspitzen einbinden. Mit Wim Kok stand ein ehemaliger Gewerkschaftsvorsitzender an der Regierungsspitze. Das angeblich sozialpartnerschaftliche Polder-Modell diente vor einigen Jahren noch dazu, den Sozialabbau durch die Einbindung der Gewerkschaften zu deckeln. Doch der Kahlschlag unter dem Christdemokraten Balkenende und der Beteiligung von liberalen Parteien zwingt auch die niederl&auml;ndische Gewerkschaftsb&uuml;rokratie zu Protesten.<br \/>  Widerstandslos wird die Regierung in Den Haag ihre Projekte jedenfalls nicht durchziehen k&ouml;nnen. Am 20. September wurde der gr&ouml;&szlig;te Hafen der Welt, der Hafen von Rotterdam bestreikt, 60.000 GewerkschafterInnen demonstrierten in der Innenstadt. Bei Heineken in Zoeterwounde wurde kein Bier gebraut. Wie in der Bundesrepublik wurde f&uuml;r den 2. Oktober eine nationale Gro&szlig;demonstration in Amsterdam angesetzt. Am 20. September 2003 wurde in den Niederlanden eine der gr&ouml;&szlig;ten Demos seit Jahren mit 20.000 gegen Sozialklau von unten auf die Beine gestellt.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Internationaler Kampf<\/span><\/p>\n<p>  Nicht nur in Deutschland wird die Krise des kapitalistischen Systems auf die arbeitenden und erwerbslosen Menschen abgew&auml;lzt.<br \/>  Diese international &auml;hnliche Politik der Herrschenden sollte in der ganzen Arbeiterbewegung bekannt gemacht werden. Vor allem aber m&uuml;ssen die Beispiele f&uuml;r Gegenwehr Verbreitung finden. Zu Protestkundgebungen in der BRD sollten streikende Fiat-ArbeiterInnen aus Italien oder k&auml;mpferische WerftarbeiterInnen aus den Niederlanden als RednerInnen eingeladen werden. Solidarit&auml;tskampagnen zur Unterst&uuml;tzung von Arbeitsk&auml;mpfen m&uuml;ssen gestartet werden.<br \/>  Wichtiger noch ist dar&uuml;ber hinaus aber, sich nicht gegenseitig ausspielen zu lassen und die Lohn- und Sozialspirale nach unten zu stoppen. N&ouml;tig ist ein gemeinsamer, zun&auml;chst europaweiter Kampf gegen Arbeitslosigkeit und f&uuml;r eine drastische Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich. N&ouml;tig ist ein gemeinsamer Kampf aller vom Sozialabbau Betroffenen, unabh&auml;ngig von Nationalit&auml;t, Hautfarbe oder Religion.<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Christian Reichow, Berlin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartz ist keineswegs typisch deutsch. 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