{"id":11009,"date":"2004-10-04T18:01:26","date_gmt":"2004-10-04T18:01:26","guid":{"rendered":".\/?p=11009"},"modified":"2004-10-04T18:01:26","modified_gmt":"2004-10-04T18:01:26","slug":"11009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/10\/11009\/","title":{"rendered":"Wir sind immer noch das Volk"},"content":{"rendered":"<p>Montagsdemonstrationen 1989 und 2004<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n15 Jahre nachdem das SED-Regime durch eine Massenbewegung gest&uuml;rzt wurde, gingen wieder Zehntausende in vielen ostdeutschen St&auml;dten auf die Stra&szlig;e. Damals wie heute sehen sie keine Perspektive mehr und haben die Schnauze voll von der Verlogenheit der Politiker, die Wasser predigen und Wein saufen. Demonstrierende erinnern die Herrschenden mit einem einzigen Satz daran, wie m&auml;chtig eine Bewegung werden kann: ?Wir sind das Volk?.<br \/> In den 80er Jahren steckten die stalinistischen L&auml;nder in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Dort gab es keinen einzigen Tag Sozialismus. Die Diktatur einer abgehobenen B&uuml;rokratie ? zum Beispiel der SED oder der KPdSU ? l&auml;hmte die ganze Gesellschaft. Sozialismus beruht darauf, dass die gro&szlig;en Konzerne und Banken in &ouml;ffentliches Eigentum bei demokratischer Kontrolle und Verwaltung &uuml;berf&uuml;hrt werden. Wenn der Profitterror ausgeschaltet ist, kann demokratisch entschieden werden, was und wie produziert, gearbeitet und gelebt wird. Das Fehlen jeglicher Demokratie, das Unterdr&uuml;cken jeglicher Eigeninitiative von unten ? das waren die entscheidenden Fesseln, an denen diese L&auml;nder auch wirtschaftlich krankten. &nbsp;<br \/> Die Herrschenden der einzelnen L&auml;nder gingen auf unterschiedliche Weise mit dieser Krise um. So versuchte Gorbatschow in der Sowjetunion durch einige Reformen die Unzufriedenheit zu kanalisieren ? ohne dass die Positionen der B&uuml;rokratie angetastet wurden. In der DDR schaltete das SED-Politb&uuml;ro auf Durchhalten und schritt bei einzelnen Protesten hart ein. Die Situation spitzte sich zu, als im Sommer ?89 Zehntausende die DDR Richtung Westen verlie&szlig;en und die DDR-F&uuml;hrung allenfalls abf&auml;llige Bemerkungen f&uuml;r diese Leute &uuml;brig hatte. <br \/> Daraufhin fand am 4. September die erste Montagsdemo in Leipzig mit 1.200 TeilnehmerInnen statt. Trotz der Gefahr verhaftet zu werden, gingen drei Wochen sp&auml;ter schon 8.000 und am 2. Oktober 20.000 Menschen in Leipzig auf die Stra&szlig;e. Bald hie&szlig; es: ?Wir bleiben hier? ? und k&auml;mpfen f&uuml;r demokratische Verh&auml;ltnisse. Die Montagsdemos breiteten sich dann im Oktober auf das ganze Land aus.<br \/> Der Slogan, der auf allen Demos am h&auml;ufigsten gerufen wurde, war ?Wir sind das Volk?. Mit diesem Satz wurde der DDR- Regierung das Recht abgesprochen, weiter im Namen des Volkes zu regieren.<\/p>\n<p> F&uuml;r eine sozialistische Demokratie<\/p>\n<p> Im Oktober und November ?89 breitete sich die Bewegung auf alle Teile der Gesellschaft aus. Der Geist der Revolution, das Wissen und das Gef&uuml;hl, dass wir jetzt die Chance und auch die M&ouml;glichkeit haben, die Gesellschaft zu ver&auml;ndern, erfasste Millionen. Am 4. November fand die gr&ouml;&szlig;te Demo mit &uuml;ber einer Million TeilnehmerInnen auf dem Alexanderplatz in Berlin statt. Und dort erhielt Christa Wolf tosenden Beifall, als sie ausrief: ?Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner l&auml;uft weg!?<br \/> Doch die Stimmung &auml;nderte sich im Dezember\/Januar. Obwohl viele Menschen eine sozialistische Demokratie wollten, wussten die allerwenigsten, wie diese genau aussehen soll. Es gab auch keine gro&szlig;e organisierte Kraft, die ein Programm daf&uuml;r vorschlug, wie eine solche Gesellschaft erreicht werden kann. Hinzu kam, dass zu diesem Zeitpunkt das Ausma&szlig; der wirtschaftlichen Krise, aber auch der Privilegien und Korruption der DDR-F&uuml;hrung deutlich wurde. Mangels Alternative sahen dann immer mehr Menschen die Einf&uuml;hrung der Marktwirtschaft und damit auch die Wiedervereinigung als den einzigen Weg zu einer schnellen Hebung des Lebensstandards. Unterst&uuml;tzt wurden diese Illusionen durch die Versprechungen der Politiker.<\/p>\n<p> Montagsdemos 2004<\/p>\n<p> Heute, 15 Jahre danach, gehen wieder Zehntausende in vielen ostdeutschen St&auml;dten auf die Stra&szlig;e. Und es geht nicht nur um Hartz. Viele Menschen sind entt&auml;uscht dar&uuml;ber, was die Marktwirtschaft ihnen gebracht hat. Und sie trauen den Politikern heute genauso wenig, wie sie der alten SED-F&uuml;hrung getraut haben.<br \/> Doch anders als ?89 reichen heute Demonstrationen alleine nicht aus. Die Regierung in der DDR vertrat vor allem ihre eigene Macht und ihre Privilegien. Die Herrschenden st&uuml;tzten dabei ihre Macht auf die Passivit&auml;t der Massen. Diese wurde durch Repressionen und Gewalt, unter anderem auch durch das Verbot, sich zu organisieren, erreicht. Da das sowjetische Milit&auml;r aufgrund der tiefen Krise in der UdSSR im Herbst ?89&nbsp; nicht gegen die Massenproteste einschreiten konnte, hing das Honecker-Regime schnell in der Luft. &nbsp;<br \/> Im Kapitalismus setzt die Regierung die Interessen der kapitalistischen Klasse durch. Diese l&auml;sst sich durch Demonstrationen gegen die Regierungen nur begrenzt beeindrucken ? so lange ihre &ouml;konomische Macht nicht angegriffen wird. Im Notfall wird dann eine Regierung durch eine andere ersetzt. Um heute etwas gegen Sozialabbau zu tun, muss gegen diejenigen vorgegangen werden, in deren Interesse diese Politik gemacht wird ? das sind die Vorst&auml;nde der Konzerne und Banken. Wenn nun nicht mehr nur am Montag abend demonstriert wird, sondern an einem Montag ein bundesweiter Streiktag stattfindet, w&auml;re das ein Signal an die da oben, dass wir den Kampf gegen diese Politik aufnehmen. Dann w&uuml;rden sie schmerzlich zu sp&uuml;ren bekommen, dass wir immer noch das Volk sind.<br \/> <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Antje Zander, Berlin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montagsdemonstrationen 1989 und 2004<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[164],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11009"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11009"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11009\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}