{"id":10974,"date":"2004-09-02T17:41:04","date_gmt":"2004-09-02T17:41:04","guid":{"rendered":".\/?p=10974"},"modified":"2004-09-02T17:41:04","modified_gmt":"2004-09-02T17:41:04","slug":"10974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/09\/10974\/","title":{"rendered":"Venezuela zwischen Revolution und Konterrevolution"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Yasmin Chaurau, Aktivistin der marxistischen Organisation U.T.O.P.I.A.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Venezuela ist reich an Erd&ouml;l. Kommt das allen zugute? Wie sind die Lebensbedingungen?<\/span><br \/> Wir leben im Kapitalismus. 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung lebt seit Jahren in Armut. F&uuml;nf Prozent werden zu den Superreichen gez&auml;hlt und 15 Prozent zur Mittelschicht, also Akademiker, gut ausgebildete ArbeiterInnen, kleine Gesch&auml;ftsinhaber.<br \/> In der Hauptstadt Caracas lebt die Mehrheit in Wellblechh&uuml;tten auf den H&uuml;geln um die Stadt. Das sind h&auml;ufig Leute, die vom Land kommen. Die Stadt ist gespalten: Im Westen wohnen die Armen, im Osten ist die b&uuml;rgerliche Wohngegend. Und genauso ist das Land gespalten: Die Armen unterst&uuml;tzen Regierungschef Ch&aacute;vez, die Reichen sind seine erbitterten Feinde. Das hat seine Gr&uuml;nde. So hat die Ch&aacute;vez-Regierung f&uuml;r 1,5 Millionen Menschen ein Alphabetisierungsprogramm gestartet, mit dem sie praktisch durch sind.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Wie unterst&uuml;tzt die Masse die Ch&aacute;vez-Regierung?<\/span><br \/> Viele haben sich auf freiwilliger Basis den ?Missiones? angeschlossen. Es gibt auch staatliche Strukturen, die ?asamblea ciudadanos?, in die viele einbezogen werden, um die &ouml;ffentliche Verwaltung zu kontrollieren und Entscheidungen der gew&auml;hlten VertreterInnen zu &uuml;berpr&uuml;fen. Am bekanntesten sind die ?C&iacute;rculos Bol&iacute;varianos?. Eine Menge Menschen engagieren sich dort, verbreiten Informationen, bringen Zeitungen heraus, andere k&uuml;mmern sich um Spendenaktionen.<br \/> Au&szlig;erdem gibt es auch eigenst&auml;ndige Zusammenschl&uuml;sse in jedem Stadtteil, die so genannte ?esquina caliente? [?hei&szlig;e Stra&szlig;enecke?], wo Ch&aacute;vez-Anh&auml;ngerInnen regelm&auml;&szlig;ig Flugbl&auml;tter verteilen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Ch&aacute;vez hat einen Putsch (April 2002), einen Unternehmerstreik (Ende 2002\/Anfang 2003) und k&uuml;rzlich den Einmarsch von Paramilit&auml;rs, die &uuml;ber Kolumbien ins Land eindrangen, &uuml;berstanden. Daraufhin hat er zur Gr&uuml;ndung von Milizen aufgerufen. Hatte der Aufruf reale Folgen?<\/span><br \/> Nein. Ein paar Tage nach dem Aufruf hat sich ein Milit&auml;roffizier zu dem Thema im TV ge&auml;u&szlig;ert. Er sagte, dass Ch&aacute;vez es nicht so meinen w&uuml;rde. Die Leute k&ouml;nnten regul&auml;r Wehrdienst leisten, oder Reservesoldaten werden. Ch&aacute;vez hat die Worte dieses Offiziers nie dementiert. In der Folge sind die Eintritte in die Reservearmee unglaublich angestiegen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Das Komitee f&uuml;r eine Arbeiterinternationale (CWI) ist der Ansicht, dass eine unabh&auml;ngige Bewegung der ArbeiterInnen und der armen Bauern notwendig ist, um den Kapitalismus durch eine sozialistische Gesellschaft zu ersetzen. Stimmst du darin &uuml;berein?<\/span><br \/> Ja. Das ist auch unsere Meinung. Wir denken, dass Ch&aacute;vez kein Revolution&auml;r ist, sondern nur ein Mittel zur Ver&auml;nderung darstellt. Wir werden ihn auch kritisieren, wenn er weiter nach rechts geht.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Kannst du das n&auml;her erkl&auml;ren?<\/span><br \/> Nehmen wir die Bolivarianische Bewegung, die hinter Ch&aacute;vez steht. Bei der Aufstellung von KandidatInnen sucht sich Ch&aacute;vez seine Favoriten selber aus. Es gibt Leute, die f&uuml;r ihn kandidieren, aber fordern, dass sie von unten bestimmt werden sollen. Ch&aacute;vez widerspricht dem. ?Um der Einheit der Bewegung willen? w&auml;re es angeblich notwendig, sie von seiner Seite her auszusuchen.<br \/> Viele Leute, die Ch&aacute;vez ausgew&auml;hlt hat, haben sich sp&auml;ter der Opposition angeschlossen. Aber die Leute sind jetzt rebellischer. In vielen Regionen und Wahlbezirken wurden KandidatInnen, die von Ch&aacute;vez vorgeschlagen worden waren, zun&auml;chst abgelehnt. Dennoch hat die Basis in den meisten F&auml;llen am Ende ?zum Wohle der Einheit der Bewegung? nachgegeben.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Und eure Gruppe, U.T.O.P.I.A, ergreift da auch Partei?<\/span><br \/> Ja. In der Region Guayana haben wir einen Arbeiterkandidaten unterst&uuml;tzt: Ramon Maduca von einer Stahlfirma mit einer k&auml;mpferischen Belegschaft, er ist Pr&auml;sident der SUTIS-Gewerkschaft. In dieser Vorwahl hat er gegen den General Gomez kandidiert, der von Ch&aacute;vez unterst&uuml;tzt wurde ? obwohl dieser General Ch&aacute;vez im Putsch vor zwei Jahren nicht unterst&uuml;tzt hatte. Aber oft handeln wir uns mit unserer Kritik auch Probleme ein. Die Leute denken dann gleich, dass wir f&uuml;r die Opposition sind ? nur weil wir Ch&aacute;vez kritisieren.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Das Referendum, das die Opposition gegen Ch&aacute;vez anstrengte, war die bislang letzte gro&szlig;e Auseinandersetzung zwischen der Regierung und den verarmten Massen auf der einen und den Kr&auml;ften der Reaktion auf der anderen Seite. Was spielte sich im Vorfeld des Referendums ab? &nbsp;<\/span><br \/> Diese Abstimmung f&uuml;hrte zu einer ungeheuren Polarisierung in der Gesellschaft, zwischen Arm und Reich, zwischen links und rechts. Ch&aacute;vez sprach von der Schlacht von ?Santa Ines?. Das war eine ber&uuml;hmte Schlacht im Unabh&auml;ngigkeitskrieg. Er hat das gesamte Netz von Unterst&uuml;tzerInnen mit milit&auml;rischen und religi&ouml;sen Begriffen versehen. Da gibt es die ?Misi&oacute;n Fiorentino? ? das ist eine religi&ouml;se Figur, die dem Teufel die Stirn bietet. Dann das ?Comando Moisanta?. Moisanta war ein Ururgro&szlig;vater von Ch&aacute;vez. Und schlie&szlig;lich die UBE&acute;s (?Unidad de batalla electoral?) ? kleine Gruppen auf Wahlkreisebene. <\/p>\n<p> <span style=\"font-style: italic;\">Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte Pablo Alderete.<\/span><br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Referendum abgewehrt &#8211; Selbstorganisation von unten n&ouml;tig<\/span><\/p>\n<p> 1998 wurde der ehemalige General Ch&aacute;vez zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt. Seitdem konnte er sich in acht Wahlen und Abstimmungen erfolgreich behaupten. Zuletzt im Referendum Mitte August, das Kapitalisten und Gro&szlig;grundbesitzer zu seiner Abwahl angestrengt hatten. 58,25 Prozent stimmt f&uuml;r ihn, die Opposition kam auf 41,74 Prozent. 4,9 Millionen (bei einer Bev&ouml;lkerung von 24 Millionen) gaben Ch&aacute;vez ihre Stimme, das ist eine beeindruckende Steigerung gegen&uuml;ber der letzten Pr&auml;sidentschaftswahl im Juli 2000, als Hugo Ch&aacute;vez 3,75 Millionen Stimmen erhielt.<br \/> Vor dem Referendum hatte die rechte Opposition im April 2002 versucht, die Regierung wegzuputschen. Von Dezember 2002 bis Februar 2003 organisierten die Unternehmer und Anh&auml;nger der Opposition innerhalb der staatlichen &Ouml;lgesellschaft eine Massenaussperrung. In beiden F&auml;llen scheiterte die herrschende Klasse, die massiv vom US-Imperialismus unterst&uuml;tzt wurde, kl&auml;glich. <br \/> Warum riskieren die Kapitalisten ihre Profite? Warum gehen sie mit allen Mitteln gegen die Regierung vor? Weil Ch&aacute;vez und sein Kabinett unter dem Druck der Arbeiterklasse und der verarmten Bauern LehrerInnen zu Alphabetisierungskampagnen in die Provinzen schickt, 10.000 kubanische &Auml;rzte in den Elendsvierteln einsetzt, Kredite f&uuml;r den sozialen Wohnungsbau vergibt, Schulbesuch und Schulspeisung subventioniert, eine Landreform beschlossen hat, die den Reichtum der Gro&szlig;grundbesitzer in Frage stellt und eine Verfassung beschlie&szlig;en lie&szlig;, die demokratischer ist als alle anderen in ganz Lateinamerika. Selbst der Spiegel muss gestehen: ?Die mit &Ouml;ldollar finanzierten Sozialprogramme sind bei den Armen popul&auml;r? (33\/2004). In der Tat hilft Ch&aacute;vez, dass Venezuela der f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;te &Ouml;lexporteur der Welt ist, sich die &Ouml;lgesellschaft PDVSA in Staatshand befindet und die internationale Nachfrage nach &Ouml;l sowie die instabile Lage in vielen &Ouml;lregionen die Preise allein seit Januar um drei&szlig;ig Prozent steigen lie&szlig;.<br \/> Auch wenn die Sozialprogramme unter Ch&aacute;vez&nbsp; international herausstechen, hat er bislang die kapitalistischen Eigentumsverh&auml;ltnisse unangetastet gelassen. Nach dem rechten Putschversuch vor zwei Jahren versuchte er sogar der Reaktion weiter entgegenzukommen, in dem er Vertretern aus ihren Reihen zu hohen Posten im Staatsapparat verhalf. Obgleich die herrschende Klasse nach ihrer Niederlage im Referendum m&ouml;glicherweise Zeit braucht, sich neu zu formieren, so wird sie mit Sicherheit fr&uuml;her oder sp&auml;ter zum n&auml;chsten Schlag ausholen. Darum gilt es, die Ans&auml;tze zur Selbstorganisation von unten weiterzutreiben, zu vernetzen und den Kampf der Lohnabh&auml;ngigen und der verarmten Bauern um die staatliche und &ouml;konomische Macht aufzunehmen. Die marxistische Gruppe U.T.O.P.I.A., mit der das Komitee f&uuml;r eine Arbeiterinternationale (CWI) in Diskussion steht, spricht von der Notwendigkeit einer ?Revolution in der Revolution?.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Yasmin Chaurau, Aktivistin der marxistischen Organisation U.T.O.P.I.A.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[163],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10974"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10974"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10974\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10974"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10974"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10974"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}