{"id":10963,"date":"2004-08-23T15:10:50","date_gmt":"2004-08-23T13:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10963"},"modified":"2012-07-18T14:53:48","modified_gmt":"2012-07-18T12:53:48","slug":"10963","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/08\/10963\/","title":{"rendered":"Theater in der Russischen Revolution 1917-1923"},"content":{"rendered":"<p><strong> Zur Entwicklung des Theaters nach der Russischen Revolution<\/strong><\/p>\n<p>von Conny Dahmen<\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; Nein, wir haben ein zu hohe Vorstellung von der Kunst, um ihr einen Einfluss auf das Schicksal der Gesellschaft zu verweigern. Wir halten es f\u00fcr die h\u00f6chste Aufgabe der Kunst unserer Zeit, bewusst und aktiv an der Vorbereitung der Revolution teilzunehmen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Andr\u00e9 Breton und Leo Trotzki in \u201eF\u00fcr eine unabh\u00e4ngige revolution\u00e4re Kunst\u201c, 1938, Mexico)<\/p>\n<h4>1. Russland im Oktober 1917<\/h4>\n<p><strong>Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die Oktoberrevolution fand in einem wirtschaftlich, sozial und kulturell ziemlich r\u00fcckst\u00e4ndigen Land statt. Erst 1861 war die Leibeigenschaft in Russland offiziell abgeschafft worden, die Industrialisierung hatte haupts\u00e4chlich im 19. Jahrhundert stattgefunden (so waren z. B. 40 % der Industrieunternehmen von 1900 in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden). Die Zahl der Industriearbeiter wuchs in diesen 10 Jahren von 1,4 Millionen auf 2,4 Millionen Menschen, gleichzeitig mit dem Wachstum der wenigen Zentren Moskau und Petersburg, wo allerdings 1914 von 165,7 Millionen Russen gerade mal 26,8 Millionen lebten. Die Entwicklung der Industrie verlief sehr unregelm\u00e4\u00dfig, auch befand sie sich fast ausschlie\u00dflich in den H\u00e4nden des ausl\u00e4ndischen Finanzkapitals aus den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern. Die Direktinvestitionen aus Frankreich, Deutschland, Gro\u00dfbritannien etc. hatten modernste Technik und h\u00f6chste Produktivit\u00e4t nach Russland gebracht (Russland stand bei der Weltproduktion an 5. Stelle, allein zwischen 1900 und 1913 stieg die Industrieproduktion um 62%) und damit vor allem Grossbetriebe geschaffen: 1914 arbeiteten 41% der russischen Arbeiter (gesamt 13 Millionen) in Betrieben mit mehr als 1000 Besch\u00e4ftigten. Damit war der Anteil solcher Betriebe am Gesamtaufkommen dort gr\u00f6\u00dfer als in den anderen kapitalistischen L\u00e4ndern. Die &#8211; sehr kleine &#8211; russische Arbeiterklasse bildete sp\u00e4ter die soziale Basis der Bolschewiki und war die f\u00fchrende Kraft in der Oktoberrevolution 1917.<\/p>\n<p><strong>Landwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig waren aber die feudalen Strukturen in Russland noch stark; der Zarismus st\u00fctzte sich im wesentlichen auf den Adel, der 1916 noch ein Viertel des landwirtschaftlich genutzten Bodens besa\u00df. Insgesamt hielten 30.000 Gro\u00dfgrundbesitzer die H\u00e4lfte des Agrarlandes, w\u00e4hrend sich 10 Millionen Bauernfamilien den Rest teilten. So gab es gleichzeitig mit der kapitalistischen Entwicklung &#8211; damit der Entwicklung von Bourgeoisie und Proletariat &#8211; noch immer die Unterdr\u00fcckung der Bauernschaft, die gegen\u00fcber den 1917 4,2 Millionen Arbeitern die absolute Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung stellte. Letzteres Problem war ja in den f\u00fchrenden kapitalistischen L\u00e4ndern, wie Frankreich, Deutschland etc. l\u00e4ngst durch die b\u00fcrgerliche Revolution gel\u00f6st worden, die in Russland nie stattgefunden hatte &#8211; es herrschte also eine Situation von Widerspr\u00fcchen und Konfliktpotentialen, die nicht mehr lange tragbar war. Dies alles versch\u00e4rfte sich noch im ersten Weltkrieg: viele Kleinunternehmen brachen zusammen, 1914-15 auch Industrie- und Agrarproduktion, 1916\/17 war eine Hungerwinter.<\/p>\n<p><strong>Kulturelle R\u00fcckst\u00e4ndigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Auch auf kultureller Ebene war Russland auf dem Stand des Mittelalters. Patriarchalische Strukturen waren eng verwurzelt in den K\u00f6pfen der meisten, die Religion spielte eine sehr gro\u00dfe Rolle bei allem, das Bildungsniveau war extrem niedrig. 70-80% der Bev\u00f6lkerung waren Analphabeten. Lenin hatte einmal \u00fcber dieses Russland gesagt:<\/p>\n<p>\u201eAn uncivilized country, in which the masses have been robbed of so much in the sense of education, enligtement and knowledge, such a country is not to be found anywhere in Europe, only in Russia.\u201c (Lenin, V.I., Polnoe sobranie sochinenii, 55 vols, vol. 26, p. 127 )<\/p>\n<p>Die Lage in Russland bot ideale Voraussetzungen f\u00fcr eine sozialistische Revolution: Die Arbeiter waren durch ihre elende Lage radikalisiert, auf der anderen Seite waren die Voraussetzungen wiederum denkbar ung\u00fcnstig f\u00fcr den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft &#8211; eben wegen der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes und dem niedrigen Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung. Gerade die kulturelle R\u00fcckst\u00e4ndigkeit wurde sp\u00e4ter von den Bolschewiki als Haupthindernis im Aufbau betrachtet (weswegen sie so viel Anstrengungen unternahmen, wie nur m\u00f6glich um das Niveau in der Revolution m\u00f6glichst schnell zu heben).<\/p>\n<p><strong>Diktatur des Proletariats<\/strong><\/p>\n<p>Die Grundlage der neuen Gesellschaft konnten nur die Menschen sein, die die alte hinterlassen hatte. Es war klar, dass Sozialismus nicht von heute auf morgen aufgebaut werden konnte, sondern dass eine \u00dcbergangsperiode notwendig sein w\u00fcrde, ein Arbeiterstaat. Diese \u201eDiktatur des Proletariats\u201c hatte die Aufgabe, mit den ehemaligen Herrschenden fertig zu werden &#8211; z. B. Enteignung und Vergesellschaftung von Land und Betrieben zu regeln, aber auch die neue Gesellschaft gegen die Konterrevolution von innen und au\u00dfen zu verteidigen. Das wichtigste war jedoch, die Masse der Bev\u00f6lkerung immer mehr in die Selbstverwaltung und Organisierung der Gesellschaft einzubeziehen und so einen Staatsapparat langsam aber sicher \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. In einer letztendlich klassenlosen Gesellschaft ist kein Staat mehr n\u00f6tig, da es keine Klasse gibt, die eine andere gewaltsam unterdr\u00fccken muss. Und in der \u00dcbergangsperiode von Kapitalismus zu Sozialismus, wo die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit \u00fcber eine kleine Minderheit herrscht, ist auch kein solch repressiver Staatsapparat notwendig wie in den vorigen Klassengesellschaften, wo eine kleine Schicht versuchen musste, die gro\u00dfe Mehrheit im Zaum zu halten.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterstaat<\/strong><\/p>\n<p>Dieser neue Staat, die \u201eDemokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern\u201c (Lenin 1905), war trotz der schwierigen Ausgangslage, f\u00fcr kurze Zeit der demokratischste, dem es jemals gegeben hatte: die Bourgeoisie war total entmachtet, die Arbeiterklasse wurde zur bestimmenden Kraft in der Gesellschaft. Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernr\u00e4te, die teilweise schon vor der Oktoberrevolution entstanden waren, hatten sich \u00fcber das ganze Land ausgebreitet und die staatlichen Aufgaben \u00fcbernommen &#8211; laut der russischen Verfassung von 1918 bildeten \u201elokale Sowjets die Grundeinheit der \u00f6ffentlichen Gewalt\u201c. Sie waren wirklich repr\u00e4sentative Organe, Arbeiter aller Schichten und Berufe umfassend, mit dem Ziel, immer mehr Menschen in Verwaltung und Regierung einzubeziehen. Beschl\u00fcsse konnten schnell gefasst und umgesetzt werden, es gab keine Trennung zwischen Legislative und Exekutive. In den h\u00f6heren Gremien, z. b. dem ZK der Sowjets, besa\u00dfen die Bolschewiki die Mehrheit, bem\u00fchten sich aber, auch andere sozialistische Parteien mit einzubeziehen. Auch die Strukturen der KPR waren demokratisch: alle Funktion\u00e4re mussten sich an die Regeln der Parteiorgane und R\u00e4te halten, ihr Gehalt entsprach dem eines durchschnittlichen Arbeiters, sie waren rechenschaftspflichtig und jederzeit w\u00e4hl- und abw\u00e4hlbar.<\/p>\n<p>Das stehende Herr wurde durch ein demokratisches Milizsystem ersetzt, ohne Dienstgrade und R\u00e4nge, stattdessen W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit der Kommandostellen. Volksgerichte mit von der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hlten Richtern wurden eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Fortschritte in der SU<\/strong><\/p>\n<p>Unter dieser Regierung machte die Gesellschaft innerhalb k\u00fcrzester Zeit enorme Fortschritte in allen Bereichen (wirtschaftlich, sozial, kulturell, &#8230;). Die Arbeiter bekamen Zugang zu Bildung und Kultur. Es entstanden Arbeiteruniversit\u00e4ten, Arbeiterclubs, die sich auch Literatur und Kunst widmeten, der Sieg der Revolution sollte auch in allen Kunstbereichen etabliert werden. Es entwickelten sich so viele neue fortschrittliche Richtungen und eine F\u00fclle von Ideen, die bahnbrechend f\u00fcr Kunst, Literatur und Theater international werden sollten. Die Befreiung der Frau war durch Vergesellschaftung der Hausarbeit, Reform des Eherechts, Scheidungsrecht, der Legalisierung von Abtreibung etc. geplant und auch in Ans\u00e4tzen umgesetzt &#8211; Ma\u00dfnahmen, die in den westlichen Industriel\u00e4ndern teilweise undenkbar schienen. Auch auf anderen Gebieten machte die Oktoberrevolution deutlich, wieviel geistiges und sch\u00f6pferisches Potential unter den kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen unterdr\u00fcckt worden war. Die neue Freiheit brachte eine ganze Reihe neuer Erfindungen und Innovationen hervor, es gab einen unglaublichen Hunger nach Bildung, der selbst durch den B\u00fcrgerkrieg nicht gebremst werden konnte:<\/p>\n<p>\u201eDie essentielle Sache ist, dass in diesen barbarischen Tagen die rote Stadt ihre Bibliotheken, ihre Schulen, ihre Pal\u00e4ste, die in Volksclubs oder Kinderheime umgewandelt wurden, wie einen Schatz h\u00fctete, ebenso ihre Dichter, ihre Lehrer, ihre Schauspieler, ihre Musiker&#8230;\u201c<\/p>\n<p>(Victor Serge, aus: Revolution in Danger- Writings from Russia 1919-20)<\/p>\n<p><strong>Weltrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Mit der siegreichen Oktoberrevolution war trotz aller Probleme die Hoffnung verbunden, in ein neues Stadium der Geschichte eingetreten zu sein, den Anfang der sozialistischen Weltrevolution gemacht zu haben, endlich f\u00fcr alle Zeiten Unterdr\u00fcckung von sich geworfen zu haben.<\/p>\n<p>Lenin dr\u00fcckte das so aus:<\/p>\n<p>\u201eWir sollten jetzt dazu \u00fcbergehen, auf der Grundlage, die ges\u00e4ubert ist vom historischem Abfall, das leichte, \u00fcberragende Geb\u00e4ude einer sozialistischen Gesellschaft zu errichten. Zum ersten mal in der Geschichte wird eine neue Art von Staat geschaffen werden, eine Macht das den Willen der Revolution ausgerufen hat, um mit aller Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung und Sklaverei weltweit Schluss zu machen&#8230; Von jetzt an werden alle Errungenschaften der Wissenschaft und die der Kultur der Nation als Ganzes geh\u00f6ren, und niemals wieder wird das menschliche Hirn und das menschliche Genie f\u00fcr Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung benutzt werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wirtschaft in der SU<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Erwartungen, die die Massen der Arbeiter und Bauern an die Bolschewiki und die Revolution hatten, waren die Frage der Beendigung des Krieges und die der Landreform &#8211; schlie\u00dflich hatten die Bolschewiki die Massen ja mit dem Slogan \u201eLand, Brot , Frieden\u201c f\u00fcr die Revolution gewinnen k\u00f6nnen. Auf diesen beiden Gebieten zeigte sich jedoch am deutlichsten die problematische Situation, die der sich Russland wegen seiner R\u00fcckst\u00e4ndigkeit befand, und die Revolution musste die ersten Niederlage einstecken. Der Friedensschluss von Brest- Litowsk war ein Diktatfrieden gewesen, der ein Drittel des Landes und Dreiviertel der Stahl- und Eisenindustrie kosten sollte. Da Russland aber l\u00e4ngst nicht mehr kampff\u00e4hig war, bot er die einzige M\u00f6glichkeit, zumindest einen gewissen Aufschub zu bekommen, um zumindest die Grundlagen f\u00fcr den Aufbau eines sozialistischen Systems in Russland zu erm\u00f6glichen, aber auch die Revolution in die anderen westlichen Staaten zu tragen.<\/p>\n<p>Auch die Enteignung der Gro\u00dfgrundbesitzer und die Bodenaufteilung, durch die 1918 \u00fcber 98% des Landes in die H\u00e4nde der Bauern gefallen war, brachten nicht wirklich die erw\u00fcnschten Ergebnisse: Es fanden gleichzeitig kaum Umsiedlungen statt, dadurch gab es immer noch Mangel an Ackerland. Millionen neuer H\u00f6fe waren entstanden, das Land also sehr zersplittert, die Gro\u00dfproduktion verschwand fast v\u00f6llig &#8211; sie machte nur noch 3% der Agrarg\u00fcter aus &#8211; und die Produktivit\u00e4t sank damit. Das Ziel von Marxisten wie den Bolschewiki war aber kollektive Bodenbearbeitung gewesen &#8211; aber die Bauern davon zu \u00fcberzeugen, war fast unm\u00f6glich, da die Industrie noch zu wenig Produkte als Angebot zum Austausch abwarf. Dies sollte sich zu einem Kernproblem der russischen Wirtschaft entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Revolution und Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Der Erfolg der Revolution hing von ihrer internationalen Ausdehnung ab, und alle problematischen Ma\u00dfnahmen der Bolschewiki waren an die Perspektive dieser schnellen Ausdehnung gekn\u00fcpft, sollten also nur vor\u00fcbergehender Natur sein. \u201eSozialismus in einem Lande\u201c, wie ihn sp\u00e4ter Stalin propagierte, war unm\u00f6glich unter dem Druck der imperialistischen Staaten, des Weltmarktes etc., das war klar. Diese Hoffnungen fu\u00dften durchaus auf realen M\u00f6glichkeiten in L\u00e4ndern wie Deutschland 1918, 1920 und 1923, Spanien 1931 &amp; 36-37, Italien 1920, Frankreich 1936 und vielen anderen. Trotzki bezeichnete diese Epoche als \u201eEpoche von Revolution und Konterrevolution\u201c. Doch alle diese Bewegungen scheiterten aus den verschiedensten Gr\u00fcnden und brachten nicht die ersehnte Hilfe, wenngleich auch die Russische Revolution \u00fcberall ihre Spuren im Bewusstsein der unterdr\u00fcckten Massen, der Politik, aber auch der Kultur hinterlassen hatte und die revolution\u00e4ren Erhebungen immerhin den Sieg des Imperialismus in Russland letztlich auch mit verhindert haben.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerkrieg<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren 1918-1921 war das junge Sowjetregime vor allem durch den B\u00fcrgerkrieg und seine Auswirkungen geschw\u00e4cht worden. Die imperialistischen M\u00e4chte, die das Land f\u00fcr den Kapitalismus nicht verlieren, aber nat\u00fcrlich vor allem eine Revolution im eigenen Land vermeiden wollten, intervenierten mit 21 Armeen in der Sowjetunion. Anfang 1919 standen 130.000 &#8222;wei\u00dfe&#8220; Soldaten in Russland, im Verlauf des Krieges blieb nur ein Neuntel des Lande dauerhaft unter Kontrolle der Sowjets, in den besetzten Gebieten wurden in k\u00fcrzester Zeit meist Milit\u00e4rdiktaturen errichtet. Damit waren die wichtigsten Rohstoff- und Nahrungsquellen Russlands verloren. Die Industrieproduktion wurde fast v\u00f6llig auf die Versorgung der \u201eRoten Armee\u201c ausgerichtet &#8211; die Hauptsache war, die Sowjetmacht zu verteidigen, wiederum im Hinblick auf die Internationalisierung der Revolution. Das war wohl auch der Grund, weswegen die technisch weit unterlegene Rote Armee schlie\u00dflich den Sieg davon tragen konnte, da sie die entschlossensten K\u00e4mpfer hatte, die f\u00fcr sich und eine andere Welt k\u00e4mpften &#8211; und nicht nur gedrillt waren, um im Interesse der m\u00e4chtigen Konzerne im Westen und ihrer Regierungen zu t\u00f6ten und zu sterben.<\/p>\n<p>Am Ende des B\u00fcrgerkriegs war das Land nicht nur wirtschaftlich am Boden: Die Produktivit\u00e4t war um ein Drittel gesunken, die Industrie zerst\u00f6rt und weite Teile des Landes verw\u00fcstet. Es gab Massenepidemien, Hungersn\u00f6te etc. Insgesamt starben 20 Millionen Menschen in diesem Krieg.<\/p>\n<p><strong>Zwangsma\u00dfnahmen<\/strong><\/p>\n<p>Unter diesen katastrophalen Umst\u00e4nden sah sich die Sowjetregierung zu einer Reihe von Zwangsmassnahmen gezwungen (\u201eKriegskommunismus\u201c), z.B. zur Einf\u00fchrung einer allgemeinen Arbeitspflicht mit Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit bei geringerer Bezahlung bzw. Erhalt von Konsumg\u00fctern, einer Ablieferungspflicht f\u00fcr Bauern, Abl\u00f6sung der Geldwirtschaft durch Naturalwirtschaft und unentgeltliche Verteilung von Konsumg\u00fctern. Letzteres war aus der Not geboren, entsprach aber nicht dem eigentlichen kommunistischen Gesellschaftsvorstellung und war keine Verallgemeinerung des Reichtums, sondern eine Verallgemeinerung der Armut.<\/p>\n<p>Trotzdem blieb die Versorgungslage der St\u00e4dte mies, und ohne Industrieprodukte zum Austausch wollten die Bauern die landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht rausr\u00fccken, was die Existenz der Arbeiterschaft akut gef\u00e4hrdete, ebenso die Versorgung der Armee. Im Zuge dieses Konflikts sahen die Bolschewiki keinen anderen Ausweg, als ein System wirtschaftspolitischer Ma\u00dfnahmen zu erlassen, das den marxistischen Grunds\u00e4tzen total entgegenlief. Die \u201eNeue \u00d6konomische Politik\u201c (N\u00d6P) erlaubte den Bauern, kleinkapitalistischen Handel zu treiben &#8211; und erneut bildete sich ein Markt und eine Schicht von Gro\u00dfbauern und Zwischenh\u00e4ndlern heraus, Geld wurde wieder eingef\u00fchrt und L\u00f6hne ausbezahlt. Dies war ein Schritt zur\u00fcck Richtung Kapitalismus, aber auch die einzige M\u00f6glichkeit, den Austausch zwischen Land und Stadt zu gew\u00e4hrleisten, um nicht letztlich insgesamt wieder beim alten Profitsystem zu landen &#8211; durch eine politische oder gewaltsame Konterrevolution. Aber die N\u00d6P untergrub das proletarische Regime ernsthaft und legte einen Grundstein f\u00fcr die sp\u00e4tere Entartung des Arbeiterstaates, da sie nicht wie geplant vor\u00fcbergehend war.<\/p>\n<p><strong>Verschwinden der Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite entscheidende Faktor f\u00fcr den Zerfall des Sowjetstaates war die faktische Aufl\u00f6sung der Arbeiterklasse als seine soziale Basis im B\u00fcrgerkrieg: Die bewusstesten Arbeiter sa\u00dfen entweder im Staatsapparat oder hatten in der Roten Armee gek\u00e4mpft und waren gr\u00f6\u00dftenteils gefallen, die anderen waren massenweise vor dem Hunger aus den St\u00e4dten zu Verwandten aufs Land geflohen. So waren von 3 Millionen Industriearbeitern 1917 1922 gerade eine Million \u00fcbrig, die \u00fcberdies psychisch und physisch vom Krieg extrem geschw\u00e4cht waren. Das f\u00fchrte schon im B\u00fcrgerkrieg zu einem Absterben der R\u00e4te, die au\u00dferdem schon durch die Militarisierung der Produktion im Krieg durch eine zentralistische Leitung der Industrie (Kriegskommunismus) entmachtet worden waren. Sp\u00e4tere Wiederbelebungsversuche scheiterten.<\/p>\n<p><strong>Stalinisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen R\u00e4tesystem und Parteiendiktatur waren flie\u00dfend und das Ganze eine l\u00e4ngerer Prozess. Die KPR war bereits 1921 weitestgehend isoliert und konnte die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c nur noch stellvertretend f\u00fchren. Dieser Zustand war nat\u00fcrlich nicht tragbar, das R\u00e4tesystem war ja eben deswegen so erfolgreich gewesen, weil es sich auf die massive Energie, Aktivit\u00e4t, Teilnahme und Kontrolle der Arbeiter gest\u00fctzt hatte &#8211; ohne diese war es nicht machbar. So konnte sich innerhalb der KPR eine B\u00fcrokratenschicht herausbilden ,die nicht mehr die Interessen der Arbeiterklasse vertrat, sondern ihre eigenen, die mehr und mehr im Konflikt zu denen des Proletariats standen.<\/p>\n<p>Schon im B\u00fcrgerkrieg war die Demokratie nicht mehr wirklich aufrechtzuerhalten gewesen, die Rechte der Opposition (Sozialrevolution\u00e4re, Anarchisten, &#8230;) wurden eingeschr\u00e4nkt, auch innerhalb der KPR wurden oppositionelle Gruppen immer mehr unterdr\u00fcckt. Es gab schlie\u00dflich Parteiverbote, als sich verschiedenen Formationen von einer Zusammenarbeit mit den Bolschewiki zu ihren offenen Gegnern bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen und B\u00fcndnissen mit den \u201eWei\u00dfen\u201c wendeten. Auch Fraktionsverbote wurden erlassen. Eine \u00f6ffentliche Kritik an der Regierung war aber immer noch m\u00f6glich und fand unter anderem auch in Literatur, Kunst und Theater ihren Ausdruck.<\/p>\n<p>Da es nur noch eine Partei gab, konnten sich Leute mit r\u00fcckst\u00e4ndigeren Vorstellungen auch nur noch dort organisieren, so dass die Auseinandersetzungen mit oppositionellen Parteien jetzt innerhalb der KPR stattfanden. Vor , aber vor allem nach der Revolution waren in der KPR heftige Debatten \u00fcber die verschiedensten Fragen an der Tagesordnung. Als aber beim 10. Parteikongress 1921 keine Einigung mit einigen Gruppen erzielt werden konnte, sah die F\u00fchrung die Gefahr einer Parteispaltung, die vor dem Hintergrund der N\u00d6P schnell die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus h\u00e4tte bedeuten k\u00f6nnen. Lenin und andere hielten deswegen die Einheit der Partei f\u00fcr dei h\u00f6chste Priorit\u00e4t und beschlossen das Fraktionsverbot, was aber trotzdem nicht das Verbot der Tendenzbildung und Verbreitung oppositionellen Materials innerhalb der KPR bedeutete.<\/p>\n<p>\u201eSollten die Umst\u00e4nde grundlegende Meinungsverschiedenheiten hervorrufen, kann man es dann verbieten, dass sie vor dem Richterstuhl der gesamten Partei ausgetragen werden? Das kann man nicht.\u201c<\/p>\n<p>(Lenin, W. I.: Bemerkungen anl\u00e4sslich des Ab\u00e4nderungsantrages Rjasanows zur Resolution \u00fcber die Einheit der Partei (16. 3. 1921). In: Werke 32. Band. Berlin: Dietz 1972, S. 267)<\/p>\n<p><strong>Parteienverbot<\/strong><\/p>\n<p>Aber auch diese Notmassnahme f\u00fcr den Moment entwickelte sich zum Leitfaden und wurde Mittel zur Unterdr\u00fcckung jeglicher Opposition aus der Arbeiterklasse und zur letztendlichen Vernichtung ihrer Herrschaft:<\/p>\n<p>\u201eDas Verbot der Oppositionsparteien zog das Verbot der Fraktionen nach sich; das Fraktionsverbot m\u00fcndete in das Verbot, anders zu denken als der unfehlbare F\u00fchrer (Stalin). Die polizeiliche Einheitlichkeit brachte die b\u00fcrokratische Straffreiheit mit sich, die zur Quelle aller Formen der Z\u00fcgellosigkeit und des Verfalls wurde.\u201c (Trotzki, L. D.: Verratene Revolution (1935\/36), S. 804)<\/p>\n<p>Eine politische Konterrevolution fand statt, aus dem Partei- und dem Staatsapparat wurde einer, und es war kein proletarischer Kader mehr \u00fcbrig, um das zu vermeiden. 1923 war die KPR nicht mehr in der Lage, den Staat zu reformieren und Entwicklungen aufzuhalten. Durch ihre Vorgehensweise konnte sie zwar den Sturz des Sowjetregimes und die Wiederherstellung des Kapitalismus verhindern, aber hatte die Vorraussetzungen f\u00fcr den Stalinismus geschaffen. Statt den Arbeitern verwaltete jetzt eine privilegierte B\u00fcrokratenschicht die Gesellschaft, gef\u00fchrt von Stalin,der mit seiner Theorie vom \u201eSozialismus in einem Lande\u201c endg\u00fcltig klarmachte, dass er und seine Anh\u00e4nger s\u00e4mtliche marxistischen Grunds\u00e4tze \u00fcber Bord geworfen hatten.<\/p>\n<p>Die noch bis in die Drei\u00dfiger Jahre hinein existierenden Oppositionsbewegungen innerhalb der KPR &#8211; vor allem die \u201eLinke Opposition\u201c um Trotzki, die die stalinistischen Tendenzen bek\u00e4mpften, genossen zwar Sympathie im Proletariat, welches aber keine Energie mehr hatte, f\u00fcr deren Programm zu k\u00e4mpfen und den B\u00fcrokratisierungsprozess zu stoppen. Auch die anderen Komintern-Mitgliedsparteien, die nach und nach entstanden, \u00fcbernahmen die falsche Politik Moskaus und verhinderten damit immer wieder eine internationale revolution\u00e4re Entwicklung, welche dann auch wieder eine neue politische Revolution in der UDSSR erm\u00f6glicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Lenin starb 1923, der Widerstand der anderen Kader wurde gebrochen oder sie wurden einfach umgebracht (w\u00e4hrend 1934 beim 17. Parteikongress noch 40% der Delegierten vor der Revolution Parteimitglieder gewesen waren, waren es 1939 beim 18. Kongress nur noch 5%; von allen ZK-Mitgliedern vor 1917 blieb nur noch Stalin \u00fcbrig).<\/p>\n<p>\u201eGrundlage der b\u00fcrokratischen Kommandos ist die Armut der Gesellschaft an Konsumg\u00fctern mit dem daraus entstehenden Kampf aller gegen alle. Wenn genug Waren im Laden sind, k\u00f6nnen die K\u00e4ufer kommen, wann sie wollen. Wenn die Waren knapp sind, m\u00fcssen die K\u00e4ufer Schlange stehen. Wird die Schlange sehr lang, muss ein Polizist f\u00fcr Ordnung sorgen. Das ist der Ausgangspunkt f\u00fcr die Macht der Sowjetb\u00fcrokratie.\u201c<\/p>\n<p>(Trotzki, L. D.: Verratene Revolution (1935 \/ 36), S. 810)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>2. Theater in der Revolution<\/h4>\n<p><strong>Kulturpolitik der Bolschewiki vor der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie vorrevolution\u00e4re Geschichte unsrer Partei war die Geschichte der revolution\u00e4ren Politik. Parteiliteratur, Parteiorganisationen- durchweg alles stand unter der Losung der Politik im direkten und unmittelbarsten Sinne, im engsten Sinne des Wortes.\u201c (Trotzki in &#8222;Fragen des Alltagslebens&#8220;, 1923)<\/p>\n<p>Vor 1917 hatte Kulturpolitik bei den Bolschewiki kaum eine Rolle gespielt. Andere Parteien der 2. Internationale, besonders die SPD, die sich selbst als \u201eKulturpartei\u201c bezeichnete, hatten diese Frage schon fr\u00fch diskutiert und ma\u00dfen ihr viel Bedeutung bei. Aber im Gegensatz zur deutschen Arbeiterklasse war die russische nicht besonders von der b\u00fcrgerlichen Kultur beeinflusst worden, so dass sie weder von diesen Einfl\u00fcssen befreit noch dass auf einer solchen Bildung h\u00e4tte aufgebaut werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine russische revolution\u00e4re Partei musste daher andere Priorit\u00e4ten setzen. Die Bolschewiki legten vor allem Wert auf ihre Parteizeitung, in der allerdings schon fr\u00fch einige namhafte Literaten, darunter Maxim Gorki, schrieben, auch wenn diese &#8211; so wie Gorki &#8211; nicht hundertprozentig mit dem Parteiprogramm \u00fcbereinstimmten und durchaus andere Auffassungen vertraten.<\/p>\n<p>\u201eLiterarisches Schaffen vertr\u00e4gt am allerwenigsten eine mechanische Gleichmacherei, eine Nivellierung, eine Herrschaft der Mehrheit \u00fcber die Minderheit. Kein Zweifel, auf diesem Gebiet ist es unbedingt notwendig, weiten Spielraum f\u00fcr pers\u00f6nliche Initiative und individuelle Neigungen, Spielraum f\u00fcr Gedanken und Phantasie, Form und Inhalt zu sichern. Das alles ist unbestritten, aber das alles beweist lediglich, dass der literarische Teil der Parteiarbeit des Proletariats den anderen Teilen der Parteiarbeit des Proletariats nicht schablonenhaft gleichgesetzt werden darf.\u201c<\/p>\n<p>(Lenin im November 1905, Aufsatz \u201eParteiorganisation und Parteiliteratur\u201c in der \u201eNowaja Schisn\u201c)<\/p>\n<p>Lenin wusste: \u201eDie Freiheit des b\u00fcrgerlichen Schriftstellers, des K\u00fcnstlers und der Schauspielerin ist nur die maskierte (oder sich heuchlerisch maskierende) Abh\u00e4ngigkeit vom Geldsack, vom Bestochen- und Ausgehaltenwerden.\u201c<\/p>\n<p>Es war allen diesen Schrifttellern klar, dass sie nur wirklich k\u00fcnstlerischen Freiheit erlangen konnten, wenn sie auch politische und wirtschaftliche Freiheit hatten, wenn sie also aktiv dazu beitrugen, sich und alle anderen aus den Zw\u00e4ngen von Zarismus und Kapitalismus befreien.<\/p>\n<p><strong>Von Stanislawski zu Meyerhold<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Gebiet der Regie steht der Regisseur Stanislawski f\u00fcr viele am Anfang des modernen Russischen Theaters. 1898 hatte dieser das Moskauer K\u00fcnstlertheater gegr\u00fcndet und eine Perfektion des naturalistischen Spiels entwickelt. Die Schl\u00fcsselfiguren der folgenden Jahrzehnte, die Regisseure Jewgeni Wachtangow, Wsewolod Meyerhold, Alexander Tairow waren seine Sch\u00fcler gewesen.<\/p>\n<p>Auch im szenischen Bereich ebnete Stanislawaski neue Wege, indem er 1910 f\u00fcr Hamlet den englischen B\u00fchnentheoretiker Edward Gordon Craig verpflichtete, der mit einer stilisierten, r\u00e4umlich vereinfachten B\u00fchnenkonzeption eine ungeahnte dramatische Wirkung entfaltete. Theater wurde so zu einer eigenst\u00e4ndigen, k\u00fcnstlerischen Ausdrucksform, bei der die Architektur der B\u00fchne, die Kost\u00fcme der Schauspieler und das Licht zusammen mit dem gesprochenen Wort, der Bewegung und der Musik eine komplexe Einheit bildeten.<\/p>\n<p>Seine Sch\u00fcler f\u00fchrten dies jetzt auf unterschiedliche Weise fort, allerdings gegeneinander und auch gegen ihren Lehrer. Der bedeutendste davon war wohl Meyerhold, der sich schon vor dem Ersten Weltkrieg f\u00fcr volkst\u00fcmlichere Formen des Theaters zu interessieren begann, wie der Comedia dell&#8220; Arte und dem japanischen Kabuki-Theater. Insgesamt traten nach dem Oktober 1917 vermehrt volkst\u00fcmliche, spontane und improvisierte Theaterformen auf den Plan, die die Auff\u00fchrungen um Darbietungen aus der Welt des Jahrmarktes, des Zirkus oder der Music-Hall erweiterten.<\/p>\n<p><strong>Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Oktoberrevolution stieg das \u00f6ffentliche Interesse am Theater sprunghaft an. In der zu 80% analphabetischen Bev\u00f6lkerung diente es als Grundschule und Zeitung und half jedem Arbeiter, Bauern und Soldaten, sich in den komplexen politischen Konflikten der Periode zurechtzufinden &#8211; auf welcher Seite die Wahrheit lag, war eine Frage \u00fcber Tod oder Leben.<\/p>\n<p>Schon 1919 schrieb eine russische Tageszeitung:<\/p>\n<p>\u201eIt is hardly possible to point to any other epoch when the theater would have occupied such an exceptionally great place in peoples lives, would have become such an essential part of popular culture as now in Russia. Everywhere, throughout the length and breadth of the Republic, there is an insatiable thirst for the theater and for its stirring impressions, and this thirst is not only dimishing, but is stadily gaining strength. Theater has become a necessity for everyone.\u201c (Khodozhestvennaya zhizn, 1919, no. 4-5, p. 26)<\/p>\n<p>Das Publikum, an welches sich das Theater wendete, hatte sich also ver\u00e4ndert, was f\u00fcr einige K\u00fcnstler enorme Probleme schaffte, mit denen sie umzugehen wussten.<\/p>\n<p>\u201e&#8220;Die Kunst auf die Stra\u00dfe!&#8220; , das ist die Parole der heutigen Maler, Dekorateure, Musiker, Architekten. M\u00f6ge jetzt die sch\u00f6pferische Arbeit in grandiosem Ma\u00dfstabe geleistet werden, nicht f\u00fcr wenige Auserw\u00e4hlte, sondern f\u00fcr die Gesamtheit, nicht f\u00fcr einen Wohnungsbesitzer, sondern f\u00fcr jeden Passanten, nicht um der Sch\u00f6nheit einer Wohnung , sondern um der einer Stadt willen!\u201c<\/p>\n<p>(Kerschentschew in \u201eDie Kunst auf die Strasse\u201c im \u201esch\u00f6pferischen Theater\u201c)<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Jahre nach dem Oktoberumsturz entstanden in der SU mehr als 3.000 Theater und Experimentalb\u00fchnen, 250.000 Menschen arbeiteten st\u00e4ndig aktiv am Theater und in den Studios.<\/p>\n<p><strong>Die Theaterorganisationen<\/strong><\/p>\n<p>Die ehemaligen Staatstheater in Moskau und Petersburg hatten schon am 10.11.1917 gestreikt, um sich gegen eine neue Unterordnung durch eine neue Regierung auszusprechen. Das Alexandrinsky-Theater in Petrograd hatte sogar angek\u00fcndigt, \u201enichts aufzuf\u00fchren, solange die Bolschewiki an der Macht\u201c seien. Aber schlie\u00dflich lie\u00df es sich von Lunatscharski \u00fcberzeugen, dass die Bolschewiki keine Einschr\u00e4nkung der k\u00fcnstlerischen Freiheiten im Sinn hatten, und f\u00fchrte nach zehn Tagen Gogols \u201eRevisor\u201c auf.<\/p>\n<p>Lenin fand es notwendig, \u201eum die strukturellen Pfeiler unserer Kultur nicht zusammenst\u00fcrzen zu lassen, da uns das Proletariat dies niemals vergeben w\u00fcrde\u201c, die gro\u00dfen Staatstheater zu erhalten. So f\u00fchrten Theater wie das Bolshoi, das Maly und das MCHAT (Moskauer K\u00fcnstlertheater) klassisches Repertoire auf mit gutausgebildeten Schauspielern, damit dem Proletariat auch die alte Kultur nahegebracht werden konnte, da es ja vor der Revolution niemals die M\u00f6glichkeit hatte, diese kennen zu lernen. Zuerst es gab nicht wirklich pr\u00e4zise Vorstellungen davon, was f\u00fcr St\u00fccke man jetzt spielen sollte und wie das neue Publikum darauf reagieren w\u00fcrde. Vor der Revolution war es zu einer Krise in den Profi- Theatern gekommen, da der Kontakt zum t\u00e4glichen Leben nachgelassen hatte und damit das Repertoire ziemlich dr\u00f6ge geworden war. Nach der Revolution bestand dann vor allem ein Bedarf nach Klassikern, die die Kritik an Feudalismus und Kapitalismus zum Thema machten: \u201eOthello\u201c (Shakespeare), \u201eKabale und Liebe\u201c sowie \u201eDie R\u00e4uber\u201c (Schiller), \u201eDer Revisor\u201c (Gogol) und \u201eDie Macht der Finsternis\u201c (Tolstoi) waren einige davon. Sie dienten dazu, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. In den Auff\u00fchrungen und Interpretationen war man bem\u00fcht, so stark wie m\u00f6glich die Motive der Sympathie f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten, die Rebellen und dem Hass auf die Tyrannen zu unterstreichen. Dabei wurden sie manchmal nat\u00fcrlich stark ver\u00e4ndert &#8211; es gab keine christliche Moral mehr, sondern soziale, keinen \u201eguten K\u00f6nig\u201c mehr, usw.<\/p>\n<p>Lunatscharski hatte diese Theater also vor dem Zugriff der Avantgardek\u00fcnstler gerettet, so dass sie sich nicht gro\u00dfartig ver\u00e4nderten. Die privaten Theater allerdings sahen sich einer landesweiten Nationalisierungskampagne ausgesetzt. So wie die lokalen Sowjets auch in der restlichen Wirtschaft oft ohne Zustimmung der neuen F\u00fchrung die Betriebe enteigneten und in die eigene Hand nahmen, verlief auch diese ohne Zustimmung der Theaterabteilung des Narkompros (TEO), entsprach aber trotzdem nat\u00fcrlich den Zielen.<\/p>\n<p>Lunatscharskis erstes Dekret \u00fcber die Volksaufkl\u00e4rung lautete:<\/p>\n<p>\u201eDie arbeitenden Volksmassen, die Arbeiter, Bauern und Soldaten lechzen danach, lesen und schreiben zu k\u00f6nnen und die verschiedensten Wissensgebiete sich zu erschlie\u00dfen. Sie lechzen aber auch nach Bildung. Diese kann ihnen weder der Staat, noch die Intelligenz, noch irgendwelche Macht au\u00dferhalb ihrer Person geben. Schule, B\u00fccher, Theater, Museum usw. k\u00f6nnen hier nur Hilfsmittel sein. Die Volksmassen werden selbst ihre Kultur bewusst oder unbewusst ausarbeiten. Sie haben ihre eigenen durch ihre soziale Lage geschaffenen Ideen, die sich sehr von der Lage unterscheiden, die bisher die Kultur der herrschenden Klassen und der Intelligenz geschaffen haben; ihre eigenen Empfindungen, ihr eigenes Herantreten an alle Aufgaben der Person und der Gesellschaft (&#8230;) werden ihre lichte, von dem Klassenbewusstsein der Arbeiter durchdrungene Weltanschauung sich bilden. ( &#8230; ) \u00dcberall in Russland, besonders unter den st\u00e4dtischen Arbeitern, aber auch unter den Bauern, erhob sich eine m\u00e4chtige Welle der aufkl\u00e4renden Kulturbewehung, besonders zahlreich die Arbeiter- und Soldatenorganisationen dieser Art: Ihnen entgegenkommen, sie auf jede Weise st\u00fctzen, den Weg vor ihnen frei machen ist die erste Aufgabe der revolution\u00e4ren Volksregierung auf dem Gebiete der Volksbildung.\u201c<\/p>\n<p>Die Aufgabe des Narkompros, des Volkskommissariats f\u00fcr Erziehung, war es bez\u00fcglich der Theaterorganisation zun\u00e4chst, die finanzielle Selbstst\u00e4ndigkeit der einzelnen Gruppen zu sichern, ihre Koordination vor allem hinsichtlich der gemeinsamen Anstrengungen im Zusammenschluss zur Kulturellen Front.<\/p>\n<p>Das Theater war als Massenmedium, als Mittel der Agitation und Propaganda h\u00f6chst geeignet. Die Massen mussten \u00fcber den Umsturz und sein ausl\u00f6senden Momente unterrichtet werden, aber auch \u00fcber den Fortgang des B\u00fcrgerkriegs und die Kriegsf\u00fchrung. Die bolschewistische Regierung r\u00e4umte dem Theater darum einen hohen Stellenwert ein und hielt es f\u00fcr notwendig, in st\u00e4ndiger Diskussion mit den Theaterk\u00fcnstlern zu stehen. Dabei war der sp\u00e4tere Volkskommissar f\u00fcr Erziehung Lunatscharski als Theaterfreund auch die richtige Person. Er sah einen engen Zusammenhang zwischen Revolution und Theater:<\/p>\n<p>\u201eThe revolution said to the theatre: Theatre, I need you. I need you, but not so that I, the revolution, can relax in comfortable seats in a beautiful hall and enjoy a show after all the hard work and battles&#8230; I need you as a helper, as a searchlight, as an advisor. I want to see my friends and enemies on your stage&#8230; I want to see them with my own eyes. I want also to study them through your methods&#8230;\u201c<\/p>\n<p>(Lunatscharski, A. W., Stati o teatre i dramaturgii, p. 87)<\/p>\n<p>Schon ein paar Tage nach der Revolution riefen sie alle \u201eInterpreten und sozialistischen K\u00fcnstler, die an der Zukunft des Staatstheaters interessiert sind\u201c in die Versammlungshalle im Smolny zu einem Theaterrat. Es nahmen Darsteller der staatlichen Theater, die K\u00fcnstlergewerkschaften, Organisationen der Arbeiterdemokratie, Komponisten, Musiker, P\u00e4dagogen, K\u00fcnstler usw. teil. Unter anderem kamen auch Meyerhold, Altman, Blok und Majakowski, um \u00fcber die neu anstehende Kulturpolitik zu diskutieren. Ersterer widmete seine Kunst von da an vollst\u00e4ndig der Revolution. Mayakowskys \u201eMysterium buffo\u201c stellte dessen Wendepunkt in seiner Kunst dar, er wandte sich nun an die Massen.<\/p>\n<p>\u201eEine der wichtigsten, schwierigsten, aber auch interessantesten Aufgaben des Rates ist der Versuch, ein neues Repertoire ins Leben zu rufen im \u00dcbereinstimmung mit dem Geist der Zeit und der Stimmung der Massen; es gilt, neue, dem Volk nahe Formen der Darstellung zu finden und neue Methoden einer frischen und k\u00fcnstlerischen Erziehung. Keine wirkliche Kraft, die mit dem Rat zusammenarbeiten will, wird \u00fcberfl\u00fcssig sein.\u201c<\/p>\n<p>(Bericht \u00fcber die Anfangst\u00e4tigkeit des Rates und \u00fcber die bleibenden Aufgaben, Isvestija, 1918)<\/p>\n<p>Aus diesem Theaterrat bildete sich die TEO (Theaterabteilung) im Narkompros, die zwischen Juli 1919 und Februar 1920 von Lunatscharski \u00fcbernommen wurde, Meyerhold leitete ihre Filiale in Petrograd.<\/p>\n<p><a title=\"zweiter Teil\" href=\"\/?p=16806\">weiter zum zweiten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Entwicklung des Theaters nach der Russischen Revolution<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[73],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10963"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10963"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10963\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10963"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}