{"id":10943,"date":"2004-08-09T08:47:22","date_gmt":"2004-08-09T06:47:22","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10943"},"modified":"2012-12-30T12:10:58","modified_gmt":"2012-12-30T11:10:58","slug":"10943","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/08\/10943\/","title":{"rendered":"Arbeiterrepublik f&uuml;r ein paar Wochen"},"content":{"rendered":"<p>Stefan Heyms Roman &#8222;Schwarzenberg&#8220;<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIn seinem 1984 erschienen Roman &#x84;Schwarzenberg&#x93; l&auml;sst Stefan Heym ein St&uuml;ck deutscher Nachkriegsgeschichte auferstehen, das weniger in Vergessenheit geraten, als niemals in die Geschichtsb&uuml;cher aufgenommen worden war. Er beschreibt Wochen von Arbeiterselbstverwaltung, m&ouml;glich gemacht durch den historischen Zufall, dass in einem kleinen Teil Sachsens, nahe der tschechischen Grenze und heute dem Landkreis Aue entsprechend, weder die sowjetische Rote Armee noch die US-Armee als Besatzungsmacht einmarschiert war. Mit dieser unerwarteten Situation konfrontiert organisieren sich die Arbeiter der Ortschaft Schwarzenberg zu einem antifaschistischen Aktionsausschuss und bilden eine neue Verwaltungsmacht, eine Art Regierung. Sie nehmen die Entnazifizierung der Gegend in Angriff, sorgen daf&uuml;r, dass die durch die Nazis ausgebeuteten Fremdarbeiter den Weg in die Heimat antreten k&ouml;nnen, lassen die Produktion von Industrieg&uuml;tern wieder anlaufen und treiben Handel mit den besetzten Gebieten. Kurz: sie schaffen eine neue Ordnung, frei von den Vorgaben der amerikanischen oder russischen Siegerm&auml;chte. Die Arbeiter, Kommunisten und Sozialdemokraten, im Aktionsausschuss beginnen &#x96; unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit &#x96; ihre politischen &Uuml;berzeugungen zu materieller Realit&auml;t zu machen und bilden die Republik Schwarzenberg, arbeiten an einer Verfassung und tr&auml;umen den Traum zwischen dem Machtvakuum der sowjetischen und US-amerikanischen Besatzungszonen eine Art sozialistischem Laboratorium entwickeln zu k&ouml;nnen &#x96; die ersehnte Verbindung von &#x84;Sozialismus und Freiheit&#x93;. Der Traum war schnell ausgetr&auml;umt. Nach der Aufteilung Deutschlands in verschiedene Besatzungszonen durch die Ergebnisse der Verhandlungen von Jalta ziehen die Amerikaner ab, die Rote Armee h&auml;lt nicht viel von &#x84;Sozialismus und Freiheit&#x93; und marschiert in Schwarzenberg ein und enthebt den Aktionsausschuss seiner Funktionen. Ein kurzer Fr&uuml;hling der Arbeiterdemokratie findet ein schnelles Ende. <\/p>\n<p>   Heyms Buch besteht aus Aufzeichnungen von Gespr&auml;chen, die er mit einem der Mitglieder des Aktionsausschusses f&uuml;hrte, dem KPD-Mann Kadletz, und einem fiktiven Teil. Teil der Geschichte ist die wahre Liebesbeziehung zwischen Kadletz und einer russischen Fremdarbeiterin, das Schicksal des M&auml;dchens Justine Egloffstein, die durch ihre traumatischen Erfahrungen im Krieg die Sprache verloren hat und die Suche des amerikanischen Offiziers nach seiner Jugendliebe Esther Bernhardt. So gelingt es ihm gro&szlig;e internationale Geschichte, kleine schwarzenbergische Geschichte und das Leben und die Schicksale der Menschen in solchen Zeiten eindrucksvoll zu verbinden. <\/p>\n<p>   Das Buch ist gleichzeitig eine Anklage gegen den Stalinismus &#x96; von einem Schriftsteller, der in der DDR lebte und wirkte, dieses Buch aber nur in der kapitalistischen BRD ver&ouml;ffentlichen konnte. Das Schicksal von Max Wolfram wird zur Anklage gegen die b&uuml;rokratische Diktatur der Stalinisten. Wolfram war der geistige Sch&ouml;pfer der Republik Schwarzenberg, der erste, der die Idee aussprach und eine Vorstellung davon entwickelte. Ein intellektueller Jude, der nur mit Gl&uuml;ck der Vollstreckung der Todesstrafe entgangen war und die Nazizeit im Zuchthaus verbrachte, beginnt er eine Verfassung f&uuml;r die Republik Schwarzenberg zu erarbeiten. Dies ist sicherlich das politisch herausragende Kapitel des Buches. Heym l&auml;sst Wolfram nahezu das komplette Programm der politischen antistalinistischen Revolution entwickeln und die Prinzipien eines demokratischen Arbeiterstaates, so wie Lenin und Trotzki ihn verwirklichen wollten, darlegen. Der Verfassungsentwurf sieht die jederzeitige W&auml;hl- und Abw&auml;hlbarkeit der Volksdeputierten vor, schlie&szlig;t Privilegien aus, sieht einen durchschnittlichen Arbeiterlohn f&uuml;r Volksvertreter vor, ersetzt Berufsarmee und Berufspolizei durch eine Arbeitermiliz, sieht Gemeineigentum an Banken, Bergwerken, H&uuml;tten sowie Gro&szlig;betrieben in Industrie und Handel vor, die demokratisch verwaltet werden sollen. Und mehr: das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung, ein Verbot der Pressezensur, ein Schutz vor Verfolgung aus politischen oder anderen Gr&uuml;nden werden festgeschrieben. All die M&auml;ngel der stalinistischen Sowjetunion werden von Stefan Heym durch seine Figur Max Wolfram aufgedeckt. Nicht nur weil dieser den Verfassungsentwurf erstellt, sondern auch dadurch, dass er Opfer des stalinistischen Repressionsapparates wird. Denn als sich die Rote Armee ank&uuml;ndigte, sah die Mehrheit des Aktionsausschusses keine Perspektive und auch keinen Sinn darin, weiter f&uuml;r den Fortbestand der Republik Schwarzenberg zu k&auml;mpfen und entschied &#x84;die Freunde&#x93; willkommen zu hei&szlig;en und sich der Besatzung zu f&uuml;gen. Wolfram, Kadletz und ein weiterer Genosse stimmten damit nicht &uuml;berein. Wolfram begibt sich dann zu den amerikanischen Besatzungsoffizieren, um zu versuchen dort Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Fortbestand seiner unabh&auml;ngigen Republik zu erhalten, denn der amerikanische Lieutenant Lambert hatte gewisse Sympathien mit Schwarzenberg ge&auml;u&szlig;ert. Nach der R&uuml;ckkehr aus der amerikanischen Besatzungszone wird er vom sowjetischen Kapit&auml;n Workutin und dessen Unterst&uuml;tzer in den Reihen des Aktionsausschusses, Reinsiepe, verhaftet, festgehalten und verh&ouml;rt. In seiner Wahrnehmung erinnert ihn diese Situation an die Zeit in den Nazigef&auml;ngnissen und den Verh&ouml;ren dort. Hiermit weist Heym auf die durchaus vergleichbaren Methoden stalinistischer und faschistischer Herrschaft hin (abgesehen nat&uuml;rlich von der industriellen Massenvernichtung der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung durch die Nazis). <br \/>   Liest man &#x84;Schwarzenberg&#x93; k&ouml;nnte man meinen Heym sei ein &#x96; bewusster oder &#x84;unbewusster&#x93; &#8211; Trotzkist gewesen. Doch es f&auml;llt auf, dass der Name Trotzki in dem ganzen Buch nicht einmal f&auml;llt. Dies ist in einem Buch dieses Themas nicht unbedeutend. Heym l&auml;sst Wolfram weitgehend das Programm der trotzkistischen Bewegung f&uuml;r eine Arbeiterdemokratie entwerfen. Trotzki in diesem Zusammenhang genauso wenig zu nennen wie Lenin, der in seinem Werk &#x84;Staat und Revolution&#x93; viele dieser Forderungen entwickelte bzw. aus den Erfahrungen der marxistischen Bewegung und vor allem der Pariser Kommune zusammen trug, ist entweder Ausdruck der Tatsache, dass Trotzki durch den Stalinismus zur Unperson gemacht wurde oder zeigt, dass man als Stefan Heym zwar kritische B&uuml;cher in Westdeutschland ver&ouml;ffentlichen konnte, aber diese spezielle Freiheit nicht so weit ging den gr&ouml;&szlig;ten Kritiker des Stalinismus politisch zu rehabilitieren. Doch Heyms politische Erkenntnisse gingen offensichtlich sehr weit &#x96; schade nur, dass er dieses von ihm in &#x84;Schwarzenberg&#x93; vertretene politische Programm f&uuml;r eine sozialistische Demokratie nicht in die revolution&auml;re Bewegung in der DDR im Herbst 1989 einbrachte. Er h&auml;tte sicherlich aufgrund seiner Autorit&auml;t ein gr&ouml;&szlig;eres Echo gefunden als es die wenigen Trotzkisten der damaligen Gruppe &#x84;Marxisten f&uuml;r R&auml;tedemokratie&#x93;, die heute in der SAV sind, finden konnten. <br \/>   &#x84;Schwarzenberg&#x93; ist ein wichtiges Buch und es ist eine Schande, dass es zur Zeit vergriffen ist. Es erz&auml;hlt die wahre Geschichte der Eigeninitiative, Kreativit&auml;t und der sozialistischen und demokratischen Instinkte der Arbeiterklasse. In Schwarzenberg konnte diese Initiative f&uuml;r einige Wochen &#x84;die Macht&#x93; ergreifen. Doch auch in unz&auml;hligen anderen deutschen St&auml;dten entstanden nach Ende des Zweiten Weltkriegs antifaschistische Komitees, die versuchten die Entnazifizierung durchzuf&uuml;hren, die Betriebe ans Laufen zu bringen und die eine sozialistische Demokratie zum Ziel hatten. Sie wurden von den Besatzungsm&auml;chten, ob kapitalistisch oder stalinistisch, behindert, bek&auml;mpft und aufgel&ouml;st. Es ist auch die Aufgabe der marxistischen Bewegung heute, diese Geschichte in Erinnerung zu halten und auf diesen Traditionen aufzubauen. <\/p>\n<p>   <span style=\"font-style: italic;\">Sascha Stanicic, SAV-Bundessprecher<\/span><span style=\"font-style: italic;\"> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Heyms Roman &#8222;Schwarzenberg&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10943"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10943"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10943\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10943"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10943"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}