{"id":10924,"date":"2004-07-16T22:39:19","date_gmt":"2004-07-16T22:39:19","guid":{"rendered":".\/?p=10924"},"modified":"2004-07-16T22:39:19","modified_gmt":"2004-07-16T22:39:19","slug":"10924","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/07\/10924\/","title":{"rendered":"Venezuela zwischen Putsch und Revolution"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: bold; font-style: italic; color: rgb(153, 0, 0);\">Kommt es unter Chavez zu Volksbewaffnung und Massenerhebung gegen die Reaktion? <\/span><\/p>\n<p> Im Mai flogen rund 130 kolumbianische Todesschwadrone in Venezuela auf, die zusammen mit venezolanischen Kapitalisten und Gro&szlig;grundbesitzern im Interesse der USA einen gewaltsamen Sturz des Chavez-Regimes vorbereiteten. Hunderttausende ArbeiterInnen und Arme gingen daraufhin am 17. Mai auf die Stra&szlig;e, um ihre Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Chavez? Reformen zu demonstrieren. <br \/> <span style=\"font-style: italic;\">von Tinette Schnatterer, Stuttgart <\/span><!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAm 6. Dezember 1998 wurde Chavez mit 56,5 Prozent der Stimmen zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt und im Jahr 2000 im Amt best&auml;tigt. Er war mit dem Versprechen angetreten, Reformen f&uuml;r die Armen in Venezuela durchzuf&uuml;hren. Er pr&auml;sentierte sich als Nachfolger des b&uuml;rgerlichen Freiheitsk&auml;mpfers Simon Bolivar aus dem 19. Jahrhundert und prangerte die korrupten Politiker an. Er wurde mit einer gro&szlig;en Mehrheit von den Besch&auml;ftigten und &Auml;rmsten des Landes gew&auml;hlt. <br \/> Unter Chavez wurden riesige Fl&auml;chen Land an Bauern-Kooperativen verteilt. 3.200 neue Schulen wurden er&ouml;ffnet und eine Million Menschen aus dem Analphabetentum befreit. Universit&auml;ten wurden f&uuml;r Kinder aus der Arbeiterklasse ge&ouml;ffnet. Millionen Menschen haben zum ersten Mal Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, allein in Caracas eine Million. Unter anderem wurden 3.500 &Auml;rzte aus Kuba eingestellt, die in Regionen entsandt wurden, die vorher nie einen Arzt gesehen hatten. <br \/> Dadurch entstand eine gro&szlig;e Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Chavez unter den &auml;rmeren Teilen der Bev&ouml;lkerung und der Mittelschicht, w&auml;hrend er den Hass der Gro&szlig;unternehmer und der venezolanischen Elite auf sich zog. <br \/> 1999 wurde in einem Referendum eine neue Verfassung f&uuml;r Venezuela beschlossen, die sogenannte ?bolivarische Verfassung?, die in vielen Punkten demokratischer ist als alle anderen in Lateinamerika. Sie beinhaltet zum Beispiel die M&ouml;glichkeit einen gew&auml;hlten Mandatstr&auml;ger nach der H&auml;fte seiner Amtszeit abzuw&auml;hlen, wenn 20 Prozent der Wahlberechtigten sich daf&uuml;r aussprechen. <br \/> Au&szlig;enpolitisch trat Chavez f&uuml;r h&ouml;here &Ouml;lpreise ein und kritisierte die Au&szlig;enpolitik der USA, vor allem den Irak-Krieg. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Wirtschaftskrise <\/span><br \/> Noch immer leben allerdings zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung in Venezuela unterhalb der Armutsgrenze und die Arbeitslosigkeit betr&auml;gt 25 Prozent. Die Inflation liegt bei 26 Prozent und wird wahrscheinlich weiter steigen. Das trifft vor allem die Mittelschichten hart, deren Verm&ouml;gen durch die Inflation aufgefressen wird. <br \/> In den letzten Jahren steckte Venezuela in einer tiefen Wirtschaftskrise, die durch die wirtschaftliche Sabotage der Unternehmer und des US-Imperialismus und durch die Kapitalabwanderung versch&auml;rft wurde. Auch wenn seit einem Jahr eine schwache Erholung einsetzt, reicht das nicht aus, das soziale Elend zu beseitigen (die Arbeitslosenquote sank von 20 auf immer noch verheerende 15 Prozent). Diese Entwicklung f&uuml;hrt auch dazu, dass sich trotz weiterhin gro&szlig;er Unterst&uuml;tzung mittlerweile Teile der Mittelschicht von Chavez abwenden. <br \/> Bisher hat Chavez die wirtschaftliche Macht der Kapitalisten kaum angegriffen. Die Reformen wurden durch die Einnahmen der staatlichen &Ouml;lgesellschaft, &ouml;ffentliche Investitionsprogramme und Hilfen aus Kuba finanziert. Um ein weiteres Abtauchen in die Wirtschaftskrise zu verhindern und den Lebensstandard der Masse der Bev&ouml;lkerung nachhaltig zu heben, ist ein Plan n&ouml;tig, wie die Ressourcen des Landes im Interesse der ArbeiterInnen und Armen genutzt werden k&ouml;nnen. Um das umsetzen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen die Schl&uuml;sselindustrien vergesellschaftet werden: Statt Profite f&uuml;r wenige abzuwerfen, k&ouml;nnten sie genutzt werden, die Gesellschaft zu entwickeln. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Putschversuche <\/span><br \/> Die venezolanischen Unternehmer und die reiche Elite des Landes haben von Beginn an klargemacht, dass sie es nicht hinnehmen, ihre Privilegien von Chavez antasten zu lassen. Unterst&uuml;tzt werden sie dabei vom US-Imperialismus. Venezuela ist der f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;te &Ouml;l-Exporteur weltweit und einer der wichtigsten &Ouml;l-Lieferanten f&uuml;r die USA. Durch die Krise im Nahen Osten ist es f&uuml;r die USA noch wichtiger geworden, dass dieses &Ouml;l unter der Kontrolle einer US-freundlichen und stabilen Regierung steht. Dazu kommt die st&auml;ndige Kritik Chavez? an der US-Au&szlig;enpolitik. Bush begr&uuml;&szlig;te sowohl den Putschversuch gegen Chavez als auch den Produktionsstopp 2002 \/ 03 durch die Unternehmer. Auch der Pr&auml;sidentschaftskandidat der Demokraten, Kerry, bezeichnete Chavez als ?undemokratisch?. <br \/> Die venezolanischen Herrschenden haben bereits drei Anl&auml;ufe unternommen, den gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten loszuwerden ? die bisher alle am entschiedenen Widerstand der Bev&ouml;lkerung scheiterten. Im April 2002 f&uuml;hrten unternehmerfreundliche Teile des Milit&auml;rs einen Putsch durch, nahmen den Pr&auml;sidentenpalast ein und inhaftierten Chavez. In den Medien wurde verk&uuml;ndet, Chavez sei zur&uuml;ckgetreten und die USA gratulierte den neuen Machthabern. <br \/> Was sich allerdings in den Tagen des Putsches abspielte, war beeindruckend. Demonstrationen von ArbeiterInnen und Armen f&uuml;llten die Stra&szlig;en, sie zogen zum Pr&auml;sidentenpalast und forderten die Wiedereinsetzung von Chavez. Die spanische Zeitung El Pais berichtete von einem einfachen Soldaten, der Chavez im Milit&auml;rgef&auml;ngnis fragte, ob es stimme, dass er zur&uuml;ckgetreten sei. Chavez verneinte, woraufhin der Soldat ihn bat, eine Nachricht zu verfassen und im Papierkorb zu hinterlassen. Der Soldat faxte die Stellungnahme des Pr&auml;sidenten nach Caracas, wo tausende Exemplare an die Demons-trantInnen verteilt wurden. Innerhalb weniger Stunden musste Chavez freigelassen und zur&uuml;ck in den Pr&auml;sidentenpalast gebracht werden. <br \/> Nachdem der Putschversuch gescheitert war, versuchte die Opposition Chavez mit einem sogenannten ?Generalstreik? zu st&uuml;rzen. In Wirklichkeit war dieser ?Streik? allerdings nichts anderes als eine Massenaussperrung der Besch&auml;ftigten. Wieder gingen Massen dagegen auf die Stra&szlig;e, es kam zu gewaltt&auml;tigen K&auml;mpfen von Chavez-Gegnern und Unterst&uuml;tzerInnen. Dieser Boykott der Unternehmer zwischen Dezember 2002 und Januar 2003 f&uuml;hrte allerdings zu riesigen Produktionsausf&auml;llen, vor allem bei der staatlichen &Ouml;lraffinerie. <br \/> Neben neuen Putschpl&auml;nen versucht die Opposition nun, auf ein Referendum zur Abwahl des Pr&auml;sidenten zu setzen. Der Einreichtermin musste mehrfach verschoben werden und nach Abgabe der Unterschriften stellte sich heraus, dass viele Unterschriften gef&auml;lscht waren. Einige der ?Unterzeichner? waren seit &uuml;ber zehn Jahren tot. Trotzdem erkannte Chavez das Referendum an, das im August stattfinden soll. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Selbstorganisation? <\/span><br \/> Bisher hat Chavez nichts getan, um die Gefahr eines Putsches zu verhindern. Bereits Monate vor dem Putsch 2002 hatte es Ger&uuml;chte dar&uuml;ber gegeben. Chavez hatte damals verk&uuml;ndet, er w&uuml;rde sich nicht st&uuml;rzen lassen, aber nichts dagegen unternommen. Nach dem Putsch wieder zur&uuml;ck im Pr&auml;sidentenpalast rief er als erstes zu ?nationaler Einheit? auf und appellierte, wieder nach Hause zu gehen. Er versuchte, die Opposition durch Kompromisse zu bes&auml;nftigen, zum Beispiel stellte er einige Manager wieder in der staatlichen &Ouml;lindustrie ein, die den Putsch unterst&uuml;tzt hatten. Alle Angriffe der Opposition konnten bisher nur durch entschlossenen und spontanen Widerstand der Besch&auml;ftigten und Armen abgewehrt werden. <br \/> Seitdem jetzt die Pl&auml;ne der kolumbianischen Todesschwadrone bekannt wurden und Chavez mit dem R&uuml;cken zur Wand steht, benutzt er eine deutlichere Sprache. Am 17. Mai erkl&auml;rte er, er werde in den n&auml;chsten Wochen neue Direktiven herausgeben: ?Ich bitte alle Stadtr&auml;te und sozialen Bewegungen um Unterst&uuml;tzung. M&auml;nner und Frauen, die nicht in der Reserve sind, aber Soldaten werden wollen, sollen milit&auml;risches Training aufnehmen und sich zur Verteidigung des Landes organisieren.? <br \/> In Chile hatten die ArbeiterInnen vor dem Milit&auml;rputsch 1973 gegen die Regierung des Sozialisten Allende Waffen eingefordert, um die Revolution zu verteidigen. Einige ArbeiterInnen hatten sogar leichte Waffen und in manchen Fabriken waren Verteidigungskomitees organisiert worden. Allende hatte damals verk&uuml;ndet, Waffen w&uuml;rden ausgegeben, ?wenn die Zeit reif? sei. Dies passierte aber nicht und Tausende von chilenischen ArbeiterInnen wurden wehrlos abgeschlachtet. <br \/> In Venezuela ist es jetzt allerh&ouml;chste Zeit, Arbeitermilizen zu gr&uuml;nden. Jeder Betrieb, jeder Stadtteil und jedes Elendsviertel braucht ein Verteidigungskomitee. Soldaten m&uuml;ssen Komitees aus ihren Reihen w&auml;hlen und damit beginnen, Waffen an die Komitees zu verteilen. Diese Soldatenr&auml;te sollten au&szlig;erdem ein System von gew&auml;hlten Offizieren aufbauen und diejenigen, die mit den rechten Putschkr&auml;ften sympatisieren, aus der Armee entfernen. <br \/> Die Verteidigungskomitees k&ouml;nnten durch die Bolivarischen Zirkel (Unterst&uuml;tzungskomitees f&uuml;r Chavez, deren Gr&uuml;ndung er zu Beginn seiner Amtszeit in ganz Venezuela initiiert hatte) koordiniert werden. Die Bolivarischen Komitees sollten durch gew&auml;hlte VertreterInnen aus allen Betrieben, Stadtteilen und der Gewerkschaft erg&auml;nzt werden, die jederzeit auch wieder abw&auml;hlbar sind. Diese Komitees m&uuml;ssen sich auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene vernetzen und eine revolution&auml;re Regierung der ArbeiterInnen und Bauern bilden. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Revolution? <\/span><br \/> Aber auch die Bildung von Milizen reicht nicht aus. Notwendig ist eine Arbeiterregierung mit einem sozialistischen Programm. Die gro&szlig;en Banken und Unternehmen, sowohl die nationalen wie die ausl&auml;ndischen, m&uuml;ssen vergesellschaftet und unter demokratische Kontrolle der Besch&auml;ftigten gestellt werden. Die Kapitalisten haben bereits gezeigt, dass sie sich nicht an demokratische Wahlen halten. Nur durch die Enteignung kann verhindert werden, dass sie ihre Macht nutzen, um Chavez zu st&uuml;rzen. Dann k&ouml;nnte die Wirtschaft demokratisch geplant werden. Es gibt bereits in einigen Betrieben Elemente von Arbeiterkontrolle und k&uuml;rzlich streikten 7.000 Stahlarbeiter von Sidor, der gr&ouml;&szlig;ten Stahlgesellschaft in ganz Lateinamerika, &uuml;ber einen Monat und forderten die Verstaatlichung ihrer Fabrik. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Referendum <\/span><br \/> Chavez ist in der Vergangenheit nur gegen die Ausw&uuml;chse des Systems vorgegangen und hat den Kapitalismus nicht grundlegend in Frage gestellt. Er versuchte im Rahmen der bestehenden M&ouml;glichkeiten Verbesserungen durchzuf&uuml;hren und die herrschende Klasse durch Kompromisse zu bes&auml;nftigen. So sagte Jorge Giordani, venezolanischer Planungsminister, noch vor ein paar Wochen: ?In Venezuela gibt es einen &Uuml;bergang, keine Revolution. Das neoliberale Modell ist in Gefahr, nicht der Kapitalismus? (La Tercera, 31. Mai). <br \/> Durch die Gefahr eines neuen Putsches und durch den Druck von unten ist Chavez radikaler geworden. Am 14. Mai erkl&auml;rte Chavez: ?Nach dem Kalten Krieg haben viele Linke aufgeh&ouml;rt, von Kapitalismus zu sprechen und diesen Begriff durch das Wort Neoliberalismus ersetzt. Beide Begriffe stehen f&uuml;r die gleiche m&ouml;rderische, perverse und stinkende Herrschaft.? <br \/> Chavez hofft darauf, dass ein positives Ergebnis im Referendum ihn st&auml;rken wird. Bei der Abstimmung am 15. August ben&ouml;tigt die Opposition mehr als 3,7 Millionen Stimmen (soviel erhielt Chavez bei seiner Wiederwahl vor vier Jahren). Dann w&uuml;rde es innerhalb von einem Monat zu einer Neuwahl des Pr&auml;sidenten kommen. In den letzten Wochen hat Chavez eine gro&szlig;e Wahlkampagne gestartet. Anfang Juli erkl&auml;rte er vor mehreren tausend Anh&auml;ngerInnen in Puerto Ordaz: ?Unsere Hauptgegner sind die imperialistischen Kr&auml;fte. Sie werden unser &Ouml;l nicht bekommen.? <br \/> Der entscheidende Kampf wird aber nicht an den Wahlurnen gef&uuml;hrt. Es geht jetzt darum, die Unternehmer zu enteignen, die Betriebe unter Arbeiterkontrolle zu stellen und f&uuml;r eine sozialistische Gesellschaft zu k&auml;mpfen. In Nicaragua wurden nach dem Sturz des Diktators Somoza in den achtziger Jahren sehr viel weitergehende Verstaatlichungen durchgef&uuml;hrt. Doch nachdem der Kapitalismus nicht abgeschafft wurde, gelang es der Konterrevolution, wieder an die Macht zu kommen. In Nicaragua dauerte dieser Prozess, auch vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes, zehn Jahre. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass Chavez jetzt zehn Jahre Zeit haben wird. <br \/> Auf den Demonstrationen am 1. Mai diesen Jahres trugen einige GewerkschafterInnen Transparente mit Losungen wie: ?Lasst uns unser Land verteidigen!?, ?Nein zu einer US-Intervention!? ?Venezuela hin zum Sozialismus!? <br \/> In diesem Sinne muss der Kampf gegen die Reaktion weiter gef&uuml;hrt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span\nstyle=\"font-weight: bold; font-style: italic; color: rgb(153, 0, 0);\">Kommt<br \/>\nes unter Chavez zu<br \/>\nVolksbewaffnung und Massenerhebung gegen die Reaktion?<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Im Mai flogen rund 130 kolumbianische<br \/>\nTodesschwadrone in Venezuela auf, die zusammen mit venezolanischen<br \/>\nKapitalisten und Gro&szlig;grundbesitzern im Interesse der USA einen<br \/>\ngewaltsamen Sturz des Chavez-Regimes vorbereiteten. 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