{"id":10920,"date":"2004-07-10T22:26:43","date_gmt":"2004-07-10T22:26:43","guid":{"rendered":".\/?p=10920"},"modified":"2004-07-10T22:26:43","modified_gmt":"2004-07-10T22:26:43","slug":"10920","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/07\/10920\/","title":{"rendered":"Offensive der Arbeitgeber stoppen!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-style: italic;\">Fehlt den Gewerkschaften die Kampfkraft?<\/p>\n<p> <\/span>Kein Tag vergeht, ohne dass Unternehmer Belegschaften unter Druck setzen und erpressen. 30 Prozent weniger Lohn und eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden und mehr, das ist die grobe Marschrichtung. Siemens erzielte mit dem Abschluss f&uuml;r die Werke in Nordrhein-Westfalen bereits einen Durchbruch. Sind die Gewerkschaften zu schwach?<br \/> <span style=\"font-style: italic;\">von Ursel Beck, Stuttgart<\/span><!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie Kampfkraft der Gewerkschaften wird bestimmt von der Kampff&auml;higkeit und -bereitschaft ihrer Mitglieder und die Organisierung dieser Kampfkraft durch Gewerkschaftsf&uuml;hrung und -apparat. An Kampfbereitschaft mangelt es nicht. 500.000 MetallerInnen in 1.800 Betreiben hatten sich Anfang des Jahres an den Warnstreiks in der Metalltarifrunde beteiligt. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung musste der Chef des s&uuml;dwestdeutschen Metallarbeitgeberverbandes, Zwiebelhofer, eingestehen: ?In dieser krassen Form war das noch nie da, solche Teilnehmerzahlen hat es noch nie gegeben.?<br \/> Der Unmut &uuml;ber Agenda 2010 und Unternehmerwillk&uuml;r kam auch bei den regionalen Gro&szlig;demonstrationen am 3. April in Berlin, K&ouml;ln und Stuttgart zum Ausdruck. Bei allen betrieblichen oder konzernweiten Aktionen gab es eine enorm gute Beteiligung. 5.500 Boschler aus verschiedenen Werken legten Anfang Februar die Arbeit nieder und demonstrierten vor dem Werk in Leinfelden gegen die R&uuml;ckkehr zur 40-Stunden-Woche und gegen Produktionsverlagerung. <br \/> 25.000 Siemensbesch&auml;ftigte von Rostock bis M&uuml;nchen protestierten am 18. Juni gegen die Erpressungspolitik von Siemens-Chef Pierer und Co. Betriebsversammlungen in DaimlerChrysler-Werken Anfang Juli nahmen den Charakter von Protestkundgebungen an. In minutenlangen Pfeifkonzerten, mit Schildern und Transparenten brachten die Besch&auml;ftigten ihren Unmut gegen die geplante Streichung der ?Steink&uuml;hlerpause?, die K&uuml;rzung von Schichtzulagen und Weihnachtsgeld, die Einf&uuml;hrung der 40-Stunden-Woche in der Entwicklung und einen Absenkungstarifvertrag f&uuml;r den sogenannten Dienstleistungsbreich (Kantine, Werkschutz, Reinigung) zum Ausdruck.<br \/> Mit jedem neuen Angriff aus den Chefetagen w&auml;chst die Wut in den Werkhallen und B&uuml;ros. Charakteristisch f&uuml;r die derzeitige Situation ist auch, dass sich bei allen betrieblichen Aktionen und Arbeitsniederlegungen Nicht-Gewerkschaftsmitglieder beteiligen.<br \/> <span style=\"font-weight: bold;\"><br \/> Gewerkschaftsf&uuml;hrung blockiert<\/span><br \/> Doch nach wie vor steht die Gewerkschaftsf&uuml;hrung auf der Bremse. Der 3. April war f&uuml;r sie nicht der Auftakt f&uuml;r gewerkschaftliche Gegenwehr, sondern eine Dampfablassaktion zur R&uuml;ckgewinnung der Kontrolle &uuml;ber eine Bewegung, die sich au&szlig;erhalb der Gewerkschaften entwickelte. Wenn der DGB-Vorstand seine n&auml;chste Sommerpause einlegt und Einzelgewerkschaften als n&auml;chsten Schritt Unterschriftensammlungen statt Streiks in den Betrieben organisieren, dann zeigt das, dass Sommer (DGB-Chef), Peters (IG-Metall-Vorsitzender), Bsirske (Vorsitzender von ver.di) und Co den Widerstand nicht ernst meinen. <br \/> Die Hoffnungen von gewerkschaftlichen AktivistInnen, dass nach dem 3. April mehr passiert, wurden entt&auml;uscht. Die alte Stillhaltepolitik gegen&uuml;ber Rot-Gr&uuml;n und die Politik von betrieblichen B&uuml;ndnissen f&uuml;r Wettbewerbsf&auml;higkeit des Standort Deutschlands und Co-Management wird weiter betrieben. Selbst als die von den Gewerkschaften geforderte Ausbildungsabgabe erst kastriert und dann mit Beteiligung von SPD-regierten Bundesl&auml;ndern vollends gekippt wurde, gab es nur verbalen Protest von Seiten der Gewerkschaftsspitze.<br \/> &Uuml;berall, wo die Arbeitergeber Arbeitszeitverl&auml;ngerung und Lohnsenkungen fordern, signalisieren Gewerkschaften und Betriebsr&auml;te Verhandlungsbereitschaft und erkl&auml;ren sich kompromissbereit, wo Kampf angesagt ist. Das zeigt, dass die heutigen Gewerkschaftsf&uuml;hrer und viele Betriebsr&auml;te eher die Profitinteressen der Unternehmer als die Klasseninteressen ihrer Mitglieder vertreten. <br \/> Sie stellen sich auf den Standpunkt der Logik des Kapitalismus und haben sich auch aufgrund ihrer pers&ouml;nlichen Einkommen mit diesem System arrangiert. Seit Jahren vermeiden sie Streiks und betreiben mit ihrer Stellvertreterpolitik am Verhandlungstisch einen Ausverkauf nach dem anderen. <br \/> Hinzu kam Anfang der 90er Jahre die kapitalistische Restauration in der Sowjetunion und Ostdeutschland und in der Folge davon die ideologische Offensive der B&uuml;rgerlichen gegen Staatseigentum und Planwirtschaft. All diese Faktoren haben dazu gef&uuml;hrt, dass das politische Bewusstsein und das Selbstbewusstsein der Gewerkschaftsmitglieder und der Aktivit&auml;tsgrad stark zur&uuml;ckgegangen sind. In vielen Betrieben und Branchen hatte das sogar die Aufl&ouml;sung gewerkschaftlicher Strukturen (Betriebsgruppen, Vertrauensleute) zur Folge. <br \/> Die Verwandlung der SPD zur Unternehmerpartei sorgte au&szlig;erdem daf&uuml;r, dass es f&uuml;r Gewerkschaftsmitglieder keine Partei mehr gibt, in der Gegenargumente und eine Alternative zu Neoliberalismus und Kapitalismus diskutiert und aufgezeigt werden. <br \/> <span style=\"font-weight: bold;\"><br \/> Arbeiterbewegung neu aufbauen<\/span><br \/> Der Aufbau einer neuen Partei f&uuml;r Besch&auml;ftigte, Erwerbslose, Jugendliche und RentnerInnen ist deshalb &uuml;berf&auml;llig. Und es ist nur konsequent, wenn sich viele GewerkschafterInnen am Aufbau einer solchen Partei beteiligen. Diese Partei kann aber nicht Ersatz sein f&uuml;r gewerkschaftlichen Kampf und sie kann sich auch nicht aufbauen ohne diesen Kampf. <br \/> Deshalb m&uuml;ssen die Kr&auml;fte, die eine neue ?Linkspartei? formieren, von den Gewerkschaften Streiks bis hin zu einem bundesweiten eint&auml;gigen Proteststreik einfordern. Linke und AktivistenInnen in den Gewerkschaften und Betrieben m&uuml;ssen ihre Position nutzen, um die Blockade der Gewerkschaftsf&uuml;hrung zu brechen und von unten eine Streikbewegung aufbauen und voran treiben. <br \/> Lokale Streiks wie in Schweinfurt im April 2003 oder in Kassel im Dezember 2003 d&uuml;rfen keine Ausnahmen bleiben. Solche Beispiele m&uuml;ssen sich fortsetzen. Dann sind sie ein wirksames Mittel, um die Gewerkschaftsf&uuml;hrung unter Druck zu setzen, bundesweite Streiks zu organisieren beziehungsweise die Voraussetzungen zu schaffen, streikbereite Orte und Regionen zu vernetzen und auch ohne die Gewerkschaftsspitzen &uuml;berregionale oder sogar bundesweite Streiks zu organisieren. <br \/> In vielen Betrieben ist die Lage so explosiv, dass sich trotz der Blockadehaltung der Gewerkschaftsf&uuml;hrung und den Problemen, denen sich KollegInnen bei der Frage von Widerstand gegen&uuml;bersehen, der Unmut Bahn brechen und es auch relativ spontan zu Protesten und Arbeitsniederlegungen kommen kann. <br \/> Durch Streiks und den beschleunigten Aufbau einer innergewerkschaftlichen Opposition m&uuml;ssen die Gewerkschaften von unten bis oben wieder neu als Kampforganisationen der arbeitenden Menschen aufgebaut werden.<br \/> <br style=\"font-weight: bold; font-style: italic;\"> <span style=\"font-weight: bold; font-style: italic;\">Ursel Beck ist gewerkschaftspolitische Sprecherin der SAV<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-style: italic;\">Fehlt den Gewerkschaften die<br \/>\nKampfkraft?<\/p>\n<p><\/span>Kein Tag vergeht, ohne dass Unternehmer Belegschaften unter<br \/>\nDruck setzen und erpressen. 30 Prozent weniger Lohn und eine<br \/>\nWochenarbeitszeit von 40 Stunden und mehr, das ist die grobe<br \/>\nMarschrichtung. 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