{"id":10870,"date":"2004-05-05T09:14:33","date_gmt":"2004-05-05T09:14:33","guid":{"rendered":".\/?p=10870"},"modified":"2004-05-05T09:14:33","modified_gmt":"2004-05-05T09:14:33","slug":"10870","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/05\/10870\/","title":{"rendered":"Sind die Gewerkschaften noch zu retten?"},"content":{"rendered":"<p>Tarifvertr?ge unter Beschuss, den Gewerkschaften laufen die Mitglieder davon ? ist die Zeit der Gewerkschaften vorbei?<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAm 3. April ging weit &uuml;ber eine halbe Million Menschen in Berlin, Stuttgart und K&ouml;ln auf die Stra&szlig;e. Wut und Zorn &uuml;ber Schr&ouml;ders Agenda 2010, den Sozialkahlschlag der Regierungen und die Angriffe der Arbeitgeber auf Arbeitszeiten, L&ouml;hne und Arbeitspl&auml;tze trieben die Menschen auf die Stra&szlig;e. M&ouml;glich war dies nur, da von den Gewerkschaften endlich ? ein Jahr nach der Verk&uuml;ndung der Agenda 2010 ? mobilisiert wurde. Und das nicht mal von allen, nicht mal mit voller Kraft.<br \/> Allen Abges&auml;ngen auf die Gewerkschaften zum trotz: hier wurde die St&auml;rke der DGB-Gewerkscahften sichtbar ? aber auch ihre Schw&auml;chen.<br \/> Immer, wenn in den letzten Monaten von den Gewerkschaften ein Angebot gemacht wurde, den Kampf gegen die Angriffe von Regierung und Arbeitgeber aufzunehmen, wurde dies massenhaft aufgegriffen: die Tarifrunde Metall wurde von 500.000 KollegInnen zum Warnstreik genutzt, die Arbeitgeber gingen trotz Anfangsget&ouml;se einem Gro&szlig;konflikt aus dem Weg ? und nahmen die Geschenke der Gewerkschaftsf&uuml;hrung noch mit. Die Proteste im Dezember gegen die Angriffe auf die Tarifautonomie wurde von Hunderttausenden genutzt um gleichzeitig w&auml;hrend der Arbeitszeit gegen Schr&ouml;ders Agenda zu protestieren. An den Demonstrationen in Wiesbaden, M&uuml;nchen und D&uuml;sseldorf gegen die Angriffe der Landesregierungen beteiligten sich Zehntausende ? oft ebenfalls w&auml;hrend der Arbeitszeit. <br \/> Daneben gab es unz&auml;hlige Proteste von RentnerInnen, die Studierendenbewegung, der Widerstand ausgehend von sozialen Bewegungen. Und ? nicht zu letzt ? entwickelt sich eine harte und f&uuml;r Deutschland neue Kultur der betrieblichen Konflikte: Die Angriffe der Arbeitgeber auf Abwanderungen, Arbeitsplatzvernichtung, Arbeitszeitverl&auml;ngerungen und weiterer Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen bleiben nicht ohne Antwort: Ob bei der Post, bei der AOK, bei Bombardier oder Siemens, ob bei Vivantes (Beliner Krankenh&auml;user), Aventis, Commerzbank, Vat-tenfall, &#8230; ? jeweils hunderte und tausende KollegInnen beteiligten sich an Aktionen gegen die Arbeitgeberwillk&uuml;r.<br \/> Das Protestpotenzial, das Potenzial aus Wut und Zorn Widerstand zu entwicklen, ist da. Es wird nur kaum genutzt. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Was f&uuml;r Gewerkschaften?<\/span><\/p>\n<p> Zahlenm&auml;&szlig;ig war der 3. April mehr als beeindruckend. Aber die TeilnehmerInnen der Demonstrationen in Berlin, Stuttgart und K&ouml;ln wurden nach Hause und zur&uuml;ck in die Betriebe geschickt, ohne dass irgendein n&auml;chster Schritt des Widerstands aufgezeigt wurde. Das Wort ?Streik? oder ?Generalstreik? wurde von den gewerkschaftlichen RednerInnen gemieden. Allenfalls die Orientierung auf den 1. Mai, als n&auml;chsten Demo-Termin wurde nachgeschoben. Das ist keine Methode, die Proteste zu steigern oder Widerstand aufzubauen.<br \/> Dies best&auml;tigte die ganze Entstehungsgeschichte des 3. April: Nachdem Schr&ouml;ders Angriffe auf dem Tisch waren, wurden zun&auml;chst halbherzig und halbzustimmend (nach dem Motto ?Reformen sind n&ouml;tig, aber nicht ohne unsere Beteiligung?) Proteste organisiert ? ohne in wirkliche Opposition zu Schr&ouml;der zu gehen: Die Gewerkschaftsspitzen waren in der Hartz-Kommission munter mit dabei. Proteste sollte es nur ?f&uuml;rs Schaufenster? (DGB-Chef Sommer) geben.<br \/> Die Proteste waren dementsprechende schw&auml;cher. Das wurde sofort vom DGB-Vorsitzenden Sommer und seinen Vorstandskollegen der Einzelgewerkschaften genutzt, um alle weiteren Proteste abzusagen.<br \/> Diese Sommer-Pause wurde von unten, durch die massenhafte Moblisierung gewerkschaftlicher AktivistInnen f&uuml;r den von unten gesetzten Termin einer bundesweiten Demonstration gegen Schr&ouml;ders Agenda am 1. November 2003 durchbrochen. Bis zum letzten Tag weigerten sich aber die Gewerkschaftsspitzen, selbst Gewerkschaftstagsbeschl&uuml;sse zur Mobilisierung daf&uuml;r umzusetzen. Die mehr als hunderttausend TeilnehmerInnen waren eine schallende Ohrfeige f&uuml;r die Gewerkschaftsspitzen. <br \/> Erst nach diesem Termin, erst bedroht von einer Situation, in der sie die Kontrolle &uuml;ber die Bewegung verlieren k&ouml;nnten, schoben diese Spitzenfunktion&auml;re Proteste nach, zun&auml;chst gegen die Angriffe auf die Tarifautonomie, dann wurde ein Termin f&uuml;r ein bundesweite Demonstration gesetzt ? aber von Ende 2003 erst f&uuml;r den April 2004! Und dann tobte zwischen den Gewerkschaften eine heftige Auseinandersetzung, wie den zu mobilisieren sei. Die IG Metall &uuml;berlie&szlig; es vor allem anderen aufzurufen. <br \/> Solange so vorgegangen wird, solange weder programmatisch noch von Protest- und Widerstandsformen die Bewegung aufgebaut wird, wird es den Herrschenden und Regierenden gelingen, diese Proteste auszusiten. So erkl&auml;rte der SPD-Vorsitzenden Franz M&uuml;ntefering nach dem Protesten am 3. April im ZDF: ?Da machen sich manche noch Illusionen?, weder bei den Zumutbarkeitsregeln f&uuml;r Arbeitslose noch sonstwo werde der eingeschlagene Kurs korrigiert. Dieter Hundt, Arbeitgeberchef, setzte noch drauf, mit ?lauthalsem Protestgeschrei? k&ouml;nne die wirtschaftliche Krise nicht beseitigt werden, ?Stehen Sie auf gegen die Blockade und Verweigerung der Gewerkschaften.? (Junge Welt, 5. April). <br \/> Um solche Dreistigkeiten dieser Herren nach einer eindrucksvollen Demonstration der St&auml;rke der Gewerkschaften zu unterbinden, ist es n&ouml;tig, endlich die Zur&uuml;ckhaltung der Gewerkschaften abzulegen. Dazu muss das Zur&uuml;ckhalten der KollegInnen durch die Gewerkschaftsspitzen durchbrochen werden.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Krise der Gewerkschaften: eine politische Krise<\/span><\/p>\n<p> Woher kommt die Zur&uuml;ckhaltung der Gewerkschaftsspitzen? Die heutige F&uuml;hrung ist politisch in der Defensive.<br \/> Die Banken, Konzerne und Versicherungen befinden sich in einer strukturellen und einer konjunkturellen Krise. Die Profite sind selbst im Aufschwung nicht hoch genug, um Anreiz f&uuml;r eine deutlich wachsende Wirtschaft zu schaffen. Selbst im Aufschwung werden daher die Probleme, zum Beispiel die Arbeitslosigkeit, gr&ouml;&szlig;er oder stagnieren allenfalls. In der Konjunkturkrise ? selbst bei einem milden Verlauf mit Stagnation und d&uuml;mpelndem Wachstumszwischenspiel ? wachsen sie. <br \/> Diese kapitalistische Krise soll nach dem Willen der Unternehmer auf dem R&uuml;cken der Besch&auml;ftigten, Erwerbslosen, Jugendlichen und RentnerInnen ausgetragen werden. Ihr Lebensstandard, ihre Gesundheit, ihre Absicherung soll gesenkt werden, damit die Profite wieder steigen. Eine Alternative hat der heutige Kapitalismus nicht zu bieten. <br \/> Daher die Angriffe auf soziale Errungenschaften, auf Arbeitsbedingungen, -zeiten und L&ouml;hne. Daher aber auch die Angriffe auf jede gewerkschaftliche Interessensvertretung: auf die Gewerkschaften insgesamt, auf die Rechte von Betriebs- und Personalr&auml;te und auf AktivistInnen, die mundtot gemacht werden sollen (CDU-Fraktionsvize Friedrich Merz: ?Wir m&uuml;ssen das Tarifkartell brechen und die Funktion&auml;re entmachten?).<br \/> Politisch wird dieses Programm von allen etablierten Parteien umgesetzt. Egal ob CDU, CSU, FDP, Gr&uuml;nen oder SPD ? alle stehen f&uuml;r den gleichen neoliberalen Einheitsbrei. Und auch die PDS beiteiligt sich in Regierungen flei&szlig;ig an den Angriffen auf den Fl&auml;chentarifvertrag (siehe Berlin), an Kahlschlag und K&uuml;rzungen. Die Banken und Konzerne haben also viele Parteien, ArbeitnehmerInnen und Erwerbslose keine einzige. <br \/> Das stellt die Gewerkschaftsspitzen vor ein doppeltes Dilemma: Den Kapitalismus und die Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert. &nbsp;<br \/> Zum einen haben die Gewerkschaftsspitzen ihren Frieden mit dem Kapitalismus geschlossen. Sie akzeptieren, dass Unternehmer Profite machen m&uuml;ssen, dass sie das &uuml;ber die Ausbeutung ?ihrer? Besch&auml;ftigten tun und dass betriebliche Entscheidungen (Arbeitspl&auml;tze, L&ouml;hne, Investitionen) dem untergeordnet werden. Sie k&ouml;nnen es sich leisten, dieses System zu akzeptieren, denn sie kassieren Spitzengeh&auml;ltern. Sie sehen ihre Rolle ? ?auf Augenh&ouml;he? mit den Kapitalisten ? als Manager der Gewerkschaften. F&uuml;r sie sind Gewerkschaften eine Art ADAC f&uuml;r Arbeitnehemer: Rechtsschutz, Lobby, Vertretung. Eine grundlegende Systemkritik und eine Aktivierung der Mitglieder w&uuml;rde ihre Stellung als Arbeitervertreter zwischen den Klassen, zwischen Unternehmern und ArbeiterInnen,&nbsp; in Frage stellen. <br \/> Doch diese Stellung basierte darauf, dass sie sich an der Spitze halten konnten durch die Verbesserungen, die sie im Rahmen des Kapitalismus f&uuml;r die Besch&auml;ftigten erzielen konnten. Der Kapitalismus des 21. Jahrhundert l&auml;sst ihnen daf&uuml;r keinen Spielraum, im Gegenteil: die Kapitalisten stellen alle Errungenschaften in Frage.<br \/> Die Krise des Systems wird daher zur politischen Krise der Gewerkschaftsf&uuml;hrung.<br \/> Gleichzeitig hat die SPD ihren Charakter grundlegend ver&auml;ndert. Gegr&uuml;ndet als sozialistische Arbeiterpartei wurde sie bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts zur Arbeiterpartei mit b&uuml;rgerlicher F&uuml;hrung: Sie wurde von viele Besch&auml;ftigten als ihre Partei angesehen, es gab enge Verbindungen zu den Gewerkschaften, doch die F&uuml;hrung der Partei agierte im Interesse der Banken und Konzerne. Ende des 20. Jahrhundert r&uuml;ckte die F&uuml;hrung nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten in Osteuropa weiter nach rechts. Die Verbindungen zu den Gewerkschaften wurden gelockert. ArbeiterInnen sahen noch auf Wahlebene die SPD als Alternative ? aber eine Partei, in der gewerkschaftliche und betriebliche AktivistInnen aktiv werden, in der sie Austausch, Ideen und Debatten suchen war dies nicht mehr. Dieser Verb&uuml;rgerlichungsprozess der Sozialdemokratie sorgt daf&uuml;r, dass Besch&auml;ftigte, Erwerbslose, Jugendliche und RentnerInnen heute ohne Partei dastehen, w&auml;hrend die Unternehmer die unterschiedlichsten Konstellationen f&uuml;r ihre Regierungen nutzen k&ouml;nnen.<br \/> Die enge Verbindung zwischen Gewerkschaftsfunktion&auml;ren und Sozialdemokratie wird durch die Verb&uuml;rgerlichung der SPD zur absoluten Fessel der Interessensvertretung der Besch&auml;ftigten; ohne Partei f&uuml;r Besch&auml;ftigte und Erwerbslose stehen die Gewerkschaften nackt der Politik gegen&uuml;ber.<br \/> Der Umgang mit diesem doppelten Dilemma markiert die verschiedenen Fl&uuml;gel der Gewerkschaften.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Fl&uuml;gel ohne Auftrieb<\/span><\/p>\n<p> Der rechteste Teil der DGB-Gewerkschaften, vertreten durch die F&uuml;hrung der IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) geht am weitesten damit, die neoliberale Ideologie f&uuml;r die Gewerkschaften zu verinnerlichen. Der Unmut in der IG BCE war so gro&szlig;, dass der 3. April von der IG-BCE-F&uuml;hrung nicht ignoriert werden konnte. Sie versuchten aber f&uuml;r ein ?Modell Deutschland? die Ausrichtung der Proteste so weit zu verwirren, als ob es darum ginge, dass die Gewerkschaften mit daf&uuml;r sorgen, dass ?Deutschland?, sprich die deutschen Banken und Konzerne, ?Platz 1? in Europa und weltweit einnehmen solle. Ihre Strategie der Anpassung setzt darauf zu hoffen, durch Verzicht die Profite zu sanieren und dann selbst ein paar Brosamen abzubekommen.<br \/> Der IG-BCE-Chef Schmoldt ist Kanzlers Liebling unter den Gewerkschaftschefs.<br \/> Der Huber-Fl&uuml;gel geht innerhalb der IG Metall am weitesten in diese Richtung. Da diese Strategie der Anpassung an die kapitalistische Krise auf dem R&uuml;cken der Besch&auml;ftigten statt findet, versucht Berthold Huber, IG-Metall-Vize, daf&uuml;r durch eine Spaltung der Besch&auml;ftigten eine organisatorische Basis hin zu bekommen: Er setzt auf die festangestellten Stammbelegschaften der Gro&szlig;unternehmen. &Uuml;ber die Gruppe der ?Rationalisierungsgewinner?, Facharbeiter und Angestellten schreibt Berthold Huber 2003: ?Diese Gruppe zu gewinnen und bei ihr Bindekraft zu entwickeln, ist die strategisch wichtige Aufgabe der IG Metall.?<br \/> Der Peters-Fl&uuml;gel in der IG Metall, benannt nach J&uuml;rgen Peters, Vorsitzender der IG Metall,&nbsp; setzt auf einen anderen Kurs: Sie versuchen, mit den Methoden der 70er Jaher, mit begrenzten Streiks und Auseinandersetzungen, Reformen zu erk&auml;mpfen. Diese Strategie war damals schon zweifelhaft, denn auch im Nachkriegsaufschwung und den Folgejahren bekamen Besch&auml;ftigte nur dann etwas vom gewachsenen Kuchen ab, wenn sie es sich entschlossen erk&auml;mpften. Doch angesichts eines kleiner werdenden Kuchens der Kapitalisten sind mit dieser Strategie auch keine Brosamen mehr zu bekommen. Sie m&uuml;ndet in die Frage: ist der Kampf ernst gemeint, wird er gesteigert oder wird er abgebrochen.<br \/> Gerade in der Ost-Metall-Tarifrunde um die Einf&uuml;hrung der 35-Stunden-Woche 2003 wurde dies sichtbar. Sie scheiterte nicht an der Kampfbereitschaft der KollegInnen im Osten, denn die Streikfront stand und gerade in den Gro&szlig;betrieben begann der Kampf seine eigene Dynamik zu entfalten. Der Streik begann auch wirtschaftlich zu wirken. Die Frage der Ausdehnung des Kampfes auf west-deutsche Betriebe stellte sich, denn die Auswirkungen des Streiks begannen sp&uuml;rbar zu werden. Doch eine solche Eskalation war nicht gewollt. West-deutsche Betriebsratsf&uuml;rsten fielen den Streikenden offen in den R&uuml;cken. Peters und D&uuml;vel, der zust&auml;ndige Sekret&auml;r f&uuml;r den Arbeitskampf im Osten, brachen den Streik ab, um der Eskalation zu entkommen.<br \/> Diese beiden Fl&uuml;gel sind nicht bereit, sich mit den Arbeitgebern oder mit der SPD-gef&uuml;hrten Regierung ernsthaft anzulegen.<br \/> Daneben gibt es noch Funktion&auml;rInnen mit linkerem Image, wie Horst Schmitthenner, Detlev Hensche oder Klaus Ernst, die offener sind f&uuml;r eine Zusammenarbeit mit der globalisierungskritischen Bewegung, selbst f&uuml;r begrenzte betriebliche Mobilisierungen stehen und auch gegen&uuml;ber der Sozialdemokratie mehr Distanz an den Tag legen. <br \/> Klaus Ernst, erster Bevollm&auml;chtigter der IG Metall Schweinfurt, kandidierte auf dem letzten IG-Metall-Gewerkschaftstag f&uuml;r den IG-Metall-Vorstand mit einer k&auml;mpferischen Rede gegen die Agenda 2010 und der Forderung, den Schmusekurs gegen&uuml;ber der SPD zu beenden. Gegen den Vorschlag der IG-Metall-F&uuml;hrung erreichte er &uuml;ber 40 Prozent. Er ist ? neben anderen IG-Metall-Funktion&auml;ren der mittleren Schicht ?&nbsp; einer der Initiatoren des Aufrufs ?Arbeit und soziale Gerechtigkeit? zur Gr&uuml;ndung einer Wahlalternative (siehe Seite 2). <br \/> Diese Funktion&auml;rInnen orientieren sich politisch eher auf eine keynesianistische Politik, das hei&szlig;t einer Politik, die davon ausgeht, mit staatlichen Interventionen den Kapitalismus besser zu managen. Sie setzt in den Gewerkschaften nicht auf eine Opposition sondern auf linke Netze oder Seilschaften im Apparat. Zum Teil verstehen sich diese Menschen als Teil des Peters-Fl&uuml;gel.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Gewerkschaftslinke<\/span><\/p>\n<p> Ein anderer Teil sieht sich als Teil der Gewerkschaftslinken. Dort kommen auch betriebliche AktivistInnen, linke Betriebs- und Personalr&auml;te zusammen, die der Politik der Gewerkschaftsspitze entgegegen treten wollen. Sie st&uuml;tzt sich auf zahlreiche AktivistInnen, mit unterschiedlichsten Betriebszeitungen, oppositionellen Kandidaturen zu Betriebs- und Personalratswahlen und so weiter.<br \/> Zum Austausch der AktivistInnen aus Betrieben und Gewerkschaften dient das Labournet (www.labournet. de). Eine Verzahnung wird durch die ?Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken? angestrebt. Ihre St&auml;rke lag bisher vor allem in der IG Metall und geographisch im Mittleren Neckarraum sowie im Ruhrgebiet. In ver.di beginnt sich nach dem Netzwerk f&uuml;r eine k&auml;mpferische und demokratische ver.di (www.netzwerk-verdi.de) auch eine ver.di-Linke zu organisieren (www.labournet.de\/diskussion\/verdi\/verdilinke.html). Im Bereich der IG BCE arbeit der Chemiekreis (www.chemiekreis.de). <br \/> Der Kurs der F&uuml;hrung geht Richtung Anpassung an den Kapitalismus in der Krise. Damit wird die Krise des Systems zur Krise der Organisation. Damit muss gebrochen werden. Frustrierte KollegInnen auf dem Absprung aus der Gewerkschaft oder danach sowie&nbsp; junge Besch&auml;ftigte, die nicht in der Gewerkschaft sind ? sie alle werden nicht durch interne Kritik mobilisiert. F&uuml;r sie muss deutlich sichtbar ? in Worten und Taten ? gemacht werden: Es gibt eine Alternative zum Ausverkauf, k&auml;mpferische und demokratische Gewerkschaften sind m&ouml;glich!<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Sind die Gewerkschaften noch zu retten?<\/span><\/p>\n<p> Aber sind die Gewerkschaften &uuml;berhaupt noch zu retten? Lohnt sich der Kampf noch innerhalb dieser von oben kontrollierten Apparate? <br \/> Es sind nicht mehr nur einfach die R&uuml;ckst&auml;ndigsten, die der Gewerkschaft den R&uuml;cken kehren. Soll eine k&auml;mpferische Gewerkschaft aufgebaut werden, muss es gelingen, auch diejenigen einzubeziehen, die sich frustriert von den heutigen Gewerkschaften abgewandt haben.<br \/> Doch die immer noch sieben Millionen Mitglieder, die vielen Besch&auml;ftigten, die auf die Gewerkschaften schauen, die gewerkschaftlichen Betriebs- und Personalr&auml;te und erst recht die Vertrauensleute der DGB-Gewerkschaften ? um sie dreht sich letzt-endlich der Kampf: nur mit ihnen wird eine Gewerkschaft, die diesen Namen wieder voll verdient, aufzubauen sein. Und um sie zu erreichen, ist heute eine k&auml;mpferische Interessensvertretung und ein Kampf in den Gewerkschaften f&uuml;r einen radikalen Kurswechsel n&ouml;tig. Die DGB-Gewerkschaften dienen heute oft genug nicht mehr als Kampfinstrumente f&uuml;r die arbeitende Klasse. Sie sind aber die zur Zeit einzige Massenorganisation in Deutschland, in der ? auch gegen den Willen der F&uuml;hrung ? die Debatte um eine Strateige zur Verteidigung der Interessen der Besch&auml;ftigten und Erwerbslosen gef&uuml;hrt werden kann.<br \/> Das hei&szlig;t nicht, dass diese Entwicklungen immer in den Gewerkschaften statt finden werden. In anderen L&auml;ndern gibt es Beispiele von Abspaltungen und Neugr&uuml;ndungen. So formierten sich LehrerInnen in &Ouml;sterreich au&szlig;erhalb der traditionellen (allerdings von den Konservativen kontrollierten) Lehrergewerkschaft im &Ouml;GB (&Ouml;sterreichischer Gewerkschaftsbund). <br \/> Solche Entwicklungen sind auch in Deutschland nicht ausgeschlossen. Sie werden aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie die vorhandenen AktivistInnen innerhalb des DGB begeistern und nach wie vor auch auf die KollegInnen orientieren, die auf den DGB schauen.<br \/> Die Einheitsgewerkschaften waren ein wichtiger Schritt der Arbeiterbewegung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg: Die gemeinsame St&auml;rke der Arbeiterklasse sollte in den Betrieben durch die Gewerkschaften gemeinsam der Macht der Unternehmer gegen&uuml;ber gestellt werden. (Ihre sozialistische Ausrichtung wurde von den Besatzungsm&auml;chten zun&auml;chst verboten.) Dieses Modell der Zusammenarbeit aller ArbeitnehmerInnen, der Klasseneinheit, kann aber nur funktionieren, wenn innerhalb der Gewerkschaften demokratisch &uuml;ber den Kurs und die Ausrichtung gestritten wird. <br \/> ?Die Aush&ouml;hlung der innergewerkschaftlichen Demokratie ist ein weiterer Teil des Selbstzerst&ouml;rungsprozesses der Gewerkschaft?, so der Stuttgarter DaimlerChrysler-Betriebsrat Tom Adler. Fehlende Demokratie und Transparenz f&uuml;hren zum Absterben gewerkschaftlicher Strukturen und sorgen daf&uuml;r, dass eine Wiederbelebung der Interessensvertretung f&uuml;r Besch&auml;ftigte zum Teil komplizierte Wege innerhalb und au&szlig;erhalb der heutigen Gewerkschaften gehen muss.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Wie weiter?<\/span><\/p>\n<p> Die auf dem 3. April sichtbare Wut und Bereitschaft, gegen die Angriffe von Arbeitgebern und Regierung vor zu gehen, zeigt, welches Potential auch in Deutschland daf&uuml;r vorhanden w&auml;re, den Widerstand in die Betriebe zu tragen. Das Beispiel &Ouml;sterreich zeigt auch, wie schnell ? trotz verkrusteter Gewerkschaftsstrukturen ? sich so ein Kampf auch mit Massenstreiks Bahn brechen kann. <br \/> Soll dies gef&ouml;rdert werden und sicher gestellt werden, dass die Wut nicht in Frustration umschl&auml;gt, muss die Gewerkschaftslinke eine Strategie aufzeigen, wie Agenda 2010 und Arbeitgeberwillk&uuml;r gestoppt werden k&ouml;nnen. N&ouml;tig ist der Kampf um eine Steigerung der Proteste: Demos allein werden nicht reichen, n&ouml;tig ist ein gemeinsamer Kampf aller DGB-Gewerkschaften. Ein eint&auml;giger Generalstreik w&uuml;rde demonstrieren, welche Macht die Besch&auml;ftigten haben. Er w&uuml;rde AktivistInnen und Gewerkschaften in allen anstehenden Auseinandersetzungen in eine wesentlich g&uuml;nstigere Position bringen. Er w&uuml;rde die Gewerkschaften in die Offensive bringen und die Banken und Konzerne (und damit auch ihre Regierungen) da treffen, wo es ihnen weh tut: am Profit.<br \/> Mit einem solchen Kampf, der deutlich macht, dass man es ernst meint mit dem Widerstand, sind auch KollegInnen zu begeistern, die bei allen Alibi-Aktionen und Demonstrationen skeptisch sind.<br \/> Doch ein solcher Streik f&auml;llt nicht vom Himmel. N&ouml;tig ist der Kampf in den Gewerkschaften darum. Und der wird nicht auf Sitzungen allein ausgetragen: N&ouml;tig sind Aktionen wie die Streiks der Schweinfurter MetallerInnen im April 03 oder die Streiks von 7.000 Besch&auml;ftigten am 9. Dezember in Kassel gegen die Agenda 2010. Dort, wo Gewerkschaftslinke solche Aktionen durchsetzen k&ouml;nnen, kann aufgezeigt werden, was m&ouml;glich ist und k&ouml;nnen andere KollegInnen ermutigt werden, aktiv zu werden. <br \/> Ansatzpunkte f&uuml;r gemeinsame Aktionen ? &ouml;rtlich, regional, landes- und bundesweit ?gibt es genug: Der Angriff auf die Arbeitszeiten im &ouml;ffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft, Arbeitsplatzvernichtung, Werksschlie&szlig;ungen und so weiter. <br \/> Die DGB-Spitzen haben es verstanden, den Impuls vom 3. April nicht zu nutzen und die KollegInnen ohne Vorstellung der n&auml;chsten Schritte zur&uuml;ck in die Betriebe zu schicken. Doch der R&uuml;ckenwind vom 3. April ist noch da. Es ist die Aufgabe der AktivistInnen in Betrieben und Gewerkschaften, diesen R&uuml;ckenwind in den anstehenden Auseinandersetzungen zu nutzen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-style: italic;\">von Stephan Kimmerle, Berlin (Redakteur der Solidarit&auml;t und Mitglied im Sprecherrat des Netzwerks f&uuml;r eine k&auml;mpferische und demokratische ver.di)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tarifvertr?ge unter Beschuss, den Gewerkschaften laufen die Mitglieder davon ? ist die Zeit der Gewerkschaften vorbei?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[160],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10870"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10870"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10870\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10870"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10870"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10870"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}