{"id":10869,"date":"2004-05-05T09:12:25","date_gmt":"2004-05-05T07:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10869"},"modified":"2012-06-24T15:35:49","modified_gmt":"2012-06-24T13:35:49","slug":"10869","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/05\/10869\/","title":{"rendered":"Zweite Front im Irak gegen die US-Besatzung"},"content":{"rendered":"<p>Die verst?rkte Beteiligung von Schiiten am Widerstand l?utet eine neue Phase im Kampf der irakischen Massen ein<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n?Die Kampfhandlungen sind beendet?. Das sagte George Bush am 1. Mai 2003. Ein Jahr danach wird klar: Der Irak ist ein Pulverfass. Sp&auml;testens mit dem Ausbruch der Aufst&auml;nde in Falludscha und der radikalen Schiiten im S&uuml;den Anfang April wird deutlich, dass sich die Phrasen der Besatzungsm&auml;chte &uuml;ber ?Wiederaufbau? und ?Demokratisierung? als v&ouml;llig absurd herausgestellt haben.<br \/> Seit dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen vor einem Jahr steht die irakische Bev&ouml;lkerung dem&uuml;tigenden Stra&szlig;enkontrollen, willk&uuml;rlichen Festnahmen, brutalen Misshandlungen und T&ouml;tungen gegen&uuml;ber. So wirft Amnesty International (ai) den US-Truppen im Irak vor, dass die Verbesserung der Menschenrechtslage ? angeblich einer der Kriegsgr&uuml;nde ? ?alles andere als realisiert? sei. Laut ai sind seit dem Einmarsch der Truppen 10.000 irakische ZivilistInnen ums Leben gekommen.<br \/> Aber auch die soziale Lage stellt sich der irakischen Bev&ouml;lkerung als Katastrophe dar: So haben heute nur 50 Prozent der Bev&ouml;lkerung sauberes Wasser, &uuml;ber 50 Prozent sind arbeitslos, immer wieder f&auml;llt der Strom aus. Die Verschlechterung der sozialen Lage f&uuml;r die Masse der Bev&ouml;lkerung und die Politik der Einsch&uuml;chterung, haben dazu gef&uuml;hrt, dass sich die Besatzungstruppen mit einem wachsenden Widerstand und einer starken Solidarisierung der irakischen Bev&ouml;lkerung konfrontiert sehen. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Schiiten und Sunniten<\/span><\/p>\n<p> Die Angriffe auf US-Truppen und St&uuml;tzpunkte, die noch vor einigen Wochen haupts&auml;chlich im sogenannten sunnitischen Dreieck stattfanden, haben jetzt auch die schiitische Bev&ouml;lkerungsmehrheit erfasst. Konnten vorher die Besatzungsm&auml;chte den Widerstand der Sunniten noch mit ihrer privilegierten Stellung unter der Saddam-Diktatur erkl&auml;ren, so geraten sie sp&auml;testens jetzt in Erkl&auml;rungsnot, warum Schiiten ? die unter Saddam eine besonders stark unterdr&uuml;ckt waren ? jetzt auch zu den Waffen greifen.<br \/> Al-Sadr, ein radikaler Schiitenf&uuml;hrer, rief am 4. April alle Muslime im Irak zum bewaffneten Aufstand auf. Damit beteiligen sich zum ersten Mal auch schiitische IrakInnen, die zwei Drittel der Gesamtbev&ouml;lkerung darstellen,&nbsp; massenhaft am bewaffneten Widerstand. Der Aufruf sowohl sunnitischer als auch schiitischer F&uuml;hrer zum gemeinsamen Kampf aller Muslime und aller Gegner der Besatzung ist besonders besorgniserregend f&uuml;r die US-Regierung und ihre B&uuml;ndnispartner. Es w&auml;chst auch der Druck auf die gem&auml;&szlig;igten Schiiten, die bisher zur Ruhe aufgerufen haben. So ist es ein Ausdruck f&uuml;r die ver&auml;nderte Stimmung innerhalb der schiitischen Bev&ouml;lkerung, wenn der gem&auml;&szlig;igte Schiitenf&uuml;hrer Sistani die USA davor warnt, die heilige Stadt Nadschaf anzugreifen. In so einem Fall sei jeder Schiit zum Kampf verpflichtet. <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Eskalation<\/span><\/p>\n<p> Die USA scheinen die Politik der milit&auml;rischen Einsch&uuml;chterung fortsetzen zu wollen, um den Widerstand zu brechen. US-General Kimmit verk&uuml;ndete stolz, dass die irakischen Verluste mindestens ?zehn mal h&ouml;her? seien als die Verluste der US-Truppen (allein in den ersten zwei Aprilwochen 80 Todesopfer unter den GIs). Mit &auml;u&szlig;erster Brutalit&auml;t gingen die US-Truppen letzten Monat in der sunnitischen Stadt Falludscha vor. Von der Luft aus und mit Artillerie wurden willk&uuml;rlich Geb&auml;ude in der Stadt beschossen. Die Stadt Nadschaf, die unter der Kontrolle der Anh&auml;nger al-Sadrs ist, wurde zur gleichen Zeit eingekesselt.<br \/> Die US-Regierung stellt entgegen ihrer Aussagen vom Anfang des Jahres eine Erh&ouml;hung der Truppenst&auml;rke in Aussicht. Sie bereitet sich trotz der angeblichen Bildung einer irakischen Regierung im Juni diesen Jahres auf eine lang andauernde Besatzung vor. Waren die USA vor Beginn des Krieges noch davon &uuml;berzeugt den Irak-Krieg und die Besatzung alleine durchzustehen, so bem&uuml;hen sie sich jetzt um Unterst&uuml;tzung durch die NATO und die UNO. Gleichzeitig nimmt die Sorge zu, dass nach Spanien weitere Staaten, die Teil der ?Koalition der Willigen? sind, ihre Truppen abziehen k&ouml;nnten.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Baathismus und Islamismus<\/span><\/p>\n<p> Die Besatzungsm&auml;chte haben nichts anzubieten, au&szlig;er Panzerpatroullien, brutale Festnahmen und das Erschie&szlig;en von DemonstrantInnen. In einem der &ouml;lreichsten L&auml;nder der Welt gibt es kaum Benzin, geschweige denn eine Aussicht auf angemessene Bildung, ausreichende medizinische Versorgung oder eine Perspektive f&uuml;r das Leben der Massen. Da radikale Schiiten und Anh&auml;nger der ehemaligen Baath-Regierung zum militanten Kampf aufrufen, stellen sie scheinbar eine radikale Alternative zu Unterdr&uuml;ckung und Verelendung durch die Besatzung dar. Auf dieser Grundlage und durch den Mangel k&auml;mpferischer Arbeiterorganisationen k&ouml;nnen sie sich die Unterst&uuml;tzung eines Teils der IrakerInnen, vor allem der Jugend, sichern. Sowohl Baathisten wie auch Islamisten haben jedoch nichts anzubieten. Beide Kr&auml;fte stehen f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung, Ausbeutung und R&uuml;ckst&auml;ndigkeit. Beide stehen f&uuml;r die Herrschaft einer reichen Elite &uuml;ber den Rest der Bev&ouml;lkerung (ob die bathisten im Irak oder die Islamisten im Iran). <\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Selbstorganisation<\/span><\/p>\n<p> Auch wenn sich Schiiten und Sunniten im Kampf gegen die Besatzungstruppen derzeit n&auml;her kommen, droht zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt ein erneutes Aufleben ethnischer sowie religi&ouml;ser Konflikte. Die Ereignisse auf dem Balkan und in Nordirland sprechen B&auml;nde. Das kann nur verhindert werden, wenn die gemeinsamen Klasseninteressen von ArbeiterInnen, Erwerbslosen und Bauern im Irak in den Vordergrund gestellt werden. Die Forderung nach Abzug der feindlichen Truppen sollte einhergehen mit der Bildung von Milizen, die Schiiten, Sunniten, Kurden, Turkmenen und andere umfassen.<br \/> Notwendig ist die unabh&auml;ngige Organisierung in demokratischen Komitees, um das &ouml;ffentliche Leben und die Wirtschaft selber in die Hand nehmen zu k&ouml;nnen, und der Aufbau von Gewerkschaften.<br \/> Eine starke Partei der arbeitenden Bev&ouml;lkerung, der Arbeitslosen, der Jugend und der verarmten Bauernschaft w&auml;re dar&uuml;ber hinaus eine echte Alternative zu Besatzung, zu Baathisten und zum Islam. Sie k&ouml;nnte alle Betroffenen integrieren im Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Privatisierung, Zensur, demokratische und soziale Entrechtung der irakischen Bev&ouml;lkerung. Eine solche Partei auf einer sozialistischen Grundlage k&ouml;nnte daf&uuml;r k&auml;mpfen, dass die vorhandenen Reicht&uuml;mer des Landes und die Schl&uuml;sselindustrien demokratisch geleitet und kontrolliert werden. So w&auml;re gew&auml;hrleistet, dass alle mit Lebensmitteln, Kleidung und Medizin versorgt werden. Die Infrastruktur k&ouml;nnte wieder aufgebaut und verbessert werden, sowie der Bau von Schulen und Krankenh&auml;usern w&auml;re m&ouml;glich.<\/p>\n<p> <span style=\"font-style: italic;\">von Nima Sorouri, K&ouml;ln<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die verst?rkte Beteiligung von Schiiten am Widerstand l?utet eine neue Phase im Kampf der irakischen Massen ein<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[63],"tags":[160],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10869"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10869"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10869\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}