{"id":10865,"date":"2004-05-04T16:22:43","date_gmt":"2004-05-04T16:22:43","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10865"},"modified":"2012-06-24T15:38:03","modified_gmt":"2012-06-24T13:38:03","slug":"10865","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/05\/10865\/","title":{"rendered":"Sieben Wochen Streik f\u00fcr die 35-Stunden-Woche"},"content":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren wurde nach jahrelangem Kampf durch einen Streik der Durchbruch geschafft<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Abbruch des Streiks f\u00fcr die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland im Sommer 2003 lamentierten IG-Metall-Funktion\u00e4re \u00fcber die \u201eharte Abwehrlinie\u201c der Arbeitgeber und haderten mit der \u201e\u00f6ffentlichen Meinung\u201c. Der Streik f\u00fcr die 35-Stunden-Woche vor 20 Jahren ist aber der klassische Beweis daf\u00fcr, dass eine Gewerkschaft wie die IG Metall auch unter vermeintlich widrigen Umst\u00e4nden einen offensiven Streik f\u00fchren und gewinnen kann.<\/p>\n<p>Die Rezession 1980 \/ 82 hatte die Arbeitslosigkeit gegen\u00fcber der Rezession 1974 \/ 75 auf zwei Millionen verdoppelt. In der Autoindustrie gab es nach wie vor \u00dcberkapazit\u00e4ten. Zwei Jahre zuvor hatte die deutsche Gewerkschaftsbewegung auf der Wahlebene eine herbe Niederlage erlitten: Kohl war Bundeskanzler.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften im europ\u00e4ischen Ausland waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die Defensive geraten. In Gro\u00dfbritannien war Thatcher gerade dabei der Bergarbeitergewerkschaft eine vernichtende Niederlage beizubringen. Wegen dieser internationalen Lage verfolgten die Arbeiter in ganz Europa gespannt die Offensive der deutschen Metaller und Drucker.<\/p>\n<p>Die herrschende Klasse wollte die 40-Stunden-Woche um jeden Preis halten und IG Metall, IG Druck und die Gewerkschaften insgesamt in die Knie zwingen. Kohl bezeichnete die 35-Stunden-Woche als \u201edumm und t\u00f6richt\u201c. Die b\u00fcrgerliche Presse allen voran die Bild-Zeitung produzierte 1984 t\u00e4glich Schlachtzeilen gegen Arbeitszeitverk\u00fcrzung, gegen IG Metall und IG Druck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stimmung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1984 ver\u00f6ffentliche Emnid eine Umfrage, wonach nur 27 Prozent der Bev\u00f6lkerung die Forderung nach der 35-Stunden-Woche f\u00fcr richtig fanden. F\u00fcr Streik daf\u00fcr sprachen sich nur 20 Prozent aus. Sogar 49 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder waren nach dieser Umfrage gegen einen Streik f\u00fcr die 35-Stunden-Woche. Zwei Monate nach dieser Umfrage stimmten bei der Urabstimmung der IG Metall \u00fcber 80 Prozent f\u00fcr Streik.<\/p>\n<p>Die Erwartungshaltung innerhalb der IG Metall war enorm und mit dem Streik entwickelte sich die Streikbereitschaft immer weiter.<\/p>\n<p>Gerichtsurteile und Polizeieins\u00e4tze gegen Streikende sowie hei\u00dfe und kalte Aussperrung steigerten die Kampfbereitschaft und st\u00e4rkten das Klassenbewusstsein.<\/p>\n<p>Bei Daimler in Sindelfingen kommt es am dritten Streiktag (16. Mai) zur Streikausweitung von unten. Die Belegschaft kam einer kalten Aussperrung zuvor und schloss sich dem Streik an. Bei Filter-Knecht in Lorch beantwortet die Belegschaft die Aussperrung mit Betriebsbesetzung. Als die hessischen Metallunternehmer trotz Aussperrungsverbot aussperren, kommt es zu einem eint\u00e4gigen landesweiten Solidarit\u00e4tsstreik aller 17 DGB-Gewerkschaften. 250.000 Metaller und Drucker aus ganz Westdeutschland demonstrieren am 28. Mai in Bonn gegen Aussperrung und die Weigerung, kalt Ausgesperrte durch das Arbeitsamt zu finanzieren.<\/p>\n<p>Unternehmer verlieren<\/p>\n<p>Nach sieben Wochen sahen die Metall- und Druckunternehmer keine Chance mehr, ihr Tabu 40-Stunden-Woche zu verteidigen und mussten sich angesichts der St\u00e4rke der IG Metall mit einer gewaltigen politischen Niederlage abfinden.<\/p>\n<p>Der Streik in Ostdeutschland und die Metalltarifrunde 2004 zeigen, dass die IG Metall-Spitze nicht willens ist, die 35-Stunden-Woche zu verteidigen, geschweige denn f\u00fcr weitere Arbeitszeitverk\u00fcrzung zu k\u00e4mpfen. 20 Jahre nach einem historischen Streikerfolg sehen die Unternehmer deshalb die Chance, das Rad der Geschichte wieder zur\u00fcckzudrehen. Das muss durch die Basis der Gewerkschaften verhindert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>von Ursel Beck, Stuttgart<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren wurde nach jahrelangem Kampf durch einen Streik der Durchbruch geschafft<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[122,17],"tags":[160],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10865"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10865"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10865\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}