{"id":10862,"date":"2004-05-03T09:51:47","date_gmt":"2004-05-03T09:51:47","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10862"},"modified":"2012-06-24T15:39:03","modified_gmt":"2012-06-24T13:39:03","slug":"10862","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/05\/10862\/","title":{"rendered":"Soziale Gleichheit, die B&uuml;rokratie und der Verrat des Sozialismus in der UdSSR"},"content":{"rendered":"<p>von Vadim Rogovin, 1996<!--more--><br \/> \u00a0<br \/> <span style=\"font-size: small;\">Heute, wo so viel \u00fcber den Zusammenbruch des Sozialismus geredet wird, ist es sehr wichtig, auf die folgenden Fragen zu antworten: Was ist in der Verganngenheit zusammen mit den herrschenden Regimen in der Sowjetunion und in einer Reihe anderer L\u00e4nder Europas verschwunden? Worin bestehen die Ziele des Sozialismus und in welchem Ma\u00dfe waren sie in den sogenannten sozialistischen L\u00e4ndern verwirklicht? Warum wurde der Sozialismus in der UdSSR zweimal verraten: zum ersten Mal von Stalin und den Stalinisten, und zum zweiten Mal von Gorbatschow und seiner Clique?<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Wenn wir \u00fcber diese Fragen nachdenken, dann kommen wir zu der Schlussfolgerung, dass das Ziel des Sozialismus darin besteht, soziale Gleichheit zwischen den Menschen zu erreichen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Es ist kein Zufall, dass die \u00f6ffentliche Meinung die Lage in den L\u00e4ndern mit verstaatlichtem Eigentum immer von dem Standpunkt aus beurteilt hat, in welchem Ma\u00dfe dort die Prinzipien sozialer Gleicheit durchgef\u00fchrt sind. Ich verweise auf eine Geschichte, die ein russischer Publizist erz\u00e4hlte, der oft in Spanien war. Vor kurzem trat eine bekannte S\u00e4ngerin, eine kubanische Dissidentin, im spanischen Fernsehen auf. Sie erz\u00e4hlte emp\u00f6rt, was es auf Kuba f\u00fcr Privilegien gibt, zum Beispiel, dass Parteifunktion\u00e4re in Krankenh\u00e4usern ein Einzelzimmer bekommen. Alle die davon h\u00f6rten, sagten: <em>\u201eAch, was gibt es nicht alles f\u00fcr Privilegien auf Kuba!\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Dabei hat niemand beachtet, dass am gleichen Tag eine Zeitung aus Madrid berichtete, dass der Vorsitzende einer gro\u00dfen Aktiengesellschaft nicht auf einem Treffen der Aktion\u00e4rInnen erscheinen konnte, weil er an diesem Tag mit seinem Privatflugzeug in die USA flog, um dort eine Konsultation seines Arztes zu erhalten. Dieser Vorfall hat keinerlei besondere Erregung verursacht. Und erwartet denn auch wirklich jemand vom Kapitalismus soziale Gleichheit und soziale Gerechtigkeit?<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Obwohl \u00e4hnliche Fakten sehr oft mit deutlich demagogischen Zielen verwendet werden, hat das Volk die Privilegien in der Sowjetunion und in den anderen \u201esozialistischen\u201c L\u00e4ndern mit seinen sozialen Instinkten immer als eine Erscheinung wahrgenommen, die das Bild und die Ideale des Sozialismus verzerrten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Marxismus und soziale Gleichheit<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> Der Marxismus hat sich wiederholt dieser Frage zugewandt und versucht, sie theoretisch zu l\u00f6sen. In ihrer Bewertung der Pariser Kommune ma\u00dfen Marx und Engels der Tatsache gro\u00dfe Bedeutung bei, dass der Lohn der StaatsbeamtInnen dort nicht h\u00f6her war als das durchschnittliche Einkommen der ArbeiterInnen. Sie betrachteten diese Ma\u00dfnahme als wirksames Mittel, um der Verwandlung des Staates aus einem Organ, das der Gesellschaft dienen soll, in eine Einrichtung, die \u00fcber der Gesellschaft steht, vorzubeugen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In seinem Buch \u201eStaat und Revolution\u201c entwickelte Lenin diese Gedanken. Er schrieb, dass die Volksmassen eine Regierung wollen, die f\u00fcr sich selbst so wenig Geld wie m\u00f6glich erfordert. Solch eine <em>\u201ewohlfeile Regierung\u201c<\/em> ist im Kapitalismus prinzipiell nicht m\u00f6glich. Lenin unterstrich, dass Funktin\u00e4rInnen der Zweiten Internationale sich bem\u00fchten, diese marxistischen Ideen totzuschweigen, \u00e4hnlich wie die Ideologen des Christentums, die das Urchristentum mit seinem revolution\u00e4r-demokratischen Geist verga\u00dfen, nachdem sie die Stellung einer Staatsreligion erhalten hatten.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Gleich nach der Oktoberrevolution wurden wichtige Ma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt, die darauf ausgerichtet waren, die Unterschiede zwischen den Einkommen verschiedener sozialer Gruppen zu verringern.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Um der Entstehung von Privilegien der verantwortlichen Funktion\u00e4rInnen vorzubeugen, wurde das sogenannte Parteimaximum eingef\u00fchrt, das hei\u00dft eine Obergrenze der Einkommen, die Mitglieder der Partei erhalten konnten. In den 20er Jahren konnte man zum Beipsiel folgende Erscheinung beobachten: Wen ein Betriebsdirektor Parteimitglied war, dann erhielt er f\u00fcr seine Arbeit 300 Rubel. Wenn der Direktor eines \u00e4hnlichen Betriebes kein Parteimitglied war, dann konnte er 500 Rubel erhalten.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In den 20er Jahren gab es auch nicht selten solche F\u00e4lle, dass ein Arbeiter einige Zeit den Posten des Stadt-Parteisekret\u00e4rs besetzte, um dann von neuem an seinen alten Arbeitsplatz zur\u00fcckzukehren. Das wurde als v\u00f6llig normal angesehen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Die Situation begann sich zu ver\u00e4ndern, als Lenin 1923 wegen einer Krankheit aufh\u00f6rte, an der Arbeit teilzunehmen. Von diesem Zeitpunkt an begann die herrschende B\u00fcrokratie, sich bestimmte Privilegien anzueignen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Die Linke Opposition gegen Stalin<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> Es ist kein Zufall, dass die Linke Opposition, an der sich viele alte Bolschewiki beteiligten, schon 1923 entstand. Sie kritisierte scharf die b\u00fcrokratischen Tendenzen in Staat und Partei.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In der Diskussion zwischen der herrschenden Fraktion und der Linken Opposition wurde wenig \u00fcber das Problem der Privilegien geredet. Aber der soziale Sinn dieses Kampfes war eng verbunden mit der Einstellung zur sozialen Ungleichheit.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Im Jahre 1925 schrieb Sinowjew, einer der Oppositionsf\u00fchrer, dass die Arbeiterklasse um gro\u00dfe soziale Gleichheit bem\u00fcht ist. Dabei bestritt Sinowjew nicht, dass einen Lohn-Unterschied zwischen qualifizierter und nicht qualifizierter Arbeit geben kann. Stalin jedoch konzentrierte sich in seinem Referat auf dem XIV. Parteitag gerade auf diese Passage und bekr\u00e4ftigte, dass Sinowjew die von Marx im \u201eGothaer Programm\u201c aufgestellte These ablehnt, dass in der \u00dcbergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus bestimmte Unterschiede im Lohn erhalten bleiben sollen. <em>\u201eDie Opposition\u201c<\/em>, sagte Stalin, <em>\u201egreift die Einkommen der qualifizierten Arbeiter und der flei\u00dfig arbeitenden Bauern an\u201c.<\/em> In Wirklichheit standen hinter diesen demagogischen Worten Bestrebungen, die entstehenden Privilegien der B\u00fcrokratie zu sch\u00fctzen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Sp\u00e4ter verwies Trotzki darauf, dass die Anh\u00e4nger Stalins und die Mitglieder der Linken Opposition zu ein und demselben sozialen Milieu geh\u00f6rten. Doch letztere wandten sich bewusst ab von diesem Milieu und verteidigten die Interessen der ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Nachdem es Stalin gelungen war, die Linke Opposition zu besiegen, f\u00fchrte er entscheidende Ver\u00e4nderungen in der Ideologie der herrschenden Partei durch. Er warf die These auf, dass das Hauptprinzip des Sozialismus darin besteht, dass jeder seinen Lohn entsprechend seiner Arbeitsergebnisse erh\u00e4lt. Aber obwohl sowjetische \u00d6konomInnen versuchten, den Inhalt dieses Prinzips zu verdeutlichen, konnte niemals einer erkl\u00e4ren, wie man zum Beispiel die Arbeit eines Bergarbeiters mit der Arbeit eines Arztes, oder die Arbeit einer Ballerina mit der eines H\u00fcttenwerkers vergleichen kann.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Nach dem Tod Stalins wurde dieses Postulat, trotz der Kritik am Stalinschen politischen Erbe, nie von einem der Parteif\u00fchrer der KPdSU angezweifelt. Sie alle sprachen sich entschieden und hart gegen die sogenannte \u201eGleichmacherei\u201c aus.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Tats\u00e4chlich ist das Prinzip der Bezahlung nach Arbeit ein b\u00fcrgerliches Prinzip. Es macht nur dann einen realen Sinn, wenn man es liberal interpretiert: jeder erh\u00e4lt Lohn in Abh\u00e4ngigkeit von seinen Arbeitsergebnissen, welche auf dem freien Markt als Resultat des Spiels von Angebot und Nachfrage zu Tage treten. Es ist klar, dass diese Prinzipien der Marktwirtschaft Ungleichheit nach sich ziehen. Die Funktion des b\u00fcrgerlichen Staates besteht darin, diese Ungleichheit zu erhalten.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Marx und Lenin prognostizierten, dass jeder Staat, der nach einer sozialistischen Revolution aufgebaut wird und sich entwickelt, einen zweifachen Charakter haben wird: auf der einen Seite hat er einen sozialistischen Charakter, weil er das gesellschaftliche Eigentum gegen die kapitalistische Restauration sch\u00fctzt. Auf der anderen Seite hat er einen b\u00fcrgerlichen Charakter, weil er die Privilegien einer Minderheit sch\u00fctzt. Deshalb nannten sie den \u00dcbergangsstaat b\u00fcrgerlich, wenn auch ohne Bourgeoisie. Laut marxistischer Lehre soll diese Ungleichheit verschwinden. Das Ergebnis davon auf der politischen Ebene ist der Prozess des Absterbens des Staates.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Ab der Mitte der 20er Jahre jedoch entwickelte sich die Situation in der Sowjetunion entgegen dieser Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Die herrschende B\u00fcrokratie verdr\u00e4ngte die Werkt\u00e4tigen von jedem Einfluss auf die Verteilung der materiellen G\u00fcter und verwandelte sich in eine machtvolle Kaste von Verteilungsspezialisten. Mitte der 30er Jahre \u00fcbertrafen die Ausma\u00dfe der sozialen Ungleichheit in der Sowjetunion sogar die sozialen Unterschiede in den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Wenn wir \u00fcber Privilegien in der Sowjetunion reden, dann m\u00fcssen wir im Blick haben, dass die Sowjetunion in den 20er und 30er Jahren ein sehr r\u00fcckst\u00e4ndiges und armes Land war. Deshalb k\u00f6nnen einige der damaligen Privilegien im heutigen Deutschland unbedeutend erscheinen. Aber f\u00fcr das Bewusstsein der damaligen einfachen Leute hatten sie eine au\u00dferordentliche Bedeutung. In der Gesellschaft entstand eine neue soziale Athmosph\u00e4re. Wenn sich fr\u00fcher Menschen mit einer besseren materiellen Situation in einem gewissen Ma\u00dfe f\u00fcr ihre Lage genierten, dann fingen sie nun an, stolz darauf zu sein.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Nadjeschda Mandelstam, die Frau des bekannten sowjetischen Dichters Osip Mandelstam, schrieb in ihren Erinnerungen: <em>\u201eBei uns war es h\u00e4ufig so, dass sogar ein St\u00fcck Brot als ein Privileg angesehen wurde.\u201c<\/em> Sie erz\u00e4hlte von einem jungen Mann, der ein Beefsteak a\u00df, das er von seinem Schwiegervater, einem Akademiker, in einer Verteilungsstelle erhalten hatte. Dazu sagte er: <em>\u201eSehr lecker, und sehr angenehm, da andere sich das nicht erlauben k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Nadjeschda Mandelstam erg\u00e4nzte, dass sogar die Medikamente nach \u00e4hnlicher Art verteilt wurden. Als sie sich einmal in der Abendessenpause bei einem Beamten dar\u00fcber beschwerte, antwortete er ihr: <em>\u201eDenken Sie tats\u00e4chlich, dass man mich so heilen sollte wie irgendeine Putzfrau?\u201c<\/em> Nadjeschda Mandelstam f\u00fcgte hinzu, dass dieser Beamte ein anst\u00e4ndiger und gutherziger Mensch war, <em>\u201eaber wer schnappt nicht \u00fcber von unserem Kampf gegen die Gleichmacherei?\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Die B\u00fcrokratie gew\u00e4hrte auch anderen Bev\u00f6lkerungsschichten Privilegien, um ihre eigene Isolation zu \u00fcberwinden: der Arbeiter- und Kolchosenaristokratie, und vor allem den h\u00f6heren Schichten der Intelligenz. Solch eine Sozialpolitik rief den Protest eines bedeutenden Teils der Kommunistischen Partei hervor. In diesem Zusammenhang schrieb Trotzki: <em>\u201eIn dem Land, in dem die Oktoberrevolution durchgef\u00fchrt wurde, ist es nicht m\u00f6glich, die Ungleichheit anders zu kultivieren, als immer grausamere Repressionen gegen die Werkt\u00e4tigen zu richten.\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Trotzki wies wiederholt darauf hin, dass der totalit\u00e4re Charakter des Staates und der Massenterror hervorgerufen wurden durch das Streben der B\u00fcrokratie, ihre Privilegien zu sch\u00fctzen und aufrechtzuerhalten. Sie f\u00fcrchtete sich vor der Vorstellung, dass der soziale Protest in offenen Klassenkampf \u00fcbergehen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Die Sowjetunion nach dem Tod Stalins<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> Nach dem Tod Stalins war die herrschende B\u00fcrokratie, die wichtige Hebel der totalit\u00e4ren Herrschaft verloren hatte, gezwungen, gewisse Zugest\u00e4ndnisse an die egalit\u00e4ren Bestrebungen der Massen zu machen. Unmittelbar nach dem Tod Stalins wurden soziale Reformen und soziale Programme durchgef\u00fchrt, die auf eine Verbesserung der Lebenslage von gering bezahlten und wenig wohlhabenden Schichten der Bev\u00f6lkerung gerichtet waren. Als Ergebnis davon wurde der Lebensstandard dieser Schichten angehoben, w\u00e4hrend sich die Lage der herrschenden B\u00fcrokratie und der privilegierten Intelligenz verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig verschlechterte.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Der verborgene Konflikt zwischen den h\u00f6heren Schichten der Intelligenz und der B\u00fcrokratie zeigte sich in den 60er und 70er Jahren, zum einem in der Dissdentenbewegung und zum anderen in der Emigration. Dieser Konflikt war nicht nur damit verbunden, dass die Intelligenz nach mehr geistiger Freiheit strebte und einen Zugang zur Macht suchte. Er entstand auch aus einer schmerzhaften Reaktion auf den Verlust der materiellen Privilegien, welche diese Schicht unter Stalin besa\u00df. Was jedoch die B\u00fcrokratie betritt, so antwortete sie auf den Verlust ihrer Privilegien mit einem bis dahin nicht bekannten Anschwellen der Korruption.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Trotz der allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards in den 60er und 70er Jahren kann man die soziale Situation dieser Zeit mit den folgenden Worten Trotzkis beschreiben: obwohl es in der UdSSR keine Ausbeutung im Klassensinne gab, war die Lebenslage der Werkt\u00e4tigen in der Sowjetunion unvergleichlich schlechter als der Werkt\u00e4tigen in den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern. Die B\u00fcrokratie, die keine Klasse von Besitzern im direkten Wortsinne war, weil sie keine eigenen Formen des Eigentums besa\u00df, hatte trotzdem alle negativen Z\u00fcge der bisherigen herrschenden Klassen. Die Entstehung tiefster sozialer Unterschiede entwertete im Bewusstsein der Volksmassen die gro\u00dfen sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution: die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und des Landes. Die Herrschaft der B\u00fcrokratie f\u00fchrte dazu, dass ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen zu einem gewissen Grade begannen, einen Ausweg au\u00dferhalb des Sozialismus zu suchen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Trotzki wies darauf hin, dass sich der Widerspruch zwischen den Eigentumsformen und den Verteilungsformen nicht unendlich entwickeln kann. Er muss in der einen oder der anderen Richtung aufgehoben werden. Entweder werden die Verteilungsformen den sozialistischen Eigentumsformen angepasst oder die b\u00fcrgerlichen Prinzipien breiten sich von der Verteilung auch auf die Produktion aus.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Ausgehend von diesen Thesen stellte Trotzki wiederholt Prognosen auf, die zwei m\u00f6gliche Entwicklungsvarianten beinhalteten. Die erste k\u00f6nnte man revolution\u00e4r nennen, die zweite konterrevolution\u00e4r. Leider verwirklichte sich die zweite Variante, die Trotzki konter-revolution\u00e4r nannte. Wobei sie sich mit erstaunlicher Genauigkeit realisierte, trotz einer wesentlichen Zeitverz\u00f6gerung. (Wenn geniale Prognosen mit w\u00f6rtlicher Genauigkeit in Erf\u00fcllung gehen w\u00fcrden, auch in den zeitlichen Fristen, von denen der Autor ausging, dann h\u00e4tten wir es mit Weissagungen zu tun und die Geschichte w\u00fcrde einen mysthischen Charakter annehmen.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Die Folgen der Perestrojka<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> Wie Trotzki ebenfalls vorhersah, f\u00fchrte die erste ernsthafte Ersch\u00fctterung dazu, dass die sozialen Gegens\u00e4tze zum Vorschein kamen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In den ersten Jahren der Perestrojka deutete nichts darauf hin, dass sie mit der Restauration des Kapitalismus enden w\u00fcrde. Im Gegenteil: Gorbatschow trat in den Jahren 1985-1987 mit st\u00e4ndigen Forderungen auf in der Art von \u201emehr Sozialismus\u201c, er sprach davon, die leninistische Konzeption des Sozialismus zu erneuern und so weiter.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der einzige bedeutende Politiker, der in dieser Zeit Gorbatschow von links angriff, Jelzin war.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Auf dem Parteitag 1986 zitierte Jelzin zustimmend die folgenden Worte Lenins: <em>\u201eSoziale Ungleichheit zerst\u00f6rt demokratische Strukturen und f\u00fchrt zu einem Autorit\u00e4tsverlust der KommunistInnen.\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Drei Jahre sp\u00e4ter stellte er im Parlament die folgende rhetorische Frage: <em>\u201eWarum leben in unserer Gesellschaft Millionen von Leuten unter der Armutsgrenze, w\u00e4hrend andere sich an Reichtum und Luxus erfreuen?\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In seinem Buch, das 1991 erschien, kann man zum Beispiel folgende Passagen lesen: <em>\u201eSo lange wir so arm und d\u00fcrftig leben, kann ich kein St\u00f6rfleisch und dazu Kaviar essen, ich kann nicht mit dem Auto rasen, an Ampeln und zur\u00fcckschreckenden Autos vorbei, ich kann keine Importmedikamente verschlingen, w\u00e4hrend der Nachbar kein Aspirin f\u00fcr sein Kind hat. Das ist peinlich.\u201c<\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In seiner Wahlkampgane versprach Jelzin, dass seine Politik in erster Linie auf die Leute orientiert sein wird, deren Einkommen unter dem Durchschnitt liegen. Nur auf der Basis solcher Parolen, die an das Gerechtigkeitsgef\u00fchl des Volkes appellierten, gelang es ihm, an die Macht zu kommen.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Die Entwicklung der Perestrojka ab dem Jahr 1988 untstreicht, dass die Demontage der sozialistischen Grundlagen der Gesellschaft im kapitalistischen Chaos enden muss. Dieser Prozess wird begleitet von einem katastrophalen Niedergang von Wirtschaft und Kultur.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Der Kapitalismus kann, wie sich jetzt nachdr\u00fccklich zeigt, nicht eine neue Ausgabe des vorrevolution\u00e4ren russischen Kapitalismus sein, weil die L\u00e4nder unermesslich mehr miteinander verbunden sind. Das internationale Finanzkapital ist unermesslich m\u00e4chtiger als im Jahre 1917. Deshalb ist nur eine R\u00fcckkehr Russlands zu einem halbkolonialen zur\u00fcckgebliebenen Kapitalismus m\u00f6glich. Wie Trotzki vorhersah k\u00f6nnen die Kr\u00e4fte der kapitalistischen Restauration ihre Ziele nur erreichen durch einen langj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg und durch eine neue Zerst\u00f6rung des Landes, das von der Sowjetmacht aufgebaut wurde. <\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Die Lage des Landes in den letzten f\u00fcnf Jahren kann man mit einem Ausdruck beschreiben, der in der letzten Zeit in Russland popul\u00e4r wurde: \u201eschwelender B\u00fcrgerkrieg\u201c. Dieser schwelende Charakter des Krieges entl\u00e4dt sich periodisch in hei\u00dfen Kriegen. Beispiele daf\u00fcr sind der Beschuss des Parlaments 1993 oder der Krieg in Tschetschenien, der noch lange nicht beendet ist, trotz aller Versprechungen der herrschenden Kreise.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Was die Zerst\u00f6rung des Landes betrifft, so gab es wahrscheinlich noch niemals in der Geschichte in Friedenszeiten solch eine kolossale Vernichtung von Produktivkr\u00e4ften, wie in den vergangenenn f\u00fcnf Jahren in Russland und in den anderen ehemaligen Republiken der UdSSR. Dabei kann man eine bestimmte Kontinuit\u00e4t zwischen den fr\u00fcheren und den heutigen Regimen beobachten. Man kann sagen, dass das heutige Regime die schlechten Seiten des fr\u00fcheren sowjetischen Regimes \u00fcbernommen hat und sie mit den schlechten Seiten des Kapitalismus vereinigt hat.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Trotzki sagte: <em>\u201eDie verborgenen Einkommen der B\u00fcrokratie sind nichts anderes als Diebstahl, aber neben diesem legalen Diebstahl gibt es noch den illegalen \u00fcbergro\u00dfen<strong><\/strong>Diebstahl, vor dem Stalin<\/em> (heute k\u00f6nnen wir sagen Jelzin, V.R.) <em>gezwungen ist, die Augen zu schlie\u00dfen, weil die Diebe seine beste St\u00fctze sind.\u201c<\/em> Diese B\u00fcrokratie kann nicht anders herrschen, als indem sie zu systematischen Akten des Raubes Zuflucht nimmt. Alles zusammen schafft ein System des bonapartistischen Gangsterismus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Die internationale Bedeutung der Oktoberrevolution<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> Wenn man das tragische Schicksal unseres Landes betrachtet, dann kann man mit vollem Recht sagen, dass die Oktoberrevolution den Werkt\u00e4tigen anderer L\u00e4nder um vieles mehr brachte als den Werkt\u00e4tigen der Sowjetunion.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Die sozialistischen Ver\u00e4nderungen zwangen die herrschenden Klassen der kapitalistischen L\u00e4nder, ernsthafte soziale Zugest\u00e4ndnisse an die Arbeiter dieser L\u00e4nder zu machen. Staatliche Regulierungen im Bereich der Produktion und Umverteilungen zur L\u00f6sung sozialer Probleme sind eine allgemeine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit unseres Jahrhunderts, auf die auch der heutige Kapitalismus R\u00fccksicht nehmen muss.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> In allen kapitalistischen L\u00e4ndern wurde in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eine bestimmte Begrenzung der Marktfreiheit vorgenommen. Zu diesen Ma\u00dfnahmen geh\u00f6rt zum Beispiel die Einf\u00fchrung eines Mindeststundenlohns und andere Garantien, die die Werkt\u00e4tigen der fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4nder haben. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde eine aktive Umverteilung durchgef\u00fchrt: auf der einen Seite die Entwicklung von Sozialprogrammen als Hilfe f\u00fcr weniger gut gestellte, auf der anderen Seite eine starke Kontrolle der Einkommen und eine auf dieser Grundlage aufgebaute strenge Steuerpolitik. Diese Ma\u00dfnahmen hatten nicht nur Einfluss auf die soziale Situation im Land, sondern auch auf die Wirtschaft. Sie erh\u00f6hten die kaufkr\u00e4ftige Nachfrage der Bev\u00f6lkerung und federten so die \u00dcberproduktionskrise in den hochentwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern ab.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Der Kapitalismus ist aber nicht f\u00e4hig, die soziale Ungleichheit abzuschaffen. Diese Ungleichheit findet sich sowohl innerhalb dieses oder jenen Landes, wie auch zwischen den entwickelten und den schwach entwickelten L\u00e4ndern, oder, wie man heute sagt, zwischen dem Norden und dem S\u00fcden unseres Planeten.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Sehr wichtig ist auch, dass der Zerfall der Sowjetunion in eine Reihe von zweitrangigen Staaten zum Angriff auf den \u201eSozialstaat\u201c in den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern f\u00fchrte. Es werden Versuche vorgenommen, die sozialen Errungenschaften zu zerst\u00f6ren, die im Verlauf von Jahrzehnten erreicht wurden.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Gleichzeitig m\u00f6chte ich unterstreichen, dass der wirklich sozialistische Weg noch in keinem einzigen der L\u00e4nder, die sich sozialistisch nannten, ausprobiert wurde.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Dieser Weg, der in den 20er und 30er Jahren von der Linken Opposition aufgezeigt wurde, besteht darin, die soziale Ungleicheit im Rahmen der strengen \u00f6konomischen Notwendigkeit zu halten, damit sich im weiteren Verlauf im Ma\u00dfe des \u00f6konomischen Aufschwungs die Unterschiede im Wohlstand der sozialen Gruppen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abmildern.<\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"> Bis dahin, solange in der Welt die Gegens\u00e4tze zwischen Privilegierten und Elenden bestehen bleiben, besteht auch der Boden f\u00fcr die Entwicklung alter und die Herausbildung neuer sozial-politischer Bewegungen. Der Erfolg dieser Bewegungen wird davon abh\u00e4ngen, in welchem Ma\u00dfe sie f\u00e4hig sein werden, die Lehren aus der positiven und negativen Erfahrung des sozialistischen Aufbaus zu ziehen. <\/span> <\/p>\n<p> <span style=\"font-size: small;\"><em>Vorlesung von Prof. Dr. Vadim Rogovin (Institut f\u00fcr Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften, 1998<sup>\u2020<\/sup>) im Dezember 1996 in der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. <\/em><\/span> <br \/> <span style=\"font-size: small;\"><em>Der Text stammt aus der Zeitschrift \u201eTetradi po istorii rabo<span style=\"font-family: Times New Roman CE,serif;\">\u010d<\/span>ego i revolucionnogo dvi\u017eenija\u201c, Band 1, Moskau 2002; dt.: Hefte zur Geschichte der Arbeiter- und revolution\u00e4ren Bewegung; russische Ausgabe der franz\u00f6sischen Zeitschrift \u201eCahiers du mouvement ouvrier\u201c; Redaktionsrat der russischen Ausgabe: Galina Valju\u017eeni<span style=\"font-family: Times New Roman CE,serif;\">\u010d<\/span>-Rogovina (Moskau), Mark Goloviznin (Moskau, verantwortlicher Redakteur), Jevgenij Kozlov (Sankt Petersburg), Dmitrij Lobok (Sankt-Petersburg), Jean-Jacques Marie (Paris). Die Ver\u00f6ffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Mark Goloviznin. Der Text wurde aus dem Russischen \u00fcbersetzt von Christoph W\u00e4lz<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vadim Rogovin, 1996<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[88],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10862"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10862"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10862\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}