{"id":10857,"date":"2004-04-26T09:49:50","date_gmt":"2004-04-26T07:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10857"},"modified":"2014-09-23T19:57:19","modified_gmt":"2014-09-23T17:57:19","slug":"10857","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/04\/10857\/","title":{"rendered":"Portugal 1974: Auf halben Weg gestoppt!"},"content":{"rendered":"<p>Die Nelkenrevolution in Portugal 1974 j\u00e4hrte sich am 25. April zum 30. Mal. Sie ist zum einen der beispielhafte Sturz einer Diktatur und gleichzeitig die Geschichte einer gescheiterten sozialistischen Revolution.<!--more--><\/p>\n<p>Am 25. April 1974 marschierten aufst\u00e4ndische Milit\u00e4rs in die Portugiesische Hauptstadt Lissabon ein. Sie waren organisiert in der MFA (Bewegung der Streitkr\u00e4fte), ein loses B\u00fcndnis mit dem einzigen Ziel das faschistische Regime zu st\u00fcrzen. Ihnen folgten Hunderttausende von ArbeiterInnen auf die Stra\u00dfe. Das einzige Blut das vergossen wurde, floss an dem Sitz der Geheimpolizei PIDE, dem brutalen Arm des Regimes. Jeder zehnte Portugiese wurde von ihnen hinter Gitter gebracht.<br \/>\nIn dem Keller ihres Hauptquartiers fand man an jenem Tag etliche Folterger\u00e4te und Waffen. Au\u00dferdem gab es ein gro\u00dfes Archiv mit Diagrammen und Vortragsnotizen f\u00fcr die Einweisung und effektive Folter von politischen Gegnern. Eine sadistische Fotosammlung, wo Folteroper abgebildet waren die schmerverzerrt ihr Gesicht verzogen und Grimassen schnitten, verkleidete die Kellerw\u00e4nde. Die PIDE verk\u00f6rperte die gesamte Grausamkeit des Regimes.<br \/>\nSo l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass nach dem Aufstand von der Arbeiterklasse ausgehend \u201eJagd\u201c auf die PIDE Agenten gemacht wurde und ihre Tarnungen aufgedeckt wurden.<br \/>\nDiese Geheimpolizisten waren die einzigen, zusammen mit den Gro\u00dfkapitalisten und Bankiers, die zu diesem Zeitpunkt hinter dem Regime standen.<br \/>\nAls eine W\u00fctende Masse vor ihrem Hauptquartier stand, schossen sie Wild in die Menge, einige DemostrantInnen starben.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Macht\u00fcbernahme des Salazar-Regimes <\/span><\/p>\n<p>1910 kam es in Portugal zu einer Revolution, die die Monarchie absetzte. Wie es in der Natur des Kapitalismus liegt, kam es im Anschluss zu einer Polarisierung zwischen Arbeitern und Landarbeitern, die den Gro\u00dfgrundbesitzern und dem Kapital gegen\u00fcber standen.<br \/>\nEs folgte 1919 ein Milit\u00e4rputsch, auf den eine kurze Diktatur folgte, die durch die Ermordung des Diktaors beendet wurde. In den drei Folgejahren gab es insgesamt 16 Regierungen.<br \/>\nDieses hin und her auf politischer Ebene f\u00fchrte dazu, dass die W\u00e4hrung innerhalb von f\u00fcnf Jahren auf ein zwanzigstel ihres urspr\u00fcnglichen Werts viel. Die wirtschaftliche Lage war also desolat.<br \/>\nSeit 1926 hatte sich das diktatorische Regime nach dieser Reihe von Putschen und Gegenputschen, Streiks und Aufst\u00e4nden gegen die ersch\u00f6pfte Arbeiterklasse mit einer systematischen Kampagne von Unterdr\u00fcckung, Erpressung, Einsch\u00fcchterung, Misshandlung und etlichen Morden an die Macht gek\u00e4mpft.<br \/>\nEs herrschte ein Regime, was mit eiserner Rute die Interessen der Kapitalisten druchsetzten.<br \/>\nDer Staatschef Salazar-Regimes setzte das pro Kopf Einkommen drastisch herab und Portugal nutzte seine Kolonien als Markt f\u00fcr Billigwahren, versklavte die Bev\u00f6lkerung und beutete sie bis aufs Mark aus.<br \/>\nSo zog Portugal auch ausl\u00e4ndisches Kapital an und wurde so \u00e4hnlich wie Russland vor der Revolution zum Satelitten des Weltimperialismus\u2019, besonders des brittischen. Aber auch deutsche Konzerne wie Hoechst, WV oder Grundig genossen die gesamte Zeit die von den Faschisten niedrig gehaltenen Lohnkosten.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Eine Kolonialmacht am Ende &#8211; Der Vorabend der Revolution <\/span><\/p>\n<p>Anfang der 70er Jahre rutschte das faschistische Regime in eine tiefe Krise, da es von von zwei besonderen Faktoren untergraben wurde. Portugal war nicht mehr in der Lage den potentiellen Reichtum selbst seiner eigenen Kolonien auszusch\u00f6pfen und steckte wegen des Mangels an Erwerbspersonen in eine enorme wirtschaftlichen Krise.<br \/>\nZum einen verschlang das Halten der afrikanischen Kolonien 48 Prozent des Staatshaushaltes. Portugal f\u00fchrte drei Kolonialkriege gegen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen gleichzeitig: in Mozambique, Angola und Guinea-Bissau. Diese Kriege waren wie ein Krebsgeschw\u00fchr was an der Lebenskraft der Dikatur nagte. \u00c4hnlich wie es Angola f\u00fcr Frankreich und Vietnam f\u00fcr die USA war.<br \/>\nViele versuchten mit allen Mitteln den Pflichtdienst bei der Armee zu umgehen, den man nicht selten 18 bis 48 Monate in krankheitsverseuchten Dschungeln verbrachte oder fr\u00fchzeitig auf einem Mienenfeld beendete. So verlor Portugal durch den Kriegsdienst und Auswanderung zwischen 1960 und 1970 nach Sch\u00e4tzungen 1.600.000 von 3.100.000 Millionen Erwerbspersonen. Das f\u00fchrte dazu, dass es zum r\u00fcckst\u00e4ndigsten Land Europas wurde, mit einer Inflationsrate zwischen 16 und 30 Prozent.<br \/>\nDas alles hemmte den \u00f6konomischen Fortschritt Portugals. Die Hauptexportg\u00fcter blieben traditionelle Konsumg\u00fcter wie Wein, Sardinen, Textilien, Kork und Holzprodukte. Der Bau von Montagewerken oder die Entwicklung von \u00d6lraffinerien und der petrochemischen Industrie geriet ins Stocken. Der einzige Strohalm an dem sich die portugiesische Wirtschaft klammerte war die der Tourismusbranche.<\/p>\n<p>Am Vorabend einer jeden Revolution ist die herrschende Klasse mit der Krise im Nacken gespalten. So auch in Portugal. Da das portugiesische Kapital nicht in der Lage war die investitionen zu leisten um die Kolonien lukrativ am Leben zu halten, zog man Investoren aus den USA oder Westdeutschland heran. Die Kolonien, die mit den Kolonialkriegen f\u00fcr einen hohen Preis gehalten wurden, kamen mehr und mehr unter die Kontrolle des Kapitals aus den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern. Der Blick der portugiesischen Kapitalisten richtete sich also zunehmend nach Europa. Bald l\u00f6ste Gro\u00dfbritannien die afrikanischen Kolonien als Hauptmarkt ab.<br \/>\nVor diesem Hintergrund dr\u00e4ngten die Gro\u00dfkonzerne Caetano (der Diktator Portugals in den 70er Jahren) die Leits\u00e4tze des Regimes zu \u00e4ndern. Beispielhaft hierf\u00fcr ist ein Buch was General Spinola ver\u00f6ffentlichte, der in der Geschichte der Revolution noch eine wichtige Rolle einnehmen w\u00fcrde. Er trat f\u00fcr eine andere Kolonoalpolitik und f\u00fcr eine andere Machtkonstellation innerhalb des portugiesischen Kapitals ein. Ihm gegen\u00fcber Stand ein rechter Fl\u00fcgel, der dem faschistischen Regime uneingeschr\u00e4kt Loyal blieb. Sie argumentierten, dass Portugal ohne seine Kolonien ein Luftschloss sei. Sie standen in der Traditon jener, die geleitet von der sogenannten \u201echristlichen Zivilisationsmission\u201c die Portugal in ihrer Kolonialpolitik einnehmen solle, handelten.<br \/>\nDas diktatorische Regime war auf der einen Seite nicht mehr in der Lage die Kolonien zu halten, auf der anderen Seite war es dazu gezwungen, wenn es nicht an Macht und Autorit\u00e4t verlieren wollte. An dieser Frage spaltete sich die herrschende Klasse, was sich an der Entlassung Spinolas aus seinem Amt zeigt.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Alle gegen die Diktatur <\/span><\/p>\n<p>Neben der Tatsache, dass der unmittelbare Aufstand am 25. April von den Streitkr\u00e4ften ausging, war die breite Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Sturz eine der besonderen Eigenarten der portugiesischen Revolution.<br \/>\nDas hatte seine Gr\u00fcnde. Die hunderttausendfache Auswanderung nach Frankreich, Deutschland, der Schweiz oder sogar nach Spanien, war lange Zeit eine Art Sicherheitsventil f\u00fcr das Regime. Denn vor allem die organisierte Arbeiterklasse floh aus Angst vor Repressionen und der junge Teil der Arbeiterklasse musste Wehrdienst leisten. Lange ging konnte sich so die Diktatur \u00fcber Wasser halten, bis es vor der Revolution zu etlichen verbotenen Streiks kam.<br \/>\nStudierende radikalisierten sich wie im Rest der Welt auch zu dieser Zeit in Portugal. Au\u00dferdem sahen die Mittelschichten im Zuge der \u00f6konomischen Krise ihren Reichtum schwinden. Nahezu das gesamte Milit\u00e4r richtete sich mehr und mehr gegen das Regime. Von den einfachen Soldaten, den unteren und mittleren F\u00fchrungsschichten die, die sinnlosen Kolonialkriege ablehnten bis hin zu den oberen Offiziersgraden, die in der \u00e4rmer werdenden Mittelschicht ihre Heimat hatten.<br \/>\nDas Verhalten der portugiesische Mittelschicht zeigt wie instabil deren politische Ausrichtung allgemein ist. Die Vorg\u00e4nger jener Milit\u00e4rs, die hier gegen die Diktatur putschten, brachten sie an die Macht. Jetzt bereiteten sie die Revolution gegen dieses Regime vor.<br \/>\nPortugal 74 demonstriert beispielhaft das Schwingen des politischen Pendels innerhalb der Mittelschichten, das in einer Klassengesellschaft unvermeidlich ist. In diesem Fall schwang das Pendel innerhalb von wenigen Jahrzehnten von ganz rechts nach links. So l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, warum am 25. April die aufst\u00e4ndischen Truppen den Startschuss f\u00fcr eine breite und m\u00e4chtige Bewegung gaben und das alte Regime widerstandslos zusammenfiel. Die Mittelschichten haben keinen eigenen politischen Willen. Im rauhen Fahrwasser des Klassenkampfes entscheiden sie sich f\u00fcr eine der beiden Klassen. Eine der Bedingungen f\u00fcr den Erfolg einer Revolution, n\u00e4mlich die Mittelschichten zu gewinnen, war hier schon fr\u00fch gegeben.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Kapitalist an der Macht trotz Aufstand <\/span><\/p>\n<p>Der erste Mai, der auf den 25. April folgte, war eine machtvolle Demonstration eben dieser gro\u00dfen Bewegung. Weit \u00fcber eine Millionen ArbeiterInnen und Soldaten aus deren Gewehrm\u00fcndungen rote Nelken sprossen, f\u00fcllten die Stra\u00dfen Lissabons. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie: \u201eFrieden, Brot, Sozialismus\u201c oder \u201eArbeiter an die Macht\u201c. Banken, Radiostationen, Zeitungen, und Fabriken wurden besetzt. Es wurden Komitees als Verwaltungs- und Kontrollorgane f\u00fcr Betriebe und Wohngebiete eingesetzt. Die Ausgangssituation war ideal um eine sozialistische Revolution durchzuf\u00fchren. Dennoch gelang es dem faschistischen Caetano, General Spinola als neues Staatsoberhauptzug k\u00fcren. Mit den Worten: \u201eDie Macht wird in ihren H\u00e4nden sicher sein. Ich m\u00f6chte sie au\u00dferhalb des P\u00f6bels sehen.\u201c \u00fcbergab er ihm die Macht. Er wurde von der Weltpresse als liberaler Demokrat dargestellt. In Wirklichkeit kam auch er aus einem faschistischen Hintergrund. Er k\u00e4mpfte freiwillig in den Armeen von Franko und Hitler, war Besitzer zweier gro\u00dfer Monopolfirmen und erwarb sich durch seine Kriegsf\u00fchrung in Angola und Guinea-Bissau den Beinamen \u201eSchl\u00e4chter\u201c. Um ihn scharte sich in jenen Tagen die gesamte Reaktion. Er war die einzige Hoffnung der Kapitalisten die Besitz- und Produktionsverh\u00e4ltnisse zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">MFA, SP, KP und dennoch keine revolution\u00e4re Partei <\/span><\/p>\n<p>Wie kam es dazu, dass ein Mann wie Spinola das Ergebnis des Aufstandes war?<br \/>\nVon der MFA war nichts zu erwarten. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner war ein vager Antifaschismus. Sie waren keine Partei und hatten kein Programm f\u00fcr diese Phase, sie forderten lediglich \u201eDemokratie\u201c. Dieser Mangel an Perspektiven brachte Spinola an die Macht und f\u00fchrte schlie\u00dflich zur Spaltung der MFA in einen linken und einen rechten Fl\u00fcgel.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt hatten die oberen Schichten der Offiziere die Kontrolle \u00fcber die Lage verloren. Die Dynamik der Bewegung f\u00fchrte dazu, dass sich Soldaten, Matrosen und Luftwaffenangeh\u00f6rige als ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen in Uniform sahen. Sie traten immer \u00f6fter \u00f6ffentlich auf Kundgebungen als Anh\u00e4nger der KP (Kommunistische Partei) und der SP (sozialistische bzw. sozialdemokratische Partei) auf. Die Ideen des Sozialismus wurden immer popul\u00e4rer.<br \/>\nSpinola und die herrschende Klasse hatte keine andere Wahl als auf der Welle der Revolution zu reiten, bis es die Gelegenheit gab sie zu ersticken. Die einzige M\u00f6glichkeit um das zu tun war eine Koalition mit den traditionellen Arbeiterorganisationen.<br \/>\nSowohl von der SP als auch von der KP wurde er mit offenen Armen empfangen. Letztere stellte ihn sogar als \u201egr\u00f6\u00dften Antifaschisten\u201c dar und t\u00e4uschte so die Massen. Die logische Konsequenz war, dass beide Parteien arbeiterfeindliche Gesetze verabschiedeten, die z.B. politische Streiks oder Betriebsbesetzungen verboten.\u00a0 KP und SP hatten ein massenhaftes Mitgliederwachstum in diesen Tagen. Schnell waren \u00fcber die h\u00e4lfte der PortugiesInnen Mitglied in einer der neuen Gewerkschaften.<\/p>\n<p>So klar die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine erfolgreiche sozialistische Revolution auf der Hand lagen, umso deutlicher wird, dass selbst bei dieser nahezu perfekten Ausgangslage eine revolution\u00e4re Partei unentbehrlich ist. Weder SP noch KP erf\u00fcllten in diesem Moment diese Rolle. Im Sommer 1974 antwortete Mario Soares (Parteivorsitzender der SP) in einem Interview, auf die Frage ob die Konzerne Angst vor Vergesellschaftung haben m\u00fcssten: \u201eNein, wir glauben nicht. Sie werden auch in Zukunft noch einen Haufen Geld machen k\u00f6nnen.\u201c Und auch die KP fand wieder eine bewundernswert einfache Ausrede nicht die Revolution anzuf\u00fchren. Portugal m\u00fcsse eine parlamentarische Demokratie aufbauen, als Ausgangspunkt f\u00fcr eine 50j\u00e4hrige kapitalistische Entwicklung. Beide Parteien wurden zum Hindernis f\u00fcr die Arbeiterklasse und untergruben die revolution\u00e4re Dynamik.<br \/>\nTrotzdem gab es einen unsausweichlichen Zulauf in die Reihen der traditionellen Arbeiterorganisationen.<br \/>\nDie Arbeiterklasse konnte sich in dieser hitzigen Zeit nat\u00fcrlich nicht aus dem Stehgreif eine neue F\u00fchrung schaffen. Aus den folgenden K\u00e4mpfen h\u00e4tten weitsichtige Revolution\u00e4rInnen entstehen m\u00fcssen, die zum richtigen Augenblick die richtigen Vorschl\u00e4ge gemacht h\u00e4tten, z.B. die Gr\u00fcndung einer revolution\u00e4ren Partei. Der undemokratische Aufbau in der KP hat revolution\u00e4re Arbeit nahezu nur in der SP m\u00f6glich gemacht, aus der so eine revolution\u00e4re Partei heraus h\u00e4tte entstehen k\u00f6nnen. Revolution\u00e4re MarxistInnen h\u00e4tten in jenen Tagen also in der SP die fortschrittlichsten ArbeiterInnen um sich scharen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Konterrevolution <\/span><\/p>\n<p>Spinolas Versuch die Regierungskoalition in einem B\u00fcndnis mit liberalen Politikern nach rechts zu verschieben scheiterte. Wie so oft in der Geschichte f\u00fchlten sich die liberalen b\u00fcrgerlichen Politiker unwohl im revolution\u00e4ren Fahrwasser. Sie verabscheuten die Turbulenzen der Revolutionstage, aufgrund des \u201eChaos\u201c der Arbeiterbewegung. \u00dcber den Charakter des Klassenkampf auf so hohen Niveau kann man nur \u00fcberrascht sein, wenn man den allt\u00e4glichen Kapitalismus mit seinen Klassenk\u00e4mpfen als normal betrachtet. Ohnm\u00e4chtig standen jene Politiker der machtvollen Arbeiterbewegung gegen\u00fcber.<br \/>\nEine weitere ungenutzte Chance f\u00fcr SP und KP. Stalinismus und Reformismus n\u00e4hrten sich gegenseitig und verneigten sich weiter vor dem Kapital, blieben Revolutionsbremse und spielten der Reaktion in die Arme.<br \/>\nDa die Vollendung der Revolution immer weiter hinausgez\u00f6gert wurde und sich die Wirtschaftskrise versch\u00e4rfte, gewann die Rechte mehr und mehr an Selbstvertrauen.<br \/>\nZuerst kam bei den B\u00e4uerInnen im Norden eine Stimmung gegen die Revolution auf, was daran lag, dass weder SP noch KP ein Programm zur L\u00f6sung der Probleme auf dem Land hatten. B\u00fcros linker Parteien und Organisationen wurden verw\u00fcstet und zerst\u00f6rt, worauf die Massen von ArbeiterInnen mit Arbeitsniederlegung reagierten und B\u00e4uerInnen im S\u00fcden eigenh\u00e4ndig L\u00e4ndereien von Gro\u00dfgrundbesitzern besetzten. Es folgte ein hin und her zwischen links und rechts, weitere Tatenlosigkeit der KP und SP und eine schrittweise Verschiebung der Macht nach rechts. Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehredaktionen wurden \u201eges\u00e4ubert\u201c und auch Linke im Milit\u00e4r wurden hinter Gitter gebracht.<br \/>\nDie Reaktion in Portugal war zu schwach um eine blutige Konterrevolution wie in Chile unter Pinochet durchzuf\u00fchren. Dank der Politik der SP gelang es den Kapitalisten dennoch die verstaatlichten Betriebe wieder Schritt f\u00fcr Schritt den Unternehmern in die Hand zu geben, besetztes Land wurde wieder an die alten Besitzer zur\u00fcckgegeben. So wurde eine Errungenschaft der Revolution nach der anderen zur\u00fcckgenommen und die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverh\u00e4ltnisse gesichert. Die wirtschaftskrise wurde auf die Arbeiterklasse abgew\u00e4lzt, indem man L\u00f6hne einfrohr und Preise erh\u00f6hte.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Gro\u00dfe historische Chance verpasst <\/span><\/p>\n<p>Zwischen dem April 1974 und November 1975 hatte die Arbeiterklasse zig Mal die Gelegenheit die Macht friedlich zu \u00fcbernehmen, wenn ihnen die richtigen Schritte bewusst gewesen w\u00e4ren. 1976 bekamen KP und SP zwei Drittel der Stimmen, was die Popularit\u00e4t f\u00fcr sozialistische Ideen unter der Arbeiterklasse unterstreicht. In dieser Phase gab es ein auf und ab der Revolution und gleichzeitig ein Schwanken der Arbeiterklasse zwischen Hoffnung, Leid, Euphorie bis hin zur Frustration. Eine siegreiche sozialistische Revolution in Portugal, an deren Ende die Wirtschaft von Arbeiterr\u00e4ten demokratisch organisiert worden w\u00e4re, h\u00e4tte ein enormes Zeichen in die Welt gesendet.Die spanischen ArbeiterInnen h\u00e4tten ein greifbares Beispiel wie man mit dem am Boden liegenden Franco-Regime h\u00e4tte umgehen k\u00f6nnen. In ganz Europa kam es zu Klassenk\u00e4mpfen, weil die Aufschwungphase des Kapitalismus in eine tiefe Rezession m\u00fcndete und mit einem Klassenkampf von oben gegen die Errungenschaften der Arbeiterklasse begonnen wurde. Auch diese K\u00e4mpfe h\u00e4tten ein Beispiel in Portugal gehabt, wie man mit den Herrschenden umspringen kann. Ganz zu schweigen von der b\u00fcrokratischen Kaste die in den stalinistischen Staaten herrschte. Sie h\u00e4tte mit einem demokratischen Arbeiterstaat im Nacken, keine Rechtfertigung f\u00fcr ihre Herrschaft gehabt.<\/p>\n<p>Die Revolution wurde aber nicht beendet, stattdessen wurde ein Gro\u00dfteil der Errungenschaften des 25. April 1974 abgebaut. Noch heute gilt Portugal als das Armenhaus Europas. Zwar musste die grausame Diktatur gehen, jedoch hat sich an der Situation der ArbeiterInnen in Portugal wenig ge\u00e4ndert.<br \/>\n<br style=\"font-style: italic;\" \/> <span style=\"font-style: italic;\">von Nico Weinmann, Kassel<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nelkenrevolution in Portugal 1974 j&auml;hrte sich am 25. April zum 30. Mal. 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