{"id":10841,"date":"2004-04-01T14:30:59","date_gmt":"2004-04-01T14:30:59","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10841"},"modified":"2012-06-24T15:30:35","modified_gmt":"2012-06-24T13:30:35","slug":"10841","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/04\/10841\/","title":{"rendered":"Abwanderungen und Standort-Falle"},"content":{"rendered":"<p>Mit Abwanderungsdrohungen und -pl\u00e4nen werden Arbeitsbedingungen und Arbeitspl\u00e4tze angegriffen<!--more--><br \/> \u00a0<br \/> Die Drohung, Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland zu verlagern, wenn Besch\u00e4ftigte nicht bereit sind, auf Einkommen zu verzichten oder unbezahlte Mehrarbeit zu akzeptieren, wird lauter. Was ist dran an der Drohung, die Arbeitspl\u00e4tze zu verlagern \u2013 rettet Lohnverzicht Arbeitspl\u00e4tze?<br \/> Seit Anfang der 80er stagnieren die Reall\u00f6hne. Steuern, Abgaben und Beitr\u00e4ge zur Sozialversicherung sind angestiegen. Mit der Ausdehnung der Leiharbeit, den versch\u00e4rften Zumutbarkeitsregelungen f\u00fcr Erwerbslose, mit den \u201eIch-AGen\u201c und den Personal-Service-Agenturen (Leiharbeitsfirmen im Auftrag des Arbeitsamtes) sind ganze Niedriglohn-Sektoren geschaffen worden. Die Einkommen der Unternehmer und Aktion\u00e4re stiegen, der Anteil der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten am Volkseinkommen, die sogenannte Lohnquote, ist zwischen 1982 und 2002 von etwa\u00a0 72 Prozent auf 62 Prozent gefallen. Mindestens 15 Jahre wird schon Lohnverzicht ge\u00fcbt. In dieser Zeit ist die Arbeitslosigkeit auf Rekordh\u00f6he gestiegen. Lohnverzicht hat weder neue Jobs geschaffen noch eine einzige Pleite verhindert.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wo sind sie geblieben?<\/span><\/p>\n<p>Auch wenn die Unternehmer oft nur mit Abwanderung drohen, um Belegschaften einzusch\u00fcchtern: Verlagerungen von Betrieben zum Beispiel in die Nachbarl\u00e4nder Polen oder Tschechische Republik nehmen zu. Hierbei spielt neben Faktoren wie Marktn\u00e4he oder g\u00fcnstigen Mieten auch die L\u00f6hnh\u00f6he eine gro\u00dfe Rolle.<br \/> G\u00e4be es allerdings eine Verlagerung weil deutsche \u2013 oder wahlweise franz\u00f6sische, belgische, japanische \u2013 ArbeitnehmerInnen zu teuer sind, dann m\u00fcsste es in anderen, billigeren L\u00e4ndern einen Zuwachs an Arbeitspl\u00e4tzen geben. Das ist nicht der Fall. Die Arbeitslosigkeit steigt auch in L\u00e4ndern, in denen das Lohnniveau wesentlich niedriger liegt.<br \/> Denn die kapitalistische Marktwirtschaft befindet sich in einer tiefen strukturellen Krise. Die Konkurrenz zwischen den Unternehmen ist sch\u00e4rfer geworden, die Zahl der Pleiten nimmt zu \u2013 ungeachtet der Lohnh\u00f6he. Es existieren gewaltige \u00dcberkapazit\u00e4ten, nicht weil die Produkte nicht gebraucht w\u00fcrden, sondern weil sie nicht verkauft werden k\u00f6nnen. Die Absatzm\u00e4rkte wachsen nicht oder zu langsam, neue werden nicht erschlossen. Diese Krise wirkt sich in allen L\u00e4ndern aus, in den verarmten L\u00e4ndern und den inzwischen abgest\u00fcrzten Schwellenl\u00e4ndern noch viel sch\u00e4rfer als in den \u201eHochlohnl\u00e4ndern\u201c.<br \/> Nur eine geplante Wirtschaft, in der die Bed\u00fcrfnisse der Menschen die Grundlage bilden und in der gem\u00e4\u00df den \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Rahmenbedingungen demokratisch entschieden wird, kann hier einen Ausweg anbieten: Befreit von der Diktatur des Profits k\u00f6nnen Arbeitspl\u00e4tze erhalten und neue geschaffen werden \u2013 denn Bedarf an Krankenh\u00e4usern, an Wohnungen, an sozialen Einrichtungen, an Stra\u00dfenbahnen und so weiter gibt es mehr als genug. <br \/> Doch dazu ist die kapitalistische Wirtschaft nicht in der Lage. Und in dieser Misere ist die Angst vieler ArbeitnehmerInnen verst\u00e4ndlich, ebenso ihr Wunsch, alles zu tun, um den Arbeitsplatz zu retten. Aber Lohnverzicht ist keine L\u00f6sung dieses Problems. Dadurch wird ein Unterbietungswettlauf in Gang gesetzt: wenn heute die Besch\u00e4ftigten hier Teile ihres Einkommens dem Chef schenken, k\u00f6nnen morgen die Bosse in Polen oder der Tschechischen Republik argumentieren: \u201eIhr seid nicht mehr g\u00fcnstig genug, die Deutschen holen auf, wir m\u00fcssen leider die L\u00f6hne senken um konkurrenzf\u00e4hig zu bleiben.\u201c Konsequent zu Ende gedacht h\u00e4tten wir weltweit ostasiatische L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen: Ein Dollar am Tag und abgeschlossene T\u00fcren, damit keine\/r vor der Arbeit flieht. Das w\u00fcrde die Krise des Kapitalismus nicht ent-, sondern gewaltig versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Gesch\u00e4ftsb\u00fccher \u00f6ffnen!<\/span><\/p>\n<p>Erste Gegenma\u00dfnahme der Gewerkschaften muss eine Aufkl\u00e4rungskampagne sein, um die Besch\u00e4ftigen mit Gegenargumenten auszustatten. Wenn ein Unternehmer mit Verlagerung droht, dann m\u00fcssen die Besch\u00e4ftigten die M\u00f6glichkeit haben, die Lage des Unternehmens zu pr\u00fcfen \u2013 droht tats\u00e4chlich die Pleite, wenn das Weihnachtsgeld ausgezahlt wird? Was ist mit den Gewinnen der letzten Jahre passiert? In kleineren Unternehmen ahnen Besch\u00e4ftigte schon, wie es l\u00e4uft, wenn von \u201eG\u00fcrtel enger schnallen\u201c die Rede ist und der neue Porsche vom Chef vor der T\u00fcr steht. <br \/> Die \u201eFord Post\u201c, Zeitung kritischer Ford-Arbeiter aus K\u00f6ln, schreibt in einem Kommentar zu den j\u00fcngsten vom Betriebsrat mitbeschlossenen K\u00fcrzungen beim Autobauer: \u201eIn einem Flugblatt, das von Betriebsrats-Kollegen verfasst wurde, steht: \u201adie Arbeitnehmer wissen, dass die Situation bei Ford nicht rosig aussieht.\u2018 Kollegen, wir wissen das nicht. Die Betriebsleitung sagt euch, dass die Situation schlecht ist und ihr gebt das ungefragt weiter &#8230; Es hei\u00dft, Ford hat 1,2 Milliarden Euro Verluste gemacht. Man verlangte von uns \u00dcberstunden, die haben wir geleistet; Wochenendarbeit wurde verlangt, wir haben am Wochenende gearbeitet &#8230; Seit Jahren haben wir st\u00e4ndig abgegeben, gedankt wurde es uns nicht &#8230; F\u00fcr die Fehlplanung des Vorstands und seine angeblichen Verluste bekommen wir die Quittung.\u201c (Ford-Post, Nr. 4, M\u00e4rz 04).<br \/> Die Fakten m\u00fcssen auf den Tisch, die Gesch\u00e4ftsb\u00fccher m\u00fcssen vollst\u00e4ndig offen gelegt werden, damit die ArbeiterInnen die Chance haben, die Angaben zu \u00fcberpr\u00fcfen.<br \/> Wenn ein Betrieb mit Verlagerung der Produktion droht, dann muss im Gegenzug mit Enteignung gedroht werden: Solche Betriebe in \u00f6ffentliches Eigentum zu \u00fcberf\u00fchren und daf\u00fcr Druck zu entfalten. Ein Mittel, um diesen Druck zu erreichen, ist die Betriebsbesetzung. Sie versetzt die Besch\u00e4ftigten in die Lage, die Produktion unter eigener Kontrolle fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Internationale Solidarit\u00e4t<\/span><\/p>\n<p>Die Unternehmer versuchen uns damit zu erpressen, dass in anderen L\u00e4ndern angeblich oder tats\u00e4chlich g\u00fcnstiger produziert wird. Dieser Unterbietungswettlauf zwischen den Besch\u00e4ftigten in verschiedenen L\u00e4ndern muss beendet werden. Die Gewerkschaften wurden gegr\u00fcndet, um die Konkurrenz unter den Besch\u00e4ftigten abzuschaffen. Der Kampf gegen international operierende Konzerne kann heute nur erfolgreich sein, wenn er international gef\u00fchrt wird. Wenn ein Werk verlagert werden soll, muss der Kontakt zu den KollegInnen im \u201eZielland\u201c hergestellt werden, um einen gemeinsamen Kampf zu f\u00fchren. Statt Spirale nach unten brauchen wir den gemeinsamen Kampf f\u00fcr die Anhebung der L\u00f6hne.<br \/> Weltweit ist die Produktivit\u00e4t gewachsen. Davon haben alleine die Kapitalbesitzer profitiert. F\u00fcr uns hat sich diese Vermehrung von gesellschaftlichen Reichtum in Massenarbeitslosigkeit ausgedr\u00fcckt, weil weniger ArbeiterInnen gebraucht werden. Darauf kann es nur eine Antwort geben: Verteilung der vorhandenen Arbeit auf alle, bei vollem Lohnausgleich.<br \/> Die derzeitigen Gewerkschaftsspitzen sehen sich oftmals als \u201eCo-Manager\u201c, die mit den Banken und Konzernen \u201eihres\u201c Landes \u00fcbereinstimmen, den \u201eStandort Deutschland\u201c durch Lohnzur\u00fcckhaltung zu sichern. Sie haben die Internationalisierung von K\u00e4mpfen nicht gef\u00f6rdert, sondern behindert. Daher ist es n\u00f6tig, Initiativen im Betrieb selbst zu ergreifen und die KollegInnen in den Nachbarl\u00e4ndern zu kontaktieren. Dass dies m\u00f6glich ist, haben die l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Streiks der Renault-Besch\u00e4ftigten in Frankreich, Belgien und Spanien Ende der 90er Jahre gezeigt. <br \/> Internationale Solidarit\u00e4t ist keine nette Parole f\u00fcr Sonntagsreden, sondern praktische Notwendigkeit im globalisierten Kapitalismus.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic;\">von Claus Ludwig, K\u00f6ln<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Abwanderungsdrohungen und -pl&auml;nen werden Arbeitsbedingungen und Arbeitspl&auml;tze angegriffen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[122],"tags":[159],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10841"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10841"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10841\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}