{"id":10839,"date":"2004-03-31T16:27:41","date_gmt":"2004-03-31T16:27:41","guid":{"rendered":".\/?p=10839"},"modified":"2004-03-31T16:27:41","modified_gmt":"2004-03-31T16:27:41","slug":"10839","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/03\/10839\/","title":{"rendered":"Wahlen in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Virginie Pr?gny, Vorstandsmitglied der Gauche R?volutionnaire (Schwesterorganisation der SAV)<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAm 21. M&auml;rz fand der erste Wahlgang der Landtags- und Kantonalwahlen (vergleichbar mit Kommunalwahlen)&nbsp; in Frankreich statt. Gauche R&eacute;volutionnaire rief bei den landesweit stattfinden Lantagswahlen zur Wahl der Listen der trotzkistischen Organisationen LO (Arbeiterkampf) und LCR (Revolution&auml;r-Kommunistische Liga) auf und hatte auch zwei KandidatInnen auf dieser Liste bei den Landtagswahlen in der Normandie. Wie beurteilst du die Ergebnisse des ersten Wahlgangs?<br \/> Die PS (?Sozialistische Partei?) profitierte mit ihrer Kampagne ?vote utile? (?n&uuml;tzlich w&auml;hlen?) von der enormen Wut auf die Raffarin-Regierung. Im Landesdurchschnitt hat die ehemalige Regierungskoalition PS, PCF (Kommunistische Partei) und Gr&uuml;ne 40 Prozent der Stimmen geholt, w&auml;hrend die Regierungsparteien UMP und UDF bei knapp 35 Prozent landeten. Weitere Gr&uuml;nde f&uuml;r diesen Wahlsieg waren: die schwache Kampagne von LO und LCR und die Angst vor einem erneuten Erstarken der rechtsextremen Front National, die im Vergleich zu den vorherigen Lantagswahlen zwar nur leicht zulegen (17 Prozent), sich aber in 19 von 22 Regionen im zweiten Wahlgang halten konnte. <br \/> Das Wiedererstarken der ?Linken?, vor allem der PS, bedeutet aber nicht, dass sich breitere Schichten der Arbeiterklasse und der Jugend erneut diesen Parteien zuwenden. Es ist vielmehr eine tempor&auml;re, auf die Wahlebene begrenzte Unterst&uuml;tzung.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Was sind die Gr&uuml;nde f&uuml;r das gute Wahlergebnis der PCF und das f&uuml;r viele entt&auml;uschende Abschneiden von LO und LCR?<\/span><\/p>\n<p> Die PCF hat dort, wo sie alleine kandidiert hat, &uuml;berraschend gute Ergebnisse eingefahren (acht bis zehn Prozent), haupts&auml;chlich in ihren traditionellen Bastionen in Nordfrankreich. Das zeigt zum einen, dass sie noch &uuml;ber eine gewisse Verankerung in der Arbeiterklasse verf&uuml;gt. Zum anderen hat sie sich nach den katastrophalen Wahlergebnissen der letzten Jahre nach au&szlig;en etwas k&auml;mpferischer pr&auml;sentiert und war zum Teil klarer als LO \/ LCR bez&uuml;glich der Kritik an der Regierung und den Kapitalisten. <br \/> Die Allianz LO \/ LCR hat mit landesweit etwa f&uuml;nf Prozent (mehr als eine Million Stimmen) das vorhandene Potenzial nicht nutzen k&ouml;nnen. Ende Februar lag sie in den Umfragen in einigen Regionen noch bei mehr als zehn Prozent und wurde von vielen als die einzig w&auml;hlbare Kraft angesehen. LO und LCR haben jedoch keine gemeinsame Kampagne gef&uuml;hrt und haben sich v&ouml;llig auf die Wahlebene beschr&auml;nkt. Sie haben ihre Forderungen nicht mit den stattfinden isolierten K&auml;mpfen verkn&uuml;pft, keinerlei Vorschl&auml;ge gemacht, wie diese verbunden werden k&ouml;nnen und haben die Notwendigkeit einer neuen Arbeiterpartei konsequent ausgeklammert. <br \/> Beispielsweise war die Forderung ?Verbot von Entlassungen? eine Hauptforderung im Wahlkampf. Sie haben diese (unserer Meinung nach falsche) Forderung in den Raum gestellt, ohne zu erkl&auml;ren, wie ein erfolgreicher Kampf gegen die zur Zeit stattfindenden Massenentlasungen organisiert werden kann. Desweiteren ist die Frage einer Systemalternative, einer sozialistischen Alternative, ? wenn &uuml;berhaupt ? nur plakativ erw&auml;hnt worden.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">24 Mitglieder (etwa ein Drittel) der nationalen Leitung der LCR haben noch am Wahlabend zur Wahl von PS, PCF und Gr&uuml;nen im zweiten Wahlgang aufgerufen. Welche Konsequenzen k&ouml;nnte das haben?<\/span><\/p>\n<p> Die erw&auml;hnten 24 Bundesvorstandsmitglieder geh&ouml;ren der ?rechten? Minderheit in der LCR an und repr&auml;sentieren die reformistische Tendenz. Beim letzten Bundeskongress war diese Tendenz gegen eine gemeinsame Wahlliste LO \/ LCR und f&uuml;r einen Wahlaufruf f&uuml;r die sogenannte Linke im zweiten Wahlgang. Der jetzige Vorsto&szlig; k&ouml;nnte den Versuch darstellen, die reformistischen Kr&auml;fte zu st&auml;rken und den Anbiederungskurs an die PS und so weiter zu forcieren. <br \/> Da sich die nationale Leitung davon &ouml;ffentlich distanziert hat, werden die internen Spannungen innerhalb der LCR zunehmen. Des Weiteren wird dadurch die Zusammenarbeit mit LO erschwert und ein gemeinsamer Aufruf zur Gr&uuml;ndung einer neuen Arbeiterpartei noch unwahrscheinlicher.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Wie sehen die weiteren Perspektiven aus ?<\/span><\/p>\n<p> Die angek&uuml;ndigte Zerschlagung des Gesundheitssystems und der sozialen Sicherungssysteme hat bisher noch keinen massiven Widerstand hervorgerufen. Es brodelt jedoch gewaltig unter der Oberfl&auml;che und die Demos am 3. April k&ouml;nnten die angestaute Wut zum Ausdruck bringen. Diese Demos, zu denen fast alle Gewekschaften aufrufen, k&ouml;nnen ein erster Schritt sein, die einzelnen, von K&uuml;rzungen beziehungsweise Privatisierungen betroffenen Bereiche (Post, Bildungsbereich, und so weiter) zusammenzubringen. Wir treten daf&uuml;r ein, auf einen eint&auml;gigen Generalstreik hinzuarbeiten und werden weiterhin beharrlich die Notwendigkeit einer neuen Arbeiterpartei mit Arbeitern und Jugendlichen diskutieren.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Gauche R&eacute;volutionnaire kandidierte zum ersten Mal eigenst&auml;ndig im 5. Kanton von Rouen und erreichte 4,1 Prozent (184 Stimmen). Wie erkl&auml;rst Du diesen Erfolg?<\/span><\/p>\n<p> Unsere dynamische und k&auml;mpferische Wahlkampagne war auschlaggebend. Wir waren mit vielf&auml;ltigen Aktionen in den Arbeitervierteln pr&auml;sent und haben ein klar antikapitalistisches Programm gegen die rechte Regierung und die Macht der Banken und Konzerne nach vorne gestellt. In unserem Wahlprogramm und in Diskussionen mit den Leuten haben wir klargemacht, dass wir keine Wahlversprechen abgeben, sondern den gemeinsamen Kampf von allen Betroffen gegen die rechte Regierung und ihre Kahlschlagspolitik organisieren wollen. Gleichzeitig haben wir erkl&auml;rt, dass die ehemaligen Regierungsparteien PS (Sozialistische Partei), PCF (Kommunistische Partei) und die Gr&uuml;nen keine Alternative darstellen, sondern bestenfalls den Kapitalismus weniger brutal gestalten wollen. Die Tatsache, dass wir mit Le&iuml;la Messaoudi eine junge Frau arabischer Abstammung als Kandidatin aufgestellt haben, ist ebenfalls auf gro&szlig;e Sympathie gesto&szlig;en. Diese Faktoren haben dazu gef&uuml;hrt, dass wir in sechs Arbeitervierteln zwischen 5,1 und 10,2&nbsp; Prozent erreicht haben. In den anderen vier Wahlkreisen haben wir schlechter abgeschnitten, da sich diese in eher b&uuml;rgerlichen Wohngegenden befinden.<br \/> Welche Forderungen habt ihr in eurer Kampagne aufgestellt und wie sah diese konkret aus?<br \/> In den Arbeitervierteln, in denen wir unsere Kampagne gef&uuml;hrt haben, herrscht gro&szlig;e Armut. Die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 30 und 50 Prozent und die meisten Wohnungen sind total heruntergekommen. Der Anteil an Immigranten, vor allem arabischer Herkunft, ist sehr hoch. Mit unseren drei Hauptforderungen ? Arbeit, guter Wohnraum und ein qualitativ guter &ouml;ffentlicher Dienst f&uuml;r alle ? haben wir die konkreten Probleme der Leute aufgegriffen. <br \/> Bei zahlreichen Hausbesuchen, Infost&auml;nden auf Marktpl&auml;tzen und vor Superm&auml;rkten sind diese Forderungen ? verkn&uuml;pft mit unseren konkreten Kampfvorschl&auml;gen ? auf eine sehr gute Resonanz gesto&szlig;en. Die meisten Leute waren sehr offen, fanden unsere Forderung nach einer neuen Arbeiterpartei richtig und haben uns zugestimmt, dass wir nur durch den gemeinsamen Kampf von Arbeitern und Jugendlichen etwas erreichen k&ouml;nnen. Die Wut auf die Regierung, aber auch auf die sogenannten ?linken? Parteien ist enorm. Die meisten Leute f&uuml;hlen sich von den ehemaligen Arbeiterparteien (PS, PCF) im Stich gelassen. Dieses riesengro&szlig;e Vakuum auf der Linken haben wir als kleine k&auml;mpferische Organisation zum Teil f&uuml;llen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Werdet ihr weiterhin in diesen Stadtteilen pr&auml;sent sein?<\/span><\/p>\n<p> Das Wahlergebnis und die insge-samt sehr positive Resonanz sind eine enorme Ermutigung f&uuml;r uns, die begonnene Arbeit, Hausbesuche und Zeitungsverk&auml;ufe auf Marktpl&auml;tzen fortzusetzen. Wir werden im Viertel f&uuml;r die Demo am 3. April mobilisieren, den Kampf von Eltern, Lehrern und Sch&uuml;lern gegen die Schlie&szlig;ung von Grundschulklassen unterst&uuml;tzen und eine &ouml;ffentliche Veranstaltung anbieten. Es ist wichtig, dass wir den Leuten zeigen, dass wir auch nach den Wahlen pr&auml;sent sind und mit ihnen gemeinsam k&auml;mpfen wollen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-style: italic;\">Das Interview f&uuml;hrte Olaf van Aken<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Virginie Pr?gny, Vorstandsmitglied der Gauche R?volutionnaire (Schwesterorganisation der SAV)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[159],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10839"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10839"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10839\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}