{"id":10798,"date":"2004-03-03T16:12:29","date_gmt":"2004-03-03T16:12:29","guid":{"rendered":".\/?p=10798"},"modified":"2004-03-03T16:12:29","modified_gmt":"2004-03-03T16:12:29","slug":"10798","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/03\/10798\/","title":{"rendered":"Alle f&uuml;r Ole oder SPD als das gr&ouml;&szlig;ere &Uuml;bel?"},"content":{"rendered":"<p>Stellungnahme der SAV Hamburg zur Wahl<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nBei den Neuwahlen zur B&uuml;rgerschaft am 29.2. errang die CDU in der ehemaligen SPD-Hochburg Hamburg mit 47,2 % (2001: 26,2%) die absolute Mehrheit. Die SPD rutschte von 36,5% auf 30,5% ab. W&auml;hrend die GAL (Hamburger Gr&uuml;ne) ein paar Prozentpunkte zulegen konnte und 12,3% erreichte, schafften weder Schill noch die Offensive oder die FDP die 5%-H&uuml;rde. Das Regenbogenb&uuml;ndnis, dass als Wahlb&uuml;ndnis links von Rot-Gr&uuml;n angetreten war und an dem auch die SAV teilgenommen hatte, kam gerade mal auf 1,1%. Die Wahlbeteiligung sank von 71,4% (2001) auf 68,7% und ist damit die zweitniedrigste Wahlbeteiligung in der Hamburger Geschichte. Bei diesem Wahlergebnis fragen sich viele: Sind in der Hansestadt alle vom Konservatismus befallen worden? Egal ob Alt oder Jung, Mann oder Frau, Arbeiter oder Unternehmer: Alle w&auml;hlten sie den guten offenen &#x84;Hanseaten&#x93; Ole. Die Springerpresse feiert ihren Superstar an der Elbe und zitierten eine Hamburgerin wie folgt: &#x84;Ole von Beust hat doch gezeigt, dass er seinen Job prima macht. Hoffentlich hat bald jeder wieder ein Rumpsteak in der Pfanne und es geht weiter aufw&auml;rts.&#x93; (BILD 1.3.04)&nbsp; Ist das die reale Hoffnung der Mehrheit der HamburgerInnen? <br \/>  <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Protest gegen rot-gr&uuml;ne K&uuml;rzungspolitik <\/span><\/p>\n<p>  Das Wahlergebnis zu Gunsten der CDU dr&uuml;ckt keine stabile Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die CDU und Ole von Beust aus, sondern ist vielmehr ein Zeichen der Ablehnung der bundes-rot-gr&uuml;nen Praxisgeb&uuml;hr, Rentenreform und Agenda 2010. So entsprechen Umfragen zum bundesweiten Wahlverhalten fast genau dem Hamburger Wahlergebnis. Bundesweit w&uuml;rden zur Zeit 48% der W&auml;hlerInnen der CDU ihre Stimme geben. Lediglich 29% w&uuml;rden die SPD w&auml;hlen.&nbsp; Dass die Stimmen f&uuml;r die CDU nicht alles Stimmen f&uuml;r K&uuml;rzungs- und Privatisierungspolitik sind, zeigt auch der Widerspruch zwischen dem erfolgreichen Volksbegehren gegen die Privatisierung des Landesbetriebs Krankenh&auml;user (LBK) und dem Erfolg der CDU. 78% der HamburgerInnen stimmten gegen den Mehrheitsverkauf an Asklepios &#x96; obwohl die CDU den LBK verkaufen will. Dieses Ergebnis zeigt, dass eine gro&szlig;e Mehrheit der Menschen gegen die neoliberale Politik der Regierung ist. <br \/>  Die CDU konnte bei der Hamburger Wahl um 165.000 Stimmen zulegen. Exakt die H&auml;lfte davon kam von ehemaligen Schill-W&auml;hlerInnen. Viele von diesen hatten vor zwei Jahren aus Entt&auml;uschung mit der unsozialen SPD-Politik f&uuml;r Schill gestimmt. Diese wollten nach der Desillusionierung mit Schill nicht wieder zur SPD zur&uuml;ck. Besonders in Arbeiterstadtteilen gab es eine regelrechte Stimmung, der SPD auch diesmal die Rote Karte zu zeigen &#x96; und aus Protest f&uuml;r die CDU zu stimmen. W&auml;hrend die CDU im Durchschnitt um 21% zulegen konnte, verzeichnete sie unter ArbeiterInnen einen Zuwachs von 24%. Au&szlig;erdem war die Wahlbeteiligung in Arbeitervierteln besonders niedrig. Viele ehemalige SPD-W&auml;hlerInnen blieben hier einfach zu Hause. <br \/>  Die Wahl wirft daher wie bereits die Wahl 2001 ein Schlaglicht auf die Entfremdung eines gro&szlig;en Teils der ArbeiterInnen und Erwerbslosen mit der SPD. Sie verzeichnete das schlechtestes Ergebnis in ihrer Geschichte in Hamburg. Nachdem sie 44 Jahre in Hamburg an der Regierung beteiligt war bzw. sie allein gestellt hatte, trat sie 2001 die&nbsp; Regierungsverant-wortung an CDU-Schill-FDP ab. Die Schillpartei erreichte damals 19,4% und fungierte als Mehrheitsbeschafferin f&uuml;r die CDU. <br \/>  Doch dies war erst der Anfang des Bruchs vieler Menschen mit der SPD: Im Vergleich zur Wahl 2001 verlor sie diesmal 12.500 der Stimmen an die Nichtw&auml;hlerschaft und 35.000 direkt an die CDU. 13.000 ehemalige SPD-W&auml;hlerInnen w&auml;hlten diesmal die GAL. War die SPD 2001 noch in 71 Stadtvierteln st&auml;rkste Partei, liegt sie heute nur noch in sieben Vierteln vorn. Der &#x84;M&uuml;nteferingeffekt&#x93; ist nicht eingetreten. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">&#x84;Schill out&#x93; nach S&uuml;damerika <\/span><\/p>\n<p>  Insgesamt zeigen die Verschiebungen in der Wahl sehr deutlich, dass es kein traditionelles Stammw&auml;hlerpotential mehr gibt &#x96; weder f&uuml;r die SPD noch f&uuml;r die CDU. Die &ouml;konomische Lage ist gepr&auml;gt von einer Phase von Stagnation und R&uuml;ckgang des Wirtschaftswachstums. Alle etablierten Parteien versuchen auf dem R&uuml;cken der Erwerbslosen, ArbeiterInnen, Jugendlichen und RentnerInnen zu k&uuml;rzen. Dies verursacht eine Losl&ouml;sung von langfristigen Bindungen an etablierte Parteien und dr&uuml;ckt damit eine&nbsp; Instabilit&auml;t der politischen Lage aus. <br \/>  Davon konnten in der neueren Hamburger Geschichte immer wieder Rechtspopulisten und Rechtsextreme profitieren: 1993 erreichten&nbsp; STATT-Partei, REP und DVU gemeinsam 13,2%. 1997 kamen DVU, REP und Bund freier B&uuml;rger auf 8,9%. Bei der letzten Wahl 2001 konnte Schill und seine Partei Rechtsstaatlicher Offensive kr&auml;ftig punkten. W&auml;hrend damals noch fast jede\/r F&uuml;nfte Schill und Konsorten w&auml;hlte (19,4%), lag die Schillpartei diesmal nur bei 3,1%. Lediglich im Bezirk Harburg konnte die Schillpartei in die Bezirksversammlung einziehen (5,2%). Kurz bevor SPD-Kandidat Thomas Mirow verk&uuml;ndete, er wolle sich aus der Hamburger Politik zur&uuml;ckziehen und lieber wieder als Unternehmensberater gutes Geld verdienen, k&uuml;ndigte Schill an, nach S&uuml;damerika auszuwandern. <br \/>  Viele Menschen hatten sich 2001 erhofft, Schill w&uuml;rde endlich etwas &#x84;f&uuml;r den kleinen Mann&#x93; tun. Diese Hoffnung wurde herb entt&auml;uscht. Der Erfolg der Schillpartei dr&uuml;ckte &auml;hnlich wie Haiders Erfolg in &Ouml;sterreich eine Stimmung der Bev&ouml;lkerung aus, die die K&uuml;rzungspolitik der etablierten Parteien ablehnt aber keine linke Alternative sieht. Doch genauso wie die Schillpartei schnell wieder weg vom Fenster war (schneller noch als Haider), ist auch die bahnbrechende Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die CDU auf Sand gebaut. <br \/>  Wenn die CDU beginnen wird, den LBK trotz des positiven Volksentscheids zu privatisieren, wenn weiter Stellen im &Ouml;ffentlichen Dienst abgebaut und soziale Leistungen gek&uuml;rzt werden, werden sich viele Menschen von der CDU abwenden. Der Wahlerfolg ist zum Gro&szlig;teil dem Vakuum auf der Linken geschuldet. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Regenbogen &#x96; Keine linke Alternative f&uuml;r eine solidarische Stadt? <\/span><\/p>\n<p>  Das magere Wahlergebnis des Regenbogenb&uuml;ndnisses von 1,1% hamburgweit (2001 1,7%) und zwischen 0,9% bis 3,1% bei den Wahlen zu den Bezirksversammlungen macht in erster Linie eins deutlich: Der Regenbogen wurde von vielen Menschen nicht als die k&auml;mpferische w&auml;hlbare Alternative zu Rot-Gr&uuml;n gesehen und war es auch nicht. <br \/>  Der wichtigste Grund f&uuml;r das entt&auml;uschende Wahlergebnis des Regenbogens liegt darin, dass sich einige Kr&auml;fte im B&uuml;ndnis mit der Idee eines Szenewahlkampfes durchgesetzt hatten. W&auml;hrend Kr&auml;fte wie die SAV und andere sich bereits bei den ersten Diskussionen &uuml;ber ein gemeinsames Wahlb&uuml;ndnis f&uuml;r ein Wahlb&uuml;ndnis unter dem Namen &#x84;Gemeinsam gegen Sozialkahlschlag&#x93;, eine thematische Ausrichtung auf Themen wie Agenda 2010, Privatisierung und Sozialk&uuml;rzungen und eine Orientierung auf Arbeiterstadtteile eingesetzt hatten, wurde dies von Kr&auml;ften wie Regenbogen und PDS abgelehnt. Dies wurde nicht nur an dem inhaltsleeren Namen des Wahlb&uuml;ndnisses deutlich, sondern auch an der weiteren Ausrichtung des Wahlkampfes. So war den meisten TeilnehmerInnen des B&uuml;ndnisses eine Pr&auml;senz in den linksintellektuellen Vierteln wichtiger als in &auml;rmeren Stadtvierteln. Plakatspr&uuml;che wie &#x84;Lieber links gew&auml;hlt als rechts gew&auml;hlt&#x93; sprachen zudem lediglich Menschen an, die Politik in links (Regenbogen) und rechts (den Rest) unterteilen. F&uuml;r viele Menschen macht sich der Unterschied aber nicht an links und rechts fest, sondern an der Frage, ob sich eine Partei deutlich f&uuml;r oder gegen K&uuml;rzungen ausspricht. Auch die witzig gemeinten Wortspielchen der Plakatspr&uuml;che (&#x84;Zahlen bis der Arzt kommt?&#x93;, &#x84;Lieber Bildung f&uuml;r alle als dumm verkauft&#x93;, &#x84; Lieber Arbeit mit Zukunft als Armut in Aussicht&#x93;) nahm die Menschen und ihre Probleme nicht ernst. Da reichten auch die eine gewerkschaftspolitische Wahlveranstaltung oder das andere Flugblatt zur Agenda 2010 oder zum LBK nicht aus, um dem Regenbogenwahlkampf einen anderen Charakter zu verleihen. Viele Menschen verbanden mit dem Regenbogenb&uuml;ndnis eher Alt-68er als irgendetwas Neues. <br \/>  Ein weiterer wichtiger Grund war, dass die letzten anderthalb Monate des Wahlkampfes von einer nahezu unpolitischen Stimmung gepr&auml;gt waren. So war auch der Wahlkampf nahezu unpolitisch (CDU:&#x84;Michel, Alster, Ole&#x93;, GAL:&#x84;Hamburg kanns besser&#x93;, SPD:&#x84;Mirow: Klarheit und Wahrheit&#x93;). Im Januar und Februar haben in Hamburg weder nennenswerte Demonstrationen noch andauernde betriebliche Auseinandersetzungen stattgefunden. W&auml;re es beispielsweise zu einem Streik in der Metallindustrie gekommen, h&auml;tte dies auch Auswirkungen auf die allgemeine Stimmung in der Bev&ouml;lkerung gehabt. Dies h&auml;tte es einem linken Wahlb&uuml;ndnis erm&ouml;glicht durch eine aktive Teilnahme und Unterst&uuml;tzung solcher Auseinandersetzungen bei einer breiteren W&auml;hlerschicht Geh&ouml;r zu finden &#x96; gerade bei abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten. Dies zeigt aber, dass es nicht ausreicht, bei der Wahl ein linkes Banner hochzuhalten. Entscheidend f&uuml;r einen Erfolg auf der Linken w&auml;re das Eingreifen in soziale Bewegung und betriebliche K&auml;mpfe gewesen. Einerseits haben diese K&auml;mpfe nicht stattgefunden. Andererseits ist es jedoch fraglich, ob die Orientierung des Regenbogen-b&uuml;ndnisses ein Eingreifen erm&ouml;glicht h&auml;tte. <br \/>  Ein weiterer Grund f&uuml;r das schlechte Abschneiden des Regenbogens ist zudem das von Springerpresse und MOPO inszenierte Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU einerseits und SPD\/GAL andererseits gewesen, welches daf&uuml;r mitverantwortlich war, dass viele Menschen keine Stimme an Regenbogen &#x84;verschenken&#x93; wollten. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wie geht es jetzt weiter? <\/span><\/p>\n<p>  Das Regenbogenb&uuml;ndnis war in erster Linie ein auf die Wahl begrenztes Zweckb&uuml;ndnis. Abgesehen von einigen Stadtteilen ist nicht davon auszugehen, dass sich eine Zusammen-arbeit in dem bisherigen Rahmen fortsetzen wird. Die SAV spricht sich stattdessen daf&uuml;r aus, sich auf die n&auml;chsten Stationen des Widerstands gegen Sozialk&uuml;rzungen zu konzentrieren. So wird der 2. und 3. April der n&auml;chste Etappenschritt gegen die Agenda 2010 sein. Die SAV spricht sich f&uuml;r betriebliche Streiks am 2. April aus und wird f&uuml;r den 3. April zur Gro&szlig;demo nach Berlin mobilisieren. Es ist zudem davon auszugehen, dass es auch in Hamburg zu weiteren betrieblichen Auseinandersetzungen kommen wird. Die Arbeitsniederlegung der Postbesch&auml;ftigten am 23.2. war ein Vorgeschmack dessen, was sich auf betrieblicher Ebene abspielen wird. Auch die weitere Auseinandersetzung um den Verkauf des LBKs wird ein wichtiges Thema f&uuml;r die SAV in Hamburg sein. <br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Lucy Redler<\/span><o:p  style=\"font-style: italic;\"><\/o:p><span style=\"font-style: italic;\">, <\/span><span  style=\"font-style: italic;\">Hamburg, 2. M&auml;rz 2004<\/span><span  style=\"font-style: italic;\"><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme der SAV Hamburg zur Wahl<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10798"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10798"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10798\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}