{"id":10787,"date":"2004-02-23T10:02:03","date_gmt":"2004-02-23T10:02:03","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10787"},"modified":"2012-06-24T14:45:35","modified_gmt":"2012-06-24T12:45:35","slug":"10787","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/02\/10787\/","title":{"rendered":"Wie h&auml;tte der Faschismus verhindert werden k&ouml;nnen?"},"content":{"rendered":"<p>70 Jahre nach der Machtergreifung des Faschismus in \u00d6sterreich<!--more--><br \/> \u00a0<br \/> Am 12. Februar 2004 j\u00e4hrt sich zum 70. Mal die Machtergreifung des Faschismus in \u00d6sterreich. Bundesheer, Polizei und faschistische Milizen &#8211; die Heimwehren &#8211; schossen damals auf Gemeindebauten, Standgerichte verh\u00e4ngten hunderte Todesurteile gegen Linke und GewerkschaftsaktivistInnen. Alle selbst\u00e4ndigen Organisationen der ArbeiterInnenbewegung wurden verboten. Wenige Wochen sp\u00e4ter proklamierte das Regime eine neue Verfassung, die \u00d6sterreich zum autorit\u00e4ren, faschistischen F\u00fchrerstaat auf christlicher Grundlage erkl\u00e4rte. Die gro\u00dfen politischen Profiteure der damaligen Ereignisse waren die Nationalsozialisten, die sich in den Jahren des Austrofaschismus endg\u00fcltig durchsetzen konnten. Dennoch: In den Februartagen leistete erstmals in der Geschichte jemand bewaffnet Widerstand gegen den Faschismus. Hunderte ArbeiterInnen und Jugendliche, SozialistInnen und KommunistInnen wehrten sich gegen die Kanonen und Maschinengewehre der Regierung. <br \/> Im \u00d6sterreich der 20er und 30er Jahre existierte weder der lange Wirtschaftsaufschwung, noch das System der Sozialpartnerschaft, welches die 2. Republik nach 1945 lange pr\u00e4gte. Kapitalistische Krise, soziales Elend, aber auch Klassenkampf und Widerstand geh\u00f6rten zum Alltag der \u00f6sterreichischer ArbeiterInnen und Jugendlichen in den Jahren vor 1934. Seit 1918 sa\u00df dem B\u00fcrgertum vor allem der Schock der revolution\u00e4ren Ereignisse am Ende des ersten Weltkriegs in den Gliedern. Tats\u00e4chlich hatte 1918\/19 die \u00f6sterreichische ArbeiterInnenbewegung den Schl\u00fcssel zur internationalen, sozialistischen Revolution in der Hand gehabt. <br \/> Revolution\u00e4re Welle und das gro\u00dfe Versprechen der Sozialdemokratie <br \/> 1917 siegte in Russland die Oktoberrevolution. Dieses Ereignis beendete in der Folge nicht nur den Weltkrieg, sondern ersch\u00fctterte ganz Europa. Linke Massenfl\u00fcgel in den traditionellen sozialdemokratischen Organisationen, neue sozialistische und kommunistische Parteien waren Ausdruck einer Radikalisierung der ArbeiterInnenbewegung. Die Frage der Beseitigung des Kapitalismus und der sozialistischen Revolution stand nun nicht l\u00e4nger nur in den Programmen der ArbeiterInnenparteien, sondern tats\u00e4chlich auf der Tagesordnung. In Bayern und in Ungarn bildeten sich &#8211; nach russischem Vorbild &#8211; R\u00e4terepubliken. In Italien besetzten die ArbeiterInnen ihre Fabriken. Auch in \u00d6sterreich f\u00fchrten bereits 1918 die Streikbewegungen zum Ende der Monarchie und zur Bildung einer landesweiten R\u00e4tebewegung. Doch der Kapitalismus \u00fcberlebte diese Entwicklung &#8211; in \u00d6sterreich wie im \u00fcbrigen Europa mit Ausnahme Russlands. Die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie (SDAP) spielte eine zwiesp\u00e4ltige Rolle im damaligen Prozess. Sie arbeitete als Regierungspartei 1918-1920 gemeinsam mit den b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften gegen die \u00f6sterreichische und internationale Revolution. Gleichzeitig gelang es vor allem dem linken Fl\u00fcgel der SDAP um Friedrich Adler und Otto Bauer durch wortradikales Auftreten die Bildung einer neuen, kommunistischen Massenpartei zu verhindern. Immer wieder wurde auf die erreichten Errungenschaften verwiesen, welche die Bourgeoisie in der revolution\u00e4ren Krise 1918\/19 zugestanden hatte. Die Parteif\u00fchrer der SDAP versprachen ihren GenossInnen, dass dies erst der Anfang gewesen w\u00e4re und in den kommenden Jahren schrittweise der Sozialismus umgesetzt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Beseitigung des revolution\u00e4ren Schutts <\/span><\/p>\n<p>Achtstundentag, Sozialgesetzgebung, Arbeitsschutzbestimmungen, selbst die parlamentarische Republik wurden von Beginn an von der b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften als Produkte einer Zeit des Chaos und der Ersch\u00fctterung ihrer Macht verstanden. Im Gegensatz zu den Versprechungen der Sozialdemokratie &#8222;die parlamentarische H\u00fclle mit sozialistischem Inhalt&#8220; zu f\u00fcllen, geriet die ArbeiterInnenbewegung nach dem Abebben der revolution\u00e4ren Welle politisch in die Defensive. Ab 1920 wurde \u00d6sterreich von einem Block rechter Parteien regiert, deren f\u00fchrende Kraft die Christlich Soziale Partei (CSP) war. Lediglich das &#8222;rote Wien&#8220; entwickelte sich mit seinem damals vorbildlichen Wohnbau, Sozialeinrichtungen, Schulreformen und umverteilenden kommunalen Steuern zum Gegenmodell. Vor allem in den Zeiten der tiefen \u00f6konomischen Krise Ende der 20er Jahre wurde Wien zur gro\u00dfen Hoffnung von Millionen ArbeiterInnen im ganzen Land. Erneut versprach die Sozialdemokratie, durch die langsame Umsetzung dieses Modells in ganz \u00d6sterreich der kapitalistischen Sackgasse entkommen zu k\u00f6nnen. 1929 waren 718.000 Personen Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei \u00d6sterreichs, in Wien sogar mehr als ein Drittel der wahlberechtigten Wohnbev\u00f6lkerung! Die Partei kontrollierte alle wichtigen Gewerkschaften, aber auch andere Massenorganisationen (Frauen, Jugend, Kulturvereine &#8230;) und verf\u00fcgte \u00fcber eine eigene bewaffnete Formation mit 60.000 Mann &#8211; den Republikanischen Schutzbund. Die staatliche Macht und das Privateigentum an Produktionsmitteln wurde allerdings von dieser Gegenmacht zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Frage gestellt. Die hochtrabenden Pl\u00e4ne zur Vergesellschaftung blieben in den Schubladen und waren f\u00fcr die F\u00fchrer der SDAP keine Anleitung zum politischen Handeln. Trotzdem: Alleine das Vorhandensein dieser gewaltigen Bewegung wurde &#8211; ebenso wie die Existenz des &#8222;roten Wiens&#8220; &#8211; von ma\u00dfgeblichen Teilen der Bourgeoisie und ihren Vertretern zunehmend als unertr\u00e4gliche Bedrohung empfunden. Die Forderung nach der endg\u00fcltigen Beseitigung &#8222;des revolution\u00e4ren Schutts&#8220; hatte 1924 bereits der damalige Bundeskanzler, Pr\u00e4lat I. Seipel (CSP) erhoben. Damals wu\u00dfte man allerdings noch nicht, mit welchen Mittel das geschehen sollte. <br \/> <br style=\"font-weight: bold;\" \/> <span style=\"font-weight: bold;\">Kapitalistische Krise <\/span><\/p>\n<p>1929 kennzeichnete der B\u00f6rsenkrach in New York den Beginn der tiefsten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus. F\u00fcr weite Teile der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung waren schon vorher die &#8222;goldenen 20er Jahre&#8220; ein unbekanntes Wesen geblieben. Die \u00f6sterreichische Wirtschaft litt seit 1918 unter einer hartn\u00e4ckigen Strukturkrise. Zu keinem Zeitpunkt sank die Arbeitslosigkeit unter 8 Prozent. Bereits in den f\u00fcnf Jahren vor dem Krach der Credit Anstalt (CA) 1931, gingen in der \u00f6sterreichischen Industrie 150.000 Jobs verloren. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich &#8211; \u00e4hnlich wie in Deutschland &#8211; besonders fatal aus. 1933 waren schlie\u00dflich offiziell (!) 557.000 (26 %) Arbeitslose gemeldet &#8211; wovon allerdings nur mehr 60 Prozent staatliche Unterst\u00fctzung erhielten. Trotz der Masse an v\u00f6llig Mittellosen &#8211; den &#8222;Ausgesteuerten&#8220; &#8211; stiegen die Aufwendungen des Staates weiter. Alleine f\u00fcr Zahlungen an Arbeitslose musste bereits ein Viertel aller staatlichen Ausgaben verwendet werden! Schon diese Zahl weist auf die v\u00f6llige Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit hin, unter den gegebenen Rahmenbedingungen die Krise \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig forderten ma\u00dfgebliche Wirtschafts- und Regierungskreise immer dr\u00e4ngender umfassende Sanierungsschritte.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Krise der Arbeiterinnenbewegung <\/span><\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1927 wurden bei einem Schutzbundaufmarsch im burgenl\u00e4ndischen Schattendorf ein Invalide und ein Kind von rechtsgerichteten Frontk\u00e4mpfern erschossen. Als das b\u00fcrgerliche Gericht die M\u00f6rder im Juli desselben Jahres freisprachen, kam es zu spontanen Streiks und einer Massendemonstration vor dem Justizpalast. Die Sozialdemokratische Parteif\u00fchrung rief zur M\u00e4\u00dfigung auf &#8211; das Ergebnis war totales Chaos und ein Fiasko f\u00fcr die gesamte ArbeiterInnenbewegung. Als der Justizpalast schlie\u00dflich in Flammen aufging, gaben Regierung und Polizeipr\u00e4sident den Schie\u00dfbefehl: 85 Tote und 600 Verletzte. Diese einschneidende Niederlage war das Vorspiel f\u00fcr die weitere Entwicklung. Das im SDAP-Parteiprogramm von 1926 proklamierte Versprechen, n\u00f6tigenfalls zum Mittel der Diktatur des Proletariats zu greifen, hatte sich als zahnlos erwiesen. Unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise verschlechterten sich nun auch die allgemeinen Kampfbedingungen der ArbeiterInnenklasse dramatisch: Die Anzahl der Arbeitsk\u00e4mpfe sank zwischen 1928 und 1932 um 87 Prozent. Im selben Zeitraum gingen die Mitgliedszahlen der freien Gewerkschaften &#8211; nicht zuletzt durch die Arbeitslosigkeit &#8211; um rund 200.000 Mitglieder zur\u00fcck. Die politische und zunehmend strukturelle Krise der ArbeiterInnenbewegung, aber auch die internationale Entwicklung ermutigte die Bourgeoisie auch in \u00d6sterreich auf &#8222;neue Methoden&#8220; zu setzen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Die faschistische Bedrohung im Europa der 20er und 30er Jahre <\/span><\/p>\n<p>Die Entstehung und Durchsetzung von rechtsextremen Massenbewegungen &#8211; beginnend mit dem italienischen Faschismus 1922 &#8211; war ein neues, internationales Ph\u00e4nomen im Europa der 20er und 30er Jahren. Trotz unterschiedlicher Ausformung, St\u00e4rke und Betonung &#8222;nationaler&#8220; Unterschiede in den verschiedenen L\u00e4ndern traten die Parallelen und die gegenseitige Inspiration dieser Bewegungen und Regime deutlich hervor. Dementsprechend verwendeten SozialistInnen bereits damals &#8222;Faschismus&#8220; als gemeinsamen Begriff f\u00fcr Bewegungen deren Ursprung in den reaktion\u00e4rsten Teilen der Gesellschaft &#8211; z.B. in den Kasten der Offiziere und Unteroffiziere &#8211; lagen. Als &#8222;Alternative&#8220; zum modernen Kapitalismus boten diese Str\u00f6mungen ein &#8222;Zur\u00fcck&#8220; zur angeblichen Harmonie der Vergangenheit an. Die Volksgemeinschaft der Germanen oder der mittelalterliche St\u00e4ndestaat sollten vor allem durch die Ausschaltung aller, die als &#8222;Fremdk\u00f6rper&#8220; galten und durch die hierarchische Organisation der Gesellschaft hergestellt werden. Ob italienischer Faschismus, Nationalsozialismus oder die Heimwehren: Ihre &#8222;Programme&#8220; und Beschw\u00f6rungen strotzten nur so von Begriffen wie Volk, Rasse und Heimat, vom Wunsch nach dem starkem Staat und vor allem auch dem Versprechen, den &#8222;volksfremden&#8220; oder j\u00fcdischen Marxismus auszuschalten. Attraktiv waren diese Bewegungen zun\u00e4chst f\u00fcr jene Teile der Gesellschaft, die sich durch die allgemeine Entwicklung zunehmend an den Rand gedr\u00e4ngt f\u00fchlten: Durch die Krise ruinierte Kleinb\u00fcrger, aber auch Arbeitslose und Jugendliche. Viele von jenen, denen die traditionelle ArbeiterInnenbewegung weder eine soziale Heimat, noch Antworten auf ihre wirtschaftliche und politische Perspektivlosigkeit bot, wurden zu &#8222;K\u00e4mpfern&#8220; dieser Bewegungen. Der Faschismus gab ihnen wenigstens ein bisschen Geld f\u00fcr`s Marschieren, oder auch nur eine Uniform und versprach denen, die sich ihm anschlie\u00dfen w\u00fcrden, zur k\u00fcnftigen Elite der Gesellschaft zu geh\u00f6ren. Leo Trotzki beschrieb den Faschismus in diesem Sinne zurecht als eine F\u00e4ulniserscheinung des Kapitalismus. Entscheidend war allerdings, dass die Bourgeoisie sich wegen der Sch\u00e4rfe der wirtschaftlichen Krise sich praktisch gezwungen sah, auf die faschistische Karte setzte. Diese &#8222;Koalition&#8220; zwischen alten Eliten und neuer Bewegung gegen die ArbeiterInnenklasse und ihre Organisationen, erwies sich als Vorbedingung jeder faschistischen Machtergreifung. Umgekehrt sagte Trotzki, dass die Machtergreifung des Faschismus nur der unabh\u00e4ngige Widerstand der ArbeiterInnenklasse &#8211; und kein B\u00fcndnis mit b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften &#8211; verhindern k\u00f6nne. Das Ausma\u00df und die Sch\u00e4rfe der faschistischen Gefahr in Europa wurde lange Zeit von den verantwortlichen PolitikerInnen der ArbeiterInnenbewegung ma\u00dflos untersch\u00e4tzt. Auch in \u00d6sterreich blickte die F\u00fchrung der Sozialdemokratie wie gel\u00e4hmt auf die faschistische Gefahr.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wer waren die \u00f6sterreichischen Faschisten <\/span><\/p>\n<p>An der Wiege der faschistischen Bewegung(en) in \u00d6sterreich standen vor allem lokale Wehrverb\u00e4nde, aber auch kleinere &#8211; prim\u00e4r antisemitische &#8211; Gruppen. F\u00fchrend war vor allem die im Raum Wien t\u00e4tige Frontk\u00e4mpfervereinigung von Oberst Hitl und dem sp\u00e4ter zentralen Heimwehrfunktion\u00e4r Major Fey. Sie betonte 1920: &#8222;Ausgeschlossen blieben nur Dr\u00fcckeberger (&#8230;) \u00f6stliche Fremdlinge, weil der seinem Volk und Vaterland treue Frontk\u00e4mpfer zur Erkenntnis gelangt war, dass die \u00f6stliche R\u00e4teherrschaft alles andere, nur nicht die Interessen des arischen Volkes zu vertreten imstande sei.&#8220; Gleichzeitig sah man sich &#8222;auf dem Boden des gl\u00e4ubigen Christentums&#8220;. Trotz dieser gemeinsamen historischen Wurzeln formierten sich in der Folge zwei Massenbewegungen der extremen Rechten in \u00d6sterreich: Die austrofaschistischen Heimwehren und der Nationalsozialismus. Die sp\u00e4tere Rivalit\u00e4t beider Bewegungen bestand nicht die darin , dass die Austrofaschisten den Antisemitismus der Nazis rundweg ablehnten. Den antisemitischen Wiener Ex-B\u00fcrgermeister Wiens, Karl Lueger, betrachteten z.B. beide Str\u00f6mungen mit Bewunderung. Es kristallisierten sich vielmehr unterschiedliche strategische Vorstellungen, bzw. gegens\u00e4tzliche Machtanspr\u00fcche zwischen der F\u00fchrung der Heimwehren und den aus Berlin instruierten Nazis heraus. Ma\u00dfgebliche Kreise des Austrofaschismus setzten lange Zeit auf die Unterst\u00fctzung durch Mussolini und ein B\u00fcndnis mit dem faschistischen Italien, die Nazis hingegen auf den Anschluss an ein nationalsozialistisches Deutschland. Gleichzeitig bestanden Querverbindungen zwischen beiden Lagern weiter. Das wesentliche Merkmal der austrofaschistischen Bewegung war vor allem ihre relative Schw\u00e4che und mangelnde Geschlossenheit. Zur Zeit ihrer gr\u00f6\u00dften Ausdehnung &#8211; 1929 &#8211; verwiesen die Heimwehren, Heimatschutzorganistionen (&#8230;) in ihrer Gesamtheit auf maximal 300.000 unterst\u00fctzende Mitglieder. Selbst in dieser Zeit bestand die wesentliche Rolle und Gemeinsamkeit dieser buntscheckigen Szene, provokative Aufm\u00e4rsche und Zusammenst\u00f6sse mit der Sozialdemokratie herbeizuf\u00fchren und die Regierung zu radikaleren Ma\u00dfnahmen gegen den Marxismus zu dr\u00e4ngen. 1930 erfolgte ein wichtiger Radikalisierungsschritt: Mit dem sogenannten &#8222;Korneuburger Eid&#8220; forderte die Heimwehren die sofortige Errichtung eines faschistischen Systems in \u00d6sterreich und setzten damit kurzfristig auf eine st\u00e4rkere eigenst\u00e4ndige Entwicklung als bisher. Bei den folgenden Wahlen im November dr\u00fcckten dann allerdings lediglich 6,2 Prozent Stimmanteil f\u00fcr den &#8222;Heimatblock&#8220; aus, dass diese Formationen ihren eigentlichen H\u00f6hepunkt bereits \u00fcberschritten hatten. Jetzt ging es Schlag auf Schlag. 1931 scheitere ein abenteuerlicher Putschversuch des Heimwehrf\u00fchrers Pfrimer kl\u00e4glich. 1932 einigten sich die Christlichsoziale Partei unter Engelbert Dollfuss und die Heimwehren mit Graf Starhemberg und Major Fey an der Spitze auf ein B\u00fcndnis, dessen fragiles Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis durch die &#8222;ostm\u00e4rkischen Sturmscharen&#8220; des sp\u00e4teren Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg erg\u00e4nzt wurde. Damit war die entscheidende Koalition der faschistischen Machtergreifung geschmiedet worden.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Auf dem Weg zum St\u00e4ndestaat <\/span><\/p>\n<p>Am 4. M\u00e4rz 1933 nutzte Dollfu\u00df einen Zwischenfall aus, um das Parlament vollst\u00e4ndig auszuschalten. Gest\u00fctzt auf das kriegswirtschaftliche Erm\u00e4chtigungsgesetz konnte die Dollfu\u00dfregierung nun Notverordnungen erlassen. Die Sozialdemokratische F\u00fchrung leistet keinen aktiven Widerstand. Am 16. M\u00e4rz 1933 wird der republikanische Schutzbund verboten. Auch der Aufmarsch am 1. Mai wird mittels Notverordnung untersagt. Die Dollfu\u00dfregierung verh\u00e4ngte ein Streikverbot, verbot die KP und verschlechterte die Arbeitszeitbestimmungen und k\u00fcrzte die Arbeitslosenunterst\u00fctzung. Das rote Wien sollte zun\u00e4chst finanziell ausgehungert werden. Immer deutlicher k\u00fcndigten Regierung und Heimwehren nun an, bald auch die verbliebenen Reste des Marxismus zu beseitigen. Vor allem im Bereich des Sicherheitsapparat nahmen Heimwehrfunktion\u00e4re entscheidende Funktionen ein: Major Fey wurde bereits 1932 zum zust\u00e4ndigen Staatssekret\u00e4r ernannt. Entsprechend steigerten sich die Willk\u00fcrakte der Beh\u00f6rden gegen die ArbeiterInnenbewegung. <br \/> Am 12. Februar 1934 wurden Parteiheime der SDAP auf Waffenlager durchsucht. Als die Heimwehr in der Linzer SP-Zentrale offiziell nach Waffen fahndete, leistete der Schutzbund Widerstand. In der Folge kam es &#8211; endlich &#8211; zu bewaffneten Aufst\u00e4nden von Teilen des Schutzbundes in Wien, Steyr, Graz,&#8230; Mit wenigen Ausnahmen beteiligten sich die hohen Funktion\u00e4re der SDAP nicht an diesem heldenhaften Kampf der \u00f6sterreichischen ArbeiterInnenschaft. Der Widerstand des Schutzbundes scheiterte u.a. daran, dass es keine zentrale Koordination und keinen Aufstandsplan gab. Viele kampfbereite ArbeiterInnen wussten nicht, wo die Waffenlager waren und jene F\u00fchrerInnen, die es wussten, beteiligten sich nicht bzw. begaben sich in einigen F\u00e4llen sogar freiwillig in Schutzhaft. Mit Hilfe des Bundesheeres wurden die Gemeindewohnungen mit schwerer Artillerie beschossen. Den Widerstand der ArbeiterInnenschaft schlugen die Faschisten brutal nieder. Auf Seiten des Schutzbundes gab es 137 Tote und 319 Verletzte. F\u00fcr politische Gegner hatte Dollfuss schon davor Anhaltelager errichten lassen. <br \/> <br style=\"font-weight: bold;\" \/> <span style=\"font-weight: bold;\">Der St\u00e4ndestaat und sein Scheitern <\/span><\/p>\n<p>Trotz der Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung, dem Abbau staatlicher Leistungen und sozialer Rechte &#8211; bereits in den ersten Monaten brachen die Unternehmer hunderte Kollektivvertr\u00e4ge &#8211; konnte der Austrofaschismus die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erf\u00fcllen. Selbst eine kurzfristige \u00f6konomische Stabilisierung blieb aus, das Heer der Arbeitslosen verringerte sich kaum. Gro\u00dfe Teile der ArbeiterInnenklasse warteten &#8211; frustriert von den Ereignissen und eingesch\u00fcchtert vom Terror &#8211; die Entwicklung ab. Trotzdem existierten relativ starke, illegale Strukturen der ArbeiterInnenbewegung weiter. Teile der Klasse radikalisierten sich nach 1934 sogar und suchten nach revolution\u00e4ren Alternativen zu Faschismus und Kapitalismus. Die Kommunistische Partei \u00d6sterreichs entwickelte sich erstmals zu einem relativ bedeutenden Faktor, auch die Sozialdemokraten nannten sich nun &#8222;Revolution\u00e4re Sozialisten&#8220;. Umgekehrt scheiterte &#8211; vor allem unter den ArbeiterInnen &#8211; der Versuch des Regimes, Massenunterst\u00fctzung zu bekommen. Der neugeschaffene &#8222;Einheitsgewerkschaftsbund&#8220; erreichte &#8211; trotz des enormen Drucks beizutreten &#8211; kaum mehr als die H\u00e4lfte der Mitgliedszahlen der freien Gewerkschaften vor 1934. In Betrieben wo es m\u00f6glich war Vertrauenspersonen zu w\u00e4hlen, erlitten bekannte Repr\u00e4sentanten des Regimes schwere Niederlagen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Der Vormarsch des Nationalsozialismus <\/span><\/p>\n<p>Ab 1930 begann als eine Folge der fortgesetzten Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der ArbeiterInnenbewegung der Vormarsch des Nationalsozialismus in \u00d6sterreich. 1933 wurde die NSdAP zwar formal verboten. Trotzdem bedeutete der 12.Februar 1934 einen enormen Auftrieb f\u00fcr die Nazis. Bereits im Juli 1934 wagten sie den Aufstand, in dessen Zusammenhang Bundeskanzler Dollfu\u00df ermordet wurde. Verhindert wurde damals der Anschluss an Nazideutschland aber nicht durch das Heldentum der \u00f6sterreichischen Regierung, sondern durch die gegenseitigen Anspr\u00fcche von Deutschland und Italien, um den Einfluss in Mitteleuropa. Mussolini drohte Hitler sogar mit Krieg f\u00fcr den Fall eines &#8222;Anschlusses&#8220;. Ab 1935 \u00e4nderten sich Italiens au\u00dfenpolitische Ambitionen &#8211; die Achse Rom-Berlin wurde geschmiedet. Der &#8222;Widerstand&#8220; des Austrofaschismus endete sp\u00e4testens 1936 als Berlin und Wien besondere Beziehungen vereinbarten, Vertreter des nationalen Lagers in die \u00f6sterreichische Regierung aufgenommen wurden und \u00d6sterreich fortan als &#8222;zweiter deutscher Staat&#8220; galt. Im M\u00e4rz 1938 marschierten die Nazis schlie\u00dflich ohne Gegenwehr der Regierung, &#8222;besch\u00fctzt&#8220; von \u00f6sterreichischen Polizisten mit Hakenkreuzsarmbinden und unter dem Jubel von Hunderttausenden Menschen in \u00d6sterreich ein.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wer k\u00e4mpfte gegen den Faschismus? <\/span><\/p>\n<p>Vor allem nach 1934 versuchten die Nazis durch die Hetze gegen das angeblich &#8222;j\u00fcdische Kapital&#8220; und seine Helfer und Knechte &#8211; die Repr\u00e4sentanten des St\u00e4ndestaates &#8211; ArbeiterInnen zu gewinnen. Der Austrofaschismus setzte dieser Hetze keine grunds\u00e4tzliche Ablehnung entgegen. Vielmehr beteuerte man, dass Juden ohnehin keine f\u00fchrenden Funktionen im Staate einnehmen w\u00fcrden. Gegenseitig \u00fcberbot man sich gleichzeitig in Beschuldigungen, dem Marxismus in Wahrheit Vorschub zu leisten. Trotz massiver Bestrebungen blieben die Versuche der Nazis, ArbeiterInnen zu gewinnen nur beschr\u00e4nkt erfolgreich: Vor 1938 wuchs der Anteil von ArbeiterInnen an der NSdAP-Mitgliedschaft von einem Viertel auf ein knappes Drittel. Im Vergleich zum Anteil der ArbeiterInnenklasse an der Gesamtbev\u00f6lkerung (53 Prozent), blieben ArbeiterInnen damit deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Dort wo die illegale sozialdemokratische und kommunistische Bewegung in Erscheinung trat, zeigte sich, dass sie noch \u00fcber breite Unterst\u00fctzung verf\u00fcgte: 1937 wurde eine an Schuschnigg gerichtete Denkschrift gegen Hitler von 100.000 ArbeiterInnen unterzeichnet. Politisch erwiesen sich diese Appelle der sozialdemokratischen und kommunistischen F\u00fchrer an den Austrofaschismus allerdings als v\u00f6llig sinnlos &#8211; sie wurden einfach ignoriert. Trotzdem setzte die illegale Sozialdemokratie und die KP\u00d6 noch w\u00e4hrend der M\u00e4rztage 1938 mit der &#8222;Floridsdorfer Vertrauensm\u00e4nnerkonferenz&#8220; auf einen gemeinsamen Widerstand gegen die Nazis mit den Vertretern des St\u00e4ndestaates. Doch dessen Repr\u00e4sentanten und F\u00f6rderer &#8211; vor allem wenn sie glaubten, nichts vom Nationalsozialismus bef\u00fcrchten zu haben &#8211; sahen sich bereits mit dem NS-Regime vers\u00f6hnt. Prominente F\u00fchrer des Heimatschutzes ver\u00f6ffentlichten am 8.3.1938 einen Aufruf in dem die &#8222;Zusammenfassung aller Kr\u00e4fte zum Kampf gegen die Weltgefahr des Bolschewismus&#8220; und die F\u00f6rderung jeder &#8222;Bestrebung zur Auss\u00f6hnung mit dem nationalen Lager&#8220; begr\u00fc\u00dft und gefordert wurde. <br \/> <br style=\"font-weight: bold;\" \/> <span style=\"font-weight: bold;\">Wie h\u00e4tte das alles verhindert werden k\u00f6nnen? <\/span><\/p>\n<p>Der gemeinsame Feind aller faschistischen Bewegungen ist die ArbeiterInnenbewegung. Deren potentielle St\u00e4rke stand im \u00d6sterreich nach 1918 lange Zeit im dramatischen Gegensatz zur Schw\u00e4che der faschistischen Kr\u00e4fte, bzw. der gesamten herrschenden Klasse, die ihre Herrschaft zu keinem Zeitpunkt wirklich stabilisieren konnte. Selbst den raschen Einmarsch der Nazis 1938 f\u00fchrte der Zeitzeuge Georg Scheuer zu einem wesentlichen Teil auf die Gefahr einer schnellen &#8222;Wiederbelebung der Arbeiterbewegung&#8220; zur\u00fcck. Von den wichtigsten Teilen der \u00f6sterreichischen Eliten wurde der &#8222;Anschluss&#8220; begr\u00fc\u00dft, oder zumindest als notwendiges \u00dcbel hingenommen. Erst durch den Nationalsozialismus schien die rote Gefahr f\u00fcr die Bourgeoisie endg\u00fcltig beseitigt zu sein &#8211; auch wenn es Zehntausenden J\u00fcdInnen, anderen \u201erassisch Minderwertigen\u201c und politisch Andersdenkenden das Leben kosten sollte. Doch erst die Niederlagen der ArbeiterInnenbewegung hatten diese Entwicklung erm\u00f6glicht. Wie kam es dazu? Zu keinem Zeitpunkt waren vor allem die F\u00fchrerInnen SDAP bereit, der Gefahr von Rechts konsequent zu begegnen und die gesamte St\u00e4rke der Bewegung auszuspielen. Denn das h\u00e4tte unmittelbar den Kapitalismus in Frage gestellt &#8211; und die sozialistische Revolution wollte die Sozialdemokratie nicht. 1918\/19 wurde von ihr der Sturz des Kapitalismus verhindert, in der Folge f\u00fchrte das Zur\u00fcckweichen vor dem Faschismus zu einer ganzen Serie von Niederlagen. Im Widerstand wurde diese defensive Haltung &#8211; trotz vieler heldenhafter Aktionen &#8211; weitergef\u00fchrt: Auch die Hoffnung auf Schuschnigg verhinderte 1938 ein letztes Losschlagen gegen den drohenden &#8222;Anschluss&#8220;. Auch wenn es nachtr\u00e4glich keinerlei Garantie gibt, dass eine Massenbewegung von links im M\u00e4rz 1938 Hitler letztlich verhindern h\u00e4tte k\u00f6nnen &#8211; die Voraussetzungen f\u00fcr die schnelle und umfassende Errichtung des NS-Terrorregimes h\u00e4tten sich wesentlich verschlechtert. Berichte von den letzten Tagen vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht zeichnen jedenfalls keineswegs das Bild einer umfassenden &#8222;nationalsozialistischen Volkserhebung&#8220;. Vielmehr kam es noch Stunden vor dem Anschluss auch zur Vertreibung brauner Horden aus den ArbeiterInnenvierteln!<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Und heute? <\/span><\/p>\n<p>Wenn heute noch ein Dollfu\u00df Bild im \u00d6VP-Parlamentsklub h\u00e4ngt , droht morgen zwar nicht der Faschismus. Dieses Symbol steht allerdings daf\u00fcr, dass die Bourgeoisie letztlich zu allem bereit ist, um ihre Macht zu erhalten. 70 Jahre nach dem Februar 1934 tritt der Zusammenhang zwischen Sozialabbau und autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen deutlich wieder hervor. Das Erbe der Februark\u00e4mpferInnen hochzuhalten, hei\u00dft heute, aus ihren Erfahrungen zu lernen und rechtzeitig gegen Kapitalismus und f\u00fcr eine sozialistische Alternative aktiv zu werden.<br \/> <br style=\"font-style: italic;\" \/> <span style=\"font-style: italic;\">von Laura Raffetseder und John Evers<\/span><br style=\"font-style: italic;\" \/> <span style=\"font-style: italic;\">aus dem Vorw\u00e4rts (Schwesterzeitung der Solidarit\u00e4t)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>70 Jahre nach der Machtergreifung des Faschismus in &Ouml;sterreich<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10787"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10787"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10787\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10787"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10787"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10787"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}