{"id":10783,"date":"2004-02-19T08:52:11","date_gmt":"2004-02-19T08:52:11","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10783"},"modified":"2012-06-24T14:41:24","modified_gmt":"2012-06-24T12:41:24","slug":"10783","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/02\/10783\/","title":{"rendered":"Abziehbilder von der Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Ein R\u00fcckblick auf die 54. Berlinale<!--more--><br \/> \u00a0<br \/> Waren die Berliner Filmfestspiele in den ersten Jahren des neuen Jahrzehnts gegen\u00fcber der Dominanz l\u00e4rmender und l\u00e4hmender Gro\u00dfproduktionen der neunziger Jahre ermutigend, so war die diesj\u00e4hrige Berlinale ziemlich ern\u00fcchternd. Zwar setzte sich ein Trend fort: Mehr und mehr werden reale gesellschaftliche und zwischenmenschliche Konflikte und Krisen in Szene gesetzt. Allerdings sind die Bilder, die auf der Leinwand erzeugt werden, nicht viel mehr als Abziehbilder der Wirklichkeit. Armut, Arbeitslosigkeit, Krieg, Frauenunterdr\u00fcckung \u2013 das alles wird zwar dargestellt, jedoch nicht hinterfragt. Kaum neue Gedanken, kaum neue Erz\u00e4hlweisen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\"> Politischer als in der Vergangenheit <\/span><br style=\"font-weight: bold;\" \/> <br \/> Die 54. Berliner Filmfestspiele waren politischer als in der Vergangenheit. Zumindest verschlie\u00dft sich das Filmschaffen und das Festival immer weniger den aktuellen politischen Entwicklungen und Ereignissen. Im Vergleich zu den Vorjahren wurde auch Frauen (als Regisseurinnen und Schauspielerinnen) und dem Thema Frauenunterdr\u00fcckung mehr Raum gegeben; allerdings auch nur gemessen an den Vorjahren, nicht an dem, was eigentlich n\u00f6tig w\u00e4re. Ein Schwerpunkt bildeten au\u00dferdem die Schicksale von MigrantInnen, ImmigrantInnen und ImmigrantInnen der zweiten Generation. Das gilt ebenfalls f\u00fcr den Gewinner des Goldenen B\u00e4ren, Fatih Akins \u201eGegen die Wand\u201c.<\/p>\n<p>Unmittelbar vor Festivalbeginn wurden der Berlinale seitens der Konkurrenz von Cannes drei Filme weggeschnappt; die Druckmaschinen bei der Programmproduktion mussten sogar gestoppt werden: darunter ein Film \u00fcber Salvatore Allende und Walter Salles\u2018 Werk \u00fcber Che Guevara. Trotzdem waren die 54. Berliner Filmfestspiele ein Filmfest, das sich mit brennenden politischen Fragen auseinandersetzte. Unter den 23 Wettbewerbsbeitr\u00e4gen fanden sich mehrere Filme, die sich mit Flucht und Fl\u00fcchtlingselend (zum Beispiel &#8222;Beautiful Country\u201c) sowie mit Immigration und religi\u00f6sem Fundamentalismus (\u201eAe Fond Kiss\u201c) befassten. Gewalt gegen Frauen war das Thema von \u201eMonster\u201c, Prostitution von Kindern und Jugendlichen das Thema von \u201eSamaria\u201c. Kriegsfragen wurden nicht nur an Hand historischer Geschehnisse, sondern am Beispiel vom real vorherrschenden Kriegshorror ganz aktuell (\u201eMaria voll der Gnade\u201c) oder in j\u00fcngster Vergangenheit wie \u201eZeugen\u201c bez\u00fcglich Yugoslawien behandelt. W\u00e4hrend der ehemalige IG Medien-Vorsitzende Detlef Hentsche auf der Bundeskonferenz der Gewerkschaftslinken im Januar Skandinavien als angeblich noch bestehendes Modell eines Wohlfahrtsstaats anpreiste, wurde die tiefe soziale Krise im Wettbewerb gerade im Bezug auf D\u00e4nemark (\u201eIn deinen H\u00e4nden\u201c) und Schweden (\u201eMorgengrauen\u201c) angeprangert. <br \/> Nicht nur im Berlinale-Palast, sondern in einer Vielzahl von Produktionen in den diversen Kinos\u00e4len des Festivals wurden die Auswirkungen von Armut und Arbeitslosigkeit als Massenph\u00e4nomen aufgezeigt: Der Forum-Streifen \u201eDer wei\u00dfe Zug\u201c dokumentierte Menschen, die sich in Buenos Aires ihren k\u00e4rglichen Lebensunterhalt mit dem Aufsammeln von M\u00fcll f\u00fcr Recyclingfirmen verdienen. In der Reihe Perspektive Deutsches Kino zeigte die Filmstudentin Ulrike von Ribbeck am Beispiel von \u201eCharlotte\u201c, die ihr Hab und Gut in einem Bahnhofsschlie\u00dffach unterbringen muss, dass auch im drittreichsten Land der Welt inzwischen Hunderttausende, wie die Filmemacherin es nennt, \u201emit Hilfe ihres Dispokredits leben oder \u00fcberleben m\u00fcssen\u201c. <br \/> Zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid widmete die Berlinale S\u00fcdafrika einen Themenschwerpunkt. Im Panorama wurde eine neue Dokumentation \u00fcber Che, \u201eDie letzten Stunden\u201c, aufgef\u00fchrt. In einigen Filmen wurden Ausbeutung, Arbeitshetze und Arbeitsstress von Lohnabh\u00e4ngigen dargestellt, darunter der italienische Film \u201eMobbing\u201c, in dem eine Angestellte von ihrem Chef psychisch krank gemacht wird. \u201eThe Yes Man\u201c war ein Doku \u00fcber die Aktionen einer Gruppe, die eine Website eingerichtet hat, die einige f\u00fcr die offizielle Seite der Welthandelsorganisation WTO halten. Als WTO-Vertreter eingeladen, reisen die Yes Men an und halten Vortr\u00e4ge dar\u00fcber, wie man als Unternehmer mit seinen \u201eSklaven beziehungsweise Arbeitern\u201c in Kontakt bleiben kann. \u201eFreedom2speakV.2.0\u201c war eine Kurzfilm-Collage zum Irak-Krieg, \u201eGo Further\u201c eine Reportage vom Filmschauspieler Woody Harrelson und Freunden \u00fcber \u00d6kobauern an der nordamerikanischen Pazifikk\u00fcste, \u201eThe Graffiti Artist\u201c eine Darstellung von zwei Graffitik\u00fcnstlern und ihren Problemen im US-Bundesstaat Oregon, in dem Sprayer grunds\u00e4tzlich mit Gef\u00e4ngnis bestraft werden.<\/p>\n<p>Bedeuteten die neunziger Jahre im Kino \u00fcberwiegend einen R\u00fcckzug ins Private, setzte bereits in den letzten Jahren ein Wandel ein; heraus ragten dabei Filme wie \u201eBread and Roses\u201c, \u201eRessources Humaines\u201c und \u201e11. September\u201c (der in Europa bislang nur &#8211; kurz &#8211; in Deutschland und Frankreich zu sehen war, und in den USA bis heute keinen Verleih gefunden hat). Nachdem auf den Berliner Filmfestspielen 2002 Veranstaltungen zu den Ereignissen von Genua und 2003 zu den Massenprotesten in Argentinien durchgef\u00fchrt wurden, kn\u00fcpfte die j\u00fcngste Berlinale an diesem politischen Anspruch an. <br \/> Nach der Russischen Revolution argumentierten Lenin, Trotzki und Lunatscharski gegen die Idee einer proletarischen Kunst, da sich die Arbeiterklasse letztendlich nur durch ihre \u201eAufhebung\u201c verwirklichen kann. Was in ihren Augen dagegen m\u00f6glich war und von K\u00fcnstlerInnen angestrebt werden sollte, ist eine revolution\u00e4re Kunst. In \u201eLiteratur und Revolution\u201c konkretisiert Trotzki diesen Anspruch: \u201eeinerseits Werke, die thematisch und sujetm\u00e4\u00dfig die Revolution widerspiegeln; andererseits Werke, die thematisch mit der Revolution nicht verkn\u00fcpft, aber von ihr v\u00f6llig durchdrungen und von einem neuen, aus der Revolution hervorgegangenen Bewusstsein gef\u00e4rbt sind.\u201c Ausgehend davon sollte Kunst und Filmkunst heute die realen Klassenk\u00e4mpfe und Massenproteste behandeln beziehungsweise vor diesem Hintergrund existierende gesellschaftliche und pers\u00f6nliche Konflikte und Auseinandersetzungen wahr und wahrhaftig darstellen. Ersteres war auf dieser Berlinale kaum, zweites nur im Ansatz zu entdecken.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\"> \u00dcber ImmigrantInnen der zweiten Generation <\/span><br style=\"font-weight: bold;\" \/> <br \/> Neben \u201eMaria voll der Gnade\u201c geh\u00f6rten Ken Loachs \u201eAe Fond Kiss\u201c und Fatih Akins Preistr\u00e4gerfilm \u201eGegen die Wand\u201c zu den beeindruckendsten Filmen dieser Berlinale. Allesamt keine gro\u00dfen W\u00fcrfe, aber wertvolle Streifen, im Fall von Akin ein wuchtiges kleines Filmwerk. Noch etwas anderes haben diese drei Filme gemeinsam: Durch die Bank sind sie Filme \u00fcber Immigrantenschicksale, im Fall von Loach und Akin Filme \u00fcber die zweite Generation. Die Protagonisten bei Akin, Cahit (Birol \u00dcnel) und Sibel (Sibel Kekilli), haben t\u00fcrkische Eltern und deutsche P\u00e4sse, sind in der BRD geboren und sprechen besser deutsch als t\u00fcrkisch. Cahit und Sibel begegnen sich in der Psychatrie. Er hat gerade seinen Ford Granada gegen die Wand gefahren, weil er des Lebens \u00fcberdr\u00fcssig ist; sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil sie sich bei ihren reaktion\u00e4ren Familienwerten verhafteten Eltern lebendig begraben f\u00fchlt. Um dem zu Entkommen bringt Sibel Cahit dazu, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Das geht so lange gut, bis sich die beiden in einander verlieben und Cahit einen ihrer Lover aus Eifersucht und Eigentumsdenken heraus erschl\u00e4gt. Er geht in den Knast, sie &#8211; von ihrem Vater versto\u00dfen &#8211; nach Istanbul. Dort sehen sie sich nach f\u00fcnf Jahren wieder. <br \/> \u201eGegen die Wand\u201c ist Fatih Akins vierter Film f\u00fcr das gro\u00dfe Kino. Der in Hamburg als Sohn t\u00fcrkischer Eltern 1973 geborene Regisseur erkl\u00e4rte auf der Pressekonferenz der Berlinale: \u201eDieser Film war lange in mir drin. Ich musste ihn mir ausdr\u00fccken wie einen Pickel.\u201c Auf die Frage einer Journalistin, warum er sich in seinen Filmen immer nur mit \u201eGastarbeitern\u201c befasse, fuhr Akin aus der Haut: \u201eDas Wort \u201eGastarbeiter\u201c existiert in meinem Wortschatz nicht. Diese chauvinistische Frage geh\u00f6rt f\u00fcr mich ins letzte Jahrtausend.\u201c <br \/> Die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli stand f\u00fcr \u201eGegen die Wand\u201c zum ersten Mal f\u00fcr eine gro\u00dfe Spielfilmproduktion vor der Kamera. Entdeckt wurde sie als eine von 350 Kandidatinnen beim Street Casting in der K\u00f6lner Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Gearbeitet hatte sie bis dahin als Verwaltungsangestellte im Heilbronner Rathaus. Um ihr die Dreharbeiten zu erleichtern und weil finanziell machbar, ging Akin dieses Mal beim Drehen chronologisch vor, machte Szene f\u00fcr Szene &#8211; was heute sehr un\u00fcblich ist. Dieses Vorgehen harmoniert mit Akins Entwicklung von Handlung und Charakteren. Anstelle eines fertigen Textes \u201eentwickel ich die Dramaturgie an Hand der Figuren. Ich lass mich da auch von den Schauspielern beeinflussen. Man hat es ja mit Menschen zu tun; das sind doch keine Puppen.\u201c <br \/> \u201eGegen die Wand\u201c zerf\u00e4llt in zwei Teile. Fatih Akin will zuviel, wendet dem ersten Teil seiner Geschichte, die als Film gereicht h\u00e4tte &#8211; bis zu Todschlag, Festnahme Cahits und Flucht Sibels &#8211; nicht genug Aufmerksamkeit zu. Akin kann sich von keiner Szene trennen, keine k\u00fcrzen. Handlungsabfolge und Bilderrhythmus klaffen auseinander. Aber was soll\u2018s? Wird das doch durch die Spannung des dargestellten Konflikts, durch die Authentizit\u00e4t und Lebendigkeit, mit der das Filmteam das Thema aufgreift, mehr als aufgewogen. <br \/> Als N\u00e4chstes plant Akin neben anderen Projekten eine Dokumentation \u00fcber das Aufeinandertreffen und das gegenseitige Durchdringen westlicher und \u00f6stlicher Musik, zum Beispiel \u00fcber den Hip-Hop, der nicht von den USA aus, sondern von Deutschland aus allm\u00e4hlich in der T\u00fcrkei Einzug erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ken Loachs neuer Film \u201eAe Fond Kiss\u201c (sinngem\u00e4\u00df \u201eEin inniger Kuss\u201c, nach einem Gedicht von Robert Burns) ist der dritte Film des 67 Jahre alten Filmemachers, der nach \u201eMy Name is Joe\u201c und \u201eSweet Sixteen\u201c im schottischen Glasgow angesiedelt ist. Erz\u00e4hlt wird die Liebesgeschichte zwischen der irischen Musiklehrerin Roisin (Eva Birthistle) und Casim, pakistanischer Immigrantensohn und Bangra-DJ, der von seinen Eltern einer Cousine versprochen wurde, die er in neun Wochen heiraten soll. Im Garten von Casims Eltern werden schon die Blumenbeete zuplaniert, um einen Anbau mit Schlaf- und Kinderzimmer draufzupflanzen. Verkn\u00fcpft wird der Streit mit Casims Betonk\u00f6pfen von Eltern mit der K\u00fcndigung Roisins als Lehrerin, die sie der katholischen Kirche beziehungsweise einem Priester in ihrer Gemeinde zu verdanken hat. &#8222;Wir leben doch nicht im Mittelalter&#8220;, bl\u00f6kt der Priester, meint damit, dass Roisin die vor etlichen Jahren geschlossene Ehe nicht aufrechterhalten muss, und fordert gleichzeitig von ihr, eine feste Ehebeziehung auf Basis des katholischen Glaubens einzugehen. Dies ist die Schl\u00fcsselszene des Films. Bewusst stellen Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty die Konflikte Casims mit der muslimischen Gemeinschaft der Rolle des kirchlichen Katholizismus gegen\u00fcber und appellieren daran, die Religion zur Privatsache von jedem Einzelnen zu machen. Die st\u00e4rkste Szene des Films ist mit dem Vorspann verquickt: Casims Schwester h\u00e4lt in ihrer Schulklasse ein flammendes Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, die Realit\u00e4ten einer multiethnischen Gemeinschaft zu akzeptieren. W\u00e4hrend ihrer Rede zeigt sie die verschiedenen &#8222;Schichten&#8220; an ihr, &#8222;entsch\u00e4lt&#8220; sich, in dem sie erkl\u00e4rt, dass eine Milliarde Menschen islamischen Glaubens nicht \u00fcber einen Kamm zu scheren sind und sie beispielsweise eine Muslimin mit schottischem Akzent und Sympathien f\u00fcr die Glasgow Rangers ist (deren Trikot sie dabei unter ihrem Pulli zum Vorschein kommen l\u00e4sst). Es ist ein Film \u00fcber Globalisierung, ein Film dar\u00fcber, wie \u00e4hnlich es einem pakistanischen Schotten in Glasgow und zum Beispiel einem t\u00fcrkischen Deutschen in Hamburg ergeht. Der Darsteller von Casim, Atta Yaqub, meint auf der Pressekonferenz, dass &#8222;die Generation meiner Eltern erst langsam zu begreifen beginnt, dass sich etwas \u00e4ndert.&#8220; <br \/> Fatih Akin hat mit &#8222;Gegen die Wand&#8220; zum ersten Mal einen Film chronologisch erz\u00e4hlt, bei Ken Loach ist dieses Vorgehen \u00fcblich. Dabei geht Loach, der zum vierten Mal mit einem Film auf der Berlinale vertreten ist, weiter: So l\u00e4sst er seine Akteure nur die Fortsetzung der Handlung f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Drehtage wissen und setzt mit diesem Verfahren darauf, Selbstzweifel und Zukunftssorgen seiner Protagonisten plausibler und intensiver auf die Leinwand zu bannen. Das gelingt ihm auch mit seinem neuen Film, obgleich &#8222;Ae Fond Kiss&#8220; nicht die Dichte von &#8222;Navigators&#8220; oder die politische Kraft von &#8222;Bread and Roses&#8220; hat, wenn man bei seinen Filmen der letzten Jahre bleibt. <br \/> Den Schlussteil der Pressekonferenz nutzte Ken Loach, politische Realit\u00e4ten in den Vordergrund zu r\u00fccken. Nicht &#8222;Ae Fond Kiss&#8220; sollte weiter Thema sein, sondern das Schicksal einer kurdischen Mutter und ihrer vier Kinder, die er bei seinen Arbeiten in Glasgow kennengelernt hat und die, aus Schottland ausgewiesen, in diesen Tagen in K\u00f6ln von Abschiebung bedroht sind. Loach schilderte den Fall und appellierte an die Medienvertreter, die \u00d6ffentlichkeit davon zu unterrichten: &#8222;Erz\u00e4hlen sie der Welt diese Geschichte.&#8220;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Soziale Krisen behandelt <\/span><\/p>\n<p>\u201eKosslick hatte diese Berlinale den so genannten kleinen Filmen gewidmet, die nicht nur in seinem Verst\u00e4ndnis gro\u00dfe sind&#8220;, so Anke Westphal in der Berliner Zeitung vom 14. Februar. &#8222;Die Entscheidung war clever, weil sie zum einen vom Konkurrenzfestival Cannes ablenkte (&#8230;). Die Berlinale m\u00f6chte sich lieber an Filmfestivals wie denen von Sundance oder Toronto orientieren, die sich am Independent-Film auszurichten versuchen. Geschickt war diese Akzentverlagerung zum kleinen Film auch, weil sie sich zum anderen einer tats\u00e4chlichen Entwicklung der Kinematografie verdankte: \u00dcberall in der Welt feiern derzeit mit wenig Aufwand inszenierte Filme, die eine der Wirklichkeit verhaftete Geschichte erz\u00e4hlen, den gr\u00f6\u00dferen Erfolg. Denn das Publikum ist der teuren und oft \u00e4hnlich aufgezogenen Blockbuster, der Sensationen m\u00fcde geworden.\u201c <br \/> In der Tat wurden auf dieser Berlinale eine ganze Reihe von politischen Filmen, die ohne einem gro\u00dfen Etat hergestellt wurden, im Wettbewerb gezeigt. Die meisten haben aber nur wenig aus ihrem brisanten Thema gemacht und sind nicht sehr aufregend erz\u00e4hlt. Eine positive Ausnahme stellt &#8222;Maria voll der Gnade&#8220; dar, der den Alfred-Bauer-Preis erhielt; ein Preis, der an Werke vergeben werden soll, die neue Perspektiven der Filmkunst er\u00f6ffnen. Die Nachwuchsschauspielerin Catalina Sandino Moreno, die sich mit Charlize Theron (&#8222;Monster&#8220;) den Silbernen B\u00e4ren f\u00fcr die beste Darstellerin teilte, spielt die in Kolumbien ans\u00e4ssige junge Arbeiterin Maria. Nachdem sie ihren Job in einer Blumenfabrik in der N\u00e4he von Bogota hinschmei\u00dft, (vom Aufseher schikaniert, weil sie wegen ihrer Schwangerschaft immer h\u00e4ufiger auf Toilette muss), sich von ihrem Freund trennt und keinen Nerv mehr auf die vielen Familienangeh\u00f6rigen in einer viel zu kleinen Wohnung hat, l\u00e4sst sich Maria auf einen Drogenring ein. F\u00fcr 5.000 Dollar schluckt sie 62 in Latex verpackte Heroinb\u00e4llchen und bringt den Stoff auf diesem Weg im Flugzeug \u00fcber die US-amerikanische Grenze nach New York. Einer Freundin von ihr platzt ein P\u00e4ckchen im Magen auf und kommt auf diese Weise ums Leben. <br \/> Der junge US-Filmemacher Joshua Marston lie\u00df sich auf monatelange akribische Recherchen und Beobachtungen ein. Die weitgehend aus Laien bestehende kolumbianische Gemeinschaft, zu der Moreno als Maria geh\u00f6rt, musste in Ecuador drehen, da ihnen die Arbeiten in Kolumbien selbst untersagt wurden. Ebenso glaubw\u00fcrdig, ebenfalls zum Teil aus Laien bestehend, die sich selbst spielen, setzt Marston das Leben in den lateinamerikanischen Stadtteilen von Queens in New York in Szene. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr Immigration sind l\u00e4ngst bekannt. Der Film zeigt eigentlich nichts Neues. Doch es gelingt ihm anschaulich, eine Vorstellung davon zu geben, was Menschen in andere L\u00e4nder, in andere Kontinente verschl\u00e4gt. Das mag nicht viel sein, so eindringlich und konsequent dargestellt wie in &#8222;Maria voll der Gnade&#8220; hinterl\u00e4sst es jedoch einen tiefen Eindruck. Vor allem zeigt Moreno eine Arbeiterin, die nicht viele M\u00f6glichkeiten hat, aber dennoch gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen &#8211; und das beste daraus machen will. Sie fragt sich, ob sie jahrelang Rosen entbl\u00e4ttern und entdornen soll &#8211; f\u00fcr andere, ob sie bei ihrem Freund bleiben will, oder versuchen m\u00f6chte, h\u00f6her hinauszukommen (zu Beginn des Films fordert sie ihren Freund auf, gemeinsam mit ihr auf ein Hausdach zu klettern &#8211; w\u00e4hrend dieser m\u00fcde abwinkt, nimmt sie allen Mut zusammen, diese Herausforderung zu bew\u00e4ltigen, die sie sich selber gesetzt hat, so wie sie sich immer neuen Herausforderungen stellen will&#8230;).<\/p>\n<p>In der d\u00e4nischen Produktion von Annette K. Olesen, &#8222;In deinen H\u00e4nden&#8220;, mimt Ann Eleonora J\u00f6rgensen (bekannt aus &#8222;Italienisch f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220;) eine junge, unerfahrene Gef\u00e4ngnispastorin, die f\u00fcr andere da sein soll, anderen helfen will, aber selber Hilfe und Unterst\u00fctzung braucht. &#8222;Kommt zu mir, wenn ihr etwas auf dem Herzen habt&#8220; &#8211; dabei ist sie \u00fcberfordert mit den Problemen und Belastungen der weiblichen H\u00e4ftlinge. Ihre Schwangerschaft und die Nachricht, ein cromosomenbesch\u00e4digtes Embryo im Leib zu tragen, wirft sie v\u00f6llig aus der Bahn. Christina Tilmann schreibt im Tagesspiegel vom 9. Februar: &#8222;Die Themenwahl bietet so ziemlich alles, was sich an Tristesse finden l\u00e4sst: Krankenh\u00e4user. Gef\u00e4ngnisse. Drogenentzug. Mobbing. Abtreibungen. Kindmord durch Vernachl\u00e4ssigung. Das freundliche D\u00e4nemark: ein schrecklicher Ort.&#8220; Die Regisseurin Olesen, die vor zwei Jahren mit &#8222;Kleine Missgeschicke&#8220; auf der Berlinale vertreten war, zeigt einen Dogma-Film: Weder Kunstlicht noch Filmmusik, stattdessen Naturlicht, Handkamera und ungeschminkte Gesichter. Und ungeschminkte Figuren und Verhaltensweisen. Am Beginn des Films putzt ein H\u00e4ftling das Kruzifix und geht wenig zimperlich vor. Ausgiebig wischt sie an dem guten St\u00fcck in der Kirche herum, wie man eben an einem St\u00fcck Holz herumwischt, an dem sich viel Staub angesammelt hat. In diesem Film ist viel von Schuld und S\u00fchne, von Katharsis und von Wundern die Rede. Aber bei Olesen sind &#8222;Wunder&#8220;, wie ein abgebr\u00fchter Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter lakonisch feststellt, &#8222;nur die Psychosen von Drogenabh\u00e4ngigen.&#8220; Olesen zeigt eine Welt ohne Glauben und ohne Gott, eine Welt, die unerbittlich die Kamera drauf h\u00e4lt auf die sozialen und privaten Krisen und Probleme. <br \/> Anfang der drei\u00dfiger Jahre verfasste Trotzki eine Rezension von Celines &#8222;Reise ans Ende der Nacht&#8220; (ein Buch \u00fcber einen zum Teil autobiografischen Helden, der Krieg, Kolonialleben, Flie\u00dfbandarbeit und soziales Elend anprangert). Trotzki unterstrich, welchen &#8222;neuen Schauder&#8220; es in die franz\u00f6sische Literatur hineinbringt. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass Entsetzen vor dem Leben diesen &#8222;Roman des Pessimismus&#8220; diktiert haben. Dann prophezeite er: &#8222;Entweder wird sich der K\u00fcnstler an die Dunkelheit gew\u00f6hnen oder er wird die Morgenr\u00f6te erblicken.&#8220; Auch wenn Olesen nicht mit Celine zu vergleichen ist, und sie nicht den gleichen Weg gehen wird (Celine wendete sich im Lauf der drei\u00dfiger Jahre dem Faschismus zu), gilt auch f\u00fcr Olesen und andere Filmschaffende: Entweder sie beginnen, Fragen nach Alternativen, nach einem Ausweg aufzuwerfen, oder sie werden auf der Stelle treten, und sich und den Zuschauer nicht weiter bringen. <br \/> Sehenswert ist &#8222;In deinen H\u00e4nden&#8220; nichtsdestotrotz allein auf Grund der \u00fcberragenden Schauspielerleistungen, darunter \u00fcberwiegend der Leistung von Schauspielerinnen, haben M\u00e4nner in diesem Film fast nur kleinere Rollen. Neben Ann Eleonora J\u00f6rgensen als Seelsorgerin die Gefangenen Trine Dyrholm und Sonja Richter, die bereits in &#8222;Open Hearts&#8220; brillierte.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\"> &#8222;Frauen-Festival&#8220;? <\/span><\/p>\n<p>Jan Schulz-Ojala erkl\u00e4rte im Tagesspiegel: &#8222;Diese Berlinale geh\u00f6rt den Frauen&#8220; (10. Februar). Vier der 23 Wettbewerbsbeitr\u00e4ge wurden von weiblichen Regisseuren gedreht. Das sind weniger als ein F\u00fcnftel, dennoch mehr als in den meisten Vorjahren. In der Jury, unter Leitung der Schauspielerin Frances McDormand, (die f\u00fcr &#8222;Fargo&#8220; den Oscar bekam), waren Frauen in der \u00dcberzahl (vier von sieben Jury-Mitglieder waren weiblich). <br \/> Sage und schreibe erst zum dritten Mal wurde in diesem Jahr eine Filmemacherin f\u00fcr den Oscar nominiert: Nach Lina Wertm\u00fcller 1976 und Jane Campion 1993 f\u00fcr das Jahr 2004 Sofia Coppola und ihre Arbeit &#8222;Lost in Translation&#8220;. W\u00e4hrend sich heute neben Coppola oder den bereits erw\u00e4hnten d\u00e4nischen Regisseurinnen Annete K. Olesen und Lone Scherfig eine ganze Reihe von Frauen hinter der Kamera einen Platz in der Filmbranche erk\u00e4mpfen konnten, (darunter die 24 Jahre alte Samira Makhmalbaf, die auch zur Jury geh\u00f6rte und sich mit Filmen wie &#8222;Die \u00c4pfel&#8220; und &#8222;Die schwarzen Tafeln&#8220; einen Namen machte,) war jemand wie Agnes Varda (&#8222;Mittwochs zwischen f\u00fcnf und sieben&#8220;, &#8222;Vogelfrei&#8220;) jahrzehntelang fast allein auf weiter Spur. Allerdings vollzog sich keine geradlinige Entwicklung. <br \/> Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre &#8211; auf Grundlage der 68er-Bewegung, der politischen Radikalisierung von Jugendlichen und gr\u00f6\u00dferen Schichten der Arbeiterklasse und einem Aufschwung der Klassenk\u00e4mpfe international &#8211; gewann die Kritik an Sexismus und Chauvinismus an Unterst\u00fctzung, waren Frauen in Filmen wie dem New Hollywood, dem auf dieser Berlinale die Retrospektive gewidmet war, mehr als ein Anh\u00e4ngsel m\u00e4nnlicher Helden und mischten sich Frauen in der Filmszene viel st\u00e4rker als zuvor ein (in der diesj\u00e4hrigen Retro wurde zum Beispiel &#8222;Harlan County USA&#8220; \u00fcber den 13-monatigen Bergarbeiterkampf in Kentucky gezeigt, den Barbara Kopple drehte). Mit den R\u00fcckschl\u00e4gen in der Bewegung und der St\u00e4rkung reaktion\u00e4rer Kr\u00e4fte in den achtziger und neunziger Jahren wendete sich das Blatt allerdings wieder. In den letzten Jahren war das Bild widerspr\u00fcchlich: Auf der einen Seite waren weiterhin mehr Frauen in einflussreichen Positionen, auf der anderen Seite nahm eine frauenfeindliche oder frauenverachtende Darstellung im Kino wieder zu.<\/p>\n<p>Auf dieser Berlinale waren zwei der thematisch und k\u00fcnstlerisch aufw\u00fchlendsten Wettbewerbsfilme Beitr\u00e4ge von Filmemacherinnen: Patty Jenkins\u2018 Erstling &#8222;Monster&#8220; und Annette K. Olesen\u2018s &#8222;In deinen H\u00e4nden&#8220;. Die drei \u00fcberzeugendsten Werke des Wettbewerbs taten sich auch auf Grund ihrer Hauptdarstellerinnen hervor, die allesamt zum ersten Mal in einer gr\u00f6\u00dferen Rolle zu sehen waren: Catalina Sandino Moreno (&#8222;Maria voll der Gnade&#8220;), Eva Birthistle (&#8222;Ae Fond Kiss&#8220;) und Sibel Kekilli (&#8222;Gegen die Wand&#8220;). Auch in der anderen Reihen hatten Filme von Frauen und Filme \u00fcber Frauenunterdr\u00fcckung einen h\u00f6heren Stellenwert als fr\u00fcher. Im Forum unter anderem &#8222;Auswege&#8220; der \u00f6sterreichischen Regisseurin Nina Kusturica \u00fcber drei Frauen unterschiedlichen Alters, die alle mit h\u00e4uslicher Gewalt konfrontiert sind oder Gonzalo Justinianos &#8222;B-Happy&#8220; \u00fcber den Leidensweg einer 14-j\u00e4hrigen Chilenin zwischen Armut und Prostituition.<\/p>\n<p>&#8222;Monster&#8220; ist ein auf Tatsachen beruhendes Drama \u00fcber Aileen, die seit ihrem achten Lebensjahr mehrmals vergewaltigt wurde und mit 13 auf den Strich ging. Eine Frau, die in der Gosse gro\u00df geworden ist und wei\u00df, was es hei\u00dft, &#8222;nigger of the world&#8220; zu sein. Sieben M\u00e4nner t\u00f6tete Aileen, sa\u00df zw\u00f6lf Jahre in der Todeszelle und wurde 2002 hingerichtet. Charlize Theron schl\u00fcpft eindrucksvoll in diese Rolle, hat dem &#8222;Method Acting&#8220; gem\u00e4\u00dfe Anstrengungen unternommen, sich etliche Kilo angefressen und sich nahezu unkenntlich schminken lassen. Charlize Theron erlebte in ihrer Jugend selber, wie ihre Mutter den gewaltt\u00e4tigen Vater in Notwehr erschoss. Seit geraumer Zeit engagiert sie sich in ihrem Herkunftsland S\u00fcdafrika f\u00fcr Vergewaltigungsopfer. <br \/> Patty Jenkins gelingt es, die Geschichte nicht rei\u00dferisch zu erz\u00e4hlen. Allerdings setzt sie doch zu h\u00e4ufig auf Effekte, l\u00e4sst Musik krachen, l\u00e4sst Bilder reinknallen und vertraut nicht genug auf die Aussagekraft der Geschichte an sich. Fraglich ist au\u00dferdem, ob die allt\u00e4gliche Gewalt gegen Frauen gerade an Hand des Schicksals von Aileen dargestellt werden sollte. Auch wenn die Handlung weitgehend der Wahrheit entsprecht, lenkt der Verlauf der Geschichte ein St\u00fcck weit von der Tatsache ab, dass Tag f\u00fcr Tag Frauen in verschiedensten Formen m\u00e4nnlicher Gewalt ausgesetzt sind. <br \/> Dennoch bem\u00fchte sich Patty Jenkins, einen glaubw\u00fcrdigen Film zu machen. &#8222;Wir haben alles recherchiert. In ihren Briefen, die sie in den zw\u00f6lf Jahren aus der Todeszelle geschrieben hatte, standen viele Informationen \u00fcber sie: Wie ungl\u00fccklich sie mit ihren Haaren war, wie sehr ihr der Dreck als Obdachlose zu schaffen machte, wie sie sich gegen \u00dcbergriffe r\u00fcstete. Aus den Briefen erfuhren wir nicht nur alles \u00fcber die Beschaffenheit der \u00c4ngste, sondern auch \u00fcber die ihrer Haut, die vom Job am Stra\u00dfenrand und der st\u00e4ndigen Sonneneinstrahlung ziemlich angegriffen war. Die Transformation von Charlize zu Aileen war nicht das Ergebnis eines gestischen Trainings. Sie geschah von ganz allein in der Auseinandersetzung mit Aileens Leben&#8220;, erkl\u00e4rte Jenkins im taz-Interview vom 11. Februar. Zu den Mitteln der filmischen Umsetzung sagte sie: &#8222;Wenig Fahrten, keine Tricks und vor allem keine Handkamera. Handkamera ist ein ungeheuer popul\u00e4res Mittel geworden. Es soll besonders nah und authentisch wirken. Aber es suggeriert auch, dass eine dritte Person st\u00e4ndig vor Ort und mitten im Geschehen ist. Eine sehr private Pr\u00e4senz also. Das finde ich v\u00f6llig falsch.&#8220; Allerdings scheint Patty Jenkins ihrer Intention, die Ereignisse unaufdringlich zu schildern, nicht g\u00e4nzlich zu vertrauen, greift sie doch mehrfach auf konventionelle, vordergr\u00fcndig Wirkung heischende Stilmittel zur\u00fcck.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Altes Hollywood <\/span><br style=\"font-weight: bold;\" \/> <br \/> Wenn im Programm etwas aus dem Rahmen viel, dann &#8211; neben dem uns\u00e4glichen &#8222;Country Of My Skull&#8220; \u00fcber das Ende der Apartheid in S\u00fcdafrika \u2013 zwei US-Western, die im Wettbewerb gezeigt wurden: &#8222;The Missing&#8220; von Ron Howard und &#8222;Cold Mountain&#8220; von Anthony Minghella. Zum einen gibt das ein Zeugnis der geistigen Armut im heutigen Hollywood, in dem mangels neuer Ideen und Einf\u00e4lle klassische Genres hervorgekramt werden (nach den Sandalenfilmen wie &#8222;Der Gladiator&#8220;, den Piratenstreifen wie &#8222;Fluch der Karibik&#8220; oder Musicals wie &#8222;Chicago und &#8222;Moulin Rouge&#8220;). Zum anderen soll mit dieser Themenwahl nicht nur vor der Wirklichkeit haarscharf rechts abgebogen werden, sondern ganz bewusst gerade dem Western neues Leben eingehaucht werden, um mit Hilfe des ureigensten Genres des US-Kinos der Patriotismuswelle nach dem 11. September neue Nahrung zu geben. Nicht weniger als zehn Western-Gro\u00dfproduktionen wurden an der US-Westk\u00fcste nach dem Anschlag auf das World Trade Center in Auftrag gegeben.<\/p>\n<p>Dass Kino immer zu politischen Zwecken gebraucht und missbraucht wird, dokumentierte auch eine weitere Reihe auf dieser Berlinale. Unter dem Motto &#8222;Selling Democracy \u2013 Welcome Mr. Marshall&#8220; wurden einige der 200 zwischen 1947 und 1952 auf Wunsch der US-Regierung produzierten Streifen im Rahmen des Marshall-Plans gezeigt, die der Indoktrination als Teil der Stabilisierung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse in Westdeutschland und Westeuropa dienen sollten. In der Regel zwischen sieben und 40 Minuten lang wurden sie im Vorprogramm regul\u00e4rer Kinovorstellungen oder in Schulen aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein aktuelles Dokument f\u00fcr die Verwertung von Bildern f\u00fcr die Interessen der Herrschenden war der Berlinale-Film &#8222;Control Room&#8220;. Frisch aus Sundance, dem dortigen Filmfestival, ist das der erste Film \u00fcber den Irak-Krieg, der aufzeigt, in welchem Ma\u00df dieser Krieg ein Propagandakrieg war. Gedreht wurde sowohl in dem US-Pressezentrum als auch in den Studios des arabischen Senders Al Dschasira.&#8220;Control Room&#8220; f\u00e4ngt unter anderem Bilder davon ein, wie innerhalb von 24 Stunden drei Journalisten von US-Truppen get\u00f6tet wurden, darunter auch ein Mann von Al Dschasira.<br \/> W\u00e4hrend in bestimmten Filmen eigentlich b\u00fcrgerliche Politiker Regie f\u00fchren, sollen andere Filme verboten werden oder zumindest in der Versenkung verschwinden, in denen genau diese Verh\u00e4ltnisse angeprangert werden. So waren auf der Berlinale auch Filme aus Indien zu sehen, die erst k\u00fcrzlich in Mumbai aus dem dortigen Festivalprogramm geflogen waren; zum Beispiel &#8222;Final Solution&#8220;, eine Dokumentation \u00fcber die Pogrome und Massaker, die rechtsgerichtete Hindus an Moslems im Land ver\u00fcben, oder &#8222;Let The Wind Blow&#8220;, ein Portr\u00e4t \u00fcber Jugendliche, die sich der realen, allt\u00e4glichen Bedrohung durch den Konflikt der Atomm\u00e4chte Indien und Pakistan ausgesetzt sehen.<\/p>\n<p>Im Forum wurde auch ein Film \u00fcber den heute 82-j\u00e4hrigen Amos Vogel aufgef\u00fchrt, dem Gr\u00fcnder des New Yorker Filmfestivals und des kritischen Filmclubs Cinema 16: &#8222;Film As A Subversive Art: Amos Vogel And Cinema 16&#8220;. Amos Vogel ist auch ein Apologet des Off-Kinos und des Independent-Films in den USA, von denen einige in der Retrospektive &#8222;New Hollywood 1967-1976: Trouble in Wonderland&#8220; gezeigt wurden. Wie erfrischend waren Filme wie &#8222;Badlands&#8220;, &#8222;Nashville&#8220;, &#8222;Frau unter Einfluss&#8220;oder &#8222;Sweet Sweetback\u2018s Baadasssss Song&#8220;, die zum Zeitpunkt der Massenproteste gegen den Vietnamkrieg, zur Zeit des Watergate-Skandals und der Black-Panther-Bewegung entstanden. Filme, die diese K\u00e4mpfe und Konflikte auf die Leinwand brachten, die das b\u00fcrgerliche Establishment angriffen, die das klassische Genrekino in Frage stellten und demontierten und Frauen eine eigene, starke Pers\u00f6nlichkeit zustanden.<\/p>\n<p>Im Katalog zur Retrospektive schrieb die Autorin Elisabeth Bronfen am Beispiel &#8222;Bonnie und Clyde&#8220;, dass &#8222;das neue Hollywood auch im R\u00fcckgriff auf vertraute Stories&#8220; entstand: &#8222;Anders erz\u00e4hlt, dem Zeitgeist angepasst, mit Blick auf das, was die Zensur der Studios verboten hatte. Deshalb versteht man Arthur Penns &#8222;Bonnie und Clyde&#8220; gerne als Anfang. Die legend\u00e4re Geschichte zweier junger Bankr\u00e4uber aus der Zeit der Depression inszenierte er als Parabel romantischer Revolution\u00e4re, die jenes System angriffen, das den Vietnamkrieg, die politische Korruption Washingtons sowie die Verschr\u00e4nkung von Gesch\u00e4ft und Verbrechen verschuldet hatte.<\/p>\n<p>Zudem \u00fcbersetzte Penn das Genre des Gangsterfilms in eine zeitgem\u00e4\u00dfere Form. Sein Film setzt mit dem sehns\u00fcchtig erotischen Blick Faye Dunaways ein, die vom Ausbruch aus der Kleinstadt tr\u00e4umt. Ihre Bonnie ist nicht wie die klassische femme fatale als Erg\u00e4nzung zum Helden konzipiert, sondern als eigenst\u00e4ndig Handelnde. Au\u00dferdem werden die realen Auswirkungen von Schie\u00dfereien ins Blickfeld ger\u00fcckt \u2013 f\u00fcr ein Publikum, das sich im wirklichen Leben mit mehr und mehr Polizeigewalt gegen Demonstranten konfrontiert sah: In der Schlussszene von &#8222;Bonnie und Clyde&#8220; werden die beiden Bankr\u00e4uber heimt\u00fcckisch von der Polizei hingerichtet.&#8220;<\/p>\n<p>Das New Hollywood zeichnete sich aber durch tiefe Zweifel in die politische Zukunft und in die M\u00f6glichkeiten auf Ver\u00e4nderung aus, es war von einer \u00fcberwiegend pessimistischen Sicht der Dinge gepr\u00e4gt. In Europa, wo es im S\u00fcden des Kontinents sogar zu revolution\u00e4ren K\u00e4mpfen kam, war die Aufbruchstimmung noch kraftvoller und auch optimistischer.<\/p>\n<p>Heute sind vergleichbare gesellschaftliche und k\u00fcnstlerische Prozesse noch Zukunftsmusik &#8211; obwohl vereinzelt andere Kl\u00e4nge h\u00f6rbar werden. Aufgabe dieser K\u00fcnstler ist es, sich energisch und entschlossen auf die zugespitzten Klassenauseinandersetzungen zu st\u00fcrzen, sich auf alle daraus resultierenden gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Ersch\u00fctterungen einzulassen und Formen der Darstellung zu finden, die all dem gerecht werden. Dann wird sich nicht nur die Kunst und die Filmkunst \u00e4ndern, sondern auch Kunst und Kultur Einfluss nehmen auf die sich vollziehenden politischen und gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen. 1938 schlossen Leo Trotzki und Andre Breton ihr Manifest f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige revolution\u00e4re Kunst mit der Formulierung: &#8222;Was wir wollen: Die Unabh\u00e4ngigkeit der Kunst \u2013 f\u00fcr die Revolution, die Revolution \u2013 f\u00fcr die endg\u00fcltige Befreiung der Kunst.&#8220;<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic;\"> Aron Amm. Berlin, den 17. Februar 2004<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein R&uuml;ckblick auf die 54. 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