{"id":10756,"date":"2004-01-30T12:19:38","date_gmt":"2004-01-30T11:19:38","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10756"},"modified":"2012-06-24T14:28:21","modified_gmt":"2012-06-24T12:28:21","slug":"10756","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/01\/10756\/","title":{"rendered":"&ouml;tv-Streik 1974 gegen SPD-Regierung"},"content":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren wurde mit offensiven Forderungen auch eine SPD-Regierung in die Knie gezwungen<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDer Druck der Basis zwang die F&uuml;hrung der &ouml;tv, der Vorg&auml;ngergewerkschaft von ver.di im &ouml;ffentlichen Dienst, und ihren Vorsitzenden Heinz Kluncker im Februar 1974 gegen ihren Willen&nbsp; in einen Streik gegen die SPD-gef&uuml;hrte Regierung unter Willy Brandt. Mit dem Streik durchbrach die &ouml;tv die staatlich verordnete Lohnleitlinie der Regierung. <br \/>  Dieser erfolgreiche Streik und die Streikwelle in anderen Branchen davor hatten entscheidenden Anteil am R&uuml;cktritt von SPD-Kanzler Willi Brandt drei Monate sp&auml;ter. Die Spionage-Aff&auml;re um Guillaume war nur der Anlass. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wilde Streiks 1973<\/span><\/p>\n<p>  1973 hatte es in der Bundesrepublik eine Welle inoffizieller, wilder Streiks gegeben. Die Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst wurden dadurch ermutigt, ebenfalls Teuerungszulagen zu fordern. Um wilde Streiks im &ouml;ffentlichen Dienst zu verhindern, verlangte die &ouml;tv-F&uuml;hrung ohne K&uuml;ndigung der Tarifvertr&auml;ge ein volles 13. Monatsgehalt und drohte trotz Friedenspflicht mit Streiks, um diese Forderung durchzusetzen. <br \/>  Die Streikandrohung reichte aus, um 1973 das volle Weihnachtsgeld durchzusetzen. Das war den M&uuml;llwerkern, Stra&szlig;enbahnfahrerInnen und Verwaltungsangestellten aber nicht ausreichend. In einigen St&auml;dten kam es Ende 1973 trotzdem zu spontanen Arbeitsniederlegungen, bei denen Zulagen erk&auml;mpft wurden.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Offensive Lohnforderung 1974<\/span><\/p>\n<p>  Die Tarifrunde 1974 sollte schlie&szlig;lich daf&uuml;r sorgen, eine kr&auml;ftige Lohnerh&ouml;hung f&uuml;r alle durchzusetzen. Die &ouml;tv stellte folgende Forderung auf: 15 Prozent aber mindestens 185 Mark mehr Lohn im Monat, 300 Mark Urlaubsgeld, einen Zuschlag von 50 Mark f&uuml;r jedes Kind. <br \/>  100.000 beteiligten sich an einer Welle von Warnstreiks. Politiker, Presse und Unternehmer reagierten mit einer antigewerkschaftlichen Propagandaflut und drohten der &ouml;tv.&nbsp; Arbeitsrechtsprofessor R&uuml;thers forderte, Tarifabschl&uuml;sse im &ouml;ffentlichen Dienst d&uuml;rften erst nach Abschl&uuml;ssen in der Industrie erfolgen. CDU-Generalsekret&auml;r Biedenkopf verlangte, dass Tarifabschl&uuml;sse vom Parlament genehmigt werden m&uuml;ssten. Trotzdem oder gerade deshalb stimmten 91,2 Prozent der abstimmenden Gewerkschaftsmitglieder beziehungsweise 78,9 Prozent der Stimmberechtigten f&uuml;r Streik.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Drei Tage Streik <\/span><\/p>\n<p>  Bereits bei den Warnstreiks beteiligten sich Belegschaften, die gar nicht aufgerufen waren. Schlie&szlig;lich organisierte die &ouml;tv vom 10. bis 13. Februar einen&nbsp; dreit&auml;gigen &#x84;Schwerpunktstreik&#x93;, an dem sich 300.000 Besch&auml;ftigte beteiligten. <br \/>  Die Stra&szlig;enbahndepots in vielen St&auml;dten bleiben geschlossen, der M&uuml;ll blieb liegen. Nach drei Tagen&nbsp; wurde eine Lohnerh&ouml;hung von elf Prozent beziehungsweise mindes-tens 170 Mark durchgesetzt. Obwohl f&uuml;r viele KollegInnen dieser Streik die erste Streikerfahrung war, merkten sie, welche Macht die Gewerkschaften mit Streiks entfalten k&ouml;nnen. <br \/>  Und so stimmten bei der Urabstimmung nur 61,8 Prozent f&uuml;r Annahme des Abschlusses, in Hessen sogar nur 44,4 Prozent und in Frankfurt nur 26 Prozent. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\"> ver.di-F&uuml;hrung braucht Druck wie in den 70ern<\/span><\/p>\n<p>  Die defensive Tarifpolitik von &ouml;tv und dann ver.di in den 90er Jahren hat dazu gef&uuml;hrt, dass die Arbeitgeber im &ouml;ffentlichen Dienst dazu &uuml;bergegangen sind, die in den 70er Jahren erstreikten Errungenschaften wieder wegzunehmen, zum Beispiel Zulagen, Weihnachts- und Urlaubsgeld. Die entsprechenden Tarifvertr&auml;ge wurden im Sommer 03 von&nbsp; Bund und L&auml;ndern gek&uuml;ndigt und die Kommunen wollen sie k&uuml;ndigen. <br \/>  Die ver.di-F&uuml;hrung hat bisher darauf verzichtet, auf diese Provokation mit Kampfma&szlig;nahmen zu reagieren. Sie ist offensichtlich bereit, im Rahmen der zur Zeit laufenden Verhandlungen (Prozessvereinbarung) diese Errungenschaften zu opfern. <br \/>  Nur durch Druck von unten &#x96; vergleichbar wie in den 70er Jahren &#x96; kann dieser Ausverkauf verhindert werden.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-style: italic;\">von Ursel Beck, Stuttgart<\/span><br  style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Gewerkschaftspolitische Sprecherin der SAV<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren wurde mit offensiven Forderungen auch eine SPD-Regierung in die Knie gezwungen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,15,17],"tags":[157],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10756"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10756"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10756\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}